Firmen sollen CO₂ einsparen – anstatt sich freikaufen zu können

Ein einzelne Eiche steht auf einem Kahlschlag, im Hintergrund eine Kiefernmonokultur Irrsinn eines CO₂-Ausgleichsprojektes in der Region Vienne, Frankreich: Damit neue Bäume gepflanzt werden können, wurde der natürliche Laubwald bis auf eine Eiche abgeholzt (© Canopée) Holzernte auf abgebrannten Eukalyptus-Plantagen in Swasiland, Afrika Holztransport auf abgebrannten Eukalyptus-Plantagen in Swasiland im Süden Afrikas (© RdR/ Klaus Schenck) Baumplantage mit Eukalyptus in Südafrika Holzplantagen sind keine Wälder: Schon nach wenigen Jahren werden die dünnen Stämme auf einer Eukalyptusplantage in Südafrika eingeschlagen (© Mathias Rittgerott)

Die Klimakrise schreitet rasch voran. Anstatt die CO₂-Emissionen zu senken, plant die EU Regeln für den Ausgleich des Kohlenstoffausstoßes. Damit wäre es für die Industrie weiterhin möglich, Erdöl, Gas und Kohle zu verbrennen, CO₂ in die Luft zu blasen und das Klima anzuheizen. Bitte fordern Sie von der EU echten Klimaschutz!

News und Updates Appell

An: Das Europäische Parlament und den EU-Ministerrrat

„Stoppen Sie das EU-Regelwerk für den geplanten CO₂-Ausgleich - es ist Zeit für einen echten Wandel, um die CO₂-Emissionen schnell zu reduzieren!“

Ganzes Anschreiben lesen

Alle Wirtschaftsbereiche müssen jetzt damit beginnen, ihre Emissionen zu reduzieren. CO2-Ausgleichsgeschäfte erwecken den Anschein, dass etwas getan wird. Doch in Realität ermöglichen sie es, weiterhin CO2 in die Atmosphäre zu blasen. Klimaverschmutzer bezahlen andere dafür, irgendwo auf der Welt die Emissionen wieder zu absorbieren – so können sie auf dem Papier Klimaneutralität versprechen. In der Realität schaden viele Ausgleichsprojekte mehr als sie nützen und sind Ablenkungsmanöver.

Über sogenannte „naturbasierte Lösungen" wie die „Aufforstung" mit Holzplantagen oder die Einlagerung von Holzkohle in den Böden soll Kohlenstoff eingefangen und gebunden werden. In der Praxis schädigen die Projekte meist die Natur und führen zu Landraub sowie Menschenrechtsverletzungen. Die Opfer sind indigene Völker, Kleinbäuerinnen und -bauern und Menschen in den Waldgebieten im Globalen Süden. Untersuchungen zeigen zudem, dass die Projekte für den Klimaschutz wertlos sind oder die Klimaerwärmung verstärken.

Ein weiteres Problem ist „Geo-Engineering“: Bei diesen technologischen Ansätzen wird in die Ökosysteme der Erde eingegriffen, um Auswirkungen der Klimakrise zu verringern. Es sind kostspielige Verfahren, die viele Ressourcen verbrauchen und sich nicht bewährt haben, stattdessen die Menschen und Artenvielfalt gefährden. Dazu gehört, Kohlendioxid einzufangen und im Untergrund zu verpressen. Oder Wälder zur Energiegewinnung abzuholzen, zu verbrennen und die Emissionen aufzufangen und einzulagern.

Trotz all dieser Probleme will die EU mit einem neuen Gesetz solche CO2-Ausgleichsmaßnahmen zertifizieren. Bitte fordern Sie die EU auf, die Pläne aufzugeben. Wir wollen einen gerecht gesteuerten Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen: Erneuerbare Energien, die fair und umweltfreundlich sind zum Wohle aller Menschen.

Start der Petition: 21.06.2023

Hinter­gründe

Was ist die CRCF

Die Europäische Kommission hat dem Europäischen Parlament und dem Rat im November 2022 einen Gesetzesvorschlag vorgelegt, um einen Zertifizierungsrahmen für die Entfernung von CO2 aus der Luft zu schaffen (Carbon Removal Certification Framework – CRCF). Er enthält Kriterien für die Entnahme von Kohlenstoff und wie die Aktivitäten überwacht, dokumentiert und überprüft werden sollen, um "Greenwashing" zu bekämpfen, so die EU. Die Initiative ist Teil des europäischen Klimagesetzes, mit dem Europa bis 2050 die Klimaneutralität erreichen soll.

