Mob aus 200 Großgrundbesitzern und Polizisten erschießt Führerin der Pataxó

Eine Teilnehmerin der Trauerfeier umarmt Maria Muniz Tupinambá, die Schwester der erschossenen indigenen Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) © Teia dos Povos Joelson von der RdR-Partnerorganisation Teia dos Povos umarmt Maria Muniz Tupinambá, die Schwester der erschossenen indigenen Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) Joelson von unserer Partnerorganisation Teia dos Povos umarmt die Schwester der erschossenen indigenen Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) (© Teia dos Povos) Maria Muniz Tupinambá, die Schwester der erschossenen indigenen Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) auf der Trauerfeier Die Schwester der getöteten indigenen Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) während der Trauerfeier (© Teia dos Povos) Erinnerungsposter für die getötete Pataxó-Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) mit Aufschrift Gedenkposter der getöteten Pataxó-Führerin Maria de Fátima Muniz Pataxó ("Nega") (© Teia dos Povos)

25.01.2024

Die Gewalt gegen die Ureinwohner in Brasilien eskaliert weiter. Am Sonntag haben sich 200 Großgrundbesitzer und Polizisten einer Miliz per WhatsApp zu einem bewaffneten Überfall auf indigene Pataxó verabredet. Eine ihrer Führerinnen wurde erschossen und ihr Bruder durch Schüsse schwer verletzt. Der Hintergrund der Gewalt sind Konflikte um Land und die Ausbeutung der Ressourcen.

Großgrundbesitzer einer selbsternannten Bewegung „Invasão Zero“ („Null Invasion“) haben am vergangenen Sonntag (21. Januar) in Begleitung von Militärpolizisten und bewaffneten Männern Indigene vom Volk der Pataxó Hã-Hã-Hãe im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia überfallen, berichtet unsere Partnerorganisation Teia dos Povos („Netzwerk der Völker“) aus Brasilien über Instagram. Die Pataxó sind Mitglieder des Netzwerks.

Bei dem Angriff auf das Indigene Territorium Caramuru-Catarina Paraguassu wurde die Schamanin Maria de Fátima Muniz Pataxó („Nega“) erschossen. Ihr Bruder Nailton Pataxó, einer der ältesten und angesehensten indigenen Führer Bahias, erlitt Teia dos Povos zufolge schwere Schussverletzungen an Bein und Hüfte und wurde erst Stunden später in ein Krankenhaus gebracht und operiert.

Weitere Indigene wurden bei der Attacke im Bezirk Potiraguá verletzt, ihre Fahrzeuge in Brand gesteckt, Mobiltelefone zerstört und Essenvorräte vernichtet, schreiben unsere Partner von Avispa Midia.

Aufruf zum Überfall per WhatsApp

200 Großgrundbesitzer sollen sich laut dem Indigenen-Ministerium über einen Aufruf in dem sozialen Medium WhatsApp verabredet haben, um ein Landgut zurückzuerobern. Als Treffpunkt diente demnach eine Brücke über den Fluss Rio Pardo, von wo der Mob mit Dutzenden Geländewagen startete und das Gebiet einkreiste.

Der Angriff soll eine Reaktion auf eine Klage der indigenen Bevölkerung sein, die das Land beansprucht. Es sei ihnen bereits gerichtlich zugesprochen worden, führt Teia dos Povos an. Ein Demarkationsverfahren wurde allerdings von der Indigenen-Behörde FUNAI noch nicht eingeleitet.

Nach Angaben der Indigenen sind alle Zugänge in die Region blockiert: "Alles wird von der Militärpolizei zusammen mit Milizien und Bewaffneten blockiert", zitiert Teia dos Povos die Pataxó. "Die Militärpolizei, die vorgab, zu vermitteln, habe den Großgrundbesitzern den Weg geebnet, um Menschen aus dem Pataxó-Volk anzugreifen. Die Großgrundbesitzer schossen auf die Indigenen in Anwesenheit, mit Zustimmung und späterer Beteiligung der Militärpolizei von Bahia".

