Weltgemeinschaft drauf und dran, beim Naturschutz zu versagen
Vor knapp vier Jahren haben 196 Staaten während der Weltnaturkonferenz COP15 mit viel Tamtam und Freudentränen beschlossen, das Artensterben und den Kollaps ganzer Ökosysteme bis 2030 zu stoppen. Zur Halbzeit ist uns zum Heulen zumute.
In 23 Zielen hatten die Staaten aufgeschlüsselt, wie die Rettung gelingen soll. Von Renaturierung bis zum Kampf gegen invasive Arten, von nachhaltiger Landwirtschaft über die Zusammenarbeit in der Forschung bis zur Begrünung von Städten reichten die Werkzeuge. Fast alle Länder der Erde haben sich während der UN-Konferenz COP15 in Montréal (Kanada) in langen Dezembertagen und -nächten darauf geeinigt. In manchen Passagen wurde um jedes Wort gerungen; die Konferenz ging in die Verlängerung. Das schließlich beschlossene Weltnaturabkommen, förmlich Kunming-Montréal Global Biodiversity Framework, folgte einer Vision:
Leben im Einklang mit der Natur.
Jetzt hat das Sekretariat der UN-Biodiversitätskonvention eine Zwischenbilanz veröffentlicht. Die 378 Seiten machen klar: aus der Rettung der Artenvielfalt wird so nichts. Es seien zwar Fortschritte erzielt worden, allerdings zu wenige – und zu langsam.
In einer Art Ampel mit vier Farben steht allein Ziel 8, die Krisen von Klima und Artenvielfalt gleichzeitig zu bekämpfen, auf Grün. Dunkelrot sind der Abbau schädlicher Subventionen (Ziel 18), Finanzzusagen (Ziel 19) und Geschlechtergerechtigkeit (Ziel 23). Diese Ziele sind offensichtlich tot. Die übrigen sind zwar mit großen bis gewaltigen Kraftanstrengungen erreichbar, man fragt sich allerdings, woher der politische und gesellschaftliche Wille dafür plötzlich kommen sollten. Die Zeichen stehen auf Scheitern.
Ziel „30 by 30“ nicht in Sicht
Auch Ziel 3, bis 2030 ingesamt 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, wird schwerlich erreicht (siehe Seite 75). Staaten konzentrierten sich dem Bericht zufolge auf die Größe der geschützten Gebiete und vernachlässigten, wie wertvoll sie für die Bewahrung der Artenvielfalt tatsächlich sind. „Paper Parks“ etwa, die nur auf dem Papier existieren und in Wirklichkeit kaum etwas bewirken. Zudem wird der Verlockung nachgegeben, beispielsweise Ödländer oder abgelegene Regionen als Reservate auszuweisen statt tatsächlich gefährdete biodiverse Wälder zu schützen. Die Territorien und Rechte von Indigenen würden zudem weiterhin zu wenig berücksichtigt.
Organisationen wie Rettet den Regenwald warnten 2022 vor „30 by 30“ als falsche Lösung mit humanitärem Sprengstoff. Das Ziel folgt dem Konzept des „Festungsnaturschutzes“, wonach die Natur am besten geschützt wird, wo keine Menschen (mehr) sind. Gegen die drohende Vertreibung von Millionen haben wir die Petition „Artenvielfalt schützen – aber richtig! UN muss die Rechte indigener Völker stärken“ gestartet und während der COP 15 mit bis dato 65.014 Unterschriften an die damalige Exekutivsekretärin der Biodiversitätskonvention Elizabeth Maruma Mrema übergeben.
Das absehbare Scheitern von Ziel 3 ist kein Anlass zur Freude! Denn erstens haben Schutzgebiete durchaus ihre Berechtigung und spielen eine tragende Rolle. Und zweitens kommt auch die von uns unterstützte Alternative – die Stärkung indigener Rechte – kaum voran.
Zudem scheint Festungsnaturschutz auch ohne die unselige 30-Prozent-Marke auf dem Vormarsch. Mahnende Beispiele, mit denen sich Rettet den Regenwald beschäftigt, ist die Vertreibung indigener Batwa aus dem Kahuzi-Biega Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo und der Massai aus der Region des Ngorongoro Kraters in Tansania.
Im Oktober treffen sich Tausende Regierungsvertreter und Delegationen zur Weltnaturkonferenz COP17 in Armenien. Ob ihnen dann klar wird, dass 2030 schon in vier Jahren ist?
Im Vorwort des Entwurf des Berichts heißt es folgendermaßen.
Hier ist eine flüssige Übersetzung, die eng am Original bleibt und dennoch natürlich auf Deutsch klingt:
Übergreifende Botschaft: Der Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal hat weltweit ein beispielloses Engagement ausgelöst und Maßnahmen, Innovationen, Zusammenarbeit sowie den Austausch von Erfahrungen in allen 23 seiner Ziele vorangetrieben. Doch wenn die gemeinsame Umsetzung nicht rasch deutlich beschleunigt wird, werden die Ziele und die Mission für 2030 nicht erreicht. Zwar ist es noch zu früh, Veränderungen beim Zustand der biologischen Vielfalt nachzuweisen. Das derzeit langsame Tempo der Fortschritte stellt jedoch ein langfristiges Risiko dar, denn die Erreichung der Ziele und der Mission für 2030 ist die Voraussetzung dafür, die Welt auf den Weg zu den Zielen und der Vision für 2050 zu bringen.
Overarching message. The Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework has generated unprecedented global engagement, and has driven action, innovation, collaboration and learning experiences across all 23 of its targets. However, unless collective implementation accelerates rapidly, the 2030 targets and mission will not be achieved. While it is too early to detect change in biodiversity outcomes, the slow rate of current progress represents a long-term risk, as achieving the 2030 targets and mission are the foundation for putting the world on a pathway towards the 2050 goals and vision.
Mittlerweile sind etwa 12.000 Unterschrift dazugekommen.
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