Neue Gefahr für die Regenwälder: Hydrierter Biosprit (HVO)

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Ölkonzerne produzieren immer mehr hydrierte Pflanzenöle als Beimischung zum Dieselkraftstoff. Der Hauptrohstoff ist Palmöl. Für den angeblich fortschrittlichen Biosprit - so die Werbung - brennen die Regenwälder, um Platz für neue Ölpalmplantagen zu schaffen.

Die Mineralölindustrie muss dem Diesel- und Superkraftstoff Biosprit beimischen, so schreiben es deutsche und EU-Gesetze vor. Palmöl ist dabei der billigste Rohstoff für die Herstellung der Energie vom Acker. 45 Prozent der Palmölimporte gingen 2015 in die Produktion von Biodiesel und sogenannten hydrierten Pflanzenölen - 3,2 Millionen Tonnen pro Jahr mit steigender Tendenz.

Hydrierte Pflanzenöle (Hydrotreated Vegetable Oils - HVO) werden durch eine katalytische Reaktion von Pflanzenölen oder tierischen Fetten mit Wasserstoff (Hydrierung) hergestellt. Als Rohstoff dafür dienen fast ausschließlich Palmöl oder Palmölderivate wie Palm Fatty Acid Destillate (PFAD)

Hinter der Hydrierung von Palmöl steht die Erdölindustrie. Mit dem billigen Palmöl können die Ölkonzerne die gesetzlichen Vorgaben besonders günstig erfüllen und die Konkurrenz - die europäischen Biodieselhersteller - aus dem Geschäft drängen. Letztere erzeugen konventionellen Biodiesel (chemisch Fettsäuremethylester - FAME) vor allem aus teurerem europäischen Rapsöl.

Bis zum Jahr 2020 sollen in Europa HVO-Anlagen mit einer jährlichen Produktionskapazität von 3,9 Millionen Tonnen entstehen, weltweit sind es etwa 6,8 Mio. t. HVO wird in eigens dafür errichteten HVO-Raffinerien als auch in bestehenden Erdölraffinerien erzeugt

Im zweiten Fall werden Pflanzenöle direkt mit Erdöl zusammen in den Raffinerien verarbeitet, was auch als Mitverarbeitung biogener Öle oder CO-Processing bezeichnet wird. Das Resultat ist eine Mischung aus fossilem Diesel und HVO-Biosprit (Co-HVO).

Der Palmölboom der vergangenen Jahre in Europa hängt eng mit der Inbetriebnahme von HVO-Raffinerien und dem zunehmenden Co-Processing durch die Erdölindustrie zusammen. Während in Deuschland HVO-Biosprit aus Co-Processing erst seit 2017 auf die Treibhausgasquote angerechnet werden kann (nach Beschluss des Bundestags vom 27. April 2017), ist dies in Ländern wie Italien, Spanien und Portugal schon seit Jahren der Fall.

Der weltweite Marktführer für hydrierten Biosprit ist der finnische Neste Konzern mit einer Jahreskapazität von 2,4 Millionen Tonnen (in vier Anlagen in Amsterdam, Singapur, Porvoo), gefolgt von der italienischen ENI-Gruppe (in Maghera bei Venedig mit 350.000 t/a und Gela auf Sizilien mit 750.000 t/a). Zahlreiche weitere Firmen wie Total in Frankreich (in La Mede bei Marseille mit 500.000 t/a) sind dabei HVO-Anlagen zu bauen.

Weitere Ölfirmen wie die spanische CEPSA (zu 100% im Besitz einer Holding aus Dubai) und REPSOL, die portugiesische GALP, Preem in Schweden und ConocoPhillips in Irland stellen in bestehenden Erdölraffinerien durch Co-Processing hydrierten Biosprit her. Repsol produziert nach Branchenangaben in seinen Erdölraffinerien in Bilbao und Cartagena jeweils 60.000 t/a HVO-Biosprit, während Konkurrent CEPSA in seiner La Rabida Erdölraffinerie bei Huelva etwa 278.000 t/a HVO-Biosprit erzeugt. Als Rohstoff sollen beide Konzerne Palmöl einsetzen.

