Die Sojafront frisst sich in den brasilianischen Regenwald. Ministerin Künast schweigt zur Vernichtungsorgie im brasilianischen Regenwald
1976: Gut zehn Kilometer von Manaus entfernt stürzt ein Flugzeug in den Amazonas-Dschungel. Obwohl ein paar Augenzeugen die Absturzstelle ungefähr lokalisieren können, brauchen Rettungskräfte zehn Tage, um das Wrack aufzuspüren. Heute kann man die Absturzstelle mit dem Auto über eine asphaltierte Straße in 15 Minuten bequem erreichen. Wo einst dichter Regenwald stand, leben jetzt 50.000 Menschen in einem Vorort der zur Millionenmetropole aufgestiegenen Amazonas-Stadt Manaus.
Die Flugzeug-Anekdote wurde von Dr. William Laurance erzählt, der am “Nationalen Institut für Amazonas-Forschung” in Manaus arbeitet. Laurance wollte veranschaulichen, wie rasant der weltweit größte Regenwald verschwindet.
Neben Holzfällern, Goldsuchern und Rinderbaronen sind es nun auch die Sojafarmer, die im Amazonas zu einer Zerstörungsorgie antreten. Längst haben sie große Teile der Savanne und den Übergangswald im Bundesstaat Mato Grosso im südlichen Amazonas in ein grünes, monokulturelles Meer aus Sojapflanzen verwandelt und rücken nun Richtung Norden vor. Brasilien ist zweitgrößter Sojaexporteur weltweit und will seine Produktion verdreifachen.
Sojaschrot ist bei uns mittlerweile das wichtigste eiweißhaltige Futtermittel in der Tiermast, mit dem Millionen Schweine, Rinder, Hähnchen und Puten aufgepäppelt werden. Seit BSE steigt der Bedarf, und Brasilien ist das einzige Land der Erde, das noch riesige Flächen besitzt, auf denen die Produktion ausgeweitet werden kann – die liegen freilich im Amazonas.
Waren Sojabohnen bis 1945 in Europa weitgehend unbekannt, sind sie heute das wichtigste landwirtschaftliche Produkt, das auf dem Weltmarkt gehandelt wird. In den 70er Jahren schnellte in den Industrieländern der Fleischkonsum nach oben, riesige Ställe zur Massentierzucht entstanden. Es gab nur ein Problem: ein Mangel an Futter. Die Tierzüchter suchten jenseits des Atlantiks, prompt kam es besonders in Südamerika zu einem Sojaboom. Nur so konnten die Europäer viel größere Anbauflächen in Beschlag nehmen als sie selbst zur Verfügung hatten.
Heute produziert Brasilien 31 Millionen Tonnen Sojabohnen, in einigen Jahren sollen es nach dem Willen der Regierung 100 Millionen sein. Das bedeutet, die Anbaufläche von derzeit 13 Millionen Hektar muss dramatisch ausgedehnt werden.
Soja ist das meist gehandelte Landwirtschaftsprodukt auf dem Weltmarkt. Im letzten Jahrzehnt stieg die Nachfrage jährlich um 10%. Weltweit gehen 70% der Sojaernte in die Mägen von Tieren. Durch das Verbot der Verfütterung von Tiermehl wird noch mehr Soja nachgefragt.
Die Ausweitung der Sojaplantagen hat die Randbezirke des Amazonasbecken erreicht und beginnt das Herz des Amazonas-Regenwaldes zu bedrohen. Mit dem “Soja-Hafen” in Itacoatiara wurde das gesamte Amazonas-Wassersystem für den direkten Zugang zu den europäischen Märkten geöffnet. Weitere Häfen und Infrastrukturmaßnahmen wie Straßen, Silos sind im Bau – teilweise mit deutschen Entwicklungshilfegeldern.
Sojaplantagen dringen meist in Regionen vor, die von Kleinbauern der “Wildnis” abgerungen worden sind. Die wachsenden Sojaplantagen verdrängen die Kleinbauernhöfe, welche besser an das örtliche tropische Klima und die Böden angepasst sind. Das verstärkt das Problem der Landlosen und die Schaffung von Slums in den Städten dieser Gebieten. Vertriebenen Kleinbauern bleibt nichts anderes übrig, als noch tiefer in die Regenwaldgebiete vorzudringen und dort neue Flächen zu roden.
Obwohl die Soja-Ernteerträge in Brasilien steigen, profitiert die breite Masse der Bevölkerung nicht davon. Millionen kleiner Farmer und Landarbeiter wurden von ihren Feldern verdrängt, um Platz für die gigantischen Plantagen zu schaffen. Auf ihnen malochen im Schnitt 1,7 Arbeiter pro Hektar. 30 sind es auf einem Hektar eines traditionellen Familienbetriebes. Und während das südamerikanische Land zu den führenden Exporteuren von Agrargütern gehört, leiden schätzungsweise 50 Prozent der Bevölkerung an Mangelerscheinungen wegen schlechter Ernährung.
