Das böse Märchen bei arte

Ein über mannshoher Tropenholz-Stamm liegt zerstückelt auf dem Urwaldboden

25.10.2011

In dem Film „Kongo – Gorillaschutz mit Kettensäge“ beschrieb Arte am 25. Oktober mit schönen Bildern und Worten die „nachhaltige Bewirtschaftung“ tropischer Regenwälder. Dabei ist das Dargestellte nichts anderes als die kontrollierte Plünderung des weltweit artenreichsten Ökosystems durch den schweizerisch-deutschen Holzkonzern Danzer. Eine Stellungnahme

 

Stellungnahme des Vereins Rettet den Regenwald

zur Ausstrahlung der

Reportage „Kongo – Gorillaschutz mit Kettensäge“ am 25. Oktober  auf Arte

Das böse Märchen bei arte

Die in dem Film „Kongo – Gorillaschutz mit Kettensäge“ mit schönen Bildern und Worten ausgemalte „nachhaltige Bewirtschaftung“ tropischer Regenwälder ist nichts anderes als die kontrollierte Plünderung des weltweit artenreichsten Ökosystems durch den schweizerisch-deutschen Holzkonzern Danzer.

Diese Reportage ist ein modernes Fernsehmärchen“, erklärt Klaus Schenck, Wald- und Energiereferent des Vereins Rettet den Regenwald. „Legenden werden nicht wahrer, indem man sie oft genug wiederholt. Der Film greift die altbekannten Behauptungen der Tropenholzindustrie auf, ohne sie zu hinterfragen. Auch die Rechtfertigungsversuche einiger internationaler Organisationen, die mit Danzer kooperieren, tragen nicht zur Glaubwürdigkeit bei. Das Ergebnis ist kaum mehr als ein einseitiger Werbefilm für den kommerziellen Holzeinschlag in Urwäldern.“ Die Realität auf der Danzer-Konzession im Regenwald der Republik Kongo ist eine andere:

Selektiver Holzeinschlag ist KEIN wissenschaftliches Prinzip

Der von Danzer betriebene „selektive Holzeinschlag“, also das Fällen einiger kommerziell nutzbarer Holzarten, basiert nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen. Es handelt sich lediglich um die übliche Wirtschaftsweise der Holzindustrie. Es ist ein reiner Extraktionsbetrieb, denn es wird lediglich abgeholzt. Bei der Danzer-Tochter IFO machen dabei nur drei Arten 90 Prozent der Holzmenge aus: Sapelli (58 Prozent), Wenge (20 Prozent) und Sipo (12 Prozent). Gefällt werden die tropischen Edelhölzer ausschließlich für den Export nach Europa - und nicht für den lokalen Bedarf.

Artenvielfalt wird drastisch reduziert

Sämtliche wissenschaftlichen Studien weisen nach, dass der industrielle Einschlag im Regenwald die Artenvielfalt drastisch reduziert. In einer jüngsten Meta-Analyse von 138 Studien kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass Primärwälder unersetzlich zum Erhalt der Biodiversität in den Tropen sind 1.). Um trotzdem zur gegenteiligen Aussage zu kommen, bedient sich der Film eines simplen Tricks. Er beruft sich auf eine einzige Tierart, die Tieflandgorillas: Ihr Bestand soll trotz des Holzeinschlags konstant geblieben sein. Kein Wunder: Die 36.000 Gorillas werden durch spezielle Maßnahmen besonders geschützt. Was mit den Tausenden der ebenfalls auf der IFO-Konzession lebenden Tier- und Pflanzenarten passiert, wird dabei völlig ignoriert.

Wilderei lässt sich nicht verhindern

Die Firma Danzer hat den ursprünglich unerschlossenen Regenwald mit dem Bau von Straßen zugänglich und damit verwundbar gemacht. Der Holzeinschlag hat überdies viele Menschen aus anderen Landesteilen angezogen, die sich im Wald sogenanntes Buschfleisch beschaffen. Die Einwohnerzahl im Ort Ngombé, wo das gerodete Holz gesammelt und verarbeitet wird, ist seit der Übernahme durch Danzer im Jahr 2000 rasch gewachsen – von 5.000 Menschen 2004 auf 8.100 Personen Ende 2007.

