Brasilien: Aus lebensfeindlichen Holzplantagen wird wieder fruchtbares Land
Brasilien: Die Papier- und Zellstoffindustrie in Brasilien belegt enorme Landflächen mit Eukalyptus-Plantagen. Wir haben die Siedlung Baixa Verde im brasilianischen Bundesstaat Bahia besucht. Sie wurde von den Einwohnern und Mitgliedern der Bewegung MLT auf Land dem errichtet, das die Veracel-Gruppe sich unrechtmäßig angeeignet hatte. Nun produzieren sie dort Lebensmittel und pflanzen Regenwald-Bäume.
Ende Oktober 2025 haben drei Mitarbeiter von Rettet den Regenwald die Siedlung Baixa Verde im brasilianischen Bundesstaat Bahia besucht. Über 60 Kleinbauern des Movimento de Luta pela Terra (MLT) ringen dort seit 18 Jahren mit dem Zellstoff- und Papierkonzern Veracel und dem brasilianischen Staat. Es geht um die Anerkennung von über 1.300 Hektar Land.
Veracel, ein Joint Venture der finnisch-schwedischen Stora-Enso-Gruppe und der brasilianischen Suzano-Gruppe, betreibt im Bundesstaat Bahia auf insgesamt fast 1.000 Quadratkilometern industrielle Eukalyptus-Monokulturen. Das Unternehmen hatte sich staatliche Landflächen offensichtlich unrechtmäßig angeeignet, wie Unterlagen in öffentlichen Archiven und eine Kommission des Bundesstaates Bahia bestätigt haben. Zusätzlich wurden in einem Verfahren die Grundstücke als öffentliches Eigentum anerkannt.
Der Landkonflikt ist seit fast 20 Jahren nicht gelöst
2008 zogen die Kleinbauern zum ersten Mal auf das Land. Sie begannen auf den wenigen Flächen, die nicht mit Eukalyptus-Monokulturen bedeckt waren, Grundnahrungsmittel anzubauen. Gleichzeitig forderten sie den Staat und das Unternehmen auf, die Eukalyptus-Plantagen zu entfernen, um die Umwelt zu sanieren und die Produktion von Lebensmitteln zu ermöglichen.
Veracel reichte eine Klage gegen die Landbesetzung ein, und die staatlichen Institutionen stellten sich zunächst auf die Seite der Papierfirma, berichten sie uns.
„Wir haben schwierige Zeiten und sogar Hunger durchgemacht. Auf Initiative von Veracel wurden wir zunächst gewaltsam von dem Land vertrieben. Wir mussten monatelang am Rande einer Landstraße leben, bis wir nach Baixa Verde zurückkehren konnten“, sagen sie uns.
Weiterhin habe Veracel 2010 offenbar andere Personen dazu angestiftet, auf Teile des Landes einzudringen und mit den Kleinbauern der MLT zu streiten, berichten uns die Einwohner. Seitdem wurden sie wiederholt von verschiedenen Personen angegriffen und bedroht. Ihre Häuser wurden in Brand gesteckt, ihre Tiere getötet und ihre Felder zerstört. Die Menschen leiden, viele können aufgrund der Angriffe kaum schlafen. Einige haben aufgegeben, andere können das ihnen in Baixa Verde zugewiesene Land noch immer nicht bewohnen und bewirtschaften, weil es von anderen unrechtmäßig in Beschlag genommen wurde.
„Mittlerweile haben wir die Eukalyptus-Monokulturen in fruchtbare agroökologische und agroforstliche Systeme umgewandelt. Wir bauen dort Lebensmittel wie Maniok, Bananen, Süßkartoffeln an", erklären uns die Kleinbauern.
Außerdem ziehen sie Setzlinge von lokalen Baumarten auf und pflanzen die Bäume entlang der Wasserläufe und auf anderen gesetzlich geschützten Flächen aus, die durch die jahrelange industrielle Ausbeutung und die Monokulturen geschädigt waren. Teile des Gebietes wurden bereits wiederhergestellt, andere befinden sich auf dem Weg dahin. Bald soll dort wieder der in Bahia heimische Atlantische Regenwald wachsen.
