COVID-19: Klöckner leugnet die Wissenschaft

Viehzucht und Entwaldung in Amazonas Regenwald Waldvernichtung macht den Ausbruch von Pandemien wahrscheinlicher (© BrazilPhotos / Alamy Stock Foto)

29.04.2020

Das Landwirtschaftsministerium versucht, mögliche Ursachen von Pandemien zu verheimlichen. Aus einem Bericht der Bundesregierung zur COVID-19 wurden Passagen gestrichen, die einen Zusammenhang mit Umweltzerstörung herstellen. Die Vermutung liegt nahe, dass das Ministerium von Julia Klöckner Diskussionen über die Rolle der Agrarbranche verhindern will.

Zahlreiche Wissenschaftler und Organisationen warnen davor, dass die Zerstörung der Natur das Überspringen von tödlichen Krankheitserregern von Tieren auf Menschen erleichtert. Ob Ebola, HIV, Sars, Vogelgrippe - 70 Prozent aller Erreger stammen aus dem Tierreich. Zu den Ursachen gehören die Vernichtung von Wäldern und anderen Ökosystemen, die Ausbeutung von Wildtieren, die intensive Landnutzung und die industrielle Landwirtschaft.

Dennoch ließ das Landwirtschaftsministerium von Julia Klöckner (CDU) kritische Passagen aus dem Regierungsbericht zur Corona-Pandemie streichen, wie das Online-Magazin Riffreporter nach Einsicht in den Ursprungsentwurf des SPD-geführten Umweltministeriums berichtet.

So sei in den Augen des Landwirtschaftsministeriums „kein direkter Zusammenhang zwischen Umwelt- und Naturschutz zu Pandemien bekannt“. Das sei „Spekulation“. Ebenso der Hinweis „die Erkenntnisse der Wissenschaft (legen) bereits nahe: Hinter der aktuellen Krise steckt auch die Krise der Biodiversität, denn mit der Zerstörung von Ökosystemen steigt das Risiko von Pandemien“.

Das Landwirtschaftsministerium leugnet damit wissenschaftliche Erkenntnisse. Wer wissentlich und absichtlich wichtige Fakten verschweigt, der belügt jedoch die Öffentlichkeit.

Die Vermutung liegt nahe, dass das Landwirtschaftsministerium jede Verantwortung der Agrarbranche für Umweltzerstörung und damit potentiell für Krankheitsausbrüche herunterspielen will. Weltweit spielt die intensive Landwirtschaft jedoch eine bedeutende Rolle bei der Waldvernichtung, etwa durch die Anlage von Plantagen und den Anbau von Futtermitteln. Die Massentierhaltung ist wiederholt Ausgangspunkt von Pandemien.

Weltweit führende Biodiversitäts-Experten warnen denn auch vor der unbedachten Förderung etwa der intensiven Landwirtschaft zur Überwindung der Covid-Krise: „Wenn wir dies jedoch tun, ohne dass dringende und grundlegende Änderungen damit einhergehen, subventionieren wir im Wesentlichen die Entstehung künftiger Pandemien.“

Unklar ist, was dieser Kommentar des Landwirtschaftsministeriums aussagen soll: „Auch für den Menschen schädliche Viren gehören zur Biodiversität eines intakten Ökosystems.“ Sieht das Klöckner-Haus allen Ernstes in der Zerstörung von Ökosystemen Gesundheitsschutz? Oder versteht das Ministerium, dass Menschen der Wildnis fernbleiben sollten, also konsequenter Naturschutz zentral ist, und torpediert ihn dennoch?

Das gilt auch international. Im Berichtsentwurf von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) steht zwar, dass Deutschland „global mehr Mittel für den Schutz der biologischen Vielfalt mobilisieren muss – auf nationaler und internationaler Ebene, aus öffentlichen, wie aus privaten Mitteln. Das wird auch ein Thema bei der Weltbiodiversitätskonferenz sein.“ Das Landwirtschaftsministerium sieht jedoch erneut „kein Zusammenhang zur Pandemie“.

Der Bericht zeigt, wie umkämpft die zukünftige Naturschutzpolitik innerhalb der Bundesregierung ist: Während das Landwirtschaftsministerium kritische Passagen aus einem Bericht des Umweltministeriums streichen lässt, sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU), das Überspringen von Krankheiten von Tieren auf Menschen sei „insbesondere auf die verstärkte Nutzung bislang ungestörter Lebensräume und der damit verbundenen Nähe zu wilden Tieren zurückzuführen“. Und weiter: „Es führt also kein Weg daran vorbei, dass wir beim internationalen Schutz der Biodiversität und der Wälder vorankommen.“