Neue Gefahr für die Regenwälder: Hydrierter Biokraftstoff (HVO)

Ölkonzerne produzieren immer mehr hydrierte Pflanzenöle als Beimischung zum Dieselkraftstoff. Der Hauptrohstoff ist Palmöl. Für den angeblich fortschrittlichen Biosprit - so die Werbung - brennen die Regenwälder, um Platz für neue Ölpalmplantagen zu schaffen.

Die europäische Mineralölindustrie muss dem Diesel- und Superkraftstoff Biokraftstoff beimischen, so schreiben es deutsche und EU-Gesetze vor. Zur Erfüllung der festgelegten Ziele haben beide eine Reihe von verschiedenen Rohstoffen zugelassen. Palmöl ist dabei der billigste Rohstoff für die Herstellung der Energie vom Acker. 4,7 Millionen Tonnen (2020) Palmöl und Palmölprodukte - 58 % der Palmölimporte (2020) der EU, gehen für die Produktion von Biodiesel (Fatty Acid Methyl Ether - FAME) und Biokraftstoff aus hydrierten Pflanzenölen.

Hydrierter Biokraftstoff (auch hydrierte Pflanzenöle, engl. Hydrotreated Vegetable Oils - HVO) wird durch eine katalytische Reaktion von Pflanzenölen oder tierischen Fetten mit Wasserstoff (Hydrierung) hergestellt. Als Rohstoff dafür dienen vor allem Palmöl sowie Derivate und Abfallstoffe aus Palmöl wie Palm Fatty Acid Destillate (PFAD), Palm Oil Mill Effluent (POME), gebrauchte Frittieröle (Used Cooking Oils - UCO) sowie Schlachtabfälle aus der Fleischindustrie. Die Frittieröle werden vor allem aus Asien importiert werden und haben ebenfalls einen hohen Palmölanteil. 

Hydrierter Biokraftstoff hat nach Branchenangaben eine sehr hohe Qualität, ist winterfest und kann in beliebiger Konzentration - bis zu 100% - mit fossilem Dieselkraftstoff vermischt werden. Außerdem lässt sich mit HVO auch Jetfuel als Kerosinersatz erzeugen. Die EU hat das Ziel, dass die Flugbranche in Europa ab 2020 jährlich zwei Millionen Tonnen Biosprit - also HVO Jetfuel - verwendet. Auf der anderen Seite ist die Produktion von HVO weniger effizient als die von Biodiesel. So können aus einer Tonne Pflanzenöl ca. 0,98 t Biodiesel aber nur 0,82 t HVO erzeugt werden. Es besteht also ein um fast 20 % höherer Rohstoffbedarf.

In Deutschland ist Palmöl mit 827.000 t (2020) der mit Abstand wichtigste Rohstoff für die Produktion von HVO und Co-HVO. Daneben wurden 272.000 t (2020) Abfall und Reststoffe für die Herstellung von HVO verwendet (Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung).

Hinter der Hydrierung von Palmöl steht die Erdölindustrie. Mit dem billigen Palmöl können die Ölkonzerne die gesetzlichen Vorgaben besonders günstig erfüllen und die Konkurrenz - die europäischen Biodieselhersteller - aus dem Geschäft drängen. Letztere erzeugen konventionellen Biodiesel (chemisch Fettsäuremethylester - FAME) vor allem aus teurerem europäischen Rapsöl.

Aktuell liegt die jährliche Produktionskapazität der HVO-Anlagen in der EU bei 5,1 Millionen Tonnen, doch bis 2025 sollen sich die Kapazitäten verdoppeln. HVO wird in eigens dafür errichteten HVO-Raffinerien als auch in bestehenden Erdölraffinerien erzeugt. Im zweiten Fall werden Pflanzenöle direkt mit Erdöl zusammen in den Raffinerien verarbeitet, was auch als Mitverarbeitung biogener Öle oder CO-Processing bezeichnet wird. Das Resultat ist eine fertige Mischung aus fossilem Diesel und HVO-Biosprit (Co-HVO).

Der Palmölboom der vergangenen Jahre in Europa hängt eng mit der Inbetriebnahme von HVO-Raffinerien und dem zunehmenden Co-Processing durch die Erdölindustrie zusammen. Während in Deuschland HVO-Biosprit aus Co-Processing erst seit 2017 auf die Treibhausgasquote angerechnet werden kann (nach Beschluss des Bundestags vom 27. April 2017), ist dies in Ländern wie Italien, Spanien und Portugal schon seit vielen Jahren der Fall.

