humanitäre und ökologische Katastrophe

12.04.2006

Autos ernähren statt Menschen
Die Ausbreitung der Biotreibstoffe wäre eine humanitäre und ökologische Katastrophe Von George Monbiot Die Welt ist begrenzt. Das heißt, wenn eine Gruppe von Leuten seine eigenen Interessen verfolgt, beschränkt sie die Interessen der anderen. Es gibt kaum ein besseres Beispiel für diesen Zusammenhang, als der gegenwärtige Enthusiasmus für "Biotreibstoffe". Biotreibstoffe stellt man aus Pflanzenölen, Ernteresten oder Holz her, und sie dienen zum Antreiben von Autos, Bussen oder Lastwagen. Ihre Verbrennung entlässt genauso viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, wie die Pflanzen während ihres Wachstums ihr entzogen hatten. Deshalb wird der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf Biodiesel oder Bio-Alkohol als die Lösung für den Klimawandel verkauft.

Die Europäische Union (EU) will bis Ende dieses Jahres zwei Prozent ihres Ölverbrauchs durch Biodiesel ersetzen und dann kontinuierlich den Biodieseleinsatz steigern auf sechs Prozent bis zum Jahr 2010 und 20 Prozent bis 2020. Um dies zu erreichen, zahlt die EU den Bauern Beihilfen von 45 Euro je Hektar, wenn sie Energiepflanzen anbauen. Jeder scheint damit glücklich zu sein: Die Bauern und die chemische Industrie, die damit neue Märkte entwickeln können; die Regierungen, weil sie ihre Kioto-Ziele zur Einsparung von Kohlenstoffemissionen einhalten können; und Umweltschützer können die Tatsache feiern, dass Pflanzentreibstoffe die lokale Umweltverschmutzung genauso wie die Globale Erwärmung verringern.

Genauso wollte Rudolf Diesel auch seine Erfindung, den Diesel-Motor, verwendet wissen. Als er seine Maschine auf der Weltausstellung im Jahr 1900 demonstrierte, lief sie mit Erdnußöl. "Der Gebrauch von Pflanzenöl als Kraftstoff mag heute unbedeutend sein", prophezeite er. "Aber derartige Produkte können im Laufe der Zeit ebenso wichtig werden wie Petroleum und diese Kohle-Teer-Produkte von Heute." Einige Enthusiasten sagen nun voraus, dass er bei weiter steigenden Erdölpreisen bald Recht haben wird. Ich hoffe nicht!

Diejenigen, die diese Kraftstoffe fördern, meinen es zwar gut, liegen aber falsch. Denn die Welt ist begrenzt. Wenn Biotreibstoffe weiter boomen, dann werden sie eine globale humanitäre Katastrophe auslösen. Verwendet so wie heute, in einem sehr kleinen Maßstab, richten sie keinen Schaden an. So nutzen ein paar tausend "Grüne" im Vereinigten Königreich gebrauchtes Fritierfett in ihren Autos. Aber recycelte Bratöle können maximal nur etwa 100.000 Tonnen Diesel jährlich ersetzen, ein 380stel unseres Verbrauchs an Treibstoffen im Straßenverkehr. Es mag ebenso möglich sein, Getreidereste wie Stroh in Alkohol als Treibstoff umzuwandeln. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man so mehr Energie erhält, als das, was man für Transport und Verarbeitung des Strohs verbraucht.

Großbritanniens Straßentransport verbraucht 37,6 Millionen Tonnen fossile Brennstoffe pro Jahr. Das derzeit produktivste Ölgetreide, das bei uns angebaut werden kann, ist Raps. Die durchschnittliche Ernte liegt zwischen 3 und 3,5 Tonnen je Hektar. Eine Tonne Raps erzeugt 415 Kilogramm Biodiesel. So könnte jeder Hektar Ackerland 1,45 Tonnen Kraftstoff zur Verfügung stellen. Das heißt: Um alle unsere Autos und Busse und Lastwagen mit Biodiesel betreiben zu können, sind 25.9 Millionen Hektar Anbaufläche notwendig. Aber es gibt nur 5.7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche im Vereinigten Königreich.

