Von der Dürre in die Traufe - Land unter im brasilianischen Nordosten

12.05.2009

Berichte aus dem Nordosten Brasiliens handeln meist von Wassermangel. Doch nun herrscht gerade des Gegenteil: Weite Gebiete in den Nordoststaaten Maranhão und Piauí stehen unter Wasser. Flüsse sind weit über die Ufer getreten, 44 Personen verloren ihr Leben und Tausende Haus und Gut in den Fluten. 180.000 Menschen mussten evakuiert werden. Über die Ursachen dieser Wasserfluten sprach Norbert Suchanek mit Dionísio Carvalho Neto, Koordinator des Umweltnetzwerks von Piaui (REAPI). Es handelt sich weniger um eine Naturkatastrophe, die Ursachen sind vielmehr menschen gemacht. Der trockene Nordosten steht unter Wasser. Wie viele Menschen und Städte sind aktuell betroffen?

Mehr als 50 Städte stehen unter Wasser. Und mehr als 50.000 Menschen und deren Häuser sind direkt betroffen. Die Fluten erschweren aber auch das Leben derjenigen, die nicht direkt durch die Wassermassen betroffen sind, durch Einstellung der Trinkwasserversorgung, Stromabschaltungen, und Paralysierung des öffentlichen Diensts.

Saisonale Regenfälle und Überschwemmungen gab es schon immer im Nordosten. Was aber ist die Ursache, dass diese nun katastrophale Ausmaße angenommen haben?

Schon während der vergangenen fünf Jahre nahmen die alljährlichen Überschwemmungen in Piauí und Maranhão stark zu. Die maßlose Abholzung der Cerrado-Wälder und der Caatinga in den beiden Bundesstaaten haben den Boden ohne Schutz dastehen lassen. Statt das Wasser aufzunehmen und zu speichern, wird er von der Regenflut weggespült. Das Regenwasser fließt viel schneller ab und erhöht damit auch die Verlandung der Flüsse und Bäche. Das am stärksten betroffene Wasserbecken ist das des Rio Parnaíba, das die beiden Staaten durchzieht und eines der größten Brasiliens ist.

Welche Ausmaße hat die Abholzung der Wälder im Nordosten?

Die Zerstörung der Caatinga und des Cerrado geschieht ununterbrochen auf riesigen Flächen. Selbst die Regierenden geben inzwischen zu, dass die Vernichtung der Caatinga- und Cerrado-Wälder noch schneller voranschreitet als die Regenwaldabholzung in Amazonien.

Der Cerrado gilt als extrem vielfältiges Ökosystem. Wie hoch wird sein Artenreichtum eingeschätzt?

Die Wissenschaft hat bislang 12.000 Pflanzenarten des Cerrado katalogisiert. Aber es gibt hier noch zahllose weitere Pflanzenarten, die die Wissenschaft noch gar nicht entdeckt hat. Die Vielfalt an Heilpflanzen und Frucht-Sorten ist immens. Jedes Jahr werden neue Arten entdeckt. In jedem Hektar Cerrado, so die Forscher, könne man 400 verschiedene Pflanzenarten antreffen. An Tierarten hat man bereits 1.600 gezählt, darunter 195 Säugetierarten, von denen 18 endemisch sind und nur im Cerrado vorkommen.

Trotz seiner enormen Wichtigkeit für die Biodiversität unseres Planeten wird der Cerrado zur gleichen Zeit von der Welt vergessen! Was glauben Sie, ist die Ursache für diese nationale und globale Ignoranz?

Mit Sicherheit wird der Cerrado beflissentlich vergessen, weil er die produktivste Region Brasiliens ist, wo die großen nationalen und multinationalen Firmen ihre Plantagen errichten mit dem Ziel des schnellen Gewinns durch den Export von Soja, Agrartreibstoffen sowie der Ausbeutung von mineralischen Rohstoffen. Der Schutz dieses Ökosystems betrifft direkt die ökonomischen Interessen dieser großen Firmengruppen, und eine „Entwicklung“ ohne Rücksicht auf die ökologischen Kosten bringt eben schnelleren Profit. Maßnahmen zum Schutz des Cerrado behindern diejenigen, nicht nach den Gesetzen unseres Landes agieren wollen. Ein großer Misstand ist auch des Fehlen kompetenter Politiker im Naturschutzbereich. Gleichzeitig wird die Politik von Firmengeldern finanziert, wie Zum Beispiel der Gouverneur von Piauí, der bei der vergangenen Wahl vom Stahlunternehmen „Companhia Siderúrgica Nacional“ finanziert wurde.

