PM: Landraub – Geschäfte mit dem Hunger

10.04.2012

Presseinformation

Stefano Liberti: Landraub.
Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus

Aus dem Italienischen von Alexander Knaack
ISBN 978-3-86789-155-4, 256 Seiten, 12,5 x 21,0 cm
Gebunden, Preis 19,95 €

Erschienen am 9. März 2012

Nahrungsmittelspekulationen, nicht nur durch die Deutsche Bank, erhitzen die Gemüter. Dabei geht das Geschäft mit dem Hunger noch weiter. Denn weltweit machen skrupellose Finanziers mit dem Handel von Grundnahrungsmitteln profitable Geschäfte auf Kosten der Ärmsten. Binnen weniger Jahre haben sich die fruchtbaren Ackerflächen auf der Südhalbkugel der Erde zu einem Eldorado für Agrar-Investoren entwickelt. Korrupte Regierungen, grenzenlose Gier ausländischer Unternehmer und eine preistreibende Investmentpolitik der Banken an den Nahrungsmittelmärkten reichen sich die Hand, während die Zahl der Hungernden steigt.

In seinem Buch „Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus“ rekonstruiert der italienische Journalist Stefano Liberti die Ursachen des land grabbing – Landraubs - und entlarvt, wie verheerend die Folgen für das soziale und ökologische Gleichgewicht unserer Erde sind. Seine Recherchen führen ihn von hochtechnisierten Gewächshäusern in Äthiopien zu brasilianischen Soja-Monokulturen bis nach Genf und Chicago, wo Spekulanten über die Preise von Getreide und damit über das Schicksal von Millionen von Menschen entscheiden.
Auch für die Natur und das weltweite Klima ist diese Entwicklung katastrophal. Denn um neue Weideflächen zur Rinderzucht oder Anbaugebiete für Soja, Palmöl und Zuckerrohr zu gewinnen, wird die Abholzung der tropischen Wälder voran getrieben. Ein hochprofitables Geschäft, welches das Antlitz unseres Globus verändern wird.

Stefano Liberti zählt zu den bekanntesten investigativen Journalisten Italiens. Er arbeitet für die Zeitung „Il Manifesto“, darüber hinaus schreibt er für „Geo“, „L’ Espresso“ oder „Le Monde Diplomatique“. Zudem ist er als TV-Autor tätig. 2009 erhielt er den angesehenen Indro-Montanelli-Preis für sein Buch „Südlich von Lampedusa“, 2010 den Premio Anello Debole für seine TV-Reportage „Das Inferno der Hexenkinder.“

Buchvorstellung und Diskussion mit Stefano Liberti in Kooperation mit dem Rotbuchverlag

Am Montag, den 16. April 2012, 20 Uhr in der Buchhandlung „Schwarze Risse“, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin, Gast: David Vollrath (Rettet den Regenwald e.V.)

Am Dienstag, den 17. April 2012, 19.30 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin Gäste: Marita Wiggethaler (Journalistin, OXFAM) und Niema Movassat (MdB, DieLinke)

Am Mittwoch, den 18. April 2012, 19:30 in der Werkstatt 3, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg, Gast: David Vollrath (Rettet den Regenwald e.V.)

Hier können Sie das Buchcover und ein Porträt von Liberti herunter laden: https://www.regenwald.org/files/landraub.zip


Mehr Infos, Rezensionsexemplare und Akkreditierung
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Rettet den Regenwald e.V.
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Interview mit Stefano Liberti zur redaktionellen Verwendung
Belegexemplar erbeten

Eine große Überraschung für viele Leser dürfte sein, dass es in Äthiopien eine sehr produktive Landwirtschaft gibt, von der allerdings die lokale Bevölkerung kaum profitiert. Ihre Früchte wandern  zu großen Teilen ins Ausland, während westliche Ländern Beträge in Millionenhöhe für die Hungernden überweisen. Was passiert da?
Liberti: Ich habe Äthiopiens Landwirtschaftsminister persönlich gefragt. Er antwortete mir, dass das Land eine landwirtschaftliche Entwicklung brauche und deshalb Flächen an Ausländer verpachtet würden, die ihre Erträge in ihre Heimatländer liefern. Die Infrastruktur der Anbauregion profitiert allerdings nicht davon, ebenso wenig wie der Staatshaushalt. Denn es handelt sich um eine sehr geringe Pacht: etwa ein Dollar pro Hektar pro Jahr in Süd-Äthiopien.  

Wer profitiert von diesem Spiel?
Liberti: Diese Investitionen sind dazu geschaffen, sehr schnelle Profite für die jeweiligen Investoren zu generieren. Das sind nicht nur traditionelle landwirtschaftliche Akteure, sondern auch ganz neue Personengruppen aus dem Finanzsektor. In den letzten zwei Jahren haben sie immense Profite gemacht.

Und wer ist verantwortlich?
Liberti: Das sind im Wesentlichen zwei Parteien: Die Regierungen und bestimmte internationale Organisationen wie etwa die FAO und die Weltbank. Die Zentralregierungen haben beschlossen, ihr Land fast umsonst abzugeben, ohne etwas dafür zurück zu erhalten. Sie handeln Verträge mit den Investoren aus, ohne dass die Bevölkerung etwas davon weiß. FAO und Weltbank haben die Investitionen im agrikulturellen Sektor stark begrüßt, letztere hat sich auch direkt an Investitionen beteiligt.

Was ist mit den Investoren?
Liberti: Die Investoren machen im Prinzip nur ihren Job: So schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu  verdienen. Sie tun nichts, das gegen das Gesetz verstößt. Möglicherweise verstoßen sie gegen gängige Moral. Aber sie bewegen sich in der Regel einfach dort, wo die juristischen Voraussetzungen für ihre Aktivitäten gegeben sind.

Momentan verändern sich doch unter dem Druck der Investoren rapide nationale Gesetze, die bis dato die traditionellen Rechte der Kleinbauern schützten, so z.B. in Tansania. Diese Macht, die Gesetze zu ihren Gunsten manipulieren zu können, deckt sich vermutlich nicht mit gängigem Rechtsverständnis.
Liberti: Diese Länder sind seit 50 Jahren unabhängig. Dennoch haben die betreffenden Regierungen  bisher nicht gelernt, ihrem Volk den größtmöglichen Nutzen zu bescheren. Und natürlich finden auch klar illegale Aktionen statt. In meinem Buch schildere ich, wie eine niederländische Investorengruppe Land für den Anbau von Biosprit pachtete. Sie rodeten die Waldflächen, verkauften das Holz für den schnellen Profit und flüchteten mit dem Geld wieder aus dem Land.

Viele verbinden den Landraub, den Sie schildern, mit sogenanntem Neo-Kolonialismus, also mit dem Aufrechterhalten der Arbeitsteilung der Welt. Stimmen Sie zu?
Liberti: Das trifft nur bedingt zu. Denn es sind nicht nur Menschen aus den ehemaligen Kolonialstaaten an dieser Investitionswelle beteiligt. Eine Menge neue Akteure sind auf dem Parkett erschienen: Inder, Saudis, Menschen aus Katar, Koreaner, Chinesen. Es handelt sich also um ein neues globales Phänomen mit neuen globalen Implikationen. Was zutrifft, ist dass manche Länder dieser Erde Nahrung und Kraftstoffe für andere produzieren. Doch die Beziehung zwischen den beteiligten Staaten ist komplizierter als früher beim Kolonialismus.  

Nicht nur in Afrika, auch in Südamerika herrschen Landkonflikte...
Liberti: Die indigene Bevölkerung in Südamerika ist sicherlich der große Verlierer dieses Prozesses. Damit setzt sich eine jahrhundertelange Tradition der Enteignung durch Fremde fort.

In Brasilien liegt der größte Teil des Amazonas-Regenwalds. Nun üben Großgrundbesitzer enormen Druck auf die Politik aus, damit das bestehende Waldschutzgesetz zu ihren Gunsten verändert wird. Sollten sie damit Erfolg haben, könnte dies eine riesige Abholzungswelle nach sich ziehen.
Liberti: Die letzten 40 Jahre war es schon so. Bereits der vorherige Präsident Lula, der aus einer linkspolitischen Umgebung kam, erkannte, dass er einige Zugeständnisse an die größten Landbesitzer des Landes machen musste. Viele nannten ihn deshalb einen Verräter. In Mato Grosso ist so der Wald beinahe vollständig Soja-Feldern gewichen. Der hohe Preis, der mit Sojabohnen erzielt wird, könnte diesen Prozess der Entwaldung noch beschleunigen.

