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Regenwaldschutz ist käuflich

Seit Jahren unterstützt Rettet den Regenwald die Umweltschützer der Gruppe Decoin in Ecuador gegen internationale Bergbaukonzerne. Der Landkauf im Intag wurde zur Erfolgsstory. Klaus Schenck von Rettet den Regenwald hat die Menschen im Wald besucht

In Otavalo, einem kleinen Ort nördlich der Hauptstadt Quito, besteige ich den Autobus Richtung Intag. Das Gebiet - mehr als doppelt so groß wie Hamburg - liegt abgelegen in den Anden. Die Fahrt führt vorbei an schmalen Feldern und einfachen Hütten. Die Landschaft ist staubig und ausgetrocknet. Im Schritttempo kriecht der Bus die steilen, einst bewaldeten Berghänge am Vulkan Cotacachi hinauf, die heute erodiert sind. Selbst die wenigen gepflanzten Eukalyptusbäume machen einen kümmerlichen Eindruck. Oben am Bergpass blicke ich Richtung Norden auf Intag, wo sich das Landschaftsbild schlagartig ändert: Hier dominiert das Dunkelgrün der tropischen Bergwälder. Wenig später rumpelt der Bus durch Nebelwald. Die Bäume sind mit einem dicken Teppich aus Moosen, Bromelien und Orchideen überzogen. Meterhohe Baumfarne tauchen am Rand der Piste auf. Kleine Bäche ergießen sich in Kaskaden die Berghänge hinunter. Bisher hat die fehlende Erschließung durch Straßen die einzigartige Natur von Intag vor der Zerstörung bewahrt, in der etwa 25.000 Menschen leben. Die Bergwälder und das angrenzende Cotacachi-CayapasSchutzgebiet sind Lebensraum bedrohter Tierarten wie Brillenbär, Jaguar und Harpie. In den Wäldern entspringen zahlreiche für die Wasserversorgung wichtige Flüsse. An der schmalen Piste zeigt sich, wie empfindlich die Natur auf menschliche Eingriffe reagiert: Überall dort, wo beim Bau der Piste die Berghänge angeschnitten und der Vegetation beraubt wurden, sind die Spuren von Erdrutschen zu sehen. „In der Regenzeit wird der Weg immer wieder von Bergstürzen verschüttet. Der Intag ist dann tagelang von der Außenwelt abgeschnitten", berichtet Carlos Zorilla von Decoin. Der Mann kämpft seit Jahren für den Schutz der Natur. Vor der Geldgier internationaler Industriekonzerne und den korrupten Politikern sei auch der Intag nicht mehr sicher, erklärt er. Unter den Urwäldern lagern reiche Vorkommen an Bodenschätzen wie Kupfer, Molybdän und Gold. Wenige Kilometer südlich des Cotacachi-Cayapas-Schutzgebiets, in den Bergen oberhalb des kleinen Dorfs Junin, hatten die zum japanischen Mitsubishi-Konzern gehörende Firma Bishimetal und die ecuadorianische Regierung mit Unterstützung der Weltbank eine riesige Tagebau-Kupfermine geplant. Die Bewohner von Junin und den Nachbardörfern sollten umgesiedelt, Wälder gerodet und Flüsse umgeleitet werden. Riesige mit Schwermetallen verseuchte Abraumhalden hätten dann die Berghänge bedeckt. „Eines Tages vor neun Jahren erschienen die Ingenieure von Bishimetal und sammelten Gesteinsproben. Ohne die Einwohner um Erlaubnis zu fragen, begannen sie in den Bergen oberhalb von Junin an der Grenze zum Schutzgebiet mit Probebohrungen", empört sich Don Rafael, einer der ersten Siedler, die vor 30 Jahren in das Tal von Junin kamen. Die staatliche Bergbaubehörde Codigem planierte mit Baggern eine Straße mitten durch die empfindlichen Bergwälder. Auch die chilenische Minengesellschaft Codelco und die britische Minenfirma Rio Tinto besaßen Konzessionen für den Abbau von Bodenschätzen im Intag. Die Unternehmen versuchten, die Dorfbewohner mit Geschenken und Versprechungen wie dem Bau von Häusern, Straßen und Schulen von ihren Plänen zu überzeugen. Den Minenarbeitern folgten die Umweltschützer von