SF-Fernsehreportage zu den Zweifeln an FSC-zertifiziertem Tropenholz

19.08.2009

Tropenholz für die Veranda zu Hause – und das ohne schlechtes Gewissen. Selbst der WWF macht Werbung für sogenanntes FSC-Holz, das auch aus dem gefährdeten Kongo-Becken kommt. Doch an dem ökologisch "sinnvollen" Holzschlag im Tropenwald gibt es Zweifel. Eine Rundschau-Recherche.

Sonnenbad auf Tropenholz

Schweizer Fernsehen, Rundschau, 19.8.09, 20:56 Uhr http://videoportal.sf.tv/video?id=cbec5b8f-d129-4c05-830d-223427807740

Rundschau vom 19.08.2009

Mitschrift des Originaltons der Reportage (ohne Gewähr)

Ansagerin Schweizer Fernsehen: Wer ein Herz hat für den Urwald, schaut bei den neuen Möbeln oder der neuen Holzterrasse auf das Label FSC. Diese Gütesiegel soll garantieren, dass in den Regenwäldern kein Kahlschlag betrieben wird. Sogar der WWF rührt die Werbetrommel für FSC-Tropenholz. Doch ist wo FSC draufsteht auch wirklich Umweltschutz drin?

Beim Holz aus dem afrikanischen Kongobecken gibt es große Zweifel. Ris Geriker

Beginn Reportage: Luzern. Bei der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstätter Sees gibt es große Zweifel. Das Holz auf diesem Bootssteg stammt aus dem Kongobecken. Tropenholz ist feuchteresistent und langlebig. Eigenschaften, die im Bootsbau geschätzt werden. Doch die Schiffstechniker würden am liebsten auf Tropenholz verzichten. Aus Gewissensgründen.

40 Jahre lang hat das Holzdeck auf diesem Raddampfer überdauert. Jetzt reissen die Arbeiter die Planken heraus. Es ist Holz vom Doussie-Baum aus Afrika. Das Schiffsdeck wird auch künftig Tropenholz enthalten, aber viel weniger. Anstelle der massiven Planken soll eine dünne Schicht Doussie über einheimisches Holz genügen. Das spart 80% Tropenholz ein.

Rudolf Stadelmann, Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee „Unser Bestreben war es eigentlich, kein Tropenholz zu haben war unser Ziel. Aber das geht nicht .... möglichst wenig zu brauchen, oder nur die dünne Schicht zu brauchen, was effektiv notwendig ist.“

Der Urwald im Kongobecken schrumpft. Er wird in Ackerland umgewandelt und für Brennholz genutzt. Und auch die Forstwirtschaft ist nicht nachhaltig: Eine WWF-Studie ergab, dass jeder dritte Baum im Kongobecken illegal gefällt wird – für Möbel, für Parkett, für Sperrholz.

Groß im Holzgeschäft mit Zentralafrika sind Chinesen und Franzosen. Und auch die Schweizer. Firmen mit Sitz in der Schweiz und Liechtenstein halten die Forstrechte für riesige Waldgebiete im Kongobecken. Precious Woods aus Zürich verfügt über 6000 Quadratkilometer. TT Timber aus Basel über 14.000. Die Interholco aus Baar über 32.000 Quadratkilometer. Die Nordsüdtimber aus Schaanwald und Bad Ragaz über 48.000, das allein ist mehr als die Fläche der Schweiz.

Mit den Nutzungsrechten tragen die Schweizer Gesellschaften auch Verantwortung für die Waldelefanten, die Gorillas und die Schimpansen, die in ihren Konzessionsgebieten leben. Mehr als auf den ersten Blick hat Basel mit dem Urwald zu tun. Hier ist der Sitz der TT Timber. Sie verfügt über Waldgebiete, doppelt so groß wie Graubünden.

CEO der Firma ist der Holländer Robert Hunink. Er zeigt Schimpansen, die in seinem Hoheitsgebiet, im Norden der Republik Kongo, leben. Bis vor kurzem war TT Timber noch ein Erzfeind für Umweltschützer. Nun hat die Firma ein FSC-Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft im Kongobecken erhalten. Man hat umgedacht:

Robert Hunink, TT Timber International: „Es ist eine enorme Verbesserung. FSC ist ein großartiges Instrument für die Betriebsführung. Es herrscht nun eine andere Art des Denkens in unserer Firma, und alle Angestellten sind sehr stolz, dass wir diese bedeutende Zertifizierung erreichen konnten." FSC-zertifiziert sind bislang drei der fünf TT-Timber-Konzessionen im Kongo.

