Guatemala: Konzerne lassen Bauern für „Biosprit“ brutal vertreiben

Aufmarsch der Polizei in der Gemeinde Panzós am 15.03.2011
14.375 Teilnehmer

Ende der Aktion: 22.05.2014

In den Morgenstunden des 15. März überfielen Polizei- und Armeeeinheiten ein Dorf im Polochic Tal im Departement Alta Verapaz. Sie zerstörten die Häuser, Felder und Ernten der Einwohner. In den beiden darauffolgenden Tagen traf es 13 weitere Dörfer der indigenen Gruppe der Kekchi. Der Grund für den Überfall: Große Unternehmen wollen auf dem Land der Familien Plantagen zur Herstellung von Ethanol und Biodiesel anlegen.

Appell

Die Bilanz der Überfälle sind ein Toter (der 35-jährige Familienvater Antonio Beb Ac), neun zum Teil schwer Verletzte und mehr als 100 vertriebene Familien. Für die Bauern ist es nun schon die zweite Vertreibung innerhalb weniger Jahre. Das erste Mal geschah durch das Unternehmen Chabil Utzaj, welches Zuckerrohrplantagen- und Raffinerien auf dem Land anlegte. Nach dem Bankrott der Firma 2009 waren die Bauern auf das brachliegende Land zurückgekehrt.

Zuletzt befanden sich die Bauerngemeinden in einer juristischen Auseinandersetzung mit Carlos Widmann, dem Besitzer von Chabil Utzaj, der das Land weiterhin für sich beansprucht. Am 14. März beendete eine Richterin die friedlichen Verhandlungen und ordnete die gewaltsame Räumung des Landes an.

„Die plötzliche Räumung hängt mit dem gesteigerten Interesse großer Agrounternehmen an dem Land zusammen“, bestätigt die Soziologin Laura Hurtado. Die wachsende Nachfrage nach Biotreibstoffen auf dem Weltmarkt treibt in Guatemala die Ausbreitung von Zuckerrohr- und Palmölplantagen voran. Die Flächenkonkurrenz führt dazu, dass die Produktion von Nahrungsmitteln in Guatemala erheblich zurückgegangen ist. Allein die Weizenproduktion ist um 80 Prozent eingebrochen.

Hurtado warnt: „Die Monokulturen der Energiepflanzen gefährden die Ernährungssicherheit des Landes, sind Grund für die Zerstörung tropischer Wälder und für die Vertreibung der Bauernfamilien.“ Sie weist darauf hin, dass die Bauernfamilien das Gebiet seit Jahrzehnten bewohnten und bewirtschafteten.

Den vertriebenen Bauernfamilien im Polochic Tal wurden erneut die Lebensgrundlagen geraubt. Sie sind derzeit obdachlos und nach der Zerstörung ihrer Ernte auf Lebensmittelspenden angewiesen.

Weitere Informationen...

Bitte schreiben Sie an den Botschafter Guatemalas in Deutschland und bitten ihn, sich bei den verantwortlichen Behörden seines Landes für die Bauernfamilien einzusetzen. Die Gewalt und die Vertreibung im Polochic-Tal müssen unverzüglich gestoppt und die friedlichen Verhandlungen um die Landrechte wieder aufgenommen werden.

Hinter­gründe

Die Zuckerrohrraffinerien von Chabil Utzaj und Ingenio Magdalena sowie die Palmölplantagen von Agroamerica und INDESA werden mit Beträgen in Millionenhöhe subventioniert. Die Gelder stammen einerseits von den Entwicklungsbanken CABEI (Zentralamerikanische Bank für Wirtschaftsintegration) und der IADB (Interamerikanischen Entwicklungsbank). INDESA kann sich auch Hoffnungen auf Subventionen durch die Weltbank machen, da die Anbaumethoden des Unternehmens durch den Etikettenschwindel des Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl (RSPO) als unbedenklich eingestuft wurden.

Dass die Kreditvergabe an die Unternehmen in Verbindung mit Korruption und Vetternwirtschaft stehen, ist nicht auszuschließen. Carlos Widmann, der Besitzer von Chabil Utzaj, ist Schwager des ehemaligen Präsidenten von Guatemala Oscar Berger (2004-2008). Dessen Sohn wiederum war im Aufsichtsrat der CABEI und hatte dort Einfluss auf die Kreditvergabe.

An­schreiben

Herr Carlos Jiménez Licona
Botschaft der Republik Guatemala
Joachim-Karnatz-Allee 47
10557 Berlin

Sehr geehrter Herr Botschafter Jiménez,
sehr geehrte Damen und Herren,

vom 15. bis 17. März 2011 haben Polizei- und Armeeeinheiten ohne Vorwarnung 14 Dörfer im Distrikt Panzós im Departement Alta Verapaz überfallen, die Häuser sowie Ernten vernichtet und die Bevölkerung von dem Land vertrieben. Bei den Aktionen wurde Antonio Beb Ac getötet und mindestens neun weitere Bauern verletzt.

Bis zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Bauernfamilien in einem juristischen Verfahren, welches die Landnutzungsfrage friedlich klären sollte. Ohne ersichtlichen Grund wurden die laufenden Verhandlungen von der vorsitzenden Richterin ausgesetzt. Stattdessen entschieden sich die verantwortlichen Behörden mit der gewaltsamen Räumung für eine unangemessene und nicht hinnehmbare Eskalation der Situation.

Die betroffenen Bauernfamilien sind die traditionellen Landnutzer in dieser Region und haben damit ein Anrecht auf ein juristisches Verfahren auf Grundlage der guatemaltekischen Verfassung.

Seit der Räumung sind die Bauernfamilien obdachlos und ohne Nahrung. Sie werden weiterhin bedroht und eingeschüchtert. Sie wollen nun friedlich auf ihr Land zurückkehren.

Bitte setzen Sie sich bei den verantwortlichen Behörden dafür ein, dass:

1. eine Rückkehr der Bauernfamilien in ihre Dörfer im Distrikt Panzós im Departement Alta Verapaz gewährleistet wird,
2. die staatlichen Ordnungs- und Sicherheitskräfte jegliche Gewalt und Einschüchterungen gegen die Bauernfamilien einstellen und eine weitere Eskalation verhindern,
3. die Ernährung der Menschen gesichert wird, bis diese wieder eigene Ernten und Einkommen erwirtschaften können,
4. das juristische Verfahren wieder aufgenommen wird und die traditionellen Landnutzungsrechte der Bauernfamilien rechtlich anerkannt werden,
5. die Bauernfamilien juristisch unterstützt werden, damit sie ihre Rechte effektiv durchsetzen können, einschließlich Entschädigungsansprüchen,
6. für den Anbau von Zuckerrohr- und Palmöl kein Land von Kleinbauern und lokalen Gemeinden belegt sowie keine tropischen Wälder in Guatemala vernichtet werden.

Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen