Stellungnahme von Rettet den Regenwald zur Verbrennung von Holz aus den Tropen in Kraftwerken von Vattenfall

09.06.2010

An den
Senat von Berlin
Herrn Klaus Wowereit, regierender Bürgermeister

Vattenfall Europe AG
Herrn Andreas Breitsprecher, Leiter Konzernkommunikation und Public Affairs

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Wowereit, sehr geehrter Herr Breitsprecher,

die Stadt Berlin und der Vattenfall-Konzern stellen bei der Energieerzeugung völlig falsche Weichen. Anstatt den exzessiven Energiekonsum drastisch zu reduzieren, soll dieser durch die massenhafte Verheizung von Biomasse weiter befeuert werden – mit gravierenden Folgen für Mensch, Umwelt und Klima.

Die vom Energiekonzern Vattenfall in Berlin geplanten Heizkraftwerke auf der Basis von Holz (Europas größtes Biomassekraftwerk in Lichtenberg und eine weitere Anlage in Reinickendorf) sind geradezu ein Paradebeispiel dafür. In Europa betreibt Vattenfall bereits etwa 30 mit Biomasse befeuerte Heiz und Blockheizkraftwerke. Der Konzern ist damit nach eigenen Angaben einer der weltweit größten Käufer und Nutzer von Biomasse.

Die Kraftwerke verschlingen enorme Mengen Biomasse. Vattenfall beziffert diese allein für die Berliner Kraftwerke auf eine 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Schon jetzt gibt es starke Konkurrenzen um den Rohstoff Holz durch 42 bestehende Biomasseanlagen in Brandenburg und durch den Einsatz in anderen Wirtschaftsbranchen. Generell gilt, dass die stoffliche vor der energetischen Verwertung von Holz Priorität haben muss, d.h. als Bauholz, für Möbel, Holzwerkstoffe, Papier und Zellulose.

Bereits jetzt wird in vielen Forsten und Waldgebieten mehr Holz entnommen, als umweltverträglich und langfristig möglich ist. Das bedroht Artenvielfalt, Böden und Wasserhaushalt. Im Wald muss ausreichend Biomasse verbleiben, um den Nährstoffhaushalt und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Totholz ist der Lebensraum einer enorm großen Artenvielfalt. Diese erfüllt wiederum wichtige Funktionen für die Stabilität der Ökosysteme. Holzeinschlag und Waldrodung gehören überdies zu den größten Quellen klimaschädlicher Emissionen.

Die Informationspolitik von Vattenfall ist widersprüchlich und intransparent. Im März 2009 gab der Konzern an, dass in den Berliner Kraftwerken Restholz und Schnittgut aus dem Umland der Hauptstadt verheizt werden sollen. Ein Jahr später kündigte Vattenfall den Anbau von schnellwachsenden Bäumen auf sogenannten Kurzumtriebsplantagen an. Dafür hat der Konzern allein in Brandenburg 300.000 Hektar Ackerflächen identifiziert. Insgesamt solle aber die Hälfte des Holzbedarfs aus Skandinavien und Russland importiert werden.

Im April unterzeichnete Vattenfall einen Vertrag zum Import von einer Million Tonnen Gummibaum-Holzschnitzel aus Liberia, einem der ärmsten Länder der Welt. Dabei macht sich Vattenfall auch niedrigere Weltmarktpreise, geringe Arbeitslöhne und die politische Instabilität in dem Land zu nutze. Die niederländische Firma Buchanan Renewable Energy (BRE) schlägt in dem westafrikanischen Land Gummibäume ein und transportiert sie zur Verschiffung an die Küste.

In Liberia werden pro Jahr etwa 200.000 Hektar Regenwald abgeholzt. Die anhaltende Regenwaldrodung durch die Holzindustrie führte 2003 zu einem Exportembargo der Vereinten Nationen. 2006 annullierte die liberianische Regierung sämtliche bestehenden Holzkonzessionen. Als eine der Hauptursachen für die Waldrodung gilt die Brennholzbeschaffung. Die Energieversorgung der Menschen in Liberia basiert auf Feuerholz und Holzkohle – nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen UNDP zu 99,5 Prozent. Eingeschlagen wird das Holz in natürlichen Mangroven- und Regenwäldern sowie Gummibaumplantagen.

