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Die Spurenleser

Per Flugzeug, Auto oder Motorrad, mit Kamera und GPS fahnden die Aktivisten von Save our Borneo nach illegalen Abholzungen. Die Regenwald-Zerstörer haben bei ihnen keine Chance

Udin, Mitarbeiter von Save our Borneo, filmt das Regenwald-Massaker, illegal angerichtet vom Wilmar-KonzernUdin, Mitarbeiter von Save our Borneo, filmt das Regenwald-Massaker, illegal
angerichtet vom Wilmar-Konzern

Die Kurzmitteilung platzt mitten ins Gespräch. Nordin diskutiert gerade mit Bauern vom Sembuluh-See über den illegalen Bau der Palmölfabrik, den seine Organisation Save our Borneo (SOB) vorübergehend stoppen konnte. Jetzt schaut er kurz auf das Display seines Handys – eine anonyme Todesdrohung bringt ihn für einen Moment aus dem Konzept: „Der Distriktchef und wir, die Leute von Sembuluh, unterstützen die Palmölfabrik. Hör endlich auf, uns zu provozieren. Wir raten dir,nie wieder nach Sembuluh zu kommen. Das wirst du nicht überleben.“

Die Aktivisten stehen bei ihrem Kampf oft zwischen allen Fronten

Wir sind nach Borneo gefahren, in die indonesische Provinz Zentralkalimantan. Wir wollten erneut mit eigenen Augen sehen, wovon uns die Partner von Rettet den Regenwald fast täglich per E-Mail berichten: Von ihrem Kampf gegen Landraub und Vertreibung, illegale Abholzung, Gewalt und Lügen durch die Palmölindustrie. Aber auch von Korruption, Komplizenschaft und Ignoranz auf allen politischen Ebenen.

Jetzt treffen wir Nordin am Sembuluh-See und werden Zeuge, was es bedeutet, zwischen allen Fronten zu stehen. „Jedes Mal, wenn ich herkomme, erhalte ich solche Drohungen“, sagt Nordin, der mehr als sechs Stunden unterwegs ist, wenn die Bewohner von Sembuluh seine Unterstützung brauchen. „Doch was sie mit mir machen, ist nichts gegen das, was sie hier mit den Bauern machen, die sich gegen die Vernichtung ihres Lebensraumes wehren.“

Einer von ihnen ist Jufri, Vater von drei Kindern. Er nimmt uns mit zu einer verwilderten Parzelle, ein kleines Stück von dem Land, das ihm der Palmölkonzern Wilmar gestohlen hat. „Hier wuchs einst dichter Dschungel mit wildem Kautschuk, Rattan und Bambus und Fruchtbäumen wie Durian und Mango. Er hat ausgereicht, um meine Familie zu ernähren.“ Dann kamen die Bulldozer und haben den Wald plattgewalzt– in einer einzigen Nacht. Die meisten Bauern vom Sembuluh- See haben sich beschwert, denn sie besitzen Papiere über das Land, das ihre Ahnen seit jeher bewohnten. Doch beim Bupati, dem Distriktchef, fanden sie kein Gehör. „Wen wundert das“, meint Nordin, „von den 58 Palmölfirmen im Distrikt Seruyan gehören 14 dem Bupati.“ 

66 Bauern wollten den Diebstahl nicht hinnehmen,sie stellten sich den Baggern entgegen; vier Wochen lang besetzten sie ihr Land, um das Pflanzen der Ölpalmen zu verhindern. Sie wurden von der Polizei belagert, unter Druck gesetzt und geschlagen. Ihr mutiger Widerstand hat sich am Ende gelohnt. Die ersten Kautschukbäume und andere Urwaldpflanzen sprießen inzwischen aus dem zurückeroberten Waldboden.

Jeder erkämpfte Quadratmeter Bauernland, jeder gerettete Baum, jede verhinderte Ölpalme geben Nordin und seinen Aktivisten neue Motivation für ihren gefährlichen Einsatz. 30 Firmen konnten sie in Zentralkalimantan schon stoppen – das Sammeln und Austauschen von Informationen sind dabei ihre stärksten Waffen. Und zugleich die schwierigste Aufgabe. Denn Borneo ist unwegsam, viele Dörfer liegen weltabgewandt im Dschungel, Straßen und Wege sind überschwemmt und oft unpassierbar – da bleibt den Umweltschützern manchmal nichts anderes übrig, als bei ihrer Spurensuche in die Luft zu gehen. Im Sommer dieses Jahres schickte uns Nordin Video- und Fotoaufnahmen über frische Wunden im Urwald nahe des Sembuluh- Sees. Seit vielen Jahren schon sind die Bewohner der sechs Dörfer am See von Palmölplantagen umzingelt. Sie waren einst Fischer und Bootsbauer, doch jetzt gibt es kein Holz mehr für die Boote, und die Fische sterben in der Giftbrühe der Palmölfabriken. Die Bagger aber fressen sich immer weiter in den Wald.

Im unwegsamen Borneo ist die Datensammlung über illegale Rodung schwierig

Diesmal ist wieder der Wilmar- Konzern am Werk – illegal. Das haben Nordin und seine Mitarbeiter nach den Luftaufnahmen durch Recherchen am Boden herausgefunden. „Die Wilmar- Tochter RHS hat vom Forstminister ium keine Genehmigung, diesen Wald abzuholzen“, sagt Nordin. Und das ist für ihn bestürzender Alltag: „Allein in der Provinz Zentralkalimantan hat die Palmölindustrie 1,6 Millionen Hektar Wald für Plantagen vernichtet. Das Forstministerium hat aber nur für 553.000 Hektar Genehmigungen erteilt. Wenn Regierung und Justiz nicht kompromisslos jede illegale Abholzung bestrafen, machen sie sich zu Komplizen der Täter!“

Save our Borneo hat die Wilmar-Tochter angeklagt. „Noch ist Kalimantan zu 66 Prozent bewaldet. Wir kämpfen um jeden Quadratmeter“, sagt Nordin. „Deshalb müssen wir vor allem die lokalen Politiker überzeugen, jede Straftat vor Gericht zu bringen, anstatt mit der Palmölindustrie zu kooperieren. Sonst haben Menschen, Tiere und Pflanzen bald keinen Lebensraum mehr.“

2006 gründete Nordin die Menschenrechtsorganisation Save our Borneo, die fünf feste Mitarbeiter und einen großen Stab von freiwilligen Aktivisten beschäftigt. Wenn Sie ihre Arbeit unterstützen wollen: Stichwort „Save our Borneo“