Offener Brief an Bürgermeister Wowereit: Geplante Verbrennung von Biomasse in Berliner Heizkraftwerken

01.06.2010

Der Energiekonzern Vattenfall hat eine „Klimaschutzvereinbarung zwischen dem Land Berlin und Vattenfall“ unterzeichnet. Diese sieht die massenhafte Verbrennung von Biomasse vor. Dazu plant Vattenfall eine Million Tonnen Gummibaumholz aus Liberia zu importieren. Ein Vertrag dafür wurde bereits unterzeichnet. Nun wird das Feuerholz in dem westafrikanischen Land knapp und die Gummibaumplantagen drohen sich auf Kosten des Regenwaldes auszudehnen. Hier unser offener Brief an den regierenden Bürgermeister Wowereit.

An den Senat von Berlin
Der Regierende Bürgermeister
Herrn Klaus Wowereit
Rathausstr.15
10178 Berlin
Fax 030-9026-3019
der-regierende-buergermeister@senatskanzlei.Berlin.de

Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz
Brückenstr. 6
10179 Berlin
Fax 030-9025-2501
poststelle@senguv.berlin.de

Geplante Verbrennung von Biomasse in Berliner Heizkraftwerken
Hamburg, 1. Juni 2010

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Wowereit, sehr geehrte Frau Umweltsenatorin Lompscher,
mit großer Sorge verfolgen wir die geplante Verbrennung von Biomasse zur Energieversorgung der Stadt. Insbesondere die sich in der Planung bzw. im Genehmigungsverfahren befindlichen Biomasseheizkraftwerke in Berlin Lichtenberg, Standort Klingenberg, und im Märkischen Viertel in Reinickendorf lehnen wir ab. Für die Kraftwerke einschließlich der Beifeuerung von Holz in den bestehenden Anlagen (Reuter West und Moabit) benötigt Vattenfall nach eigenen Angaben eine Million Tonnen Holz pro Jahr. Diese Holzmenge läßt sich weder aus regionaler Produktion noch auf umweltfreundliche und sozialverträgliche Weise beschaffen. Der Einsatz von Rest- und Altholz aus dem Umland ist nur zu einem kleinen Anteil möglich, da nicht mehr Holz pro Jahr geschlagen werden darf als nachwächst. Bereits jetzt werden die in Brandenburg jährlich anfallenden Holzmengen weitgehend in bestehenden Anlagen verfeuert (in der Presse werden 42 Biomassekraftwerke in Brandenburg genannt

1 ). Auch in anderen Industriezweigen wie der Papier- und Spanplattenproduktion kommt das Holz zum Einsatz. Generell ist die stoffliche Nutzung aus ökologischer Sicht und Gründen der Energie-Effizienz in jedem Fall der energetischen Verwertung vorzuziehen. Zur Herkunft des für die Kraftwerke benötigten Holzes hat Vattenfall in der Öffentlichkeit mehrfach unterschiedliche Angaben gemacht und bislang keine schlüssigen Konzepte vorgelegt. Im April 2010 gab Vattenfall bekannt, die Hälfte des benötigten Holzes (500 000 Tonnen) importieren zu wollen, und wenige Tage später wurde die Unterzeichnung eines Vertrages mit der holländischen Firma Buchanan Renewable Energy (BRE) bekannt. Von dieser will Vattenfall eine Million Tonnen Holzschnitzel aus Liberia importieren. Nach Angaben von BRE soll das Holz von Kleinbauern in Liberia stammen. Deren unproduktive Gummibaumplantagen sollen gerodet und mit neuen Gummibaumsetzlingen bepflanzt werden. BRE liefert nach eigenen Angaben bereits Gummibaumholz für die Herstellung von Faserplatten nach Europa. Allerdings ist Gummibaumholz keinesfalls ein nutzloses Abfallprodukt, wie Vattenfall und BRE behaupten. Das Holz wird seit Jahren für die Fertigung von Küchenutensilien, Spielzeug und Möbeln genutzt und in dieser Form in großen Mengen nach Deutschland importiert. Auch in Liberia steht nach Angaben von unabhängigen Fachleuten nicht genügend Holz für den Export zur Verfügung. Holzkohle aus Gummibaumholz wird von der Bevölkerung als Brennstoff zum Kochen verwendet. Die in Liberia bestehenden Kautschuk-Plantagen sind als Folge zerstörten Regenwaldes entstanden. Bereits jetzt haben die Holzkäufe und Exporte von BRE zu schwerwiegenden wirtschaftlichen Auswirkungen in den Städten des Landes geführt, die auf Holzkohle angewiesen sind. Aufgrund der Verknappung des Holzangebots haben sich die Holzkohlepreise von 100 auf 200 $ verdoppelt. Es steht zu befürchten, dass in Zukunft immer mehr Küchen in Liberia kalt bleiben, weil Vattenfall das Brennholz in Berlin verheizt. Dadurch nimmt der Druck auf die Regenwälder in Liberia weiter zu. Zum einen werden immer mehr arme Menschen Feuerholz in den Wäldern suchen, zum anderen werden die hohen Preise für Gummibaumholz es attraktiv machen, die bestehenden Wälder in Gummibaumplantagen umzuwandeln. Auch drohen soziale Konflikte, da Gummibäume in Liberia zur Begrenzung der Grundstücke angepflanzt werden. Mit der Rodung der Bäume geht diese wichtige Funktion verloren. Gewerkschafts- und Menschenrechtsorganisationen beklagen seit Jahren die auf den Gummibaumplantagen in Liberia herrschenden katastrophalen Arbeitsbedingungen, darunter verbreitete Kinderarbeit. Die Vereinten Nationen attestierten sogar „sklavenartige Arbeitsbedingungen“, „Gesetzlosigkeit“ und schwere Umweltverschmutzung auf den Gummibaumplantagen in Liberia (siehe Human Rights in Liberia’s Rubber Plantations: Tapping into the Future