Der weltweite Marktführer für hydrierten Biosprit ist der finnische Neste Konzern mit einer Jahreskapazität von 2,4 Millionen Tonnen (in vier Anlagen in Rotterdam 1 Mio. t/a, Singapur 1 Mio. t/a, Porvoo 0,5 Mio. t/a), gefolgt von der italienischen ENI-Gruppe (in Maghera bei Venedig mit 350.000 t/a und Gela auf Sizilien mit 750.000 t/a). In Frankreich hat der Ölkonzern Total seine Raffinerie in La Mede bei Marseille auf die Produktion von 650.000 t/a HVO umgerüstet. Die erste Lieferung von 50.000 t Palmöl aus Südostasien wurde dort im März 2019 angeliefert.

Weitere Ölfirmen wie die spanische CEPSA (zu 100% im Besitz einer staatlichen Holding aus Dubai) und REPSOL, die portugiesische GALP, PREEM in Schweden und ConocoPhillips in Irland stellen in bestehenden Erdölraffinerien durch Co-Processing hydrierten Biosprit her. Repsol hat in seinen Erdölraffinerien in Bilbao, Tarragona, A Coruña und Ciudad Real eine Produktionskapazität von insgesamt ca. 360.000 t/a HVO, während Konkurrent CEPSA in seinen Erdölraffinerien La Rabida bei Huelva und Cádiz etwa 210.000 t/a HVO erzeugen kann. Als Rohstoff sollen beide Konzerne Palmöl einsetzen. In Schweden soll der Konzern Preem eine HVO-Kapazität von ca. 700.000 t/a in seinen Raffinerien in Göteburg und Lysekil haben (Daten von Transport & Environment).

Warum investiert die Ölindustrie in HVO Biosprit?

Die auf den Handel mit Rohstoffen aus Abfällen für die Biospritindustrie spezialisierte französische Firma Greenea gibt als Gründe, warum große Ölkonzerne in HVO Biosprit investieren, folgendes an:

HVO Biosprit habe eine höhere Qualität als der in der EU Norm EN14214 festgelegte Standard für Biodiesel. Die hohe Qualität von HVO könne zu 100 Prozent mit den billigsten Rohstoffen wie Palmöl, PFAD oder Schlachtabfällen aus der Fleischindustrie (high FFA animal fat) erreicht werden. HVO-Sprit sei im Gegensatz zu konventionellem Biodiesel (Fettsäuremethylester - FAME) winterfest und könne sogar unter arktischen Bedingungen und in Flugzeugen als Kerosinersatz verwendet werden. Konventioneller Biodiesel müsse dagegen mindestens zu 50 Prozent hochwertigere und teurere Pflanzenöle wie Raps enthalten, um die EU Norm zu erfüllen. HVO aus Palmöl bildet damit für die Produzenten einen Preis- und Wettbewerbsvorteil.

Zudem hat die Erdölindustrie aufgrund sinkender oder stagnierender Nachfrage mit Überkapazitäten bei den Raffinerien zu kämpfen. Die Umrüstung nicht mehr profitabler Erdölraffinerien in HVO Biospritanlagen vermeidet die Schließung der Werke und erhält Arbeitsplätze.

Weiterhin führt Greenea an, dass die HVO-Hersteller über die Verwendung von Abfällen wie gebrauchten Frittierölen und Tierfetten auf dem Papier die Klimabilanz ihres Kraftstoffes verbessern. Außerdem handele es sich um eine strategische Entscheidung. Da die Lobbyarbeit gegen Palmöl in Europa immer stärker würde, müssten die HVO Hersteller Wege finden, um ihre Produktion als nachhaltig darzustellen.

Kein fortschrittlicher Biosprit

Aufgrund der negativen Auswirkungen von konventionellem Biosprit auf Umwelt, Klima und Mensch, fördert die EU sogenannten fortschrittlichen Biosprit (auch Biosprit der zweiten Generation genannt – advanced biofuel, second generation biofuel). Dieser soll vor allem aus zellulosehaltigen Ernteresten wie Stroh und Holzabfällen, Fruchtbüscheln von Ölpalmen, speziellen gezüchteten Algen usw. erzeugt werden.

Allerdings sind die Produktionsverfahren sehr kompliziert und teuer. Die EU hat deshalb eine Mehrfachanrechnung für fortschrittlichen Biokraftstoff eingeführt, um auf dem Papier die Beimischungsziele zu erreichen und den Herstellern üppige Subventionen zukommen zu lassen.

Aufgrund von technischen Problemen und hohen Kosten ist die deutsche Firma Choren, ein Joint-Venture von VW, Daimler und Shell, 2011 in Konkurs gegangen - trotz über 30 Millionen Fördergeldern der Bundesregierung. Choren wollte in Sachsen aus Holz "Sundiesel", den "Sprit der Zukunft" im großen Stil produzieren. Die damalige Bundeskanzlerin Merkel bezeichnete das Projekt bei der feierlichen Einweihung als "ein eindrucksvolles Beispiel für die Innovations- und die Leistungskraft deutscher Ingenieurkunst" und ein "Schmuckstück".

