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Regenwald Report 03/2015

Buchneuheiten

„Tütensuppen braucht kein Mensch!“

Alles grün. Alles öko. Alles nachhaltig. So speisen uns Konsumgüter-Multis wie Unilever ab, damit wir weiter brav alles schlucken, was sie produzieren. Aber die „grüne Ökonomie“, mit der Konzerne ihre Gewinne noch steigern wollen, ist eine Lüge: Sie vernichtet die Natur, macht die Menschen arm und das Klima wärmer. Warum, erzählt uns Kathrin Hartmann in ihrem neuen Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“

Buchneuheiten 448 Seiten, 18,99 Euro

Das Dorf Sekombulan liegt im „letzten Märchenwald“ von Borneo. So nennt die Münchner Autorin den Ort, an dem 225 Dayak-Familien mitten im Regenwald von dessen Produkten leben, dort Obst- und Kautschukbäume pflanzen, Honig sammeln, rundherum Gemüse- und Reisfelder bestellen, Schweine halten.

Frau Hartmann, was hat Sie nach Sekombulan geführt?

Udin von eurer Partnerorganisation Save our Borneo wollte mir zeigen, dass inmitten der Palmölwüsten, die sich in Indonesien weiter ausbreiten, auch heute Waldbauern leben, die alles haben, was sie brauchen – außer einem Supermarkt. Doch auch dort hat sich eine Plantagenfirma bedrohlich nah an den Dorfwald herangeholzt. Aber die Bewohner werden kämpfen. Sie kartografieren ihr Land, beantragen Urkunden, informieren sich über ihre Rechte, halten zusammen. Das hat mich bei meinen Recherchen in Indonesien, Bangladesch und El Salvador beeindruckt: mit welcher Konsequenz, Solidarität und Leidenschaft  die Menschen um ihr Land, ihren Wald, ihr selbstbestimmtes Leben kämpfen. Denn zu all der Zerstörung, die im Namen der Nachhaltigkeit geschieht, gibt es funktionierende Alternativen.

Buchneuheiten Die Autorin (l.) mit dem Bürgermeister-
Ehepaar in Sekombulan

Während hier Politik und Wirtschaft uns weismachen wollen, dass die Lösung in den Nachhaltigkeits-siegeln liegt?

Genau. Die Siegel sind Persilscheine für den Import hochproblematischer Rohstoffe, die nie nachhaltig sein können. Hier wird das als „Entwicklung“ verbrämt, als würde man damit den armen Ländern „helfen“, unser Wohlstandsmodell zu bekommen. Eine unglaubliche Heuchelei. Wohin geht denn das ganz Geld? Es werden doch vor allem westliche, deutsche Wirtschaftsinteressen verfolgt, die kolonialen Ausbeutungsstrukturen bleiben aber erhalten. Die staatliche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) fördert zum Beispiel Bauern, die besser gestellt sind, die bereits in globale Märkte liefern können. Aber was passiert mit den anderen, den Millionen Kleinbauern, die den Großteil der Welternährung erzeugen? Das habe ich die GIZ gefragt. Die Antwort: „Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass alle Kleinbauern im landwirtschaftlichen Sektor bleiben können.“ Mit deutscher Entwicklungshilfe wird also  Menschen die Existenzgrundlage entzogen.

Wie können wir die Bevölkerung in den Ländern des Südens stattdessen unterstützen?

Die Menschen dort wollen keine Siegel. Wir müssen sie unterstützen, ihren Wald zu erhalten, damit sie dort weiterhin gut leben können. Zum Beispiel bei der Kartografierung ihres Landes, bei Gerichtsprozessen und mit Protesten.

Buchneuheiten Im Wald von Sekombulan wachsen auch
wilde Guaven-Bäume

Der Unilever-Konzern macht Sie besonders wütend. Warum?

Nicht nur, weil Unilever sein Palmöl vor allem vom Wilmar-Konzern kauft, dem schwere Umwelt- und Menschenrechtsverletzung auf Plantagen vorgeworfen wird. Unilever ist das Paradebeispiel für die Mythen der Green Economy: Sie wollen den Umsatz verdoppeln und gleichzeitig die schädlichen Auswirkungen reduzieren. Wie denn, wenn Unilever jedes Jahr acht Millionen Tonnen Produkte einkauft, für die besonders viel Wald vernichtet wird, nämlich Palmöl, Soja und Rindfleisch?

