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Eine Affenliebe

Seit zwölf Jahren kämpft der Schweizer Fotograf Karl Ammann gegen das Abschlachten der Menschenaffen im afrikanischen Regenwald. Der Grund heißt Mzee.

„Leider können Sie nicht bei uns übernachten", sagt Karl Ammann am Telefon. „Wenn neue Besucher kommen, müssen wir Mzee ausquartieren. Und dann fühlt er sich vernachlässigt." Der 13jährige Mzee ist ein Glückspilz unter den Schimpansen. Wie ein Kind gehört er zur Familie von Karl und Kathrine Ammann. Tagsüber tobt er in seinem Dschungelgehege, am Abend darf er mit ins Haus. Der Schweizer Fotograf und seine amerikanische Frau - sie leben seit über 20 Jahren in Kenia - haben Mzee vor zwölf Jahren als Waisenbaby von einem Buschboot im Kongo losgekauft. Seine Eltern waren von Wilderern erschossen worden. Mit jenem Tag wird Ammann zum Kämpfer. Als Hotelmanager ist er Mitte der 70er Jahre nach Afrika gekommen und wurde bald darauf zum brillanten Naturfotografen. „Doch dann, am Kongo-Fluss, sah ich zum ersten Mal, dass mit den massenhaft abgeholzten Urwaldbäumen viele wilde Tiere an Bord der Boote kommen. Tot oder lebendig. Unter ihnen auch ungezählte Affenwaisen, die für fünf Dollar als Spielzeug verkauft werden und ihr Leben an der Kette fristen. Da wurde mir klar, dass wir es uns nicht mehr leisten können, nur die heile Tierwelt zu zeigen." Ammanns Fotos von der dunklen Seite des Kontinents treffen jeden Nerv. Es sind Bilder von abgeschlachteten Menschenaffen. Ihr Fleisch gilt als Delikatesse und bringt den Jägern in den Städten dreimal soviel ein wie Schweinefleisch. „Ich werde niemals vergessen, als ich das erste Mal auf dem Markt von Yaounde in Kamerun stand. Überall Tierkadaver, ganz oder ausgeweidet. Köpfe, Arme und Beine von Gorillas und Schimpansen räucherten auf Rosten. Und dazwischen hockten jämmerlich die Affenbabys." Wir besuchen Mzee. Sein Name bedeutet „alter Mann". „Als wir ihn fanden, sah er so runzlig aus." Heute muss Mzee in seinen Namen noch hineinwachsen. Behende springt er von seinem Aussichtsbaum, sobald er Ammanns Begrüssungsruf hört. Dann baut er sich, stark wie King Kong, erwartungsvoll am Gitter auf. Wer neu ist, wird erst vorsichtig berührt und dann geknutscht. Behutsam nimmt Mzee den mitgebrachten Apfel entgegen. Seine Hände riechen nach Schokolade. Nur wenige Tage zuvor: Karl Ammann steht vor dem grausamen Ende einer Gorillafamilie. Er ist nach Kamerun gereist, um die Dreharbeiten für den Geo-TV-Film „Auf dem Holzweg" vorzubereiten. Fassungslos nimmt der 50-jährige seine Kamera, um erneut den traurigen Beweis zu liefern: Die Jagd auf Menschenaffen wird immer brutaler. „Sie haben einen Hund in die Bäume gehetzt und dann geschossen. Drei erwachsene Weibchen und zwei Babys - in Sekunden niedergemetzelt. Ich mag diese schlimmen Bilder nicht mehr sehen", sagt er leise. Wer sich den Film von Thomas Wartmann über Ammanns Arbeit ansieht, versteht sofort, warum der Tierschützer trotzdem immer weitermachen muss: Die schrecklichen Szenen im Urwald und auf den Märkten gehen tief unter die Haut. Jahr für Jahr werden in Zentralafrika bis zu 10000 Schimpansen und 5000 Gorillas abgeschlachtet. „In zehn Jahren wird es hier keinen Wald und keine Tiere mehr geben", klagt Ammann - und wird nicht müde, die Menschen weltweit aufzurütteln. Als Tourist getarnt, durchstreift er die