FSC steht für Forest Stewardship Council. Bedeutende Umweltorganisationen, Sozialverbände und die Holzindustrie tragen das Label gemeinsam. Pro Hektar dürfen nur 1-2 Bäume gefällt werden. Um das Zertifikat zu erhalten, musste TT Timber auch ihr Verhalten gegenüber den Pygmäen ändern, deren Rechte vermehrt berücksichtigen. Gewisse Bäume, die bei den Pygmäen beliebte Früchte tragen, dürfen nicht mehr abgeholzt werden. Per GPS- Gerät wird ihre Position festgehalten. Sogar das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft steuerte ein paar hunderttausend Franken an den Managmentplan für die FSC-Zertifizierung.

Robert Hunink, TT Timber International: „Es sollte möglich sein, mehr FSC-zertifiziertes Holz zu vermarkten. Aber ich verstehe, dass die Konsumenten jetzt jeden Rappen zwei mal umdrehen. Und trotzdem, es gibt Gemeinden, Regierungen, Baugesellschaften - die könnten mehr tun, um FSC-zertifiziertes Holz zu fördern." Da kommt die Hilfe von der Umweltorganisation WWF gerade recht.

Gutes tun, tut gut, auch dem Tropenwald, so die Botschaft. Ein gutes Gefühl hat auch diese Familie, mit einer Terasse aus FSC-Tropenholz verlagert sie ihren Wohnbereich ins Freie. Das Holz der einen Terrasse stammt aus dem Amazonasbecken, das Holz der zweiten aus dem Kongo, von der TT Timber. Dabei war Tropenholz dem Hausherrn anfänglich noch suspekt.

Martin Bissegger: „Sowohl aus kontrolliertem Abbau abgeholzt wird - doch, das wäre eine Möglichkeit, dass man das macht" Tropenholz ist wieder in. Edler Sipo-Mahagoni als Rundholz. Der Baum wurde bei TT Timber im Kongo gefällt. Jetzt verarbeitet man den Urwaldriesen zu Lattenrosten. Daraus entstehen Gartenterrassen. Allein die Firma Balteschwiler verkauft jährlich über 40.000 Quadratmeter Tropenholzdecks, die Fläche von zehn Fussballfeldern. Montage bei Kunden in Müring. Verlegt kostet der Quadratmeter schnell einmal über 400 Franken. Sipo Mahagoni gibt es mit uns ohne FSC-Zertifikat. Mit FSC-Zertifikat kostet der rund 10% mehr.

Fussbodenverleger: „Die Leute entscheiden sich hauptsächlich für den FSC. " Das FSC-Zertifikat gilt mittlerweile als Wettbewerbsvorteil in der Branche. Terrassen-Ausstellung bei Balteschwiler. Für ein gutes Gewissen zahlen manche Kunden gerne mehr.

Jörg Langheim, Balteschwiler AG: „Zertifizierte Hölzer und nicht zertifizierte Hölzer. Garapa ist zertifiziert, Bankirai ist noch nicht zertifiziert. Jatoba, Massaranduba, Tali, Ipé, Sipo, Cumaru, alle zertifiizert. Beim Iroko, Doussie und Teak ist das im Augenblick noch nicht der Fall.“ „ Die Tropenhölzer sind mittlerweile wieder hoffähig geworden. Und es fördert eine Kampagen wie die vom WWF sicherlich diesen Absatz.“

Absatzhelfer WWF. In den 90ern hatte er noch zum Tropenholzboykott aufgerufen. Jetzt vertraut der WWF der Forstwirtschaft - wenn sie FSC-zertifiziert ist. Davon könne gerade auch Afrika profitieren, sagt der Projektleiter Wald beim WWF Schweiz. Thomas Wirth, Projektleiter Wald WWF Schweiz „Ganz wichtig ist, dass man da FSC-zertifiziertes Holz kauft, weil nur das Garantie gibt, dass das Holz nach besten möglichen Verfahren genutzt und geerntet worden ist." Der WWF steht voll hinter FSC.

