Gemeinsames NRO-Schreiben an die Weltbank: Palmölzertifizierung keine Lösung für Mensch und Umwelt

22.11.2010

Weltbank-Gruppe
Herr Robert Zoellick, Präsident
1818 H Street, NW
Washington, DC 20433 USA
Tel: +1-202-473-1000, Fax: +1-202-477-6391
president@worldbank.org

Kopien an:
- Lars H. Thunell, geschäftsführender Vizepräsident und CEO der International Finance Corporation (IFC), lthunell@ifc.org, palmoilstrategy@ifc.org
- Hartmut Schafer, Weltbank Direktor für Strategie und Operationen, Nachhaltiges Entwicklungsnetzwerk

 

 

Palmölstrategie der Weltbank – Neue Untersuchungsergebnisse:

RSPO und andere Zertifizierungssysteme können keine umweltfreundliche und sozialverträgliche Palmölproduktion gewährleisten

 

 

Hamburg, 22. November 2010

Sehr geehrter Herr Zoellick,

unsere Vereine halten die Bestrebungen der Weltbank/IFC für grundlegend falsch, in der neuen Palmölstrategie auf das Industriesiegel RSPO und andere „Zertifizierungssysteme" zu setzen. Wir schicken Ihnen hiermit die Ergebnisse neuer Untersuchungen über die gegenwärtige Praxis auf den Planatgen von Wilmar International in Zentralkalimantan und Jambi, Sumatra, einschließlich auf RSPO-zertifizierten Plantagen.

Nach unseren Recherchen können weder der Runde Tisch für Nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil – RSPO) noch andere Zertifizierungssysteme die Probleme beseitigen oder entscheidend eindämmen. Denn das Anlegen industrieller Ölpalmplantagen bedeutet: Vertreibung der lokalen Bevölkerung von ihrem angestammten Land, Vernichtung der ursprünglichen Lebensgrundlagen, schwere Menschenrechtsverletzungen, Regenwaldrodung, Vernichtung der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung, massive Klimaanheizung durch die Freisetzung großer Mengen von Kohlendioxid und Methan aus Rodungen, Torfmoortrockenlegungen und Waldbrände.

Dies bestätigen uns auch die Umwelt- und Menschenrechtsgruppen Save our Borneo und Walhi Jambi in Indonesien, mit denen wir zusammenarbeiten. Für sie ist der RSPO reiner Etikettenschwindel, denn die Rodungen und Landvertreibungen gehen nicht nur bei RSPO-Mitgliedsfirmen weiter, sondern auch bei Firmen wie Wilmar, die bereits unter RSPO „zertifiziert” sind.

Im September 2010 haben Global Film Hamburg und Rettet den Regenwald die Aktivitäten des Wilmar-Konzerns und dessen Tochterfirmen auf Borneo und Sumatra in Indonesien dokumentiert. Der Wilmar-Konzern, der mittlerweile über drei gültige RSPO-Zertifikate für Palmölplantagen und -mühlen verfügt, ist Ihnen bereits durch die Klagen bekannt, die zum Aussetzen sämtlicher Finanzierungen von Palmöl durch die Weltbank und zum laufenden Prozess zur Ausarbeitung einer neuen Palmölstrategie geführt haben. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen haben wir in der 12-minütigen Filmreportage „Die Nachhaltigkeits-Lüge - Wie die Palmölindustrie die Welt betrügt“ zusammengefasst. Der Wilmar-Konzern rodet trotz RSPO-Zertifizierungen weiter und verletzt die Menschenrechte aufs Schwerste. Die Reportage können Sie hier sehen: http://www.regenwald.org/news/3188/die-palmol-mafia-ein-film-uber-das-schmutzige-geschaft-im-regenwald oder direkt auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=8oNm7XpFf4Q

Die indonesisch-malaysisch-US-amerikanische Investment Holding Wilmar International Ltd. mit Sitz in Singapur ist laut eigenen Angaben das größte Plantagenunternehmen in Indonesien und Malaysia und der weltweit größte Palmölhändler und -verarbeiter . Seit August 2010 verfügt Wilmar über RSPO-Zertifikate über 25.000 Hektar Palmölplantagen und zwei Ölpalmmühlen in Indonesien sowie mehrere Zehntausend Hektar Palmölplantagen und 7 Mühlen in Malaysia (siehe Anlage). Damit produziert Wilmar aktuell über 477.597 Tonnen RSPO-zertifiziertem Palmöls pro Jahr.