Der Film kann kaum verbergen, wie wirkungs- und hilflos die von Danzer bezahlten sogenannten Ökowächter sind. 15 mit Sturmgewehren bewaffnete Personen sollen die Konzession im Regenwald schützen, die mit 1,2 Millionen Hektar fünfmal so groß wie das Saarland ist. Eine effektive, flächendeckende Kontrolle des Regenwaldes ist dadurch nicht möglich. So wird auch der im Film gezeigte Höhepunkt zu einem absurden Spektakel. Eine einzige beschlagnahmte Antilope, die zur Abschreckung verbrannt werden soll, wird von den hungrigen Bewohnern den Flammen entrissen. Auch der Ort, der sogenannte Holzkohleplatz, zeugt von haarsträubenden Zuständen. Die mit Baggern herangekarrten Holzreste werden von Danzer unter freiem Himmel verbrannt, anstatt wie üblich in Holzkohlemeilern oder Trommeln unter stark reduzierter Sauerstoffzufuhr.

Land- und Menschenrechte werden verletzt

Die Danzer-Gruppe verstieß außerdem massiv gegen die Einhaltung der Menschenrechte. So kaufte die Firma jahrelang Tropenhölzer in Liberia während der Schreckensherrschaft des Diktators Charles Taylor. Erst ein Handelsembargo der Vereinten Nationen gegen liberianische Tropenhölzer zwang Danzer zum Stopp der Geschäfte.

Allein im Kongobecken beansprucht Danzer drei Millionen Hektar Konzessionen im Regenwald, eine Fläche so groß wie das Bundesland Brandenburg. Auf der IFO-Konzession leben mehr als ein Dutzend verschiedene ethnische Gruppen, darunter halbnomadische Pygmäen-Völker wie die Bangombé, Mikaya, Mbenzélé und Balouma. Die Grundrechte der im Film gezeigten Pygmäen wurden bei der Vergabe der Konzession ignoriert. Dazu gehört die in der „Erklärung der Vereinten Nationen zu den Rechten indigener Völker“ verankerte Pflicht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung (free, prior and informed consent) 2.). Im Film dürfen die Nomaden auf ihrem angestammten Land mit einem GPS einige Fruchtbäume vor der Motorsäge retten, eine in jeder Hinsicht entwürdigende Szene. Die auf den Sapelli-Bäumen lebenden Raupen sind eine der Hauptproteinquellen der Menschen im Kongobecken.

Bei Danzers Tochterunternehmen Siforco in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo wird die Bevölkerung gewaltsam unterdrückt, wie Menschenrechts- und Umweltorganisationen beklagen. Hintergrund sind die Proteste der Einwohner gegen Siforco, nachdem vertraglich zugesicherte Entwicklungsmaßnahmen, zu denen die Firma gesetzlich verpflichtet ist, nicht eingehalten wurden. In der Nacht des 2. Mai 2011 überfielen Polizei und Militäreinheiten die Einwohner des Dorfes Bosanga. Die Bilanz: Mehrere vergewaltigte Frauen, zahlreiche schwer zusammengeschlagene Einwohner, ein Toter, 16 Verhaftete und zerstörte Häuser. Die Personentransporte für die Polizeiaktion soll Danzer mit eigenem Personal und Firmenwagen organisiert haben.