Obwohl die Kleinbauern bereits mit dem Staat einen Vertrag unterzeichnet haben, der ihnen die Nutzungsrechte gewährt, können sie Teile der Grundstücke auch nach bald zwei Jahrzehnten immer noch nicht nutzen. Daher haben sie uns gebeten, sie mit der Petition „Wir wollen fruchtbares Land statt Holzplantagen!“ auf unserer Webseite zu unterstützen.
Sie fordern die Behörden auf, die MLT zugesprochenen Flächen von unbefugten Personen zu räumen und die mit dem Staat vereinbarten aber bisher noch nicht umgesetzten Maßnahmen wie die Versorgung mit Trinkwasser, Strom und Wohnraum durchzuführen.
Extrem ungleiche Landverteilung
In Brasilien ist der Landbesitz extrem ungleich verteilt. Weniger als 1 % der Eigentümer-Firmen und Großgrundbesitzer besitzen fast 50 % der Gesamtfläche. Auf der anderen Seite werden mehr als 47 % der Grundstücke von Kleinbauern bewirtschaftet, die aber nur über etwa 2,3 % der landwirtschaftlichen Fläche verfügen. Währenddessen warten in Brasilien über 145.000 Kleinbauern-Familien auf die Erteilung von Land, was ihnen nach der Verfassung zusteht. Während der Staat bei der Durchführung der Agrarreform kaum vorankommt, fordern die sozialen Bewegungen weiterhin Land und Territorium und leisten durch Besetzungen Widerstand.
Grüne Wüsten
Insgesamt nennt der Veracel-Konzern im Süden Bahias 2.070 km2 Land sein eigen. Weit über die Hälfte davon besteht aus Eukalyptus-Plantagen. Umweltorganisationen und Einwohner bezeichnen die Eukalyptus-Monokulturen als grüne Wüsten, weil sie weder der lokalen Pflanzen- und Tierwelt noch den dort lebenden Menschen Lebensraum bieten. Die rasch wachsenden exotischen Bäume zerstören die Fruchtbarkeit der Böden, die Plantagen speichern kein Wasser und trocknen im Gegenteil sogar die Bäche und das Grundwasser aus.
Ausgebrachte Mineraldünger und versprühte Pestizide verseuchen zudem die Umwelt und töten die Flora und Fauna. Mindestens 17 verschiedene Insektizide, Fungizide und Herbizide werden von Veracel eingesetzt, darunter hochgiftige in der EU verbotene Spritzmittel wie Sulfluramid, Bifentrina und Imidacloprid.
Landraub und Zerstörung für unseren Papierkonsum
Die Aktivitäten von Veracel in Brasilien sind eng mit unserem Papier-Konsum in Europa verknüpft. Aus dem Holz der Bäume produziert Veracel jährlich 1,1 Millionen Tonnen Zellstoff, der überwiegend in den Export geht. Eukalyptus-Fasern werden hauptsächlich für die Herstellung von Druck- und Schreibpapieren sowie für Hygieneprodukte wie Toilettenpapier, Taschentücher und Windeln genutzt. Unser Verbrauch an Druckerpapieren, Taschentüchern, Windeln und Toilettenpapier hat verheerende Auswirkungen in den Tropenländern.
Insgesamt exportiert Brasilien 15 Millionen Tonnen Eukalyptus-Zellstoff pro Jahr. Die EU-Länder importieren pro Jahr allein aus Brasilien über 10 Millionen Tonnen Zellulose, davon Deutschland fast eine Million Tonnen. Um diese Menge zu produzieren, sind etwa eine Million Hektar Eukalyptus-Plantagen erforderlich.
Aufgrund der wirtschaftlichen Interessen Europas hat die öffentliche Europäische Investitionsbank (EIB) Veracel mit zwei Darlehen finanziert: Mit 30 Mio. US-Dollar förderte die EIB im Jahr 2001 die Anlage von insgesamt 26.200 ha Eukalyptus-Plantagen und mit 80 Mio. US-Dollar im Jahr 2003 den Bau der Zellstofffabrik von Veracell in Bahia. Ökologische, soziale und rechtliche Kriterien haben bei der Finanzentscheidung der Bank offensichtlich keine ausreichende Rolle gespielt.