Decoin und Acci6n Ecolögica. Sie informierten die Dorfbewohner mit Videos und Vorträgen über die Auswirkungen einiger Bergbauprojekte und die bitteren Erfahrungen der Menschen aus anderen betroffenen Gebieten Südamerikas. Die Umweltaktivisten überzeugten die Anwohner, ihr Land nicht an die Minenkonzerne zu verkaufen. So formierte sich der Widerstand gegen die Bergbauvorhaben. Nach jahrelangen Protesten besetzten im Mai 1997 die Bewohner von Junin und den umliegenden Dörfern das Bergarbeitercamp von Bishimetal. Als die Firma auch diese Maßnahme ignorierte, brannten die Bewohner die Holzhütten des Camps nieder und demontierten die Maschinen. Auf Mauleseln transportierten sie das Equipment über die Berge und übergaben es den lokalen Behörden. Heutzutage erinnert nur noch wenig an das gescheiterte Bergbauvorhaben. Das ehemalige Minencamp ist mit hohen Büschen bewachsen. Der Regen hat die Minenstraße fortgespült. Umgestürzte Bäume und dichte Sekundärvegetation blockieren den Fahrweg. Aus einigen Bohrlöchern entlang des Rio Junin sprudelt von Metalloxiden orange gefärbtes Wasser. Der Kampf gegen die Bergbauvorhaben im Intag und Ecuador ist noch nicht zu Ende. Mit Unterstützung der Weltbank wurden sämtliche Bodenschätze in Ecuador kartografisch erfasst. Durch ihren Abbau soll das Land einen Teil seiner hohen Auslandsschulden bezahlen. Eine neue Gesetzesinitiative erlaubt dies sogar in Schutzgebieten. Ende 2000 ist der Besuch eines Inspektorenteams der Weltbank geplant. Carlos Zorilla und die anderen Decoin-Aktivisten wollen versuchen, die Besucher von ihrer Vision einer nachhaltigen und umweltverträglichen Entwicklung zu überzeugen. Mit finanzieller Unterstützung von Rettet den Regenwald wurden 640 Hektar Bergwald mitten in der Kupfermine von den Bauern gekauft. Die Waldflächen liegen fast ausschließlich oberhalb von Junin in Höhen zwischen 1.500 und 2.000 Meter und sind noch weitgehend naturbelassen. Mit dem geplanten Kauf von weiteren 290 Hektar soll ein geschlossener Waldgürtel als Schutzzone in den Bergen geschaffen werden. Die Flächen wurden zu Gemeindewäldern erklärt und der Besitz an die Dorfgemeinde von Junin übertragen. „Sollten die Minenkonzerne eines Tages zurückkehren, haben sie es nicht mehr mit einzelnen privaten Waldbesitzern zu tun, sondern mit dem ganzen Dorf", sagt Carlos. In den Gemeindewäldern sind nur noch umweltverträgliche Nutzungen erlaubt. Dazu gehört ein gegründetes Ökotourismus-Projekt. Auf einer Lichtung in einem kleinen Waldstück errichtet Decoin-Mitarbeiter Elias Imbaquingo mit den Dorfbewohnern Hütten für Touristen. Als Baumaterial dient eine im umliegenden Wald sehr häufige Baumart. Die schlanken Stämme richten beim Fällen kaum Schaden in der Vegetation an. Mit Maultieren wird das Holz zum Bauplatz transportiert. „Da wir die Stämme so wie sie sind als Rundholz verwenden,, haben wir praktisch keinen Verschnitt", erklärt Elias. „Die Wände fertigen wir aus den Stämmen einer riesigen Bambusart, die entlang der Flüsse wächst. Die Möbel konstruiert ein Tischler des Ortes aus Ästen. Wenn du im nächsten Jahr wiederkommst, dann kannst du bereits in dem Haus wohnen." Auf Bestreben der Umweltschützer wurde das Kanton Cotacachi zum ökologischen Kanton erklärt. Carlos zeigt mir stolz den Entwurf dieser neuen Gesetzgebung. Die Umweltvorschriften sollen dem Intag neue Entwicklungsperspektiven eröffnen. Das ist auch dringend notwendig. Die Bevölkerung hier ist bettelarm, die wirtschaftliche Lage schwierig. Der Tageslohn liegt bei zwei USDollar und bezahlte Arbeit gibt es bei weitem nicht jeden Tag. Die meisten