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„Die Pygmäen brauchen die Anerkennung ihrer Rechte”

Menschenrechte sind Holzfirmen nicht wichtig. Sie nehmen den Waldbewohnern einfach ihre Lebensgrundlage: den Wald. Ruedi Suter fragte Karl Amann zur aktuellen Situation

Sie schlagen sich immer wieder in die abgelegenen Abholzgebiete Zentralafrikas durch. Ihr Eindruck von der letzten Expedition?

Wir sahen vertriebene Pygmäen, Elefantenmassaker, Bushmeatmärkte. Kurzum: Ich sehe nicht, wo man in den letzten zehn Jahren wirklich Fortschritte gemacht hat. Ich sehe vor allem Rückschritte. Wo man hinschaut, egal ob in Kamerun, im Kongo, in Gabun oder anderswo – überall spielt sich das Gleiche ab. An sieben Tagen arbeiten die Holzkonzerne rund um die Uhr. Hier wird so schnell wie möglich Profit gemacht, weil man nicht an die Zukunft glaubt. Man glaubt nicht, dass man in 30 bis 40 Jahren noch Holz einschlagen kann. Weil vielleicht wieder ein Bürgerkrieg ausbricht oder die Weltbank die Firmen zwingt, höhere Steuern zu zahlen. Das muss die Mentalität dieser Unternehmer sein. Denn sonst würde der Regenwald nicht rund um die Uhr abgeholzt, zerkleinert und weggeschafft.

Die Holzkonzerne beteuern, sie würden nachhaltig wirtschaften.

Was immer man uns von dieser Seite über Nachhaltigkeit erzählt: Das sind Geschäftsleute. Und die haben Shareholders, die ein Maximum an Profit sehen wollen. Die Verantwortlichen werden an der Höhe des Profits gemessen – und nicht an ihrer umweltfreundlichen Einschlagart. Erst wenn diese mehr Profit abwirft, werden die Shareholders befriedigt werden können. So betreiben die Holzkonzerne eine mit Werbung verbrämte Verzögerungspolitik. Seit über zehn Jahren reden sie von einer FSC-Zertifizierung. So werden wir immer hingehalten, derweil die letzten Regenwälder Afrikas 24 Stunden am Tag dezimiert werden.

Holzkonzerne schaffen Arbeitsplätze, bringen Handel.

Ok, das ist ein wichtiger Punkt. Aber ich möchte alle Aspekte des Holzeinschlags in Regenwäldern gerne einmal von unabhängiger Fachseite untersucht haben wissen. Also: Was passiert, wenn man die größten und ältesten Bäume aus dem Wald herausholt? Was passiert mit dem Artenschwund? Und was mit den vertriebenen Pygmäen? Dies plus die Unfälle auf den Straßen, die Verschmutzung der Landschaft und der Flüsse mit Chemikalien aus den Sägewerken, die Verbreitung von Krankheiten, die Entwurzelung der Waldvölker und so weiter müsste alles zusammengezählt und mit den positiven Auswirkungen der Holzwirtschaft verglichen werden. Zum Beispiel mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Zahlen von Steuern. Dann müsste untersucht werden, was mit diesen Steuergeldern im Land tatsächlich geschieht. Was gibt es an neuen Schulen, Spitälern und anderer Infrastruktur? Wir haben nicht funktionierende Regierungen. Die sind so schlecht, dass ihre einzige Entwicklung jene der Schweizer Bankkonten ist. Wir sollten keine natürlichen Ressourcen wie Holz, Öl oder Mineralien aus diesen Ländern abziehen, solange keine Regierung an der Macht ist, die eine langfristige Entwicklung für die eigene Bevölkerung garantiert.

Viele Regierungen kann man in Afrika nur mit internationalem Druck zur Verantwortung gegenüber den Menschen und Ressourcen zwingen. Dies wiederum könnte den Vorwurf des Neo-Kolonialismus provozieren.

Schauen wir uns doch einmal die Realität in Afrika an. Es gibt vielleicht zwei, drei Länder, wo man das Gefühl hat: Hier ist eine Stand erreicht, wo eine sinnvolle Entwicklung möglich wäre. In den zentralafrikanischen Ländern, die ich regelmäßig bereise, sehe ich keine derartige Entwicklung. Die Nutzung oder Ausbeutung der Bodenschätze bringen keine Entwicklung. Der Grund: Die Regierungsqualitäten sind schlecht. Tatsache ist, dass wir im Moment aus diesen Ländern die Bodenschätze herausholen, die es später nicht mehr geben wird. Dann nämlich, wenn verantwortungsvolle Regierungen die Macht übernommen haben könnten. Diese Regierungen haben dann aber ein gewaltiges Problem, im Land noch etwas zu bewirken. Einfach darum, weil viele Rohstoffe von den Vorgängerinnen schon verschachert wurden. Das Geld ist weg, und die Länder werden im Endeffekt viel ärmer sein als heute. Wo würden Sie denn heute in Afrika ansetzen? Da müssten die großen Spieler wie die USA, die EU, die Weltbank, der IWF und so weiter zusammensitzen und sich die meines Erachtens zentralen Fragen stellen: Wie können wir die Qualität des Regierens in diesen Ländern anheben? Wie kann garantiert werden, dass das Geld aus dem Abbau der Rohstoffe ins Land zurückfließt und eine nachhaltige Entwicklung garantiert?

