Zuckerrohr in Kenia: Monokulturen bedrohen das Tana-Delta

15.684 Teilnehmer

Ende der Aktion: 22.05.2014

Wirtschaftliche Entwicklung um jeden Preis und mit aller Macht. Das hat sich Kenias Regierung zum Ziel gesetzt – und verkauft Stück für Stück an in- und ausländische Konzerne eines der wichtigsten Feuchtgebiete Afrikas: Das Delta des Tana-Flusses, 130.000 Hektar groß und ein absoluter Hotspot der Artenvielfalt. Als Erstes sollen dort gewaltige Zuckerrohrfelder entstehen, u. a. für die Ethanol-Produktion für den europäischen Markt. Werden die Pläne umgesetzt, droht die Vernichtung eines wertvollen Ökosystems, und 25.000 Menschen müssen ihre Dörfer verlassen.

Appell

Den Hippos steht das Wasser bis zum Hals, und das ist gut so. „Aber wie lange noch?“, fragt Maulidi Diwayu und mustert besorgt die kolossale Herde, die einen kleinen See im Tana-Delta dominiert. „Wenn die Regierung ihre Entscheidung nicht zurücknimmt, werden diese Flusspferde bald auf dem Trockenen stehen.“ Maulidi Diwayu kämpft mit seiner Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Tadeco seit Jahren um den Erhalt seiner Heimat; es ist die Heimat Tausender Bauern, Fischer und Hirten und einer Million Weidetieren. Und nicht nur das. „Wir leben hier auf einem absoluten Hotspot der Artenvielfalt“, sagt Diwayu. „Denn das Zusammenspiel von Süß- und Salzwasser beschert Flora und Fauna einen ganz besonderen Lebensraum – vor allem für Vögel.“

Das Delta ist Lebensraum von 350 Vogelarten und wichtiger Rastplatz für Zugvögel. In seinen Flusswäldern leben zwei der weltweit gefährdetsten Primatenarten: Tana-Stummelaffe und Tana-Mangabe. Viele Amphibien- und Reptilien-Arten gibt es nur hier. „Und trotzdem hat das Delta keine Schutzgebiete,“ klagt Diwayu. „Obwohl auch Kenia die Ramsar-Konvention unterzeichnet hat, das internationale Übereinkommen zur Bewahrung der wichtigen Feuchtgebiete unserer Erde.“

Stattdessen stiehlt die Regierung ihren Bürgern das Land, das sie seit Jahrtausenden bewohnen und bewirtschaften. Landrechte über 40.000 Hektar hat sie der halbstaatlichen Agentur TARDA überschrieben – erstmal um Reis und Mais zu pflanzen gegen Hunger und Armut. Aber das Ziel heißt Zuckerrohr, um Ethanol für den Weltmarkt zu produzieren. Dafür wurden bereits Dämme gebaut, Bewässerungskanäle gezogen und der Bevölkerung das Wasser abgegraben. „Dazu hatte die Regierung überhaupt kein Recht“, sagt Umweltaktivist Diwayu. „Das Land hier ist „Trust Land“, das der Staat im Auftrag seiner Bürger verwaltet und nicht verkaufen darf – schon gar nicht ohne jegliche Anhörung und Mitsprache der Menschen, die auf diesem Land leben!“

Die schlimmsten Befürchtungen der Delta-Bewohner scheinen nun wahr zu werden. 20.000 Hektar soll die erste Zuckerrohrplantage umfassen; ein Gemeinschaftsprojekt von Kenias größtem Zuckerproduzenten Mumias und TARDA. Und das ist nur der Anfang. Mindestens zwei weitere internationale Konzerne sind begierig darauf, das fruchtbare Delta unter Energiepflanzen für Agrosprit zu begraben. Das Emirat Katar investiert in Ackerland, um sein Volk zu ernähren; ein kanadisch-chinesischer Konzern will Titan unter den Sanddünen fördern. Kenias Regierung nennt diese Pläne Wirtschaftsförderung und Armutsbekämpfung – und hält sämtliche Details bislang unter Verschluss.

Einmal sind die Umweltschützer mit ihrer Klage gegen die Zerstörung des Deltas bereits gescheitert. „Wir werden es wieder versuchen,“ sagt Maulidi Diwayu und hofft auf weltweite Unterstützung. Dafür haben die Umweltschützer einen Protestbrief an Kenias Premierminister Raila Odinga und die verantwortlichen Behörden formuliert mit der Bitte an die Weltgemeinschaft: Beteiligen auch Sie sich an unserer Aktion zum Schutz eines Ökosystems, das für die ganze Erde von Bedeutung ist!

Die deutsche Übersetzung des Briefes finden Sie hier. Und die ausführliche Reportage über unseren Besuch im Tana-Delta können Sie im neuesten Regenwald-Report online lesen oder als gedruckte Ausgabe bestellen.
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Sie die Umweltschützer für die Gerichtskosten und Workshops. Artikel Selbst die Krokodile hungern aus der Schweizer Wochenzeitung WOZ.

