Reisetagebuch Indonesien / 2. Etappe: Zentralkalimantan

28.05.2009

 

28.05.: Der Weg nach Tanah Putih führt durch endlose Palmwüste28.05.: Der Weg nach Tanah Putih führt durch endlose Palmwüste

*Do., 28.5.09* Wir fahren mit Nordin in das Dayak-Dorf Tanah Putih. Ca 1,5 Stunden von Sampit entfernt. Zuerst ist die Straße noch asphaltiert, Palmen links und rechts bis zum Horizont. Dann biegen wir in einen Sandweg ein und stehen vor einer Schranke und einem Wachhäuschen. Wenn man nach Tanah Putih will, muss man mitten durch das Palmenmeer der Konzerne Wilmar und Musimas. Das Dorf ist nicht über eine normale Straße zu erreichen, sondern nur über die Wege der Ölfirmen. Die Menschen sind umgeben von Plantagen, 100 km lang und 8 km breit, eine unvorstellbare Fläche. Sie müssen immer durch diese Schranke und sind komplett eingeschlossen von Monokulturen. Nur ein paar kleine Wälder hat man ihnen gelassen, aber niemand weiß, für wie lange.

Seit Generationen gehörte ihnen der Wald, sie sind Halbnomaden, leben von seinen Früchten, Pilzen, Waldschweinen und wildem Kautschuk. Dann haben sich die Öfirmen von der Regierung die Erlaubnis geholt, das Land zu nutzen. Die Waldbewohner wurden nicht gefragt, als die Bulldozer anrückten und den Wald vernichteten. Das Land war Torfmoor, man hat es trockengelegt und Entwässerungsgräben angelegt, die zum Teil ziemlich stinken und auch schäumen.

Wir treffen 3 Arbeiter, die mit Kanistern auf dem Rücken Herbizid versprühen. Es ist das hochgiftige Paraquat, seit 10 Jahren in Europa verboten. Die Männer klagen über Augenreizungen, Atembeschwerden, aber sie wissen nicht, was sie versprühen. Einer trägt eine Maske, für die anderen gab es keine. Die Plantage ist ein einziges Labyrinth, stundenlang kann man hier herumirren. Der lokale Kontaktmann von Save our Borneo fährt voraus, er kennt den Weg, er versorgt Nordin in Palangkaraya mit Informationen aus den Döfern um Sampit. Wir machen den ersten Kontakt zu Guntur Gregorius, er ist der Kopf der Bewegung, die seit Jahren gegen den Konzern kämpft. Den Menschen in seinem Dorf ist nur ein winziger Wald geblieben und kaum Land für die Kautschukbäume, von denen sie leben. Während Wilma und Musimas Tausende Hektar bewirtschaften. Guntur hat seit zwei Jahren Kontakt mit den Aktivisten von SOB (Save our Borneo)

*Fr., 29.5.09* Dieser Tag gehört ganz dem Dorf. Wir gehen mit Guntur, seinem Sohn Sigit und seiner Nichte Via (beide sind 11 Jahre alt), in den kleinen Wald, der ihnen noch geblieben ist. Der Wald ist dicht, riecht nach frischem Grün und vermoderndem Holz, auf dem Pilze wachsen, Früchte wie Durian und Rambutan wachsen hier, Rattan und riesige Bambusstauden. Und wilder Kautschuk, den Gunturs Urgroßvater gepflanzt hat. Er ist die Hauteinnahmequelle der Dörfler, doch die versiegt immer mehr. Man spürt sofort den Unterschied zwischen dem Waldklima und der drückenden Luft über den Plantagen, und wir bekommen eine Vorstellung davon, was das für die Menschen hier bedeutet, die der drückenden Schwüle niemals mehr entkommen können.

28.05.: Landhaus im Wald von Tanah Putih: Die Dayaks leben größtenteils im Wald,  um ihn zu bewirtschaften.28.05.: Landhaus im Wald von Tanah Putih: Die Dayaks leben größtenteils im Wald, um ihn zu bewirtschaften.

Ein alter Weiser aus dem Dort erklärt den Kindern, was sie alles im Wald finden können, und nach einer guten Stunde kommen wir an einen besonderen Platz: hier stehen die fünf alten letzten Urwaldriesen, Wohnsitz der Geister und Nistplatz für die Orang Utans. Niemals würden die Menschen einen solchen Baum fällen, er ist ihnen heilig. Erst wenn er von allein stirbt, würden sie sein Holz für ihre Häuser nutzen. Tanah Putih liegt an einem Fluss, den die Bewohner als Badewanne nutzen und als Nahrungsquelle. Doch seit die Plantagen den Fluss verschmutzen, haben sie Hautreizungen und fangen kaum noch Fisch. Wo er geht und steht, hat Guntur sein Englischbuch dabei und probiert seine Kenntnisse an uns aus. Er ist derjenige, der den Widerstand gegen die Palmölfirmen im Dorf organisiert. Schon zweimal war er in Jakarta,um sich Rat und Unterstützung von NGOs zu holen, die Erfahrung haben mit dem Widerstand gegen Ölkonzerne und Politiker.

Als Guntur zum ersten Mal in einem Flugzeug saß und das ganze Ausmaß der Tragödie von oben gesehen hat, war ihm klar: Wenn nichts passiert, wenn wir nicht kämpfen, dann ist bald der ganze Wald verschwunden. Diese Bilder haben ihn nicht nur tief verstört, sondern ihm auch Kraft gegeben für seinen Kampf. Das Geld für die Reisen haben übrigens die Leute im Dorf gesammelt. Allerdings, sagt Guntur, sind nur zehn Prozent der 1500 Einwohner bereit zu kämpfen. Fünf Prozent haben sich auf die Seite der Ölfirmen geschlagen, sie haben sich kaufen lassen und versuchen nun, die Dörfler im Sinne der Konzerne umzustimmen. 85 Prozent der Leute schauen erstmal zu, was passiert. Ich kann sie verstehen, sagt Guntur trotzdem, wir sind hier bitterarm.