Damit will die EU ein Regulierungsverfahren einführen, das staatliche Kontrolle und Marktvertrauen für den Verkauf von Ausgleichsgutschriften auf den freiwilligen Kohlenstoff-Märkten schafft. Damit sollen Anreize für mehr Projekte zur Entfernung von CO2 in der EU und außerhalb geschaffen werden. Sowohl die sogenannten „naturbasierten Lösungen" als auch technologischen Ansätze fallen unter das vorgeschlagene Zertifizierungssystem.

Die Risiken der Gesetzesinitiative:

  • Auf Erdöl, Gas und Kohle beruhende Aktivitäten können damit weiter bestehen, indem mit (vermeintlichen) Projekten zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre die weitere Verbrennung fossiler Brennstoffe gerechtfertigt wird.
  • Die Agrar- und Holzindustrie kann damit die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt, der Landrechte und die Ernährungssicherheit untergraben.
  • Die globalen Märkte für freiwillige CO2-Kompensationen werden dadurch legitimiert und angekurbelt.
  • Sie führt die Menschen in die Irre, verzögert wirklich wirksame Klimaschutzmaßnahmen und macht es wahrscheinlicher, dass wir die kritische Grenze von 1,5 Grad Celsius globaler Klimaerwärmung überschreiten werden.

Das Problem mit den so genannten „naturbasierten Lösungen"

Naturbasierte Lösungen zielen darauf ab, mit natürlichen Prozessen und nachhaltiger Landnutzung den Klimawandel zu bremsen. Sie lassen sich in drei Kategorien mit unterschiedlichem Fokus, Potenzial und praktischer Bedeutung aufteilen:

  • Wälder sollen aufgeforstet werden, doch in der Praxis sind es meist öde industrielle Monokulturen zur Holzproduktion, oder Projekte, die Wälder vor der Abholzung schützen sollen (vermiedene Entwaldung).
  • Landwirtschaftliche Flächen sollen Kohlenstoff binden, beispielsweise indem Holzkohle (Biochar) im Boden eingelagert werden soll.
  • Feuchtgebiete/Moore sollen renaturiert werden.

In der Praxis sind die meisten dieser Projekte weitgehend wirkungslos oder verschärfen sogar die globale Klimaerwärmung. Die Wissenschaft weist bereits seit Jahren darauf hin und neue Untersuchungen bestätigten die Warnungen: Die Entfernung von CO2 aus der Luft kann das an anderen Orten in die Luft entlassene CO2 nicht ausgleichen.

Das zeigt auf drastische Weise der Skandal um die US-Organisation Verra, die Emissionsminderungen nach dem Verified Carbon Standard (VCS) zertifiziert. Die finanzierten Projekte funktionieren nicht und können die durch fossile Energien verursachten Emissionen nicht ausgleichen. Da die Projekte zudem große Landflächen in Anspruch nehmen, erhöhen sie den Druck auf bestehende Ökosysteme und die dort lebenden Menschen und gefährden die Ernährungssicherheit.

Andere Untersuchungen zeigen, wie leicht es den Akteuren des Kohlenstoffmarktes gelingt, die Behauptungen zum Klimaschutz zu übertreiben oder die Berechnungen aufzublähen. Beispielsweise indem sie behaupten, dass Waldflächen viel stärker von der Abholzung bedroht sind, als das tatsächlich der Fall ist.

Darüber hinaus stehen solche Ausgleichsprojekte mit Landraub und Menschenrechtsverletzungen in Verbindung, wovon in erster Linie Gemeinschaften im globalen Süden, indigene Völker und Kleinbäuerinnen und -bauern betroffen sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: In einer Studie wurde festgestellt, dass ein Projekt in Kenia zur Einlagerung von Kohlenstoff im Boden nicht nur die Menge der eingesparten Kohlenstoffemissionen überschätzt hat: es hat sich auch das Land indigener Völker angeeignet und dazu geführt, dass deren angestammte naturschonende Landbewirtschaftpraktiken verloren gingen.

Das Problem mit Geo-Engineering

Geo-Engineering oder „Technofixes“ sind Versuche der Erdöl-, Gas- und Kohleindustrie, Technologien zu entwickeln, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen könnten. Dazu gehören Verfahren wie Bioenergie mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung im Boden (BECCS) und direkte Kohlenstoffabscheidung aus der Luft und nachfolgende Einlagerung im Boden (DACCS).

