Von nachhaltig keine Spur: Schwindel mit zertifiziertem Palmöl aus Brasilien

Zwei Frauen hinter einem hohen Gittertor werden von einem Wachmann kontrolliert. Aufschrift auf Firmenschild: Agropalma. Kontrolle des Zugangs zum Friedhof Nossa Senhora da Batalha. Privatbesitz Selbst um auf ihren Friedhof zu gehen, muss die lokale Bevölkerung Zäune und Wachposten von Agropalma überwinden. (© Avispa Mídia)

27.03.2024

Internationale Lebensmittelkonzerrne wie Danone, Ferrero und Kellogg’s rechtfertigen ihren Verbrauch von Palmöl mit dem Nachhaltigkeitslabel RSPO. Doch die gravierenden Landkonflikte und die anhaltende Gewalt beim zertifizierten Agropalma-Konzern im Amazonasregenwald von Brasilien zeigen, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der Agropalma-Konzern, der sich auf seiner Webseite als „größter Produzent von nachhaltigem Palmöl in Lateinamerika“ bezeichnet und mit dem Leitspruch „Wir bringen unsere Produkte und unseren Respekt für Natur und Menschen in die Welt“ wirbt, hat erneut das Siegel des Vereins „Runder Tisch für Nachhaltiges Palmöl" (auf Englisch abgekürzt RSPO) verloren.

Der RSPO bestätigt, dass die Zertifizierung von Agropalma ab Dezember 2023 nach einer jährlichen Überwachungsbewertung durch die Zertifizierungsstelle SCS Global Services (SCS) ausgesetzt wurde“, hat uns das RSPO-Sekretariat nach einer erneuten Anfrage per Email am 20. März 2024 geantwortet.

Die Suspendierung des Siegels hat nach der Antwort von RSPO offenbar mit „Anschuldigungen gegen Agropalma im Zusammenhang mit Verletzungen von Landrechten, Gewohnheitsrechten und Wasserverschmutzung durch Abwässer“ zu tun.

Seit mehreren Jahren denunzieren Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen die von Agropalma verursachten Landkonflikte und die Gewalt gegen die lokale Bevölkerung im Amazonasregenwald des brasilianischen Bundesstaates Pará. Mehrere Zehntausend Hektar Land von Agropalma wurden von lokalen Gerichten mittlerweile als unrechtmäßig annulliert.

Rettet den Regenwald hat dazu Ende 2022 die Petition „Biologisch? Nachhaltig? Fair? Die Wahrheit über Palmöl aus Brasilien“ gestartet, an der bereits 77.000 Menschen teilgenommen haben. Außerdem hat der Verein die Antworten der Zertifizierer von Agropalma und der Kunden des Palmöls ausgewertet.

Über 20 bekannte internationale Lebensmittelhersteller – darunter Alnatura, Danone, Ferrero (Nutella), Kellogg's, Mars, Mondelez (Oreo), Nestlé, PepsiCo, Unilever (Langnese) und Upfield (Rama) – kaufen zertifiziertes Palmöl von Agropalma.

Sumpf von Inkompetenz oder Korruption?

SCS ist eine vom Nachhaltigkeitslabel RSPO akkreditierte Firma aus den USA, die der Palmölindustrie und deren Kunden Zertifikate für angeblich nachhaltig produziertes Palmöl ausstellt. Doch nicht nur bei Agropalma hat es offenbar schwere Verstöße gegeben, auch bei dessen vorherigen Zertifizierer, der brasilianischen Firma IBD.

Wie Rettet den Regenwald bereits 2023 berichtet hat, haben die Zustände bei Agropalma auch IBD in die Kritik gebracht. Jedenfalls wurde wegen offensichtlicher Unregelmäßigkeiten zwischen Juni 2022 und Februar 2023 auch der Zertifizierer IBD von seiner Tätigkeit für RSPO suspendiert. Dies erfolgte durch die Organisation Assurance Services International (ASI) mit Sitz in Bonn, die die Arbeit von Zertifizierungsunternehmen überwacht.

Kaum wieder eingesetzt, hatte IBD dann aufgrund des öffentlichem Drucks noch im Februar 2023 die RSPO-Zertifizierung der Ölpalm-Plantagen von Agropalma ausgesetzt. Warum IBD dann einige Monate später im Juni 2023 die Suspendierung der Palmöl-Plantagen wieder aufhob, wurde nicht mitgeteilt und blieb völlig unklar.

Das gesamte Zertifizierungssystem von RSPO ist total intransparent

Doch laut der RSPO-Antwort waren die Untersuchungen von ASI bei IBD anscheinend noch nicht beendet. „ASI hat die Vorwürfe gegen IBD bestätigt und mehrere Mängel festgestellt, die von IBD behoben werden müssen“. IBD konnte das offenbar nicht leisten, weshalb laut RSPO-Antwort „ASI am 14. August 2023 dem Zertifizierer IBD die Berechtigung entzogen hat, Zertifizierungen für RSPO durchzuführen“.

Die Vorwürfe gegen die nun wieder zertifizierten Ölpalm-Plantagen von Agropalma gingen weiter und die gewaltsamen Konflikte verschärften sich noch. Im November 2023 wurde eine Gruppe von Indigenen auf einer Plantage von Agropalma durch Wachpersonal des Unternehmens – so die Berichte – beschossen. Ein Indigener Turiwara starb dabei und zwei begleitende Personen wurden verletzt, wobei weitere schwere Vorwürfe gegen den Palmölkonzern erhoben wurden, wie unterlassene Hilfeleistung, Freiheitsberaubung, Raub und Zerstörung von Privateigentum.