 

Unsere Untersuchungsergebnisse im Einzelnen

- Zentralkalimantan, Borneo

Direkt angrenzend an Wilmar's bereits RSPO-zertifizierte Palmölplantage Mustika Sembuluh (siehe Anlage) liegt die (bislang nicht zertifizierte) 13.792 Hektar große Palmölkonzession PT Rimba Harapan im Distrikt Seruyan in Zentralkalimantan, die auch zu Wilmar gehört. Seit 2008 hat dort Wilmar den Regenwald gerodet und Ölpalmen gepflanzt. Nach Angaben von Save our Borneo erfolgen die Abholzungen sogar ohne gültige Genehmigungen, d.h. sind illegal. Weiterhin wurden die angestammten Landrechte der lokalen Bevölkerung von Wilmar auf Gröbste verletzt. Der Wald und seine Ressourcen bildeten die Lebensgrundlagen der Bauern aus dem Dorf Sembuluh.

Auf der gleichen Plantage PT Rimba Harapan haben wir in einem von Wilmar als High Conservation Value Area ausgewiesenen 80 Hektar großen Sekundärwaldrest einen Orang-Utan gefilmt. Die lokalen Palmölarbeiter erklärten, dass sich insgesamt fünf Orang-Utans auf dem kleinen und von Palmölplantagen umgebenen Waldrest befänden. Die Orang-Utans sind ein weiterer Beweis, dass hier kürzlich Regenwald gerodet wurde. Ein Orang-Utan allein benötigt etwa 100 Hektar zum Überleben. Die Lebensräume bedrohter Tierarten wie Orang-Utans sind grundsätzlich unter RSPO von jeder Form der Rodung ausgeschlossen.

Im Übergangsgebiet von PT Rimba Harapan und der Mustika Sembuluh-Plantage entdecken wir Rinnsale mit übel stinkenden Abwässern der RSPO-zertifizierten Mustika Sembuluh Palmölmühle. Wilmar leitet die Abwässer ungeklärt in Bäche und den Sembuluh-See, von dem 7.500 Menschen leben. Die Ölmühle verarbeitet pro Jahr (2009) 360.000 Tonnen frische Palmölfrüchte (FFB). Weitere Abwässer stammen auch von der Kerry Sawit Palmölmühle, die ebenfalls zu Wilmar gehört und sich im Prozess der RSPO-Zertifizierung befindet.

Insgesamt hat Wilmar in Zentralkalimantan 304.266 Hektar Landkonzessionen für Palmöl erworben. Darunter sind Waldgebiete, die ausgewiesenermaßen Orang-Utan-Habitate sind. Die Praxis von Wilmar am Beispiel von PT Rimba Harapan zeigt, dass der Konzern trotz aller Nachhaltigkeitsversprechen und Zertifikate weiterhin ungebremst Regenwald abholzt. Sofortige Schutzmaßnahmen sind daher nötig. Eine detallierte Zusammenfassung der Palmöl-Konzessionsgebiete von Wilmar in Zentralkalimantan finden Sie im Anhang.

 

- Jambi, Sumatra

Auf Sumatra stößt unser Team auf die gleichen Bilder. In der Provinz Jambi hat das Wilmar-Unternehmen PT Asiatic Persada illegal das rechtlich anerkannte Waldgebiet der Ureinwohner vom Volk der Suku Annak Dalam und weiteren Bauerndörfern in Palmöl-Monokulturen umgewandelt. Mitten in der Plantage in der Nähe des Dorfes Bungku finden wir ein staatliches Hinweisschild, das die Landrechte der Einwohner einschließlich der amtlichen Landtitel anzeigt. Die Menschen haben sich in ihrer Not entlang der Landstraße am Rande der Palmölplantage von PT Asiatic Persada angesiedelt. Privates Sicherheitspersonal der Firma kontrolliert und schikaniert die Menschen, die dort zwischen Müll und ohne jede Infrastruktur in größtem Elend leben.

2005 hatte die Zoologische Gesellschaft von London in einer Felduntersuchung in auf der PT Asiatic Persada-Ölpalmkonzession und der angrenzenden PT Asialog-Holzeinschlagskonzession noch bedrohte Tiere wie Sumatratiger, Tapire, Elefanten und fünf Primatenarten nachgewiesen, allerdings in sehr niedrigen Bestandsdichten und hauptsächlich in den Waldflächen 1.