Doch pikant: Ausgerechnet die zweite große Umweltschutzorganisation, Greenpeace, mag dem FSC-Zertifikat keinen Persilschein ausstellen. Schon bei früheren Aktionen hat sich Greenpeace gegen den Import von afrikanischen Hölzern gewehrt - und kritisiert, dass die Holzindustrie in Afrika kaum reguliert sei. FSC operiert mit regionalen Standards. Auch im Kongobecken werden Zertifikate erteilt, ohne dass FSC solche Standards erarbeitet hat.

Asti Roesle - Leiterin Waldkampagne Greenpeace Schweiz: „Der Prozess hat im Kongobecken noch nicht stattgefunden. Und das heisst eigentlich für uns, Greenpeace, dass Zertifizierungen aus dem Kongobecken, wie sie bis heute existieren, für uns noch nicht akzeptabel sind.“ Greenpeace International fordert ein Moratorium für weiteres Baumfällen in intakten Waldgebieten. Zudem sollen bestehende FSC-Zertifizierungen in Ländern mit schwacher Regierungsführung widerrufen werden, also im ganzen Kongobecken.

Thomas Wirth - Projektleiter Wald WWF Schweiz: „Kritik ist richtig und wichtig und trägt zur Verbesserung des Systems bei. Einen Austritt empfinden wir destruktiv. Es besteht vor allem die große Gefahr, dass sich dan in die Lücke, die sich dann bietet, andere Labels mit viel schlechterem Standard positionieren. Unser Ziel ist es, FSC, das beste Label, besser zu machen, und daran arbeiten wir.“

Ist das beste Label gut genug? Das Kongobecken – grün die Nationalparks, gelb die Forstkonzessionen, rot das Waldstrassennetz. Ein Patchwork. Kann die Forstwirtschaft helfen, die Urwälder zu retten? Bislang dominiert der Raubbau, die staatlichen Strukturen sind schwach. Doch mit dem Druck der Umweltverbände bemühen sich westeuropäische Holzfirmen nun um zertifiziertes Holz.

In Basel bespricht sich Robert Hunink mit seinem Umweltmanager Lucas van der Walt. Die Firmen behaupten, der Schutz der Wildtiere habe hohe Priorität. Denn Tausende von Gorillas und Waldelefanten leben in den TT-Timber-Wäldern. Und drei Nationalparks grenzen ans Forstgebiet. Lucas van der Walt - TT Timber/DLH Group „Das ist schon interessant, das einzige Gebiet, das diese drei Nationalparks voneinander trennt, ist unsere Konzession. Und das war die erste Konzession, die wir FSC-zertifizieren ließen.“

Forststraßen im Norden der Republik Kongo. Das Netz dieser Wege hat sich seit den 70er Jahren rasant ausgebreitet. Forststraßen erschliessen bislang unberührte Gebiete. Und sie dienen als Einfallstore für Wilderer auf der kommerziellen Jagd nach Buschfleisch. Der Transport per Holzlaster sei nun verboten, versichert TT Timber. Und zu Buschfleisch biete man Alternativen:

Robert Hunink, TT Timber International: „Wir haben die Mittel, anderweitig Eiweiss bereitzustellen. Wir bringen gefrorenen Fisch, Hühner und Schweinefleisch in die Region, wir hatten ein eigenes Schlachthaus. Aber es ist eine enorme Herausforderung, eine Bevölkerung von 20.000 Menschen zu ernähren.“ Kabo und Pokala, die Hauptorte im TT-Timber-Gebiet sind rasch zu veritablen Holzfäller-Städten gewachsen. Die Menschen sind wegen den Arbeitsstellen in der Holzwirtschaft hierher gezogen, in ein Gebiet, das zuvor unberührt war.

TT Timber ist wieder daran, unberührtes Gebiet zu erschliessen: Die Konzession Loundoungou, ein intaktes Urwaldgebiet. Es soll demnächst FSC-zertifiziert werden. Robert Hunink, TT Timber International: „Was Loundoungou betrifft: Diese Konzession haben wir von der Regierung erhalten. Die Regierung hat das zur Produktionszone erklärt. Es gibt Nationalparks nebenan. Und wir selbst haben bedeutende Areale als Waldschutzgebiete ausgesondert."