Die HVO-Produzenten machen bei der EU massiv Druck, dass ihr HVO-Sprit als "fortschrittliche Biokraftstoffe" anerkannt werden. Der Neste Konzern argumentiert auf seinen Webseiten, Palm Fatty Acid Distillate (PFAD) sei ein "Abfall" für die Produktion von seinem "fortschrittlichem" Biosprit (advanced biofuel). Unter der Überschrift „Fortschrittlicher Biosprit – unsere Zukunft schon heute“, schreibt Neste, dass „derzeit mehr als die Hälfte der Rohstoffe (für Biosprit) Abfälle und Reste wie Tierfette oder Palm Fatty Acid Distillate (PFAD) seien“.

(letzte Aktualisierung 29.3.2022)


  1. Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und ErnährungBundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Dez. 2021. Evaluations- und Erfahrungsbericht für das Jahr 2020
    Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung
    https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/Klima-Energie/Nachhaltige-Biomasseherstellung/Evaluationsbericht_2020.pdf?__blob=publicationFile&v=3
    Dezember 2021
    (…)
    Seite 87, Tabelle 16 Biokraftstoffe in kt - Ausgangsstoffe
    Palmöl 2020:
    FAME (Biodiesel) 594.000 t
    HVO 795.000 t
    CP-HVO 32.000 t
    Mit in der Summe 1.721.000 t war Palmöl mengenmäßig der mit Abstand am häufigsten verwendete Rohstoff für die Produktion des in Deutschland 2020 im Verkehrsbereich verbrauchten Biodiesel und HVO.

    Abfall/Reststoff 2020 (diese enthalten große Mengen an Palmölresten wie PFAD, POME, UCO)
    FAME 882.000 t
    HVO 212.000 t
    CO-HVO 60.000 t
    SUMME 1.154.000 t

    DBFZ Deutsches Biomasseforschungszentrum vom 21.1.2022:
    Schröder, J.; Naumann, K. (Hrsg.) (2022): Monitoring erneuerbarer Energien im Verkehr. Leipzig: DBFZ. 340 S. ISBN: 978-3-946629-82-5. DOI: 10.48480/19nz-0322
    https://www.dbfz.de/fileadmin//user_upload/Referenzen/DBFZ_Reports/DBFZ_Report_44_DE.pdf
    Seite 3:
    (…)
    Auch bei der Produktion von FAME und HVO-Diesel kommen überwiegend Hauptprodukte wie Raps-, Soja- oder Palmöl zum Einsatz, neben denen bereits 20 % der Ressourcen auf Altspeisefette (UCO) sowie zunehmend auch weitere alternative Ressourcen wie Tallöl oder Reststoffe der Palmölproduktion entfällt.(…)
    Seite 115
    Für in Deutschland im Jahr 2020 eingesetztes FAME und HVO-Diesel wurden etwa 3,6 Mio. t biogene Öle und Fette zur Herstellung von 2,4 Mio. t FAME und 1,0 Mio. t HVO-Diesel eingesetzt. Der Anteil der für FAME und HVO-Diesel verwendeten Ressourcen lag bei 41 % Palmöl, 32 % Altspeiseölen und -fetten (UCO) und sonstigen Abfallfetten, 22 % Rapsöl, 3 % Sonnenblumenöl, 2 % Sojaöl und 0,1 % Öl aus Äthiopischem Senf (eigene Berechnung auf Basis von [BLE (2021d)]).
    (…)
    Weltweit entfiel der größte Anteil der Rohstoffbasis im Jahr 2020 auf Palmöl (31 %), gefolgt von Sojaöl (25%), UCO (21%), Raps (16%), Sonnenblumenöl (1%) und sonstigen Ölen (6%), siehe auch Abbildung A-8. [IHS Markit (2018)-(2020)]

  2. Transport & Environment

    Transport&Environment (Juli 2021). 10 years of EU fuels policy increased EU’s reliance on unsustainable biofuels: https://www.transportenvironment.org/wp-content/uploads/2021/08/Biofuels-briefing-072021.pdf

  3. Firma GreeneaGreenea (11.12.2014). Is HVO the Holy Grail of the world biodiesel market?: http://www.greenea.com/publication/is-hvo-the-holy-grail-of-the-world-biodiesel-market/

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter

Bleiben Sie mit unserem Newsletter am Ball – für den Schutz des Regenwaldes!