afrikanischen Regenwälder. Und gemeinsam mit dem Hamburger Umweltschützer Reinhard Behrend bombardiert er die internationalen Holzkonzerne mit Protestschreiben, rennt EU-Kommissaren und Weltbank-Bossen die Türen ein. „Die grossen Holzfirmen haben den kommerziellen Handel mit dem Wildfleisch überhaupt erst ermöglicht", empört er sich. „Bevor sie kamen, haben die Naturvölker Jahrtausende vom Wald gelebt, ohne ihn zu zerstören. Jetzt sehen sie, dass das >bush meat< einen guten Nebenerwerb bringt. Die Jäger fahren auf den Holzlastern immer tiefer in den Dschungel hinein, verkaufen die Tiere tonnenweise in den Camps und in den Städten." Ignoranz wirft Ammann der Europäischen Union und der Weltbank vor: „60 Millionen Dollar haben sie allein in Kamerun für neue Strassen bezahlt. Die sollten den Einheimischen zugute kommen. Doch zu 99 Prozent werden sie von den Holzlastern benutzt - und kaputtgefahren!" Immerhin hat Ammann erreicht, dass die Zuständigen in Brüssel und Washington das Problem erstmals zur Kenntnis nehmen. Mit dem Kopf gegen Eisentüren läuft der unerschrockene Kämpfer allerdings bei den Regierungen in Afrika. „Dort herrscht pure Gesetzlosigkeit! Beamte und Polizei sind tief in den Handel verstrickt. Sie wissen, dass sie das Gesetz brechen, denn Menschenaffen sind streng geschützt." Dennoch lässt Ammann auch hier nicht locker. Obwohl er mehrfach an der Einreise gehindert, bedroht, durchsucht und verhaftet wurde. Kennt er keine Angst? „Nein", antwortet er spontan - und zögert. „Allenfalls vor einem inszenierten Unfall mit einem Holzlaster. Unfälle passieren hier ständig." Den Einheimischen macht Ammann am wenigsten Vorwürfe. „Warum sollen sie sich an das Gesetz halten, wenn ihre Regierungen es nicht tun?" Trotzdem versucht er immer wieder, den Buschleuten zu beweisen, dass Gorillas nicht die bösen Bestien sind. Und dass Schimpansen zu 98,4 Prozent genetisch mit dem Menschen übereinstimmen. „Doch es ist schwierig, sie davon abzubringen, im Fleisch der Menschenaffen mehr als nur eine Portion Protein und leichten Gelderwerb zu sehen." Für die Primaten in Afrikas Urwäldern ist es fünf vor zwölf. Was bleibt zu tun? „Alle grossen Umweltorganisationen müssten gemeinsam Druck machen. Statt dessen arrangieren sie sich mit den Regierungen in Afrika, begnügen sich mit kleinen Naturreservaten und erhalten damit nur den status quo!" Ammann selbst steht immer wieder in der Schusslinie der internationalen Wildlife-Verbände: „Sie behaupten, dass ich übertreibe. Doch meine Fotos sprechen für sich." Ein Erfolg wäre für ihn, „wenn alle Verbraucher in Europa wüssten, dass an dem Holz aus Afrika Blut von Schimpansen und Gorillas klebt." Nur der Druck der Wähler könnte Politiker dazu bewegen, Gesetzesbrechern die Entwicklungshilfe konsequent zu streichen. Beweis: die erfolgreichen Bürgerproteste gegen Robbenschlachten und Elfenbeinhandel. Hat Karl Ammann nach all den Jahren nicht allmählich den Mut verloren? Er schüttelt den Kopf. „Ich weiss, dass wir nicht gewinnen können. Doch ich will nicht aufgeben, solange es noch ein Fünkchen Hoffnung gibt für unsere nächsten Verwandten. Mzee zeigt mir täglich, wieviel Mensch in ihm steckt und wie ähnlich seine Gefühlswelt der unsrigen ist. Wenn man einen Schimpansenkopf im Kochtopf sieht und dann mit Mzee spielt, muss man einfach kämpfen." Artikel aus TV-Hören und Sehen Christiane Zander