Brasilien: Gewalt und Vertreibung für Agrosprit

Guarani-Kaiowá vor zerstörter Hütte Damiana, ein Guaraní-Kaiowá und religiöse Führerin der Apyka'y, vor einer niedergebrannten Hütte nach Zwangsvertreibungen.
16.432 Teilnehmer

Ende der Aktion: 22.05.2014

Die Lage der indigenen Guaraní in Mato Grosso do Sul ist dramatisch. Geschäftspartner des Shell-Konzerns lassen ihr Land in Zuckerrohr-Plantagen umwandeln – für Ethanol-Treibstoff für den europäischen Markt. Wie brutal die Shell-Handlanger handeln, zeigt der jüngste Fall: In der letzten Woche wurden zwei Siedlungen überfallen, Kinder und Frauen vertrieben, Männer verletzt. „45.000 Guarani leiden dort unter extremer sozialer Ausgrenzung“, sagt die bekannte brasilianische Umweltschützerin und Politikerin Marina Silva. Sie brauchen unsere Unterstützung.

Appell

In Mato Grosso do Sul, einer Region im Südwesten Brasiliens, ist die Zuckerfront auf dem Vormarsch. Das niederländische Mineralölunternehmen Shell ist über die Kooperation mit Cosan, dem größten Zuckerproduzenten Brasiliens, zu einem der mächtigsten Landbesitzer aufgestiegen. Über Tochterunternehmen betreibt Shell Plantagen und Fabriken in der Region. Seit Jahren wehren sich die Kaiowá-Guaraní gegen die Ausbreitung des Zuckerrohrs. Es nimmt ihnen Land, Wasser und – das Leben.

In einer Studie von Survival International und zahlreichen Berichten internationaler Beobachter wurde das Leiden der Guarani dokumentiert. Einst lebten sie in Verbundenheit mit dem Land, bewirtschafteten es nachhaltig mit Nahrungsmitteln. Die Guaraní nennen ihr Land tekohá, für sie ist es der Mittelpunkt ihrer kulturellen Identität. Durch Viehwirtschaft, Soja- und Zuckerplantagen verloren sie ihr Land an Großgrundbesitzer, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen. 2008 wurden 42 Indianer von Farmern erschossen, Unterernährung und Kindstod liegen weit über Landesdurchschnitt, zudem werden sie häufig Opfer willkürlicher Verhaftungen. Aufgrund dieser Umstände sind die Guaraní die Volksgruppe mit der höchsten Selbstmordrate in Südamerika.

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Nicht nur die sozialen Folgen des Zuckerrohranbaus sind schockierend. Eine Studie mehrerer renommierter deutscher Forschungsinstitute warnt vor der indirekten Bedrohung für den Regenwald. Die extreme Ausbreitung des Zuckerrohrs zur Ethanolproduktion verdrängt andere landintensive Nutzungsformen, vor allem die Viehzucht. Rinderzüchter erschließen sich deshalb neue Flächen im Regenwald. Im ersten Halbjahr 2011 stieg die Entwaldungsrate im brasilianischen Amazonas um 79 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Bitte unterschreiben Sie die Protestaktion und fordern Sie Shell auf, die menschenverachtenden und umweltschädlichen Geschäfte seiner Partner in Brasilien zu stoppen.

Hinter­gründe

Seit Europa den „Biosprit" mit Millionen an Subventionen fördert, steigen Nachfrage und somit auch Angebot der Pflanzenbrennstoffe. Das großflächig angebaute Zuckerrohr versüßt nur Wenigen das Leben mit Wohlstand und stürzt viele Menschen in bittere Armut.

Shell bildet mit Cosan seit 2010 das Joint Venture „Raízen". Für Shell ein optimaler Zugang zu Land und Rohstoffen in Brasilien. Für Cosan erschließt sich über Shell der europäische Markt.

Über Tochterfirmen betreibt Raízen Plantagen und Fabriken. In Mato Grosso do Sul unterhält Nova América, eine Tochter von Raízen, Geschäfte mit Großfarmern, deren Plantagen auf Indianergebiet liegen. Ein klarer Verstoß gegen nationales und internationales Recht.

Ein brasilianischer Staatsanwalt richtete bereits einen Appell an Shell und verwies auch darauf, dass die Geschäfte in Mato Grosso do Sul den Unternehmensrichtlinien widersprechen. Mit Cosan hat sich Shell allerdings einen Partner ins Boot geholt, der bekannt ist für seine schmutzigen Praktiken.

Das Unternehmen geriet 2010 auf der schwarzen Liste der Sklavenhalter des brasilianischen Arbeitsministeriums. Aus einer Zuckerfabrik von Cosan wurden 2007 42 Zwangsarbeiter befreit. Zwischen 1995 und 2009 wurden in Brasilien insgesamt 36.192 Zwangsarbeiter von Zuckerrohrplantagen freigekauft.