Was werfen Sie den Holzkonzernen konkret vor?

Alle Debatten um Nachhaltigkeit werden für die Konsumenten in den Industrieländern geführt. Wir haben einen französischen Holzunternehmer interviewt, der ehrlich war und uns in die laufende Kamera sinngemäß sagte: „Es kann in Afrika nicht legal eingeschlagen werden. Und wir wollen auch gar nicht, dass legal eingeschlagen wird. Es ist doch viel interessanter für die Regierungen, uns bei illegalem Einschlag zu erwischen. Dann zahlen wir Bußen, die in den Taschen verschwinden. Keiner von uns schlägt legal ein.“ Wären die Firmen ehrlich und würden sie die schlechte Qualität der Regierungen zugeben, dann hätten sie keine Basis und müssten auch zugeben, dass die Steuern nicht in die Entwicklung fließen.

Die Konzerne erklären ihre Konzessionen mit Hilfe der Regierungen zu Privatzonen. In Kamerun kommen nun große Umweltorganisationen dazu, die sich mit den Holzfirmen und Regierungen zusammentun.

Die Ausgangslage müsste doch so sein: Die Konzerne schlagen ihr Holz ein, die Regierungen kontrollieren den legalen Einschlag und das Zahlen der Steuern, und die Umweltorganisationen überprüfen die Konzerne und die Regierungen, dass der Einschlag nachhaltig erfolgt und nicht zu viel zerstört wird. Die drei Mächte würden sich gegenseitig kontrollieren. Doch in der Zwischenzeit liegen die alle im Bett miteinander. Die Regierungen sind so schlecht, dass sie ihre Leute nicht zahlen, dass sie denen keine Transport- und Kommunikationsmittel geben. Will also ein Regierungsbeamter in einer der zumeist weit abgelegenen Holzkonzessionen überleben, dann muss er von den Firmen leben, lässt sich von ihnen herumfahren und wird von ihnen gefüttert. Würde er nicht beide Augen zudrücken, könnte er nicht überleben. Wir haben Beamte, die Restaurants haben in Holzkonzessionen, mit ihrem Gewehr wird gejagt, und das Fleisch kommt ins Restaurant. Die Regierung kontrolliert nur dann die Firmen, wenn die Weltbank, Greenpeace oder Global Witness Druck ausüben.

Wer soll die Rechnung für den Erhalt der Regenwälder zahlen?

Wenn wir eine intakte Biodiversität in Afrika wollen, dann müssen wir dafür zahlen. Da genügen dann aber nicht ein paar Millionen Dollar. Da braucht es Hunderte von Millionen Dollar pro Jahr. In einem Holzmarkt in Deutschland sahen wir, dass eine einheimische Eichentüre die teuerste, eine FSC-Holztüre aus Indonesien die zweitteuerste war. Viel billiger war eine Sipo-Türe aus Afrika. Das heisst, man kauft hochwertiges Hartholz aus Afrika, weil es billiger ist. In jeder anderen Industrie würde das Dumping genannt. Man müsste das afrikanische Holz verteuern und besteuern, sodass es wenigstens gleich teuer ist wie die Eichentüre bei uns. Und das Steuergeld könnte in den Umweltschutz investiert werden.

Wenn wir streng vom Wald und seinen Lebewesen ausgehen, dürfte dieses Ökosystem gar nicht angetastet werden.

Natürlich gibt es Ideallösungen. Ich lebe aber seit 25 Jahren in Afrika – und da gibt es praktisch nur beschränkte Möglichkeiten. Sicher ist: Die beste Ausgangslage sind die geschützten Gebiete, also Nationalparks. „Nicht anrühren“ heisst hier die Devise. Nur, die Frage ist, wie groß sind diese Nationalparks? Wenn CIB-Gründer Hinrich Stoll 1,3 Millionen Hektar Wald einschlägt und dann noch 10.000 Hektar abgibt, um sich als „Hero of Rio“ feiern zu lassen, dann sage ich: Das ist doch keine Ausgangsbasis. Es müsste genau umgekehrt sein! 10.000 Hektar einschlagen und 1,3 Millionen Hektar stehen lassen. In den meisten Gebieten ist es aber zu spät. Die Konzessionen sind vergeben. Es werden noch schnell ein paar Nationalparks ausgeschieden. Doch jetzt muss Geld gefunden werden, die Probleme werden sichtbar. Wie schwierig wird der Schutz überhaupt werden, wenn alle diese Holzstraßen um die Parks führen und Tausenden von Menschen die Möglichkeit geben, sich anzusiedeln und zu wildern. Wenn man also Kongo-Kinshasa hat, wo noch keine Holz-Konzessionen vergeben wurden, so ist das die Chance, global eine Schutzlösung zu finden. Hier hätten wir noch ein grosses Stück tropischen Regenwalds, das man schützen könnte. Mit einem Vertrag mit der Regierung. Schutz wird es nie zu 100 Prozent geben. Aber wenn die Strassen nicht da sind und die Holzfirmen diese Wälder nicht öffnen und Leute hineinpumpen, dann werden diese Wälder nie aufgemacht. Die Leute würden in die Städte ziehen, die ihnen ohnehin komfortabler scheinen. Nur mit Holzfirmen, Minenfirmen oder Erdölfirmen lockt man die Leute in die Wälder.