Polizistenmiliz am Überfall beteiligt

Die Bundesstaatsanwaltschaft und die lokalen Staatsanwaltschaften in Bahia erklärten, dass bereits bei der Ermordung von drei indigenen Jugendlichen 2022 eine bewaffnete Miliz aus Militärpolizisten beteiligt war. Aufgrund der Verwicklung von Polizeibeamten in den Überfall versucht die brasilianische Regierung offenbar, die nationalen Streitkräfte in die Region zu verlegen.

Zwei Großgrundbesitzer sollen Medienberichten zufolge wegen "homicídio", also Totschlag oder Mord, verhaftet worden sein. Nach Angaben eines ermittelnden Sachverständigen der Zivilpolizei von Itapetinga soll der tödliche Schuss aus der Waffe des Sohnes eines Großgrundbesitzer stammen.

Vor einem Monat, am 21. Dezember letzten Jahres, wurde der Führer des Volkes der Pataxó Hã-Hã-Hãe, Lucas Santos Oliveira, in einem Hinterhalt getötet worden, als er mit seinem Sohn in das indigene Land Caramuru-Catarina Paraguassu zurückkehrte. Zwischen 2012 und 2022 wurden laut der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft in Bahia insgesamt 51 indigene Pataxó ermordet.

Brasiliens Präsident Lula da Silva brachte in einer Rede seine Solidarität mit den Angehörigen der ermordeten indigenen Frau zum Ausdruck und erklärte, dass die Bundesregierung zur Verfügung stünde, um dem Gouverneur von Bahia und den indigenen Völkern zu helfen, eine friedliche Lösung zu finden.

Die Indigenen-Ministerin Sonia Guajajara reiste am Montag nach Bahia, um Solidarität zu zeigen und das indigene Volk der Pataxó Hã-Hã-Hãe bei der Totenwache von Nega Pataxó zu begleiten. Zudem habe sie im Krankenhaus mit dem verletzten Indigenen-Führer Nailton und anderen Indigenen gesprochen.

Gesetzgebung hebelt Landrechte der Indigenen aus

 

Die Vereinigung der indigenen Völker Brasiliens (APIB) verurteilte in einer Erklärung die bewaffnete Aggression und betonte, wie wichtig es sei, die Demarkation indigener Gebiete zu gewährleisten, um die wachsenden Landkonflikte in Brasilien zu lösen. Die APIB beklagt die weiter zunehmende Gewalt durch Großgrundbesitzer und Agrarlobbyisten, die unter anderem behaupten, dass „falsche Indigene“ Land beanspruchen würden.

Die Indigenen-Vereinigung und der Indigene Missionsrat CIMI verweisen dabei auf das im Dezember vom brasilianischen Kongress verabschiedeten Bundesgesetz 14.701/2023: Es habe Großgrundbesitzern, Geschäftsleuten und Politikern noch mehr Antrieb gegeben, indigene Gemeinden anzugreifen und zu versuchen, Familien von ihrem traditionellen Land gewaltsam zu vertreiben", so CIMI.

Brasiliens Präsident Lula da Silva hatte die unter dem Namen „Marco temporal“ bekannte Gesetzesinitiative mit seinem Veto blockiert, weil sie den Schutz der territorialen Rechte der indigenen Völker unterwandere. Doch im Dezember hat der brasilianische Kongress, in dem Lobbyisten aus dem Agrarsektor und der Industrie die Mehrheit haben, sein Veto überstimmt und die Gesetzesinitiative gesetzlich in Kraft gesetzt.

Die Indigenen bezeichnen sie als „Genozid-Gesetz“. Nun hat die APIB vor dem Bundesgerichtshof die Aufhebung des Gesetzes wegen Verfassungswidrigkeit und Verstoßes gegen die Rechte der indigenen Völker beantragt.