Das Hauptproblem bei diesen technischen Ansätzen ist, dass sie bisher nicht real existieren: Es gibt derzeit keine Technologien für negative Emissionen, die funktionieren oder in großem Maßstab rentabel sind. Darüberhinaus sind diese Prozesse mit unverhältnismäßig hohen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten und Risiken verbunden.

Die vorgeschlagenen Technologien sind extrem teuer und erfordern große Mengen an Ressourcen wie Wasser und Land, die immer knapper werden. Sie bedrohen damit die biologische Vielfalt und die Ernährungsicherheit in der ganzen Welt. Sie bergen enorme Risiken für unsere Gemeinschaften, einschließlich der Wahrung der Menschenrechte und der Rechte indigener Völker.

Der reale Nullpunkt (Real Zero)

Europa hat eine große historische Verantwortung, einen gerechten Übergang für den globalen Süden zu unterstützen und die Emissionen im eigenen Kontinent schnell auf Null zu senken. Um die Klimaneutralität zu erreichen, ist ein gerechter und sozial geführter Ausstieg aus fossilen Brennstoffen notwendig:

  • Eine Energiewende hin zu wirklichen, fairen, demokratischen und nachhaltigen erneuerbaren Energien, die das Wohlergehen aller Menschen über einseitige Wirtschaftsinteressen stellen
  • Die Unterstützung kleinbäuerlicher Landwirtschaft und eine gerechte Umstellung der Lebensmittel- und Agrarsysteme auf Agrarökologie für Ernährungssouveränität
  • Eine naturnahe Waldwirtschaft
  • Die Umlenkung öffentlicher Subventionen weg von fossilen Brennstoffen, um die vorstehenden Maßnahmen zu unterstützen

Die von der Europäischen Kommission vorgelegte Gesetzesinitiative zur Zertifizierung des Kohlenstoffausgleichs hilft nicht, den realen Nullpunkt bei den Emissionen zu erreichen und die Erwärmung unter 1,5°C zu halten. Sie muss daher abgelehnt und stattdessen die Emissionen gestoppt und die Ökosysteme wieder hergestellt werden.

Mehr als 200 Organisationen aus den Bereichen Klima, Umwelt, Menschenrechte und Ernährungssicherheit aus der ganzen Welt – darunter Rettet den Regenwald - unterstützen Real Zero Europe. Gemeinsam wehren wir uns gegen falsche „Netto-Null"-Initiativen und üben Druck auf die EU und die europäischen Staaten aus, damit sie jetzt Maßnahmen für echte und weitreichende Emissionssenkungen ergreifen.

Weitere Informationen auf Englisch finden Sie hier: www.realsolutions-not-netzero.org

An­schreiben

An: Das Europäische Parlament und den EU-Ministerrrat

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Klimawandel schreitet rasch voran, es droht ein unumkehrbares Klimachaos. Unsere Wirtschaft muss daher dringend, gerecht und ausgewogen umgestaltet werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren und können uns keine Irrwege leisten.

Dennoch diskutiert die EU derzeit ein Gesetz zur Zertifizierung von CO₂-Ausgleichsprojekten und zur Schaffung von Gutschriften, die auf den Kompensationsmärkten gehandelt werden könnten. Dies würde es Unternehmen ermöglichen, die Verantwortung für frühere Emissionen abzuschieben und die Klimakrise weiter anzuheizen, während Finanzgeber Spekulationsgewinne aus dem Klimachaos einstreichen könnten.

Wir fordern Sie daher dringend auf, den Vorschlag der Europäischen Kommission zur Zertifizierung von Kohlenstoffausgleichsprojekten abzulehnen. Der Kohlenstoffmarkt ist gescheitert und Wissenschaftler weisen schon seit Langem immer wieder auf die Gefahren der Kompensationsgeschäfte hin.

Das Geschäft mit dem CO₂-Ausgleich führt nicht zur realen Verminderung der Emissionen und zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft. Es ist vielmehr ein Freibrief für große Umweltverschmutzer, weil sie dadurch weiter Erdöl, Gas und Kohle verbrennen und CO₂ ausstossen können: "Naturbasierte Lösungen" ignorieren soziale und ökologische Belange und garantieren keine langfristige Kohlenstoffspeicherung. Und technologische Lösungen haben sich nicht bewährt und bedrohen ebenso die Ökosysteme und die dort lebenden Menschen.