Sie halten nicht mehr viel von Zoologen, wieso?

Tierschutz heisst heute: Richtig mit den Menschen zusammenzuarbeiten. Das Problem sind ja die Menschen, nicht die Tiere. Was mich anbetrifft, müsste im Regenwald niemand Tiere zählen und beobachten. Das Wild wäre im Urwald ohne Wissenschaftler „very happy“. Das Problem sind die Leute, die den Tieren nachstellen, sie in die Fallen locken oder abschießen. Um etwas zu erreichen, muss man mit den Leuten zusammenarbeiten. Das ist verdammt hart. Und wer macht das? Die Soziologen, und nicht die Biologen oder Zoologen. Denn diese sitzen lieber isoliert im Wald und beobachten die Affen. Anstatt sich mit dem Dorfältesten drei Stunden auseinanderzusetzen, weshalb er das Geld für den Umweltschutz in die eigenen Taschen steckte und weshalb die Dorfbewohner keinen einzigen Cent davon erhalten haben. Dort wird es hart. Deshalb braucht es Soziologen, Ethnologen oder andere Engagierte, die 80 Prozent ihrer Zeit opfern und sich mit den Leuten auseinandersetzen. Die reden und verhandeln, um das Beste für den Tierschutz herauszuholen.

Und was ist mit den Waldmenschen und ihren Rechten?

Die Lage der Regenwaldvölker, der Baka und Batwa etwa, ist genauso deprimierend wie jene des Wildes. Sie haben nicht die Möglichkeit, sich in den modernen Gesellschaften oder auch gegenüber den Bantu sprechenden Volksgruppen durchzusetzen. Das müssen wir akzeptieren, und deshalb müssen wir uns um ihre Rechte kümmern. Diese Probleme müssen wir als Konsumenten und Steuerzahler, die von ihren Wäldern profitieren und sie einschlagen, wahrnehmen und anerkennen. Die Pygmäen brauchen die Anerkennung ihrer Grundrechte. Sie sollen sich selber entscheiden können, ob sie an der Straße oder im Waldesinneren leben wollen. Im Moment haben sie nicht einmal diese Entscheidungsfreiheit. Sie werden aus ihren Wäldern weggejagt. Und es gibt keine Wälder mehr, in denen sie ungestört leben dürfen.

Damit die Wilderei und das illegale Abholzen in den Wäldern aufhört, setzen Sie sich für verdeckte Kontrollaktionen ein. Warum?

Tierzählungen könnten nachweisen, ob es mit den Beständen auf- oder abwärts geht. Wenn es um die Kontrolle von Buschfleisch geht, hilft heute nur noch die verdeckte Recherche. Das ist der einzige Weg herauszufinden, was auf und unter dem Tisch läuft. Sie ahmen mit dem Arm den witternden Rüssel eines Elefanten nach, und die Verkäuferin holt Ihnen unter dem Tisch Elefantenfleisch hervor. Das sind alles Dinge, die wir nicht wüßten, wenn dies mein kamerunischer Mitarbeiter Joseph Melloh nicht mit versteckter Kamera gefilmt hätte. Für Holz sind Undercover-Kontrollen weniger nötig. Bäume zählen, wo sie gefällt, wann und wie transportiert wurden, Hafenbesuche und Dokumente prüfen – das alles liegt bei einem Baum drin. Nicht so bei einem toten Gorilla. Schießt jemand einen Gorilla oder Elefanten im Wald, wird er schnell zerlegt, geräuchert, in Tragkörbe gestapelt, nachts auf Laster verladen und in die Nähe von Pokola gefahren. Dort wird angehalten, und das Fleisch von Türe zu Türe verkauft. Das hat Joseph nachgewiesen. Sie, ich oder sonst ein Weisser würden dies nie sehen. Deshalb braucht es für Buschfleischbekämpfung Undercoverteams aus Einheimischen, die nicht auffallen. Das müsste die Basis sein. Und dann müsste alles noch gefilmt werden, denn Joseph hätte man nichts geglaubt, wenn er nicht gefilmt hätte. Diese Teams müssten von den Umweltorganisationen, den Regierungen und den Holzfirmen akzeptiert werden.