Massive klimaschädliche Emissionen werden freigesetzt

Die tropischen Regenwälder speichern gewaltige Mengen Kohlenstoff, im Durchschnitt etwa 200 Tonnen pro Hektar. Der von Danzer praktizierte selektive Holzeinschlag zerstört jedoch einen großen Teil der Vegetation, die sich schnell unter den feuchtheißen Bedingungen zersetzt. Die Hälfte der Biomasse, bis zu 120 t Kohlenstoff pro Hektar Wald, wird dabei freigesetzt, wie Studien aus dem Kreis der Tropenholzindustrie belegen 3.). 450 Tonnen des Treibhausgases CO2 entweichen dadurch pro Hektar in die Atmosphäre und heizen das Weltklima an. Selektiver Einschlag gehört somit zu den größten Klimaschädigern unserer Zeit: Pro Jahr lassen sich demnach 1,8 Milliarden Tonnen CO2 bzw. etwa 5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen direkt dem unheilvollen Wirken der Tropenholzindustrie in den Urwäldern der Erde zuschreiben. Das entspricht etwa dem doppelten CO2- Ausstoß Deutschlands!

Holzlabel bringen keine Abhilfe

Auch mit dem Label des Bonner Vereins Forest Stewardship Council (FSC) für „verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung“ lässt sich der Regenwald nicht bewahren. Bereits im vergangenen Jahr musste in direkter Nachbarschaft die Firma Congolaise Industrielle de Bois (CIB) den Holzeinschlag auf ihrer FSC-zertifizierten Kabo-Konzession einstellen. CIB, ein Tochterunternehmen der schweizer TT-Timber, sollte ursprünglich zum Vorzeigeunternehmen der europäischen Holzindustrie im afrikanischen Regenwald ausgebaut werden. Mit staatlichen Millionenbeträgen aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich wurden unter anderem die Zertifizerung der Firma unter dem FSC-Label und sogenannte Wildhüter finanziert. Doch am Ende gingen der Firma auf der Konzession buchstäblich die begehrten Bäume aus. Trotz Ökolabel und dreißigjährigem Einschlagszyklus ließen sich dort nicht mehr ausreichend Stämme der afrikanischen Mahagoniarten Sapelli und Sipo finden. Ende 2010 wurde CIB an den Agrarkonzern Olam aus Singapur verkauft. Der neue Besitzer plant nun, Kakao und Palmöl im Regenwald zu pflanzen 4.). Der zertifizierte Holzeinschlag im Regenwald ist damit nicht nur unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten gescheitert, sondern auch wirtschaftlich.

Was der Film nicht zeigt...

Der effektivste Regenwaldschutz besteht darin, dass die angestammte Bevölkerung die Natur schonend nutzt, wie wissenschaftliche Studien aus drei Kontinenten nachweisen 5.). Danach ist in 33 untersuchten Gebieten die kommunale Waldbewirtschaftung sogar wesentlich erfolgreicher als in den ebenfalls untersuchten 40 privaten oder staatlichen Schutzgebieten. Die Menschen kennen ihre Ökosysteme genau, nutzen sie schonend und verteidigen diese gegen Eindringlinge.

1.) http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature10425.html
2.) http://www.un.org/esa/socdev/unpfii/documents/Declaration(German).pdf
3.) http://www.plosbiology.org/article/info:doi/10.1371/journal.pbio.0060166#pbio-0060166-sd001
4.) http://www.fsc-watch.org/archives/2011/06/28/CIB___FSC_certified_
5.) http://www.cifor.org/publications/pdf_files/articles/AGuariguata1101.pdf

 

Bericht der Schweizer Fernsehens vom 16. Nov. 2011 

Stellungnahme des WDR vom 4. Nov. 2011

Anmerkung von Rettet den Regenwald zur Stellungnahme des WDR:

Zur Bedeutung des Wortes "Märchen" empfehlen wir in gängigen Wörterbüchern wie dem Duden nachzuschauen und nicht nur auf Wikipedia:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Maerchen

Märchen  - Bedeutungsübersicht

1. im Volk überlieferte Erzählung, in der übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden.

2. (umgangssprachlich) unglaubwürdige, [als Ausrede] erfundene Geschichte.

Rettet den Regenwald hat in seiner Stellungnahme die zweite, umgangssprachliche Bedeutung verwendet. Auch die übrigen Behauptungen des WDR weisen wir weiterhin zurück.