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Ölalarm in Ecuador

Die „WestLB-Pipeline“ gefährdet den inneren Frieden des Landes und ist schon jetzt ein ökologisches Desaster

Männer stapeln Sandsäcke aufeinander. In 2.800 Metern Höhe. Es ist der Versuch, beim Bau der angeblich hochmodernen „WestLB-Pipeline“ das Erdreich an einem extrem schmalen Berggrat vor dem Sturz in die Tiefe zu schützen. Früher stand hier ein dichter Bergnebelwald, der Erdrutsche verhinderte. Heute fehlt oben auf dem Bergkamm die Vegetation, seit dort die OCP, Ecuadors neue Ölpipeline, vergraben wurde. Im April 2004 wird die nächste Regenzeit ihren Höhepunkt erreichen. Bei der letzten ist es bereits zu fast 50 Erdrutschen gekommen, die die gesamte Vegetation an den betroffenen Stellen teilweise mehr als 300 Meter ins Tal gerissen haben. Vor einem Jahr haben die Verantwortlichen von OCP solche Erdrutsche noch kategorisch ausgeschlossen.

„Wir haben in Mindo heftige Niederschläge. Weitere Erdrutsche werden die Pipeline so stark unterhöhlen, dass sie bricht“, prophezeit Cesar Fiallo, Sprecher der lokalen Umweltgruppe „Accion por la Vida.“ Das Öl würde die Steilhänge hinunter fließen und hätte katastrophale Auswirkungen auf das Mindo-Reservat mit seiner weltweit einzigartigen Vogelartenvielfalt. Die Umweltschützer aus Mindo haben das Ölkonsortium OCP wegen der Naturzerstörungen bereits auf 300 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Weil es beim Bau der 500 Kilometer langen Pipeline auch an anderen Stellen zu erheblichen Umweltschäden und schweren Menschenrechtsverletzungen gekommen ist, droht den WestLBGeschäftspartnern jetzt eine Prozessflut.

Noch dramatischer entwickelt sich die Lage im ecuadorianischen Amazonas. Als Folge des Pipeline-Baus drohen dort blutige Auseinandersetzungen und die Vernichtung tropischer Regenwälder selbst in Naturschutzgebieten, wo sich zahlreiche indigene Völker verzweifelt wehren. Schon im Dezember 2003 kann es zu gewaltsamen Konflikten zwischen der indigenen Bevölkerung und der Armee in der Region Sarayacu im südlichen Amazonas kommen. Dort will die argentinische Firma Southern Cross Group gegen den erbitterten Widerstand großer Teile der indigenen Urbevölkerung weiter nach Öl suchen.

Der Bergbau- und Energieminister Colonel Carlos Arboleda, der als ehemaliges Mitglied der Militärführung Ecuadors über beste Kontakte zur Armee verfügt, hat mit dem Einsatz von Soldaten und Polizei gedroht, um die Ölfirma vor Protesten zu schützen. Die Ölsuche im Konzessionsblock 23, von dem große Teile des traditionellen Lebensraumes der dort lebenden Kichua- und Achuar-Ureinwohner aus der Region Sarayacu betroffen sind, ist direkte Folge des Baus der „WestLBPipeline“.

Internationale Ölkonzerne arbeiten derzeit nicht nur in Sarayacu fieberhaft daran, die „WestLB-Pipeline“ künftig mit Öl zu füllen. Auch in anderen Amazonasgebieten von Ecuador hat der Run auf das schwarze Gold begonnen, ausgelöst durch die „WestLB-Pipeline“. Dabei schrecken die Ölkonzerne selbst vor Naturschutzgebieten nicht zurück. Akut bedroht sind das Cuyabeno-Reservat und der Yasuni-Nationalpark. Rettet den Regenwald hat eindeutige Belege dafür, dass auch WestLBGeschäftspartner an vorderster Front und rücksichtslos agieren. Mit Bestechung und Drohungen wird die indigene Bevölkerung gespalten, ohne an die sozialen Folgen zu denken.

Wegen der unsicheren Lage in der nördlichen Ölprovinz Sucumbios, die an Kolumbien grenzt und wo der Startpunkt der „WestLB-Pipeline“ ist, hat das Auswärtige Amt inzwischen eine Reisewarnung für die Region ausgesprochen. Auch ökonomisch entpuppt sich die „WestLBPipeline“ als Reinfall. Kürzlich meldeten die DOW JONES BUSINESS NEWS, die Baukosten für OCP seien von geplanten 1,1 Milliarden US-Dollar auf 1,4 Milliarden gestiegen. Als Gründe wurden Vulkanausbrüche und Proteste Betroffener entlang der Pipelinetrasse genannt – zwei Gründe, die auch künftig gegen einen reibungslosen Betrieb der Pipeline sprechen.

Weiter berichtete derselbe Dienst, OCP werde seine maximale Förderkapazität von 450.000 Barrel pro Tag nach Unternehmensangaben erst in fünf bis zehn Jahren erreichen. Die ökonomische Schieflage bleibt nicht ohne Folgen. Der ecuadorianische Umweltminister César Narváez Rivera hat Ende Oktober 2003 bestätigt, der italienische Ölkonzern Agip wolle seine OCP-Anteile verkaufen. Gleichzeitig erklärte der Minister, OCP habe nach der billigsten Trassenführung gesucht und die Pipeline deshalb nördlich von Quito vorbei geführt. Naturschutzorganisationen hatten die so genannte Nordroute heftig kritisiert und eine Trasse südlich von Quito gefordert. WestLB und OCP hatten stets behauptet, die Nordroute sei gewählt worden, weil durch sie weniger Umweltschäden angerichtet würden.

Damit stellt sich die Frage: Lügt der amtierende ecuadorianische Umweltminister oder haben WestLB und OCP gelogen? Das Land Ecuador gehört heute zu den ärmsten und korruptesten weltweit und wird regelmäßig von sozialen Spannungen erschüttert. Mittlerweile ist auch die Regierungskoalition zwischen Präsident Gutierrez, dessen Partei nur über sechs von 100 Sitzen verfügt, und der indigenen Partei Pachakutik zerbrochen. Zweieinhalb Jahre nach Vertragsabschluss befindet sich die WestLB-finanzierte OCP in einem Umfeld, das abenteuerlicher kaum sein könnte. Der Präsident angeschlagen, die Pipeline ohne ausreichend Öl, die geschädigte Bevölkerung ohne angemessene Wiedergutmachung, die Wirtschaft am Boden, der Staat praktisch pleite, die Gesellschaft vor einer blutigen Zerreißprobe – und die WestLB mitten drin.