Wir fordern Sie auf, den CO₂-Ausgleich in der EU-Politik entschieden abzulehnen. Es ist an der Zeit, dem Ablenkungsmanöver und der Zerstörung durch "Technologien zur Kohlenstoffabscheidung" und "naturbasierte Lösungen" ein Ende zu setzen. Wir müssen die CO₂-Emissionen real reduzieren – auf echt Null („Real Zero“).

Mit freundlichen Grüßen

News und Updates

Aktuelles · 15.12.2023

Handel mit CO2-Zertifikaten gefährdet Indonesiens Aru-Inseln

Gemälde von Menschenmasse mit Poster "Save Aru", im Hintergrund Meer und Schiffe

Auf Indonesiens Aru-Inseln will eine Firma mit Kohlenstoff-Zerifikaten einen der letzten intakten Regenwälder verhökern. Die #SaveAru-Koalition, zu der Rettet den Regenwald gehört, fordert das indonesische Ministerium für Umwelt und Forsten auf, die Genehmigung dafür zu stoppen.

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Aktuelles · 19.10.2023

Brasilien: Täuschung und Missbrauch mit CO2-Ausgleichsprojekten im Amazonasregenwald

In Portel im Amazonasgebiet haben Kohlenstoffhändler offenbar widerrechtlich Gutschriften für Regenwaldflächen verkauft, die im staatlichen Besitz sind und von lokalen Gemeinschaften bewohnt werden. Zudem sollen die Betreiber keine effektiven Kontrollen in den Waldgebieten durchgeführt, die Bevölkerung getäuscht und mit Almosen abgespeist haben.

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Aktuelles · 21.09.2023

Kein Pardon für große Klimaverschmutzer!

Beim Klimaschutz setzen viele Firmen neben der CO₂-Einsparung auf Ausgleichsprojekte. Sie kaufen sich mit CO₂-Gutschriften für Regenwald-Schutzprojekte frei. Dem Klima und den Wäldern ist damit meist nicht geholfen. Die Zertifikate sparen oft wesentlich weniger CO₂ ein als behauptet. Mit der Zertifizierung solcher Ausgleichsmaßnahmen will die EU die Kompensationsgeschäfte nun legitimieren.

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Fußnoten

Kohlendioxid einzufangen und im Untergrund zu verpressenCIEL 2021. Confronting the Myth of Carbon-Free Fossil Fuels: Why Carbon Capture Is Not a Climate Solution: https://www.ciel.org/wp-content/uploads/2021/07/Confronting-the-Myth-of-Carbon-Free-Fossil-Fuels.pdf



neuen Gesetz Europäische Kommission 2023. Gesetzrahmen für die Zertifizierung von Kohlenstoffabbau (Carbon Removals Certification Framework): https://climate.ec.europa.eu/eu-action/sustainable-carbon-cycles/carbon-removal-certification_en


Gesetzesvorschlag vorgelegtEuropäische Kommission 2023. Gesetzrahmen für die Zertifizierung von Kohlenstoffabbau (Carbon Removals Certification Framework): https://climate.ec.europa.eu/eu-action/sustainable-carbon-cycles/carbon-removal-certification_en



übertreiben Carbon Herald 2023. South Pole Faces Accusations Due To Exaggerated Carbon Offsets Claims – Bloomberg: https://carbonherald.com/south-pole-faces-accusations-due-to-exaggerated-carbon-offsets-claims-bloomberg/


Waldflächen viel stärker von der Abholzung bedroht sind, als das tatsächlich der Fall ist Carbon Market Warch 2021. Two Shades of Green: HOW HOT AIR FOREST CREDITS ARE BEING USED TO AVOID CARBON TAXES IN COLOMBIA: https://carbonmarketwatch.org/wp-content/uploads/2021/06/Two-shades-of-green_EN_WEB.pdf


Studie Survival International 2023. Blood Carbon: how a carbon offset scheme makes millions from Indigenous land in Northern Kenya: https://www.survivalinternational.org/articles/carbon-offset-scheme-makes-millions-from-Indigenous-land-Northern-Kenya




VerantwortungFanning, A.L., Hickel, J. 2023. Compensation for atmospheric appropriation. Nat Sustain: https://doi.org/10.1038/s41893-023-01130-8

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