Hydrierter Biosprit hat nach Branchenangaben eine sehr hohe Qualität, ist winterfest und kann in beliebiger Konzentration - bis zu 100% - mit fossilem Dieselkraftstoff vermischt werden. Als Rohstoffe für HVO eignen sich Pflanzenöle, Schlachtabfälle, ausgediente Frittierfette usw.. In der Praxis werden zur Produktion von HVO vor allem Palmöl und Palmölderivate eingesetzt.

Außerdem lässt sich mit HVO auch Jetfuel als Kerosinersatz erzeugen. Die EU hat das Ziel, dass die Flugbranche in Europa 2020 jährlich zwei Millionen Tonnen Biosprit - also HVO Jetfuel - verwendet.

Warum investiert die Ölindustrie in HVO Biosprit?

Die auf den Handel mit Rohstoffen aus Abfällen für die Biospritindustrie spezialisierte französische Firma Greenea gibt als Gründe, warum große Ölkonzerne in HVO Biosprit investieren, folgendes an:

HVO Biosprit habe eine höhere Qualität als der in der EU Norm EN14214 festgelegte Standard für Biodiesel. Die hohe Qualität von HVO könne zu 100 Prozent mit den billigsten Rohstoffen wie Palmöl, PFAD oder Schlachtabfällen aus der Fleischindustrie (high FFA animal fat ) erreicht werden. HVO-Sprit sei im Gegensatz zu konventionellem Biodiesel (Fettsäuremethylester - FAME) winterfest und könne sogar unter arktischen Bedingungen und in Flugzeugen als Kerosinersatz verwendet werden. Konventioneller Biodiesel müsse dagegen mindestens zu 50 Prozent hochwertigere und teurere Pflanzenöle wie Raps enthalten, um die EU Norm zu erfüllen. HVO aus Palmöl bildet damit für die Produzenten einen Preis- und Wettbewerbsvorteil.

Zudem hat die Erdölindustrie aufgrund sinkender oder stagnierender Nachfrage mit Überkapazitäten bei den Raffinerien zu kämpfen. Die Umrüstung nicht mehr profitabler Erdölraffinerien in HVO Biospritanlagen vermeidet die Schließung der Werke und erhält Arbeitsplätze.

Weiterhin führt Greenea an, dass die HVO-Hersteller über die Verwendung von Abfällen wie gebrauchten Frittierölen und Tierfetten auf dem Papier die Klimabilanz ihres Kraftstoffes verbessern. Außerdem handele es sich um eine strategische Entscheidung. Da die Lobbyarbeit gegen Palmöl in Europa immer stärker würde, müssten die HVO Hersteller Wege finden, um ihre Produktion als nachhaltig darzustellen.

Kein fortschrittlicher Biosprit

Aufgrund der negativen Auswirkungen von konventionellem Biosprit auf Umwelt, Klima und Mensch, will die EU zukünftig sogenannten fortschrittlichen Biosprit (auch Biosprit der zweiten Generation genannt – advanced biofuel, second generation biofuel) fördern. Dieser soll vor allem aus Ernteresten wie Stroh, Fruchtbüscheln von Ölpalmen und Abwässern der Palmölindustrie, speziellen gezüchteten Algen usw. erzeugt werden.

Die HVO-Produzenten machen bei der EU massiv Druck, dass ihr HVO-Sprit als "fortschrittliche Biokraftstoffe" anerkannt werden. Der Neste Konzern argumentiert auf seinen Webseiten, Palm Fatty Acid Distillate (PFAD) sei ein "Abfall" für die Produktion von seinem "fortschrittlichem" Biosprit (advanced biofuel). Unter der Überschrift „Fortschrittlicher Biosprit – unsere Zukunft schon heute“, schreibt Neste, dass „derzeit mehr als die Hälfte der Rohstoffe (für Biosprit) Abfälle und Reste wie Tierfette oder Palm Fatty Acid Distillate (PFAD) seien“.