2). Weiterhin besteht zwischen Buchanan Renewable (BR), einem weiteren Zweig des Unternehmens und der liberianischen Regierung ein Vertrag zum Bau eines 36 MW Elektrizitätskraftwerks in der Hauptstadt Monrovia. Durch die Verbrennung von Holzchips soll die schlechte Stromversorgung in Monrovia und Umgebung verbessert werden. Seit einem Jahr hat es bei diesem für das Land wichtigen Projekt keine Fortschritte gegeben. Es steht zu befürchten dass es für BR wesentlich attraktiver ist, die Holzchips an Vattenfall zu verkaufen, als sie lokal für die Stromerzeugung in Monrovia zu nutzen. Liberia ist eines der ärmsten Länder der Erde. Nicht nachvollziehbar ist es auch, dass bereits konkrete Planungen und Genehmigungsverfahren für die Biomassekraftwerke laufen und Lieferverträge für das Holz unterzeichnet wurden, der Senat und Vattenfall aber erst jetzt Kriterien untersuchen, ob und wie die benötigte Biomasse „nachhaltig“ erzeugt werden kann 3. Generell ist es fraglich, ob Nachhaltigkeitskriterien in einem Land wie Liberia anwendbar sind. Viele wichtige Faktoren wie indirekte Landnutzungsänderungen, d.h. die Verdrängung bestehender Landnutzungen und der Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise, sind damit überhaupt nicht zu beherrschen. Zuletzt ist auch der weite Transport des Gummibaumholzes über 5 500 Kilometer von Liberia nach Berlin aus unserer Sicht ökologisch nicht zu rechtfertigen.

Rettet den Regenwald fordert deshalb vom Berliner Senat:

1.Sofortiger Stopp sämtlicher Planungs- und Genehmigungsverfahren zum Bau von Biomasseheizkraftwerken in Berlin

2.Sofortiger Stopp aller laufenden und zukünftigen Biomasseimporte zur energetischen Nutzung

3.Ausschöpfung aller Mittel zur Einsparung von Energie und höherer Energie-Effizienz Bleibt noch zu erwähnen, dass Vattenfall nicht nur in Berlin derartige Kraftwerke plant, sondern beispielsweise auch in Hamburg 4 und in den Nachbarländern Polen, Dänemark und Niederlanden.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Schenck, Waldreferent Rettet den Regenwald e.V.

Fußnoten 1) http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/161528/161529.php?ycl=rss 2) http://unmil.org/documents/human_rights_liberiarubber.pdf 3) http://www.ecofys.nl/de/news/documents/Pressemitteilung_Ecofys_11052010.pdf 4) http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article1456919/Vattenfall-setzt-auf-Waerme-aus-Biomasse.html