Reisetagebuch Indonesien

23.05.2009

Für Rettet den Regenwald war die Hamburger Journalistin Christiane Zander im Mai und Juni drei Wochen in Indonesien unterwegs, um sich ein Bild zu machen über die Arbeit unserer Projektpartner und wie sie die Spendengelder verwenden. Lesen Sie, was sie dort erlebt hat.

*Journalistin und Regenwaldschützerin Christiane Zander besucht Umweltgruppen auf der Insel Kalimantan und berichtet von ihrer Reise*

*Sa., 23.5.09* Flug von Sampit/Zentralkalimantan nach Ketapang, Hauptstadt der Provinz Westkalimantan. Auf dem ca. 90minütigen Flug wurde schon die ganze Tragödie dieses Landes sichtbar: Nur abgeholzte Wälder, eine Palmölplantage an der anderen, dazwischen Ödland und braune Narben vom Abbrennen. Nur entlang der Flussläufe, die sich zwischendurch schlängeln, hat man schmale Waldränder stehenlassen. Sie gelten als sog. Pufferzonen für die Orang Utans. Auch einzelne Waldinseln sind zu sehen, meistens sind es Berge. 23.05.: Palmöl-Wüste auf dem Flug nach Westkalimantan23.05.: Palmöl-Wüste auf dem Flug nach Westkalimantan

Am Flughafen von Ketapang holen uns Melkias und Lutfi ab, zwei Orang Utan-Retter von COP, dem Centre of Orang Utan Protection. Sie erzählen uns von ihrer Rettungsaktion letzte Woche: Vier Affen haben sie vor den Raupen der Plantagenarbeiter gerettet. Zwei sind im nahen Dorf untergekommen, dort will man sie als Haustiere halten. Es sind Babys. Einen haben sie zum Aufpäppeln in das Zentrum von BOS gebracht, und einer wartet in einem Käfiglager, das das Conservation Department der Regierung für gerettete Tiere als Transitstation unterhält. Diesen Affen, ein vierjähriges Männchen, wollen sie im Nationalpark Gunung Palung aussetzen, doch die Parkverwaltung verweigert die Annahme.

24.05.: Kahlschlag für Ölpalmen am Fluss Terong24.05.: Kahlschlag für Ölpalmen am Fluss Terong

*So., 24.5.09* Wir fahren auf eine Palmölplantage. Zuerst geht die Fahrt mit dem Auto Richtung Norden, bis wir das Städtchen Teluk Melano erreichen. Hier machen sie gute Geschäfte mit Schwalbennestern, die zumeist an China verkauft werden. Die Fahrt dauert etwa zweieinhalb Stunden, ein Dorf reiht sich ans andere, dahinter erstrecken sich die Reisfelder, Wälder sind nicht mehr zu sehen. Wir nehmen zwei Boote und fahren ca. 45 Minuten den Seiterong-Fluss hinauf. Er wird gesäumt von Palmen und schmalen Streifen Wald, man sieht hier kaum Dörfer. Hinter den Wäldern zu beiden Seiten erstrecken sich die Palmölplantagen.

24.05.: Kahlschlag für Ölpalmen am Fluss Terong24.05.: Kahlschlag für Ölpalmen am Fluss Terong

Im Plantagen-Camp Terong wohnen und arbeiten ca. 20 Arbeiter, viele kommen von außerhalb, z.B von Sumatra, hier, so sagen sie, verdienen sie mehr als in ihrer Heimat, ca. 25 000 Rupien pro Tag, also knapp zwei Euro für eine Wahnsinnsplackerei. Mittags erscheint der Manager der Palmölfirma Jalin Vaneo. Er erzählt uns, dass sie seit Januar 2008 hier den Boden für Plantagen vorbereiten und 4000 ha auch schon bepflanzt haben. Insgesamt sind in diesem Distrikt 25 000 ha geplant. Fünf Jahre, sagt er, dauert es, eine solche Plantage vorzubereiten und zu bepflanzen. Wir fragen, ob die Arbeiter “Probleme“ mit Orang Utans haben, denn natürlich gehen die Affen auf die Plantagen und fressen die Früchte, um zu überleben. Nein, meint der Manager, mit den Affen haben wir keine Probleme. Wir haben Probleme damit, dass die Regierung die Affen schützt. Später erfahren wir, dass Jalin Vaneo in diesem Gebiet Torfland trockenlegt, Wälder abholzt, obwohl sie keine vollständige Erlaubnis dafür haben.