Am 23. Juli 2010 wurden 16 Kleinbauern aus dem Dorf Bungku, Subdistrikt Bajubang, Distrikt Batanghari, Provinz Jambi auf Geheiß der Wilmar-Tochter PT Asiatic Persada verhaftet und eingesperrt. Sie sollen angeblich Ölpalmnüsse in der Plantage der Firma gestohlen haben. Doch das Land gehört den Bauern (Block 314B Mentilingan Division, PT. Jamer). Seitdem sitzen die Bauern in Untersuchungshaft in der Stadt Batanghari. Am 3. November 2010 wurden bereits drei der Bauern, Rustam Efendi bin Cikmat (37 Jahre), Ismail bin Zulkifli (18 Jahre) und Abdurrahman bin Tobroni (20 Jahre) wegen Einbruchs zu sieben Monaten Haft verurteilt 2. Die von ihrem Anwalt vorgelegten staatlich anerkannten Karten und Landrechtsurkunden und weitere Dokumente, die die Landrechte der Bauern belegen, wurden vom Gericht nicht beachtet.

RSPO ignoriert all diese bekannten Probleme völlig. Die Organisation wird von der Palmölindustrie, Handel und Banken dominiert. Von den aktuell 386 RSPO-Mitgliedern stammen 95% aus der Wirtschaft, der Rest sind Umwelt- und Sozialorganisationen, die zum Teil von den Unternehmen bezahlt werden. Dazu gehören UTZ Certified (ein RSPO Zertifizierer, der von Palmölunternehmen bezahlt wird, aber als 'Soziale Organisation' unter RSPO aufgeführt ist), die Indonesian Sustainable Palm Oil Association (die unter 'Umweltschutzverbänden aufgeführt ist), und der WWF, der Gelder von der HSBC-Bank erhalten hat, einem wichtigen Finanzierer von Palmölunternehmen . Der Präsident des Labels ist Manager beim Unilever-Konzern, die Vizepräsidenten ein Mitarbeiter der WWF-Stiftung und Jeremy Goon, Chef für Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsability) beim Wilmar-Konzern. Unter diesen Machtverhältnissen bei RSPO spielen eine angemessene Sozial- und Umweltpolitik in der Organisation keine Rolle.

 

Unsere Forderungen

Bitte geben Sie KEINE weiteren Gelder der Weltbank für den Palmölsektor und heben Sie das geltende Moratorium der Weltbank NICHT auf. Bereits im Mai 2010 (siehe http://www.regenwald.org/mailalert/587/schluss-mit-weltbank-geldern-fur-palmol) haben sich 108 Menschenrechts- und Umweltorganisationen aus aller Welt und mehr als 16.000 Bürgerinnen und Bürger an Sie mit der Bitte gewandt: „Schluss mit Weltbank-Geldern für Palmöl“. Die Unterschriften haben wir bereits Herrn Hartmut Schafer auf dem Palmölstrategie-Konsultationstreffen in Frankfurt am 1. September 2010 überreicht. Anliegend übersenden wir Ihnen weitere 16.000 Unterschriften gegen die Finanzierung von Palmöl durch die Weltbank, die in der Zwischenzeit bei uns eingegangen sind.

Für weitere Informationen stehen wir jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

 

Reinhard Behrend, Vereinsvorsitzender
Rettet den Regenwald e.V.
Jupiterweg 15, D-22391 Hamburg
Tel. +49-40–410 38 04, Fax:+49-40–450 01 44
info@regenwald.org, www.regenwald.org

 

Biofuelwatch
Almuth Ernsting, Co-Director
UK
Tel 0044-1224-324797
biofuelwatch@ymail.com, www,biofuelwatch.org.uk

 

Global Film
Frau Inge Altemeier, Inhaberin
Arnoldstr. 62, D-22763 Hamburg Tel.: +49-40-39 22 34, Fax +49-40-390 37 36 info@globalfilm.de, http://www.globalfilm.de

 

Robin Wood
Peter Gerhard, Waldreferent
Nernstweg 32, D-22765 Hamburg
Tel.: +49-040-380 892 18
peter.gerhardt@robinwood.de, www.robinwood.de


Anlagen

RSPO-Zertifikate des Wilmar-Konzerns

Am 11. August hat der Zertifizierer TÜV Rheinland Malaysia der Wilmar-Tochter PT Mustika Sembuluh das RSPO-Siegel für drei Ölpalmplantagen (mit insgesamt 19.450 Hektar Land, davon 15.604 Hektar mit Ölpalmen bepflanzt) und der Palmölmühle Mustika Sembuluh in den Distrikten Kotawaringin und Seruyan in der Provinz Zentralkalimantan verliehen 3. Die zertifizierte Menge an rohem Palmöl (CPO) beträgt 81.350 Tonnen und an Palmkernöl (PK) 16.640 Tonnen.