  1. Caramuru-Catarina Paraguassu Terras Indigenas no Brasil/ISA, 2024. Terra Indígena Caramuru / Paraguassu: https://terrasindigenas.org.br/pt-br/terras-indigenas/3791

  2. Avispa MidiaAvispa Midia, 23.1.204. TERRORISMO DE ESTADO. Ataque de terratenientes y paramilitares cobra la vida de indígena Pataxó en Bahía: https://avispa.org/ataque-de-terratenientes-y-paramilitares-cobra-la-vida-de-indigena-en-bahia/

  3. zurückzuerobern.

    Ministerio dos Povos In dígenas, 21.1.2024. NOTA OFICIAL. Indígena do povo Pataxó Hã Hã Hãe assassinada em retomada no sul da Bahia: https://www.gov.br/povosindigenas/pt-br/assuntos/notas-oficiais/2024/01/indigena-do-povo-pataxo-ha-ha-hae-assassinada-em-retomada-no-sul-da-bahia

    Metro.com, 23.1.2024. Ação com cerca de 200 fazendeiros que resultou na morte de indígena na Bahia foi planejada pelo WhatsApp: https://www.metro1.com.br/noticias/bahia/145440,acao-com-cerca-de-200-fazendeiros-que-resultou-na-morte-de-indigena-na-bahia-foi-planejada-pelo-whatsapp

  4. Rio Pardo

    Ponte do Rio Pardo der Landstraße BA 270, Koordinaten -15.519782246348404, -39.875089826184144)

  5. beteiligt war

    Ministério Público Federal, 22.2.204. DPU, DPE-BA e MPF manifestam preocupação com ataques aos povos indígenas na Bahia: https://www.mpf.mp.br/ba/sala-de-imprensa/noticias-ba/dpu-dpe-ba-e-mpf-manifestam-preocupacao-com-ataques-aos-povos-indigenas-na-bahia

  6. verhaftet worden sein

    Estadao.com, 23.1.2024. Fazendeiros são presos após morte de indígena a tiros na Bahia: https://www.estadao.com.br/brasil/fazendeiros-sao-presos-apos-morte-de-indigena-a-tiros-na-bahia/

  7. stammen

    Nexo Jornal, 22.1.2024. Arma de filho de fazendeiro matou indígena na Bahia: https://www.nexojornal.com.br/extra/2024/01/24/arma-de-filho-de-fazendeiro-matou-indigena-na-bahia

  8. zurückkehrteConselho Indigenista Missionário (CIMI), 22.1.24. Em 2024, violência contra os povos indígenas persiste no Sul e Extremo Sul da Bahia: https://cimi.org.br/2024/01/em-2024-violencia-contra-os-povos-indigenas-persiste-no-sul-e-extremo-sul-da-bahia/

  9. ermordetProcuradoria-Geral da República, 23.1.204. NOTA PÚBLICA n.o 1/2024 - 6aCCR/MPF. Ref.: Violência praticada contra o povo Indígena Pataxó Hã Hã Hãe no município de Potiraguá, sul da Bahia: https://www.mpf.mp.br/pgr/arquivos/2024/nota-publica-6ccr-pataxo-ha-ha-hae/at_download/file

  10. zu finden

    Estadao.com, 23.1.2024. Lula diz que governo quer achar 'solução pacífica' para conflito de terra após morte de indígena: https://www.estadao.com.br/politica/lula-diz-que-governo-quer-achar-solucao-pacifica-para-conflito-de-terra-apos-morte-de-indigena/

  11. würden

    Articulación de los Pueblos Indígenas de Brasil – APIB, 21.1.2024. Pajé do povo Pataxó Hã-hã-hãe é assassinada durante ataque de fazendeiros e PMs à retomada na Bahia: https://apiboficial.org/2024/01/22/paje-do-povo-pataxo-ha-ha-hae-e-assassinada-durante-ataque-de-fazendeiros-e-pms-a-retomada-na-bahia/

  12. so CIMI

    Conselho Indigenista Missionário (CIMI), 22.1.2024. Em 2024, violência contra os povos indígenas persiste no Sul e Extremo Sul da Bahia: https://cimi.org.br/2024/01/em-2024-violencia-contra-os-povos-indigenas-persiste-no-sul-e-extremo-sul-da-bahia/

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