Gibt es im Cerrado von Piauí noch indigene Völker und andere traditionelle lebende Bevölkerungsgruppen?

Wenige Indigene, aber die Zahl der Quilombolas (nachkommen ehemaliger Sklaven) ist groß. Einige dieser Quilombos (traditionellen Gemeinschaften von Ex-Sklaven) werden aber von Landräubern, “Grileiros“, die aus anderen Bundesstaaten kommen, bedroht und vertrieben. Und die Vertriebenen ziehen in die Städte ab, mit den üblichen Folgen wie unkontrollierte städtische Auswucherung, Slumbildung, zunehmende Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheiten, Kriminalität, Prostitution. Noch hervorzuheben ist der Verlust traditioneller Kulturen, die vergessen und durch Abholzer aus anderen Regionen ersetzt werden.

Wem gehört rechtlich der Cerrado?

Die Landrechtsfrage ist eine große ungelöste Frage. Es ist noch nicht entschieden, wer der wirkliche Landbesitzer von Piauís Cerrado-Flächen ist. Viele Kämpfe werden ausgefochten zwischen Einheimischen und Grileiros (Landräubern), die als angebliche Landbesitzer in den Cerrado eindringen. Die Grileiros sind bewaffnet und bilden regelrechte, die lokale Bevölkerung bedrohende Milizen, und oft nehmen sie sich das Land mit Gewalt.

Welches sind die Hauptbedrohungen des Cerrado heute?

Die größte Bedrohung ist die Soja-Produktion, angetrieben vom multinationalen Konzern Bunge, der zudem durch Kahlschlag erzeugtes Feuerholz als Energieversorgung der Soja-Verarbeitungsfabriken einsetzt. Zweitens das Agrarspritfieber und die Firma Brasil Ecodiesel. Drittens die Ausbeutung der Diamantenvorkommen, und die jüngste Bedrohung ist der Zellulose-Konzern, Suzano Papel Celulose, der jetzt großflächige Eukalyptusmonokulturen anlegt. Hervorzuheben ist auch die Zunahme der Produktion von Holzkohle aus dem Cerrado für die Stahlhütten.

Holzen diese Firmen den Wald legal oder illegal ab? Halten sich die Unternehmen an das Waldschutzgesetz, den so genannten Código Florestal?

Die Regierung erleichtert die Umweltschutzgenehmigungen für die großen Unternehmen. Im Falle des Cerrado ist es hier erlaubt 70 Prozent des eigenen Flächen abzuholzen, und nur 30 Prozent muss geschützt werden. Doch in der Praxis existiert nicht mal dieses Limit, weil die staatliche Kontrolle unzulänglich ist. So hat kürzlich ein Soja-Produzent 12.000 Hektar im Herzen des Cerrado komplett abgeholzt.

Wie kommen diese Unternehmen praktisch an diese Gebiete heran. Verteilt die Landesregierung die Flächen quasi kostenlos an sie?

Die Mehrzahl der Flächen werden von der Regierung wie Geschenke an die Firmen vergeben, mit dem Argument, die Unternehmen schüfen Arbeitsplätze und Einkommen.

Was kann man tun, um dem Cerrado und seiner einheimischen Bevölkerung zu helfen?

Nicht die Produkte der Firmen konsumieren, die mit der Zerstörung des Cerrado zu tun haben, und kompetente, mit den Ursachen vertraute Politiker wählen.

Zurück zu den Überschwemmungen: Braucht die betroffene Bevölkerung Hilfe von anderen?

Alle Menschen Piauís sind solidarisch und helfen, wenn sie können. Und die Leute schenken Nahrungsmittel, Kleidung, Matratzen: Kleine Aktionen zusammengenommen erzeugen große Resultate. Danke für das Gespräch. Das Umweltnetzwerk von Piauí (REAPI) wurde 2006 gegründet, um die verschiedenen lokalen Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen zu vereinigen. Aktuelle sind 42 Organisationen in REAPI zusammengeschlossen. Hauptaktionen des Netzwerks sind die Verteidigung des verschiedenen Waldökosysteme des Landes, Cerrado, Caatinga und Atlantischer Regenwald gegen die großen, zerstörenden Projekte: Soja-Produktion, Tourismus-Komplexe, Agrospritplantagen, Holzkohleproduktion für die Stahlhütten und Staudämme. Norbert Suchanek, Rio de Janeiro, Mai 2009