Sie schreiben, dass die aktuelle Landraub-Welle in 2008 losgetreten wurde. Was ist da passiert?
Liberti: Als der Finanzsektor zusammenbrach, wurden viele Milliarden Dollar  an die Rohstoffbörse  verlagert – von der „Wall Street Stock Exchange“ zum „Chicago Board of Trade“. Finanzakteure, die zuvor in Internetunternehmen  oder Immobilien investiert hatten, investierten auf einmal in Nahrungsmittel. Hierdurch sind die Lebensmittelpreise 2008 in die Höhe geschossen. Bei den Investoren festigte sich so der Eindruck, dass es sich hier um besonders lohnenswerte Anlagen handelt. Tatsächlich kommt der Hauptteil der Investitionen aus dem Finanzsektor. Viele Unternehmen wurden in den letzten zwei bis drei Jahren nur zu dem Zweck gegründet, um im Süden Land zu akquirieren. Das Geld kommt z.B. von Rentenfonds oder auch spekulativen Hedge Fonds. Beeindruckend ist die massive Größe und Menge der Flächen, die von öffentlichen zu privaten Besitz umgewandelt werden.

Was macht Land für Investoren so attraktiv?
Liberti: Land ist eine sehr sichere Investition. Die Weltbevölkerung wächst und die Menschen werden nicht aufhören zu essen. Hinzu kommt die supranationale Förderung von „Bio-Kraftstoffen“ wie z.B. durch die EU. Also wissen die Investoren, dass ihre Profite durch Gesetze abgesichert sind.

Werden die politischen Ziele der EU und der USA, dem Klimawandel mit neuartigen „grünen“ Kraftstoffen zu begegnen, auf dem Rücken der Afrikaner ausgetragen?
Liberti: „Bio-Kraftstoffe“ sollten im Zentrum einer neuen Diskussion stehen. Zum einen muss die Energiebilanz, die oftmals sehr niedrig ist, genau betrachtet werden. Darüber hinaus muss klar gestellt werden: Wenn wir das Land dazu nutzen, Treibstoffe herzustellen, produzieren wir in diesem Moment keine Nahrungsmittel. Wir werden bald mit Konflikten konfrontiert sein zwischen Menschen, die essen wollen und Menschen, die mit ihrem Auto fahren wollen. In Afrika werden z.B. bereits Flächen, auf denen früher Kartoffeln angebaut wurden, für den Anbau der Jatropha-Nuss benutzt.

Sehen Sie Alternativen zu dieser Entwicklung?
Liberti: Wenn man Gelder für die landwirtschaftliche Entwicklung bereit stellt, warum dann nicht an die Kleinbauern? Warum gibt man der ländlichen Bevölkerung nicht das Land und die Technologie, die sie brauchen könnten? Riesige Monokulturen, ebenso wie die Intensivlandwirtschaft sind auch ein kulturelles Modell, das die internationale Gemeinschaft und Regierungen derzeit gewählt haben. Dabei sind ökonomische und kulturelle Konflikte mit traditionellen Kleinbauern vorprogrammiert.  

Selbst der neue Präsident der FAO da Silva hat gesagt, dass die industrielle Landwirtschaft ein überholtes Modell sei und wir uns besser wieder auf die Kleinbauern dieser Welt konzentrieren sollten, die immerhin 70 Prozent aller globalen Lebensmittel produzieren. Auch Persönlichkeiten wie z.B. der ehemalige UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler oder sein Nachfolger Olivier De Schutter unterstützen dies.
Liberti: Die Position der FAO verändert sich schrittweise. Während sie die letzten zwei, drei Jahre die Agrarinvestitionen erheblich unterstützt hat, versucht sie nun einen Kodex für verantwortungsvolle Investitionen zu erstellen. Die Kommission für Nahrungsmittelsicherheit innerhalb der FAO führt diese Diskussion bereits seit zwei Jahren, der neue Vorsitzende der FAO vertritt stärkere Positionen als sein Vorgänger. In der internationalen Politik ebenso wie in den Medien gewinnt das Thema an Präsenz. Vielleicht bildet sich so ein Raum, in dem das derzeitige System verändert werden kann. Das werden die nächsten ein bis zwei Jahre zeigen.