Hinter­gründe

Sehr geehrter Premierminister Odinga,

die Weltöffentlichkeit ist sehr besorgt über Ihren Plan, Entwicklungspläne im Tana-Delta zu verwirklichen. Die würden das Tana-Delta zerstören. Es ist allgemein bekannt, dass das Tana-Delta für Fauna und Flora von internationaler Bedeutung ist. Ihr Plan, das gesamte Delta in eine bewässerte Plantage zu verwandeln, hat folgende Punkte nicht berücksichtigt:

*Der Landkauf durch Tana & Athi Rivers Development Authority (TARDA) folgte nicht dem Verfahrensrecht; schon jetzt hat die halbstaatliche Agentur TARDA Land zerstört, hat vielfach den Tana-Fluss umgeleitet, da sie die Besitzrechte am Wasser für sich beansprucht, hat einen elektrischen Zaun installiert – das alles ohne eine Umweltverträglichkeitsprüfung und ohne die Gemeinden zu informieren.
Weiterhin hat TARDA ohne Entschädigungen Dörfer umgesiedelt und die Natur zerstört, sie hat Konflikte ausgelöst in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im Zusammenleben von Mensch und Tier. Durch das Projekt verarmt die lokale Bevölkerung immer mehr, sie ist inzwischen darauf angewiesen, dass die Regierung und das Welternährungsprogramm sie mit Nahrung versorgt.

* Während der Planung und der Ausführung des Projekts wurde die lokale Bevölkerung entmachtet und betrogen, und es wurden keine Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung im Delta getroffen. * Die Regierung hat Außenstehenden ohne Einhaltung der vorgeschriebenen Verfahren Land zugeteilt; und bis jetzt haben Sie nicht in Betracht gezogen, der Bevölkerung das Land zuzusprechen, der es in Wirklichkeit gehört.

* Die Regierung hat Lizenzen für Projekte erteilt, die Lücken haben im sozialen und Umwelt-Bereich – das verstößt gegen den Environmental and Management Coordiantioan Act – 1999. Dies hat dazu geführt, dass imTana-Delta die Umwelt zerstört wurde und die Menschenrechte missachtet wurden.

* Die Regierung hält sich nicht an die Internationale Ramsar-Konvention, obwohl Kenia sie unterzeichnet hat.

* Der Regierung ist es nicht gelungen, die Wasser-Ressourcen im Delta zu kontrollieren und zu schützen.

* Die Regierung verwaltet das Land treuhänderisch für die Gemeinschaft und hat deshalb nicht das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen. Dennoch haben Sie dieses Treuhandgesetz missachtet.

Deshalb bitte ich die Regierung von Kenia, die Entscheidung, das Öko-System des Tana-Deltas für Agrarprojekte zu opfern, zurückzunehmen. Stattdessen sollte das Land der ansässigen Bevölkerung überschrieben werden, damit sie es wie bisher schonend bewirtschaften kann. Die bereits erfolgten Landnahmen und Flussumleitungen müssen rückgängig gemacht werden. Außerdem bitte ich Sie, das Tana-Delta gemäß der von Kenia unterzeichneten Ramsar-Konvention unter Schutz zu stellen. Ich bin mir sicher, dass Sie dabei auf internationale Unterstützung zählen können.

Mit freundlichen Grüßen

An­schreiben

Hon. Raila Odinga, Prime Minister, Republic of Kenya
info@primeminister.go.ke

cc:
Director General, National Environment Management Authority
dgnema@nema.go.ke

Permanent Secretary, Ministry of Regional Development
psmr@regional-dev.go.ke

The Director of Kenya Wildlife Service
kws@kws.go.ke

Dear Mr. Prime Minister Hon. Raila Odinga,

The world notes with concern your plan to realise a development initiative in the Tana Delta which would lead to the destruction of the Tana Delta. It is well known that the Tana Delta is of international importance for the conservation of both fauna and flora. The plan which you envision would convert the entire delta into an irrigation project. The following issues have not been considered:
 
*Land acquisition by the Tana & Athi Rivers Development Authority (TARDA) is unprocedural. The authority has already destroyed part of the landscape, has diverted much of the Tana river since claiming ownership over the water, and is now installing electrical fencing without an Environmental Impact Assessment and without community consultation and awareness. Communities already being displaced and biodiversity is being destroyed without compensation. Conflicts between humans and wildlife and between people are being created in the delta, The project has created persistent poverty amongst local communities who have become highly dependant on food relief from the Government and World Food Programme.

*Sidelining and cheating of local communities during planning and implementation of projects and lack of sustainable development plans in the Tana Delta.

*The Government has been allocating land to outsiders without adhering to the procedures laid down and yet you have not considered allocating land to the local people who are the bonafide owners of the said land.

*The Government has been issuing licenses to projects which have social and environmental flaws and which acontravene the Environmental and Management Coordination Act 1999. This has triggered environmental degradation and human rights violation in the Tana Delta.

*The Government has failed to adhere to the international RAMSAR convention which Kenya has signed.

*The Government has failed to control and manage water resources in the Tana Delta.

*The Government is holding land in trust for the community and therefore has no mandate to decide about its fate. However, you have been abusing that trust.

Therefore I am asking the government of Kenya to change its decision to destroy the Tana Delta eco-system for agrobusiness projects. Instead, land titles should be given to the local population so that they can continue farming it as before. The landgrabbing and river diversion which have already happened must be reversed. Furthermore, I call on you to protect the Tana Delta according to the Ramsar Convention, which has been signed by Kenya. I am sure that you can expect international support for such actions.

Yours faithfully,