Auch wenn Sojabohnen nicht die einzige Bedrohung für den Amazonas sind, sie sind die vielleicht tödlichste. Die Monokulturen benötigen eine schwindelerregende Menge an Agrargiften. Zunächst wird der Wald gerodet und abgebrannt und der Boden mit reichlich Kunstdünger aufgepäppelt. Danach wird die Anbaufläche mit Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden besprüht. Während die Pflanzen wachsen, werden sie noch zweimal mit Herbiziden eingedeckt. Bisherige Erfahrungen mit Landwirtschaft im Regenwald zeigen, dass der Sojaanbau verheerende Auswirkungen auf die Umwelt haben wird. Die verwundbaren Böden im Amazonas werden schnell unfruchtbar, weil die Humusschicht extrem dünn ist. Nach wenigen Jahren müssen die Farmer neue Wunden in den Dschungel schlagen.
Wegen des die Natur schädigenden Anbaus dürfen Ökobauern bei uns kein Soja einsetzen, sie müssen Futtermittel aus regionalem Anbau nutzen. Tatsächlich kann Soja durch Ackerbohnen, Erbsen oder Lupinen ersetzt werden, die ebenfalls einen ausreichenden Eiweißanteil enthalten. Der Milchbauer Leonard Große-Kintrup aus Münster verzichtet seit Jahren auf den Einsatz von Sojaschrot und anderen Substituten aus Übersee. “Wir haben damals mit der Direktvermarktung unserer Milch begonnen. Die Kunden erwarten, dass unser Futter vor der Haustür wächst.” Heute fressen die Kühe von Landwirt Große-Kintrup Raps- statt Sojaschrot sowie ein sojafreies Kraftfutter. Der Liter Milch wird dadurch um rund einen Cent teurer.
Dass der Sojaboom Regenwälder zerstört, ist mittlerweile auch in Berlin bekannt. Landwirtschaftsministerin Künast hat darauf in ihrem Waldbericht hingewiesen. Trotz solcher Einsichten hat ausgerechnet die bundeseigene DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft) dem brasilianischen Agrarmulti “Maggi” einen Kredit gegeben. Mit den Mitteln wurden die Lagerkapazitäten des Unternehmens für Soja erweitert. Damit konnte die Produktion um 30 Prozent auf rund eine Million Tonnen pro Jahr erhöht werden. Das Projekt sei ein an wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Kriterien gemessen unterstützungswürdig, behauptet die DEG.
Der Regenwaldexperte Klemens Laschefski, der in Brasilien lebt, empört sich über den DEG-Kredit: “Gerade die Maggi-Gruppe bildet die Speerspitze beim Vordringen der größten Agrarfront aller Zeiten in den Amazonas.” Für Ministerin Künast kein Grund, Fragen dazu von Rettet den Regenwald zu beantworten. Stattdessen verweist sie an die Kollegin vom BMZ. Unsere Forderung, das DEG-Darlehen öffentlich zu verurteilen, hat die grüne Ministerin schlicht ignoriert.
Dabei warnt etwa die “Amazon Work Group”, unterstützt von 430 Umweltgruppen, vor den Expansionsplänen des Maggi-Konzerns, die zur Vernichtung von einer Million Hektar Wald führen könnten. Die brasilianischen Umweltbehörden haben bereits die Zerstörung von fast 50.000 Hektar Wald durch Maggi bestätigt. Das Unternehmen ist schon heute größter brasilianischer Sojaexporteur.
“Soja ist eine hervorragende Eiweißquelle für den Menschen”, sagt die britische Ärztin Nicole Freris, die im Amazonas für die Rechte der indigenen Völker kämpft. “Aber ist es sinnvoll, erst den Regenwald abzuholzen um Platz für Sojaplantagen zu schaffen? Und danach den Boden und die Flüsse zu vergiften, um die Pflanzen am Leben zu halten? Um sie dann Tausende von Kilometern nach Europa zu verschiffen, wo sie in Mastbetrieben verfüttert werden? Und anschließend die Tiere zu schlachten, um die Erste Welt zu beköstigen, die weniger und nicht mehr tierisches Eiweiß braucht?”
Nicole Freris fordert daher, den Fleischverbrauch drastisch zu senken und den Verzehr von Lebensmitteln zu unterstützen, die regional angebaut werden. “Nur so können wir den Regenwald retten.”