Am 24. August 2010 wurde die Wilmar-Tochter PT Perkebunan Milano mit drei Ölpalmplantagen (mit insgesamt 5217 Hektar Land, davon 4.976 Hektar mit Ölpalmen bepflanzt) und die Ölmühle Pinang Awan Palm Oil Mill im Distrikt Labuhan Batu in der Provinz Nordsumatra auf Sumatra zertifiziert 4. Die zertifizierte Menge an rohem Palmöl (CPO) beträgt 27.554 Tonnen und an Palmkernöl (PK) 6.262 Tonnen.

Daneben verfügt Wilmar International über große RSPO-zertifizierte Palmölplantagen und sieben Ölpalmmühlen in Malaysia (PPB Oil Palms Berhad). Die zertifizierte Menge an rohem Palmöl (CPO) beträgt dort 283.458 Tonnen und an Palmkernöl (PK) 62.711 Tonnen 5. Damit verfügt Wilmar aktuell über eine Produktion von insgesamt 477.597 Tonnen RSPO-zertifiziertem Palmöl pro Jahr.

Palmölkonzessionen des Wilmar-Konzerns in Zentralkalimantan, Indonesien

#

Firmenname

Ort

Fläche in has

Status

1

PT. Alam Sawit Permai

Seruyan District-CK

16.160

Active yet, permit inside forest area

2

PT. Bawak Sawit Tunas Belum

Seruyan District-CK

15.000

Active yet, permit inside forest area

3

PT. Benua Alam Subur

Seruyan District, Central Kalimantan

16.160

Active yet, permit inside forest area

4

PT. Bulau Sawit Bajenta

Seruyan District-CK

15.000

Active yet, permit inside forest area

5

PT. Bumi Sawit Kencana

East Kotawaringan District-CK

11.050

Under production

6

PT. Dermaga Sungai Mentaya

East Kotawaringan District-CK

15.000

Data not available

7

PT. Eka Kaharap Itah

Seruyan District-CK

20.000

Active yet, permit inside forest area

8

PT. Hamparan Sawit Eka Malam

Seruyan District-CK

20.000

Active yet, permit inside forest area

9

PT. Hamparan Sawit Kalteng

East Kotawaringan District-CK

19.680

Active yet, permit inside forest area

10

PT. Rimba Harapan Sakti

Seruyan District, Central Kalimantan

13.792

Land clearing since 2008

11

PT. Karunia Kencana Permai Sejati

East Kotawaringan District-CK

19.400

Under production, already planted

12

PT. Malindo Lestari Plantations

East Kotawaringan District-CK

10.400

Active yet, permit inside forest area

13

PT. Mentaya Sawit Mas

East Kotawaringan District-CK

15.500

Under production, already harvest

14

PT. Mustika Sembuluh

Seruyan + East Kotawaringin

17.500

Under production, CPO mill

15

PT. Petak Malai Sawit Makmur

Seruyan District-CK

19.860

Active yet, permit inside forest area

16

PT. Pukun Mandiri Lestari

Seruyan District-CK

19.000

Active yet, permit inside forest area

17

PT. Sarana Titian Permata

Seruyan District-CK

21.770

In parts already productive

18

PT. Kerry Sawit Indonesia

Seruyan District-CK

18.994

Under production, CPO mill

Gesamtfläche in ha

304.266

 

 

1http://www.google.de/url?sa=t&source=web&cd=1&ved=0CBIQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.21stcenturytiger.org%2Ffiles%2FProjects%2520Indonesia%2FZSL%2520CCC%2520Rapid%2520Survey%2520Report%25202006.PDF&rct=j&q=%2B%22Pt%20Asiatic%20Persada%22&ei=5IjiTL2HLKGAhAfuxYCQDQ&usg=AFQjCNGLjpbot93hXTASTuZJKQ43POhoRQ&cad=rja

2 http://www.elsam.or.id/new/?id=713&cat=Tujuh%20Bulan%20untuk%20Rustam%20dkk%20:%20%20Tuduhan%20Pencurian%20di%20Tanah%20Milik%20Negara/503〈=en&act=view

3 http://www.rspo.org/sites/default/files/RSPO%20Public%20Summary%20Report_PT%20MS_TUV_08092010.pdf

4 http://www.rspo.org/sites/default/files/RSPO%20Public%20Summary%20Report_PT%20Milano_%20TUV_26082010.pdf

5 http://www.rspo.org/?q=node/520