Asti Roesle - Leiterin Waldkampagne Greenpeace Schweiz: „Nein, in diesem Fall überwiegt für mich der Effekt, das Gebiet ist Primärwald mit einer sehr hohen Biodiversivitätswert. Das ist genau ein Beispiel für eine Zertifikation, wo, wirklich nicht mehr glaubwürdig ist. Wenn man jetzt die FSC-Ideale abrückt.“

Thomas Wirth, WWF: „In einem Primärwald kann nachhaltige Forstwirtschaft in dem Sinne betrieben, wenn die Auswirkungen auf Natur, auf Tier- und Pflanzenwelt sehr gering sind. Und Naturwerte und Biodiversivität kann erhalten, in dem Sinne nachhaltig bewirtschaftet werden.“ Hoffentlich. Die Loundoungou-Konzession ist grösser als der Wartland. 300 km Forststrassen entstanden hier in kurzer Zeit. Was geschieht nun mit den Wildtieren? Bedeutet nachhaltige Nutzung auch, dass sie nicht vertrieben werden?

Robert Hunink, TT-Timber: „Wir werden die Tierwelt in dieser Gegend respektieren, so gut es geht. Es gibt eine Brigade Wildhüter, die den Handel mit Buschfleisch verhindern, zumindest ihr Bestes geben. Die Elefanten werden sicherlich zum Teil wegziehen, in den Nationalpark, der gleich nebenan ist." Bis jetzt aber seien noch keine Waldelefanten abgewandert, beteuert man bei TT Timber. Doch Studien zeigen: Elefanten meiden Forststraßen. Auch bei vorbildlicher Forstwirtschaft.

In Mörikon, ist die Terasse aus Sipo-Mahagoni inszwischen fertig installiert. Die Hausherren relaxen. René Bolzern: „Das ist natürlich toll, wenn man das Gefühl , dass das Holz ...“ Was sagen WWF und Greenpeace zu Terrassen aus Sipo-Mahagoni? Haben die Konsumenten Gutes getan? Thomas Wirth - Projektleiter Wald WWF Schweiz: „Diese Leute verhalten sich verantwortungsbewusst. Sie sichern in dem Sinne Arbeitsplätze und eine nachhaltige Nutzung im Kongobecken, wenn Sie das machen, entscheidend ist, dass es tatsächlich FSC-zertifiziert ist.“

Asti Roesle - Leiterin Waldkampagne Greenpeace Schweiz: „Mit Sipo, Terrasse, das wäre eine Illusion, wenn man das Gefähl hätte, das man da etwas Gutes getan hat.“ Am Holz aus dem Kongobecken scheiden sich die Geister. Die Umweltschützer sind sich uneinig. Bleibt die Frage, wer am Schluss in die Röhre schaut...

Update vom 1. Januar 2011 von Rettet den Regenwald:

Mittlerweile wurden die im Bericht gezeigte Züricher Tt-timber und deren Tochter CIB im Kongo an den Palmöl- und Holzkonzern Olam International aus Singapur verkauft. CIB machte seit Jahren anscheinend nur noch Verluste, weil die wertvollen Mahagoni-Stämme aus den beiden erschlossen Konzessionen abgeholzt waren. 30 Jahre lang - also einen sogenannten Rotationszyklus lang - hatte CIB 90 Prozent des Holzeinschlags mit den drei Mahagoni-Arten Sapelli, Sipo und Tiama bestritten. Dann hatte die Firma offenbar kein Geld mehr, um die bisher noch ungenutzte Regenwaldkonzession für den Holzeinschlag zu erschließen.

Olam hat bereits angekündigt, großflächig Ölpalmen im Regenwald des Kongo pflanzen zu wollen. Von "Nachhaltigkeit" kann also keine Rede sein. Nachhaltig vernichtet wurden in jeden Fall die Millionen Steuergelder aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die in die angeblichen Musterunternehmen der europäischen Holzindustrie wie CIB im Kongobecken gepumpt wurden.