Der vollständige Umstieg auf Biotreibstoffe für den Straßenverkehr verschlänge also die viereinhalbfache Menge des bebaubaren, britischen Bodens. Und schon das EU-Ziel von 20 Prozent Biokraftstoff verschlänge jegliches Acker- und Weideland Großbritanniens. Wenn dies in allen Ländern Europas geschehe, die Folgen für die Welternährung wären Katastrophal. Und wenn, so wie manche Umweltschützer es fordern, Biokraftstoffe weltweit Anwendung finden, dann würden die meisten landwirtschaftlichen Nutzflächen der Erde nur noch dazu dienen, Autos zu ernähren und nicht Menschen.

Bereits heute hungern 800 Millionen Menschen Diese Aussicht klingt zunächst lächerlich. Aber der Markt reagiert auf Geld, auf Profite, nicht auf Bedürfnisse. Menschen, die Autos besitzen, haben mehr Geld als Menschen, die am Hungertuch nagen. In einem Wettbewerb zwischen der Nachfrage nach Treibstoff und der Nachfrage der Armen nach Lebensmitteln wird der Autobesitzer immer gewinnen. Etwas Ähnliches passiert ja jetzt schon. Obwohl 800 Millionen Menschen hungern, wird das globale Wachstum im Getreideanbau genutzt, um Tiere zu füttern: Die Anzahl des Viehs hat sich seit 1950 verfünffacht. Der Grund liegt daran, dass diejenigen, die Fleisch und Milchprodukte kaufen, mehr Kaufkraft haben, als diejenigen, die sich nur Getreide leisten können.

Biotreibstoffe sind nicht nur ein humanitäres Desaster; sie sind auch ein Umweltdesaster. Diejenigen, die sich vor den Auswüchsen der heutigen, industriellen Landwirtschaft fürchten, sollten sich mal vor Augen halten, wie die Landwirtschaft aussähe, wenn sie von der Öl-Industrie bestimmt wird. Mehr noch. Wenn wir einen Markt für Rapsöl-Biodiesel in Europa aufbauen, dann entwickeln wir gleichzeitig auch einen Markt für Biodiesel aus Palmöl und Sojaöl. Ölpalmen können viermal mehr Biodiesel je Hektar produzieren als Raps, und sie werden an Orten angebaut, wo Arbeitskraft billig ist. Schon jetzt ist der Ölpalmanbau eine der Hauptursachen für die Regenwaldzerstörung.

Soja wiederum hat zwar eine geringere Ölausbeute als Raps, aber das Öl ist Nebenprodukt der Tierfutterherstellung. Ein neuer Markt für das Sojaöl würde eine Agro-Industrie fördern, die bereits jetzt den größten Teil des brasilianischen Trockenwaldes (Cerrado) und große Teile des Regenwaldes vernichtet hat. Es ist schockierend zu sehen, wie eng die Sichtweise von einigen Umweltschützern sein kann.

Bei einem Treffen in Paris im vergangenen Jahr entschied eine auf Klimawandel spezialisierte Gruppe von Wissenschaftlern und "Grünen", dass Tony Blairs zwei große Ideen - den Klimawandel bremsen und Afrika helfen - gleichzeitig umgesetzt werden könnten, indem man Afrika in eine Produktionszone für Biotreibstoffe umwandelt. Diese Strategie, entsprechend ihrem Erfinder, "liefert einen nachhaltigen Entwicklungsweg für viele afrikanische Länder, die Biokraftstoffe billig produzieren können." Ich weiß, die Definition von "Nachhaltiger Entwicklung" hat sich geändert, aber ich wusste nicht, dass sie jetzt massenhaftes Verhungern und die Ausrottung der tropischen Wälder mit einschließt? Wir brauchen eine Lösung für die globale Erwärmung verursacht durch die Autos, Biokraftstoffe sind sie nicht. Wenn die Produktion der Biotreibstoffe groß genug ist, die Klimaänderung zu beeinflussen, dann ist sie auch genug groß, um ein globales Verhungern zu verursachen.

www.monbiot.com
George Monbiot, geboren 1963, ist einer der bekanntesten kritischen Umweltjournalisten Großbritanniens. Er schreibt für den Guardian und den Ecologist. 1995 wurde er von Nelson Mandela mit dem United Nations Global 500-Preis ausgezeichnet. Copyright der Übersetzung : www.bionachrichten.de