Vollkommen wahnsinnig finde ich, dass die Produkte, die damit hergestellt werden – zum Beispiel Tütensuppen – ungesunde Nahrungsmittel sind, die kein Mensch braucht. Dafür werden Regenwälder vernichtet und Menschen vertrieben.

Es ist skandalös, dass Unilever bei alldem auch noch von der Politik unterstützt wird. Der Konzern sitzt in entscheidenden politischen Arbeitsgruppen, in denen die Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Wir als Bürger sind aber nicht machtlos?

Nein – wir können uns wehren. Indem wir etwa den Protest gegen das Handelsabkommen TTIP weitertragen. Wir müssen wieder lernen, wütend zu werden und Nein zu sagen. Wenn wir glauben, dass sich eh nichts ändern lässt, dass „ein bisschen besser“ besser ist als nichts, und dass ausgerechnet zerstörerische Konzerne „Verantwortung“ übernehmen, legitimieren wir diese Politik und das Handeln der Konzerne. Es ist doch lächerlich zu glauben, es gäbe keine Alternativen. Ich habe sie vor Ort ja selbst gesehen.

 

„Unsere Politik muss sich grundlegend ändern!“

„Landraub“ heißen das neue Buch und der Kinofilm des österreichischen Autors Kurt Langbein. Er zeigt, wie sich internationale Agrar-Investoren in Afrika und Asien fruchtbare Böden für unsere Nahrung unter den Nagel reißen – oft mit Gewalt. Die EU beteiligt sich an dem neuen Kolonialismus

Buchneuheiten 206 Seiten, 21,95 Euro

Die Szene macht sprachlos. 100 Männer und Frauen in Arbeitsuniform stehen stramm – im Rücken eine endlose Plantage aus Ölpalmen, vor sich zwei Leute mit Mikrofon. Die brüllen Befehle, und der Chor wiederholt: Ich schäme mich, wenn ich Fehler mache. Ich schäme mich, wenn ich unpünktlich bin... „Ich kannte solche Szenen nur von militärischen Appellen“, erzählt Regisseur Kurt Langbein, der diesen alltäglichen Drill auf der Mega-Plantage des Agrar-Multis Cargill in Südsumatra/Indonesien drehte. „Die ganze Gegend dort war vor zehn Jahren noch Wald; jetzt ist sie eine einzige Palmölplantage. Wir wollen zeigen, was die großen Konzerne aus der Natur und den Menschen machen. Was mit ihnen passiert, wenn sie in so eine widernatürliche Plantagenwirtschaft hineingepresst werden.“ Zwei Jahre war das Film-Team unterwegs, um den erdumspannenden Landraub zu dokumentieren. Dabei kommen die Agrar-Investoren und Konzernmitarbeiter genauso zu Wort wie die Menschen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen bei ihnen arbeiten, die um ihr Land betrogen und um ihre Lebensquelle gebracht wurden. Schauplätze sind neben den Palmölwüsten in Indonesien zum Beispiel Gewächshäuser in Äthiopien mit Edelgemüse für reiche Staaten wie Dubai. In Kambodscha werden den Kleinbauern Häuser und Felder abgefackelt für Kautschukplantagen oder Zucker für europäische Haushalte, subventioniert von der EU (Seite 8-9). Langbein: Seit dem Jahr 2000 wurden an Agrar-Investoren weltweit 200 Millionen Hektar Ackerflächen verkauft – Europa hat 170 Millionen Hektar Ackerflächen. 60 Prozent von dem, was wir Europäer täglich konsumieren, wächst außerhalb von Europa. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, wenn es uns nicht gelingt, überall die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu erhalten und zu fördern – dann schaut es nicht gut aus um die Welt. Deshalb ist es unbedingt notwendig, eine andere Politik zu fordern.

Kinostart: Österreich 18.9., Deutschland 8.10.15