Die staatliche amerikanische Entwicklungshilfeorganisation USAid vermerkt in ihrer Studie zu den Biomasseressourcen in Liberia: „Eine so überwältigende und anhaltende Abhängigkeit von Biomasse-Brennstoffen ist mit schweren Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft verknüpft, wie die Zerstörung der Wälder, der Verlust der Artenvielfalt, Bodenerosion, (…) und erhöhte Transportentfernungen für die Rohstoffbeschaffung“ (Quelle: USAID, April 2009: Assessment of Biomass Resources in Liberia. Seite 1. http://pdf.usaid.gov/pdf_docs/PNADO234.pdf).

Das liberianische Energieministerium schrieb bereits 2007 im Aktionsplan für Erneuerbare Energien, dass „die Knappheit von Brennholz zu einem ernsten Problem in den meisten Teilen Liberias wird, besonders im Bezirk Montserrado (um die Hauptstadt Monrovia herum). Landesweit wird deutlich mehr geerntet, als jährlich aufrechterhalten werden kann, ohne die aktuellen Vorräte aufzubrauchen und die Umwelt zu schädigen. (…) Die Verwendung von Holzbiomasse als Energiequelle wird in Verbindung mit dem ländlichen Bevölkerungswachstum und der Armut zunehmen. Wird diese Nachfrage nicht in nachhaltiger Weise erfüllt, wird es irgendwann zu völliger Entwaldung, Umweltzerstörung und wahrscheinlich Wüstenbildung in Liberia kommen“ (Quelle: Ministry of Lands, Mines & Energy, June 2007: Renewable energy and energy efficiency. Policy and action plan. Monrovia, Liberia. Seite 3-4. http://www.reeep.org/file_upload/5272_tmpphp5vFwxs.pdf).

In den Städten des Landes verwenden die Menschen zum Kochen vor allem Holzkohle aus Gummibaumholz. Umweltschützer aus Liberia berichten, dass sich die Holzkohlepreise bereits verdoppelt haben seitdem BRE massenhaft Gummibaumholz aufkauft, zu Hackschnitzeln zerschrettert und zu riesigen Hügeln im Hafen für den Export aufschüttet. Der geplante Export von einer Million Tonnen Gummibaum-Hackschnitzeln für Vattenfall würde den Brennholzmangel in Liberia dramatisch verschärfen. Eine „Vorzugsverkaufsklausel für den regionalen Markt“ scheint wenig wirksam, da der Brennstoff- und Holzkohlemarkt informell organisiert ist und von vielen kleinen, lokalen Produzenten und Verkäufern dominiert wird.

Nun kündigte Vattenfall die Erarbeitung von Nachhaltigkeitskriterien für Biomasse an (Quelle: Ecofys, 11.5.2010: Großvolumige Energiegewinnung aus nachhaltiger Biomasse. Ecofys vermittelt Nachhaltigkeitskriterien in die Praxis http://www.ecofys.nl/de/news/documents/Pressemitteilung_Ecofys_11052010.pdf). Doch es ist unverantwortlich, erst riesige Kraftwerkskomplexe zu planen und sich dann erst über deren Rohstoffversorgung Gedanken zu machen. Die Kriterien dienen als Alibi und Vorzeigeprojekte, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.

Der Bau von Vattenfalls Biomassekraftwerken bedeutet sehr hohe Investitionen, die sich durch lange Laufzeiten wieder amortisieren müssen. Damit wird eine fatale Entwicklung auf lange Zeit festgeschrieben. Wenn die Werke erst einmal gebaut sind, werden sie befeuert werden müssen – egal von woher das Holz kommt. Es geht also nicht nur um ein spezielles Plantagengebiet in Afrika, sondern es handelt sich um globale Probleme!

Rettet den Regenwald lehnt daher die von Vattenfall geplanten riesigen Biomassekraftwerke generell ab. Im Kleinen kann die energetische Nutzung von geringen Mengen lokal vorhandener Biomasse für den lokalen Verbrauch sinnvoll sein, aber nicht zur Energieversorgung von Großstädten.

Klaus Schenck, Wald- und Energiereferent

Rettet den Regenwald e.V.

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