Bauern sind Selbstversorger. Auf Feldern im Wald bauen sie Bohnen, Mais, Maniok, Bananen und andere Früchte für den täglichen Bedarf an. Der Verkauf überschüssiger Ernte ist auf Grund der langen Transportwege schwierig. Kaum einer besitzt ein Fahrzeug. Die Böden im Intag sind nur sehr eingeschränkt für die Landwirtschaft geeignet. Es dominieren steile Hanglagen, auf denen die heftigen tropischen Regenfälle rasch den fruchtbaren Oberboden wegspülen. Den Bauern fehlen Kenntnisse über angepasste und umweltverträgliche Anbaumethoden. Deswegen bietet Decoin Umwelterziehung und Kurse über ökologische Landbaumethoden an, beispielsweise zur Agrarforstwirtschaft. In dieser Kombination von Land- und Forstwirtschaft haben Bäume eine schützende und stabilisierende Funktion für Böden und Wasserhaushalt. Werden auf einer Fläche Feldkulturen zusammen mit Büschen und Bäumen angebaut, bleibt die Bodenfruchtbarkeit erhalten. Das Vorbild ist der natürliche Stockwerkbau der Bergwälder im Intag. Der Erfolg der Arbeit von Decoin ist überall sichtbar. Noch vor wenigen Jahren steckten die Bauern in der Trockenzeit ihre Felder und Weiden in Brand. Der blaue Qualm machte wochenlang das Atmen beschwerlich. Mit den trockenen Gräsern und Ernteresten verbrannten auch die Bodenorganismen und Bäume. Die Böden waren schutzlos der brennenden Sonne ausgeliefert. Der Wind wehte die Asche fort, den Rest schwemmte der Regen in der Regenzeit weg. Die Böden verarmten mit jedem Jahr mehr. Dieses Jahr brennen nur noch einige wenige Bauern ihre Felder ab. Mit Hilfe der Umweltschützer von Decoin haben die Bauern Komposthaufen angelegt. Aus den Ernteresten und Wildkräutern ihrer Felder stellen sie nun Wurmkompost her. Den bringen sie nach wenigen Monaten auf ihren Feldern als Dünger aus. Auch die Kooperative „Rio Intag für organischen Kaffee" wurde auf Initiative von Decoin gegründet. „Dieses Jahr war die Ernte sehr schlecht", sagt Jose Cuevas. Er ist Umweltaktivist und Leiter der Kooperative. „Die japanische Fairtrade-Organisation, die unseren organisch angebauten Kaffee kauft, hätte gerne acht Container, wir konnten nicht einmal einen halben füllen." Der Anbau von Kaffee zu koinmerziellen Zwecken ist neu im Intag. Bisher hatten die Bauern wenige Kaffeesträucher für den Eigenbedarf gepflanzt, doch die sind jetzt meterhoch und überaltert. Sie liefern kaum noch Früchte. „Nach einem kräftigen Rückschnitt treiben die Sträucher neu aus und produzieren reichlich", erklärt Jose Cuevas. Überall im Intag haben die Kaffeebauern mit Unterstützung der Kooperative Saatbeete mit einer ertragreichen Sorte aus Kolumbien eingerichtet. Die Samen hat das Projekt beschafft. Neu für die Bauern ist es auch, den Kaffee zusammen mit bestimmten Baumarten wie Aliso (eine Erlenart) und Guaven zu pflanzen. Die Bäume binden an ihren Wurzeln Stickstoff aus der Luft und düngen so den Boden. Die Blattstreu der Bäume schützt die Erde vor Austrocknung und Erosion. Die Nutzung der an Weg- und Feldrändern gepflanzten Agaven ist dagegen traditionell. Aus den Blattfasern stellen die Bauern in Heimarbeit dekorative Beutel für den organischen Kaffee her. Mit natürlichen Farbstoffen aus Blättern und Früchten färben sie die Fasern. Eine weitere Idee sind die Sonnenhüte, die einige Frauen aus den Fasern flechten. Sie werden tuf dem Kunsthandwerrmarkt der Stadt Otavalo verkauft. Es bleibt noch viel zu tun im Intag, aber die Arbeit von Decoin zeigt deutliche Früchte. Vor der Abreise kaufe ich drei Säckchen Kaffee. So kann ich mich auch noch zu Hause bei einer Tasse Kaffee über die Erfolge im Intag erfreuen.