Täuschung mit angeblichem Nachhaltigkeitslabel
Die industriellen Eukalyptus-Plantagen von Veracel sind mit dem Siegel der Firma Forest Stewardship Council GmbH (FSC) aus Bonn zertifiziert – insgesamt 197.619 Hektar Land. Das Label garantiert angeblich umweltgerechte, sozialverträgliche und wirtschaftlich tragfähige Waldbewirtschaftung. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt – darunter Rettet den Regenwald, lehnen das FSC-Label als Etikettenschwindel und Täuschung ab. Die industriellen Monokulturen sind weder Wälder, noch umweltfreundlich oder sozial.
Teia dos Povos, Zugriff am 3.12.2025. A Incessante Luta do Assentamento Baixa Verde - MLT Contra a Monocultura do Eucalipto: https://teiadospovos.org/a-incessante-luta-do-assentamento-baixa-verde-mlt-contra-a-monocultura-do-eucalipto/
Veracel, Zugriff am 3.12.2025. OUR WAY - When we grow together we go much further: https://www.veracel.com.br/en/about-veracel/
Ação Discriminatória Judicial sob o n. 0000627-97.2010.8.05.0079.
IBGE, 2020. ATLAS DO ESPAÇO RURAL BRASILEIRO, Cap. 2: ESTRUTURA FUNDIÁRIA: https://www.ibge.gov.br/apps/atlasrural/pdfs/02_00_Texto.pdf und
Transparencia Internacional Brasil, 12-2021. GOVERNANÇA FUNDIÁRIA FRÁGIL, FRAUDE E CORRUPÇÃO: UM TERRENO FÉRTIL PARA A GRILAGEM DE TERRAS: https://comunidade.transparenciainternacional.org.br/grilagem-de-terras
Reporter Brasil, 24.2.2025. Brasil tem 145 mil famílias acampadas à espera de terra: https://reporterbrasil.org.br/2025/02/brasil-familias-acampadas-reforma-agraria/#:~:text=O%20BRASIL%20TEM%20PELO%20MENOS,de%20sem%2Dterra%20no%20país.
World Rainforest Movement (WRM), 2022. Brazil: The ‘Alert Against the Green Desert’ Network relights the flame of resistance:https://www.wrm.org.uy/bulletin-articles/brazil-the-alert-against-the-green-desert-network-relights-the-flame-of-resistance
Imaflora/FSC, 2021. Relatório de Auditoria de Certificação de Manejo/Gestão Florestal: https://fscglobal.my.salesforce-sites.com/servlet/servlet.FileDownload?file=00P4y00001l3V19EAEx
Folha de São Paulo, 2026. Vaivém: Exportação de celulose cresce, mas setor pode ter desequilíbrio: https://www1.folha.uol.com.br/colunas/vaivem/2026/02/exportacao-de-celulose-cresce-mas-setor-pode-ter-desequilibrio.shtml
Die Papierindustrie e.V., 2025. Papier 2025 – Ein Leistungsbericht, Seite 9 unten: https://www.papierindustrie.de/fileadmin/0002-PAPIERINDUSTRIE/07_Dateien/XX-LB/PAPIER2022-digital.pdf
Europäische Investitionsbank (EIB), Zugriff am 3.12.2025. Projekt Veracel-Zellstofffabrik, Brasilien: https://www.eib.org/de/press/topical-briefs/all/veracel-pulp-mill-project-brazil
Rettet den Regenwald e.V., 5.7.2012. FSC ist kein „Ökolabel": https://www.regenwald.org/pressemitteilungen/4475/fsc-ist-kein-oekolabel und
Greenpeace, 10.3.2021. Certification schemes such as FSC are greenwashing forest destruction: https://www.greenpeace.org/international/press-release/46802/certification-schemes-such-as-fsc-are-greenwashing-forest-destruction/
Diese Seite ist in folgenden Sprachen verfügbar:
Brasilien: Wir wollen fruchtbares Land statt Holzplantagen!
Für unseren Papierkonsum werden in Brasilien Regenwälder vernichtet, Menschen vertrieben und Landwirtschaft verdrängt.
Landraub macht die Armen ärmer
Ackerland ist begehrt. Staaten, Konzerne und Spekulanten übernehmen riesige Flächen in Afrika und Südamerika, um Nahrung und Agrotreibstoffe für den Export zu produzieren.