Das Gebiet ist Orang-Utan-Habitat, und zwei der Affen, die COP gerettet hat, stammen von hier. Ich bin auch dafür, dass man die Orangs schützt, sagt der Manager, die COP-Leute sollen versuchen, dass der Nationalpark den einen der beiden nimmt. Selbst verhandeln will er allerdings nicht. Wir fahren mit dem Boot auf Erkundungstour und entdecken überall Bagger und schweres Gerät, die das Land für Plantagen vorbereiten. Ein schreckliches Bild: überall nur verkohlte Erde und Baumgerippe.

*Mo., 25.5.09* Wir sitzen wieder im Boot, diesmal im traditionellen Langboot, weil unseres streikt, und sind auf der Suche nach Abholzung, die wir filmen wollen. Plötzlich hören wir das Dröhnen von Motorsägen und gehen an Land.Wir müssen eine Weile durch den Sumpf waten, bis wir die Arbeiter finden. Sie fällen Bäume für die Behausungen, die auf den Plantagen errichtet werden. Plantagen dürfen sie hier nicht anlegen, denn die Uferbewaldung dient als Pufferzone. Die Camps werden übrigens von Soldaten bewacht. Melkias und Lutfi von COP sind auf der Suche nach hilflosen Orang Utans, mit GPS, Betäubungsblasrohr und Machete schlagen sie sich durch den Wald am Ufer, machen die Rufe der Orangs nach. Es ist hier jedoch keiner zu sehen. Nachmittags Rückfahrt nach Ketapang, zuerst mit Boot, später im Auto.

26.05.: Gerettetes Affenbabay im Transitlager wartet auf sein Schicksal26.05.: Gerettetes Affenbabay im Transitlager wartet auf sein Schicksal

*Di., 26. 5.09* Wir fahren zu der Transfer-Station, die das Conservation Department für gestrandete Tiere unterhält, es liegt in einem Wohngebiet von Ketapang. Eine grüne Mauer umgibt das kleine Gartenstück, und eine Reihe von Käfigen ist zu sehen. In der Mitte steht ein großer Käfig, hier ist das 14-jährige Orang-Weibchen Mona eingekerkert. Seit 3 Monaten wartet sie darauf, dass sie einigermaßen artgerecht untergebracht wird, BOS wollte sie nicht nehmen. Mona diente als Spielzeug in einem Privathaushalt. Auch zwei weitere kleinere Orang Utans und ein Adler lebten bei Menschen, jetzt warten sie auf ein neues Schicksal. Ganz in der Ecke, im letzten Käfig, kauert völlig verängstigt das von COP gerettete Affenbaby, ein vier Jahre altes Männchen. Dieses Tier sollte ursprünglich im Nationalpark ausgewildert werden, wo man die Annahme verweigert. Seit einer Woche lebt es in diesem Käfig, wenn man es nicht bald in die Natur zurückbringen kann, sagt der Wärter, wird es sich dort nicht mehr zurechtfinden. Die Zeit drängt. Monat ist übrigens so traumatisiert, dass sie Besucher permanent mit Steinen bewirft. Nur Melkias lässt sie an sich heran.

Diese ganze Transitstation ist eine ziemlich traurige Angelegenheit. Vor den Affenkäfigen überreichen wir die 820 €-Spende der Schüler aus Bühlertann. Die COP-Leute sind sichtlich bewegt, als wir ihnen erzählen, dass Kinder gesammelt haben für die Orang Utans, weil sie begriffen haben, dass Indonesien nicht so weit weg ist, und auch wir etwas mit der Regenwaldzerstörung zu tun haben. Am Nachmittag fahren wir in Begleitung der COP-Jungs zum Nationalpark, um dort zu fragen, warum sie den Orang Utan nicht nehmen. Wir haben nur einen kleinen Park, argumentieren sie, die Verantwortung liegt bei der Regierung. Wenn sie einen Orang Utan nehmen, müssen sie auch weitere nehmen. Der Orang soll dort ausgesetzt werden, wo die COP Leute ihn gefunden haben. Nebenbei erzählen sie uns, dass die Regierung gerade weitere 4 Millionen ha für Plantagen freigegeben hat.