Ein Fünftel der Bevölkerung arbeitet bereits als Tagelöhner auf den Plantagen, für 28 000 Rupien am Tag, ca. 2,20 Euro. Doch immer nur, wenn sie geholt werden, meist ohne Verträge. Die Ölfirmen gehen immer auf dieselbe Art vor: Sie holen sich von der Regierung die Erlaubnis und holzen ab. Wenn die Menschen, denen das Land gehört, sich beschweren, bekommen sie eine kleine Kompensation, aber nur dann. Diese Politik entzweit unsere Gesellschaft und sogar Familien, sagt Guntur. Er zum Beispiel will um sein Land und seinen Wald kämpfen, sein Bruder aber will es verkaufen. Das ist eine weitere Tragödie hinter dem Milliarden-Geschäft der Ölmultis.

Gunturs Botschaft an alle Konsumenten lautet deshalb: Stoppt euren Palmölverbrauch. Palmöl macht euch glücklich, aber wir kämpfen dagegen mit unserem Blut. Es zerstört unsere Lebensgrundlage. In den Plantagen haben die Konzern-Manager große Häuser und große Autos, wir haben hier nichts. Es gibt keine Gerechtigkeit in diesem Geschäft, wir leben wie die Sklaven, während die Wilmar-Manager aus Malaysia, Singapur und China wie Könige leben. Ich übernachte mit Udin von Save our Borneo im Dorf, und die Diskussion geht noch weiter, bis der Strom-Generator gegen 22 Uhr abgeschaltet wird.

30.05.: Ölmühle des Wilmar-Konzerns.30.05.: Ölmühle des Wilmar-Konzerns

*Sa., 30.5.09* Wir fahren in die Höhle des Löwen, zu Wilmar. Wir haben einen Termin mit einem der Manager gemacht, Mr. Leng, halb Chinese, halb Malaysier. Wir dürfen Fotos machen, aber nicht drehen. Mr. Leng spricht voll Stolz vom High Conservation Forest und meint damit winzige Waldinseln inmitten der Ölplantagen, die sie schützen. Für Menschen und Tiere. Aber die Karte, die er uns zeigt, offenbart, wie klein dieser Wald wirklich ist im Vergleich zu den Öl-Plantagen. Wilmar hat das RSPO-Label beantragt, im Juli ist Anhörung, in drei Monaten, glaubt man, wird man es haben. Auf dieser Plantage, betont Mr. Leng, würde man nicht das verbotene Herbizid Paraquat einsetzen. Klar, man will ja das Label. In Malaysia allerdings wird es versprüht. In Zentralkalimantan verwendet man Roundup, was ja bekanntlich auch nicht unbedenklich ist, aber noch nicht gebannt.

Den sozialen Aspekt formuliert ein Wilmar-Kollege so: Wir bauen für die Dayaks Schulen, geben ihnen Bildung und beschäftigen sie auf unseren Plantagen. Allerdings oft nur als Tagelöhner mit den untersten und gefährlichsten Jobs. Für höhere Posten seien sie nicht geeignet. Mr. Leng jedoch nennt das eine Win-Win-Situation. Dazu fällt einem nichts mehr ein. Eine zehnköpfige Wilmar-Abordung folgt uns auf die Plantagen und in die ziemlich schrottige Ölmühle, wo wir uns ein Bild machen dürfen. In der Mühle herrscht Höllenlärm, dennoch trägt keiner der Arbeiter Ohrenschützer. Dennoch erweist sich Mr. Leng nicht als Hardliner. Er gesteht uns zu, dass wir aus dem Auto heraus filmen dürfen, er jedoch weiß von nichts. Wenigstens eine kleine Geste.

*So., 31.5.09* Wir fahren von Sampit zurück nach Palangkaraya, 5 Stunden Fahrt, fast ausschließlich durch Ölplantagen. Nur ein paar Wälder sieht man noch, sie stehen an Sümpfen und sind deshalb für Palmölplantagen uninteressant. Unterwegs machen wir einen Abstecher auf eine Plantage von IOI, Wir wollen dokumentieren, ob bzw. dass sie dort das in Europa verbotene Gramozone versprühen. Es ist Sonntag, wir sehen kaum Arbeiter. Dann stoßen wir auf eine kleine Arbeiter-Siedlung, sie ist völlig heruntergekommen. 30 Familien wohnen hier in einer schattenlosen Wüste. die meisten wurden aus Java hergebracht, um auf den Plantagen zu arbeiten. Ein Arbeiter ist bereit auszusagen, dass hier Gramozone benutzt wird, allerdings nicht vor laufender Kamera. Wir entdecken die Kanister durchs Fenster des abgeschlossenen Büros des Vorarbeiters.

Wir klären den Mann über das Gift auf, von dem die Menschen hier nichts wissen. Deshalb, sagt der Mann, sind wir ständig krank, uns ist oft übel und wir haben Haut-und Atemwegskrankheiten. Am Montag fiegen wir von Kalimantan zurück nach Jakarta. Auf dem Flughafen treffen wir Guntur Gregorius mit drei Mitstreitern aus Tanah Putih, unserem Dayak-Dorf. Auch sie sind auf dem Weg nach Jakarta. Dort wollen sie ihr Anliegen der Menschenrechtskommission vortragen und auch mit Leuten von Sawit Watch sprechen. Wir wollen, sagt Guntur, dass die Zerstörungs unseres Regenwaldes zur nationalen Angelegenheit erhoben wird.

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