In der Zwischenzeit hat sich Agropalma einen neuen Zertifizierer gesucht, die bereits eingangs angeführte Firma SCS aus den USA. Auf seiner Webseite listet RSPO aktuell 26 zugelassene Zertifizierer auf, darunter weiterhin auch IBD. Und SCS hat Agropalma im Dezember 2023 erneut die RSPO-Zertifizierung für die Ölpalm-Plantagen ausgesetzt.

Agropalma kann auch weiterhin RSPO-zertifiziertes Palmöl verkaufen

Allerdings gilt die Aussetzung des RSPO-Labels offenbar nur für die 39.000 Hektar Ölplam-Plantagen von Agropalma. Diese wurden übrigens nach Angaben von Agropalma zwischen 1982 bis 2002 in den Amazonas-Regenwald im Bundesstaat Pará geschlagen. Warum derartig geschaffene Monokulturen überhaupt das Label erlangen können, ist eines der vielen Geheimnisse von RSPO.

Damit nicht genug: In der Datenbank des RSPO-Vereins und auf der Webseite von Agropalma sind weiterhin sechs gültige, im Oktober 2023 ausgestellte RSPO-Zertifikate zu finden, die eine Laufzeit bis Oktober 2026 bzw. 2028 haben. Diese gelten demnach für die sogenannte Produktkette (Supply chain). Sie erlaubt es Agropalma weiterhin, zertifiziertes Palmöl zu lagern, zu verarbeiten, zu verkaufen oder damit zu handeln.

Was das für die Kunden von Agropalma bedeutet, ist unklar. Weitere Nachfragen von Rettet den Regenwald an RSPO und den Zertifzierer SCS blieben unbeantwortet. Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt – darunter auch Rettet den Regenwald e.V. - lehnen das RSPO-Label seit vielen Jahren als Ettikettenschwindel und Greenwashing ab.

Rettet den Regenwald war im August 2023 vor Ort im Gebiet der Ölpalm-Plantagen und Ölmühlen von Agropalma im Bundesstaat Pará und hat mit den betroffenen Menschen Unterstützung und Zusammenarbeit vereinbart. Sehr wichtig war ihnen auch, dass wir über die Situation vor Ort und die Machenschaften der Palmölindustrie und deren Kunden international berichten.


  1. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Global Witness, 9-2022. AMAZON PALM: Major international brands sourcing palm oil from Brazilian plantations linked to violence, torture and land fraud: https://www.globalwitness.org/documents/20418/Amazon_palm_-_September_2022.pdf

    WRM, 26-2-2024. The struggle for land in the Brazilian Amazon region against palm oil and mining corporations: https://www.wrm.org.uy/bulletin-articles/the-struggle-for-land-in-the-brazilian-amazon-region-against-palm-oil-and-mining-corporations

  2. Antworten der Zertifizierer von Agropalma und der Kunden des Palmöls ausgewertet Rettet den Regenwald e.V., 11.5.2023. Antworten auf unsere Petition zu zertifiziertem Palmöl aus Brasilien: https://www.regenwald.org/news/11497/antworten-auf-unsere-petition-zu-zertifiziertem-palmoel-aus-brasilien

    Rettet den Regenwald e.B., 31.3.2023. Zertifiziertes Palmöl von Agropalma: Siegel in der Kritik: https://www.regenwald.org/news/11352/zertifiziertes-palmoel-von-agropalma-siegel-in-der-kritik

  3. Rettet den Regenwald bereits 2023 berichtet hat Rettet den Regenwald e.B., 31.3.2023. Zertifiziertes Palmöl von Agropalma: Siegel in der Kritik: https://www.regenwald.org/news/11352/zertifiziertes-palmoel-von-agropalma-siegel-in-der-kritik

  4. Agropalma ausgesetzt Rettet den Regenwald e.V., 3.3.2023. Brasilien: RSPO-Zertifikat für Ölpalmplantagen von Agropalma ausgesetzt: https://www.regenwald.org/news/11270/brasilien-rspo-zertifikat-fuer-oelpalmplantagen-von-agropalma-ausgesetzt

  5. beschossen Rettet den Regenwald e.V., 21.11.2023. Brasilien: Wachleute des Palmölkonzerns Agropalma erschießen Indigenen: https://www.regenwald.org/news/11819/brasilien-wachleute-des-palmoelkonzerns-agropalma-erschiessen-indigenen

  6. Webseite listet RSPO aktuell 26 zugelassene Zertifizierer auf RSPO, Webseite besucht am 27.3.2024. CERTIFICATION BODIES. All RSPO certification bodies (CBs) are accredited by the Assurance Services International (ASI): https://rspo.org/as-an-organisation/certification/certification-bodies/

  7. Datenbank des RSPO-Vereins RSPO, Webseite besucht am 20.3.2024. SUPPLY CHAIN CERTIFICATE HOLDERS. Stichwort Agropalma, Land Brazil: https://rspo.org/search-members/supply-chain-certificate-holders/

  8. vielen Jahren als Ettikettenschwindel und Greenwashing abRettet den Regenwald e.V., 11.12.2022. Palmöl-Label RSPO: 19 Jahre Täuschung sind genug!: https://www.regenwald.org/news/11092/palmoel-label-rspo-19-jahre-taeuschung-sind-genug

    Internationale Erklärung gegen den "Etikettenschwindel" des Runden Tisches zu nachhaltigem Palmöl (RSPO), 2008: https://www.regenwald.org/files/de/10-08-DEUTSCH-RSPO.pdf

Diese Seite ist in folgenden Sprachen verfügbar:

Bestellen Sie jetzt unseren Newsletter

Bleiben Sie mit unserem Newsletter am Ball – für den Schutz des Regenwaldes!