26.05.: Waldbrand im Distrikt Nangatayap26.05.: Waldbrand im Distrikt Nangatayapl

Nachmittags Fahrt in den Distrikt Nangatayap, 145 km von Ketapang entfernt. Dennoch dauert die Fahrt 8 Stunden, weil die Straße unbeschreiblich schlecht ist, voller Löcher und Wellen. Dann, es ist schon dunkel, sehen wir ein beängstigendes Feuer vor uns. Kilometerweit Flammen und Funken, der Rauch verdeckt den Sternenhimmel. Wir filmen diesen gigantischen Waldbrand und sind nur noch wütend. In Nangatayap lebt und agiert der katholische Pfarrer Banguin. Er ist ein echter Aktivist, sorgt für Informationen und Netzwerke, und eigentlich ist er nur noch Pfarrer, damit er die Leute unterstützen kann, ihm würde man nichts anhaben. Der Distrikt Nangatyayp ist ca. 2 Mio. ha groß, mehr als eine Mio. davon ist bedeckt mit Ölplantagen, also mehr als die Hälfte.

Die Menschen hier leben davon, dass sie wilden Kautschuk sammeln, Kautschuk wächst in den Wäldern und wird von den Bauern gezapft. Sie bauen auch Kautschuk an. Wir treffen einen Dorfchef, der Probleme mit der Palmölplantage hat. Man hat ihm einfach 2 ha gestohlen, und er hat bis heute kein Geld dafür bekommen. Wir fühlen und klein und hilflos, sagt er, nur weil wir keine Bildung haben, machen sie mit uns, was sie wollen. Wir fahren zur Palmölplantage von Sinar Mas, zur Abfüllstation des Herbizids Roundup, das sie benutzen. Wir sprechen zwar mit dem Manager, dürfen aber nicht drehen, wie die Arbeiter das Gift versprühen. Viele Arbeiter, sagt der Pastor, werden krank.

Die Fahrt offenbart links und rechts die schrecklichen Wunden, die die Plantagen hinterlassen, nur in der Ferne sieht man noch Wald auf den Bergen. Ansonsten Palmen, Palmen, Palmen, und dazwischen, wie Mahnmale, verkohlte, abgestorbene Bäume. Das Schreckliche ist, dass das Grün auf den ersten Blick die Dramatik gar nicht zeigt, es sieht z. T eher idyllisch aus. Die Rückfahrt zum Pfarrhaus wird zum Abenteuer: Heftiger Tropenregen verwandelt die roten Straßen in Schlammwege. Die COP-Jungs und Udin von Save our Borneo, der uns nach Westkalimantan begleitet (er ist aus Palangkaraya in Zentralkalimantan und Mitarbeiter von Nordin) erweisen sich als richtige Helfer: Mit Holzplanken, Abschleppseilen und Anschieben befreien sie unser Auto aus dem Schlamm. Und außerdem erweisen sie sich als zuverlässige, verantwortungsbewusste Partner von Rettet den Regenwald. Überall fragen und halten sie Ausschau nach halbwegs intaktem Wald, wo sie ihre Orang Utans freilassen können. Ansonsten, sagen sie, können sie auch keine mehr retten.

28.05.: Der Weg nach Tanah Putih führt durch endlose Palmwüste28.05.: Der Weg nach Tanah Putih führt durch endlose Palmwüste

Der Pfarrer erzählt von einer neuen Idee. Er arbeitet eng mit den hiesigen Dayaks zusammen (er selbst stammt aus Java). Die Dayaks brauchen dringend ein kleines Wasserkraftwerk für Strom, denn dort, wo sie leben, gibt es keinen Strom. Sie brauchen ihn für ihre Kautschukverarbeitung. Sie haben noch 160 000 ha Wald mit wildem Kautschuk. Wenn dafür Geld gesammelt werden könnte, könnten sie auch ihren Wald retten und für die geretteten Orang Utans zur Verfügung stellen.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf die 8stündige Rückfahrt nach Ketapang. Wir kommen an dem Waldstück vorbei, das in der Nacht gebrannt hat. Wegen des hefigen Regens hat das Feuer nicht alles zerstört. Sie werden ihn wohl noch einmal anzünden. Wir erfahren, dass hier wieder die Palmölfirma Jalin Vaneo am Werk ist, deren Manager wir ja schon getroffen hatten, und wo COP die Orang Utans gerettet hat. Melkias steht vor diesem Land und sagt: Hört endliche auf, den Wald abzuholzen, der Wald gehört den Orang Utans. Gestern abend sind Hunderte in diesem Feuer gestorben.

*Lesen Sie weiter:* Reisetagebuch Indonesien / 2. Etappe Zentralkalimantan