„Haus der Essenzen": Indigene Tukano in Brasilien halten Wissen über traditionelle Medizin wach
Mit der Umsetzung dieses Projekts tief im brasilianischen Amazonasregenwald geht ein Traum des indigenen Führers Álvaro Tukano in Erfüllung. Das zusammen mit der Gemeinschaft und der Partnerorganisation Instituto Nova Era vereinbarte Vorhaben hält das überlieferte Wissen über Medizinalpflanzen im indigenen Land Balaio am Leben und stärkt deren Kultur und Spiritualität.
Projektübersicht
ProjektthemaMenschen
Projektziel Die Kenntnisse der Tukano bewahren und Zusatzeinkommen schaffen
Aktivitäten Ausbildung in der Produktion von Pflanzenessenzen und Anlage Medizinalgärten
„Diese Arbeit ist sehr gut, sie muss weitergehen. Ich bin sehr glücklich, dass dies heute hier passiert", sagt die junge Frau Marinilce im indigenen Land Balaio. Zusammen mit anderen 30 Indigenen – Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen und Männer – nimmt sie an einer praktischen Ausbildung teil, die unser Partner Instituto Nova Era mit Finanzierung von Rettet den Regenwald organisiert hat und nun vor Ort durchführt.
Dazu wurde ein blitzblanker Destillationsapparat aus Edelstahl zusammen mit vielen weiteren Gerätschaften erworben und in das entlegene Regenwaldgebiet geschafft. Dort wurden die Apparate der indigenen Gemeinschaft formal übergeben und mit dem Ausbildungskurs in Betrieb genommen:
„Ich bin auf Bitte des Führers Álvaro Tukano und des Instituto Nova Era mit meinem Kollegen Diego hier", erklärt Carlos Roberto Gallo vor der versammelten Gruppe.
Unter seiner Anleitung stopfen die Menschen Blätter und anderes Pflanzenmaterial wie Baumrinde und Samen, die sie vorher im Wald gesammelt und aufbereitet haben, in einen Dampfkessel.
„Ich mache das aus meiner tiefen Liebe zur traditionellen Medizin der indigenen Völker. Ich lehre die Menschen, Medizin herzustellen. Wir wissen, dass ihr ein großes Wissen und eine enorme Stärke habt", sagt Carlos.
Mit Enthusiasmus verriegeln die Leute die Verschlüsse und beginnen den Kessel zu beheizen. Dann extrahiert und destilliert die Gruppe mit Wasserdampf und Druck Essenzen und Öle aus den Pflanzen. Am Ende streichen sich alle einige Tropfen der gewonnenen Pflanzenöle und Essenzen auf die Hände und riechen daran.
„Ich hätte nie gedacht, dass eines Tages jemand kommen und uns das beibringen würde. Ich wusste immer, dass diese Pflanzen Öl haben, weil ich es an anderen Orten gesehen habe. Aber ich wusste nicht, wie man es extrahiert. Heute haben wir das gelernt“, sagt die junge Frau Marinilce.
Weiterhin haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine eigene Produktmarke der Gemeinschaft entwickelt. Deren visuelles Erscheinungsbild haben sie an dem traditionellen Wissen und dem Territorium orientiert. Mit Unterstützung des INE hat die Gruppe auch eigene Etiketten und Produktbeschreibungen gestaltet, die die Essenzen als traditionelles indigenes Produkt ausweisen. Das stärkt die kulturelle Identität und schafft Mehrwert für die Essenzen. Mit Erfolg: Der Verkauf erster Proben brauchte bereits einen Umsatz von umgerechnet gut 800 Euro ein.
Zur Anlage von Gärten mit Medizinalpflanzen wurden bereits Saatbeete angelegt und Stecklinge gepflanzt. So sind Medizinalpflanzen immer schneller zur Hand und das Wissen kann leichter an die Jugendlichen vermittelt werden.
Das Projekt ist auf Initiative des indigenen Führers Álvaro Tukano entstanden: „Wir dürfen niemals unsere Herkunft vergessen. Wir müssen unsere Traditionen wiederbeleben, unsere Ethik aufrechterhalten", erklärt er. „Wenn wir unser Wissen verlieren, sind wir abhängig vom staatlichen Gesundheitssystem, das teuer und ineffizient ist“.
Mit der Umsetzung des Vorhabens geht seine Vision in Erfüllung. Ihm ist es besonders wichtig, auch die jungen Leute einzubinden. An diese gerichtet fügt er hinzu: “Behaltet die Einfachheit bei und lasst euch von niemandem manipulieren."
Das indigene Territorium Balaio der Tukano
In dem indigenen Territorium Balaio (2.570 km2) im Norden des brasilianischen Bundesstaates Amazonas leben einige Hundert Menschen mehrerer indigener Gemeinschaften, darunter die Tukano. Den Regenwald durchziehen bis über 1.000 Meter hohe Bergzüge und Tafelberge, die sich durch eine enorme und wissenschaftlich kaum erforschte Artenvielfalt auszeichnen.
Der Transport und die Versorgung der Einwohner in dem abgelegenen Gebiet nahe der Grenze zu Venezuela sind ein großes Problem. Bis zum nächsten größeren Ort São Gabriel da Cachoeira am Rio Negro sind es 100 km über eine unbefestigte Piste voller Schlamm, die meist kaum befahrbar ist.
Die Pflanzenessenzen sind für die Einwohner ein ideales Produkt, um ein kleines Einkommen zu erwirtschaften: Die Pflanzenblätter können sie im Regenwald sammeln und in den Gärten mit Medizinalpflanzen anbauen, die abgefüllten Essenzen sind lange haltbar und können aufgrund ihres geringen Formats und Gewichts leicht transportiert werden.
Die Ausbildung hat unser Partner Instituto Nova Era per Video dokumentiert:
Originalton mit englischen Untertiteln (Bilder Gabriela Vivacqua – @gabrielavivacqua und Edition Matheus Vieira)
Originalton mit portugiesischen Untertiteln (Bilder Gabriela Vivacqua – @gabrielavivacqua und Edition Matheus Vieira)