Die Bedingungen auf den Zuckerrohrplantagen Brasiliens sind katastrophal. Auch die Guaraní sind davon betroffen. Zwischen 12 bis 20 Tonnen Zuckerrohr pro Tag muss ein Feldarbeiter schneiden – ohne Schutzkleidung. Dabei sind die Felder mit Pestiziden verseucht. In der Erntesaison entnommene Blutproben von Arbeitern zeigten einen hohen Vergiftungsgrad. Das mit der Kultivierung von Zuckerrohr gegebene Versprechen auf Arbeitsplätze und Teilhabe am Wohlstand, endete wiederum in Ausbeutung und Vergiftung.

Die Guaraní wehren sich gegen die ihnen aufgezwungenen Umstände. Sie verlassen ihre provisorischen Camps am Straßenrand und besetzen ihr zu Unrecht enteignetes Land. Die Großgrundbesitzer antworten mit Gewalt. Sie hetzen bezahlte Söldner auf die Guaraní und nehmen keine Rücksicht auf Frauen, Kinder und Alte. Besonders die Häuptlinge werden oft Opfer der bezahlten Schläger. Mit der Ermordung des 70-jährigen Guaraní-Anführers Marcos Veron vor den Augen seiner Familie versuchten die Farmer, den Widerstand der Indigenen zu brechen. Doch die Guaraní kämpfen weiter für ihr Recht.

An­schreiben

Anschreiben:
Shell in Deutschland
,z.H. Bettina Pohl-Lütke (Geschäftsführerin ), Suhrenkamp 71-77
22335 Hamburg
Tel.: +49 (0) 40 / 6324 - 0 , Fax: +49 (0) 40 / 6321 - 051
E-Mail: kontakt@shell.com

Sehr geehrte Frau Pohl-Lütke,

mit Empörung erfuhr ich aus Brasilien, dass Tochterunternehmen des Joint Venture Raízen in bedeutendem Maße gegen nationale und internationale Menschenrechtsbestimmungen verstoßen.

In Mato Grosso do Sul leidet die indigene Gruppe der Kaiowá-Guaraní seit Jahren unter der Ausbreitung der Zuckerrohrfelder. Sie wurde vertrieben, Gemeindemitglieder wurden misshandelt und ermordet. Die Guaraní leiden dadurch an schwerer Unterernährung und haben deswegen die höchste Selbstmordrate Lateinamerikas.

Die Shell/Cosan Gruppe besitzt große Anteile an den regionalen Zuckerfabriken und ist Großkäufer des Zuckerrohrs, das auf Kosten der lokalen Bevölkerung angebaut wird.
Die Vertreibung der indigenen Bevölkerung von ihrem rechtlich anerkannten Land ist ein krimineller Akt, der u.a. gegen Artikel 231 der brasilianischen Verfassung verstößt. Zudem verletzen die Tochterunternehmen und Geschäftspartner von Shell in Brasilien Artikel 10 der Allgemeinen Erklärung der Rechte indigener Völker der Vereinten Nationen.

Royal Dutch Shell steht als international agierender Großkonzern in der moralischen und rechtlichen Verantwortung, verpflichtende Sozial- und Umweltstandards auf allen Produktionsebenen zu garantieren. Shell hat die Pflicht, solche Standards auch von seinen Partnern einzufordern und deren Umsetzung zu gewährleisten. Wenn Shell dies unterlässt, dann verstößt es nicht nur gegen die eigenen Unternehmensrichtlinien, sondern macht sich mitschuldig an nationalem und internationalem Rechtsbruch.

Zudem haben Wissenschaftler mehrerer renommierter deutscher Forschungsinstitute, u.a. des Max-Planck-Instituts, in einer Studie nachgewiesen, dass der weitere Ausbau der Zuckerrohrplantagen durch die sogenannte indirekte Landnutzungsänderung zur Zerstörung des Amazonas-Regenwalds in Brasilien beiträgt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass die Ethanolproduktion in Brasilien nicht den Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien von Shell entspricht.

Ich fordere Sie daher auf, Ihre Geschäftsbeziehungen zu Cosan, Nova Ameríca und anderen brasilianischen Subunternehmen einzustellen oder verpflichtend darauf hinzuwirken, dass sich diese den nationalen und internationalen Menschenrechtsstandards unterwerfen. Außerdem muss Shell wieder in wirklich nachhaltige regenerative Energieformen wie Solar- und Windkraft investieren, da die einseitige Konzentration auf sogenannte Biotreibstoffe die selbstgesetzten Nachhaltigkeitskriterien und Umweltschutzvorgaben verfehlen.

Mit freundlichen Grüßen,