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Titelthema: Liberia

Im Wald der Schimpansen

Schimpansenmutter mit Kind auf Baum, Tanzania Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Doch ihre Population ist in Westafrika innerhalb von zwei Jahrzehnten um 80 Prozent auf 35.000 Tiere eingebrochen. Deshalb wird die Art auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht” geführt (© getty images)

Wer in Liberia die Natur bewahren will, muss hartnäckig sein. Ohne bedingungslose Hingabe geht das nicht. Das gilt für Ranger in den Dörfern und für die Mitarbeiter der Wild Chimpanzee Foundation. Der Einsatz lohnt: Das westafrikanische Land stellt immer größere Regenwaldgebiete unter strengen Schutz

Der Schweiß rinnt in Strömen. Es ist heiß in den leuchtend gelben Schutzanzügen mit dicken Handschuhen, Gummistiefeln und einer weißen Haube, in der lediglich ein enges Netz Luft zum Atmen durchlässt. Imkerei im Regenwald ist kein Zuckerschlecken. Doch die vier Männer stampfen von einem Bienenstock zum nächsten. Sie wollen alles genau zeigen, sie heben das Wellblech und die Holzleisten ab, die die Deckel bilden, schauen prüfend in die Kästen.

Zurück im Dorf Billibo im Nordosten Liberias legen die Nachwuchs-Imker ihre Montur ab und wischen den Schweiß von der Stirn. „Die Bienenhaltung ist kompliziert. Man braucht viel Wissen“, sagen sie. In diesem Frühjahr soll der erste Honig fließen. „Liberia Pure Honey“ wird auf dem Label stehen.

Fluss im Sapo-Nationalpark Üppiges Grün im Sapo Nationalpark: In Liberia gedeihen noch unberührte Regenwälder, während die benachbarte Elfenbeinküste nahezu all ihre Wälder gerodet hat. Das kleine Land beherbergt deshalb 40 Prozent des höchst artenreichen Upper-Guinea-Forest-Ökosys (© Mathias Rittgerott)

Die Bienenhalter setzen große Hoffnung in das Projekt. Es ist Teil einer Kampagne, die der ländlichen Bevölkerung neue Einkommensquellen erschließen soll. Denn seit im Jahr 2017 der Grebo-Krahn Nationalpark eingerichtet wurde, können sie den Wald nicht mehr nutzen wie zuvor.  Jagd, das Pflanzen von Bananenstauden und der Einschlag von Holz waren zwar bereits zuvor verboten, jetzt wird das Verbot auch durchgesetzt. Doch ohne die Unterstützung der Menschen, die um das Reservat herum leben, wird dieses seinen Zweck nicht erfüllen.

Grenzüberschreitendes Schutzgebiet

Karte Nationalparks Liberia (© Rettet den Regenwald e.V.)

Der Nationalpark ist ein zentrales Glied im grenzüberschreitenden Schutz von Westafrikas Regenwäldern, indem er die Reservate Sapo in Liberia und Taï in der Elfenbeinküste verknüpft. Wissenschaftler zählen das dortige Upper-Guinea-Forest-Ökosystem zu den artenreichsten der Erde. Ein Hotspot der Biodiversität. Mehr als 200 Baumarten wachsen hier. In den Flüssen schwimmen Zwergflusspferde, Leoparden gehen auf Jagd, Ameisen beißen denjenigen, der sie stört, Waldelefanten trampeln durch das Dickicht und betätigen sich dabei als Gärtner des Dschungels.

300 der vom Aussterben bedrohten Schimpansen soll es im Grebo-Krahn Nationalpark geben. Deshalb setzt sich die Wild Chimpanzee Foundation (WCF) für Grebo-Krahn ein. Die Organisation war maßgeblich an der Ausrufung des Schutzgebietes beteiligt, finanziell unterstützt von Rettet den Regenwald.

Imker in Liberia Die Imker aus dem Dorf Billibo wollen ihren Honig unter dem Lable „Liberia Pure Honey“ verkaufen. So bietet ihnen der Regenwald ein Einkommen, ohne dass sie ihn schädigen. Damit das Projekt Erfolg hat, schaut regelmäßig ein Berater vorbei (© Mathias Rittgerott)

Die Menschen von Billibo und weiteren Dörfern wissen auch um den ökologischen Wert des Regenwaldes. „Schimpansen sind unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Cousins“, das haben sie verinnerlicht. Sie versprechen, weder Schimpansen noch andere bedrohte Arten zu jagen. Rund 30 Männer und Frauen haben sich freiwillig gemeldet, um als Eco-Guards durch den Dschungel zu patrouillieren und Wilderer, illegale Goldsucher und verbotene Pflanzungen aufzuspüren. 

Einer der Eco-Guards ist Steek Tompoe. Rund eine Stunde Fußmarsch vom Sayo entfernt, umgeben von dichtem Regenwald, schaut er auf das GPS-Gerät in seiner Hand. „Noch ein paar Schritte, dann sind wir da“, sagt er, um wenige Minuten später zu melden: „Jetzt! Jetzt sind wir im Grebo-Krahn Nationalpark!“

LKW bleiben im Schlamm stecken, Liberia Auch in der Trockenzeit versinken Straßen im Schlamm. Ein Härtetest für die Geländewagen der WCF, ständig geht etwas kaputt. Eine Fahrt von Monrovia zum Grebo-Krahn Nationalpark ist mal in einem Tag zu schaffen, mal dauert sie drei Tage (© Mathias Rittgerott)

Im Wald ist die Grenze des Schutzgebietes freilich nicht zu erkennen: Hüben wie drüben wächst üppiger Regenwald. Ohne GPS ist man in diesem Naturparadies verloren. Im 1983 gegründeten Sapo Nationalpark gibt es an den meisten Stellen kein Vertun. „Der Fluss markiert die Grenze“, sagt der Ranger Augustine Nimely, sticht das Paddel ins Wasser und schiebt das Kanu lautlos vorwärts. Plötzlich ist ein „Flapp, flapp, flapp“ zu hören und ein blauer Nashornvogel steigt auf. So mag der Flügelschlag von Flugsauriern geklungen haben.

Nicht weit vom Fluss entfernt steht auf einer Lichtung eine Holzhütte mit morschem Boden, die hin und wieder von Forschern genutzt wird. Auf Satellitenbildern kann man ihr Dach entdecken – als weißer Fleck in einem grünen Meer aus Bäumen. Dabei darf man sich unter Nationalpark keine Touristenattraktion vorstellen wie etwa in den USA, mit Straßen, ausgewiesenen Wanderwegen und Campingplätzen. Im Sapo Nationalpark gibt es davon abgesehen von der Hütte nichts.

Zwergflußpferde  im Sapo Nationalpark, Liberia Zwergflusspferde sind extrem selten. Liberia beherbergt eine der letzten Populationen (© commons.wikimedia.org)

Stattdessen Natur pur

Matthew Traore klinkt sein GPS-Gerät an seinen Gürtel und stapft schnurstracks los. Ohne das Gerät wäre selbst er im Urwald verloren. Weil der Senior Field Supervisor der WCF an wissenschaftlichen Studien im Wald mitarbeitet, weiß er, auf welche Zeichen er bei der Suche nach Schimpansen achten muss. Plötzlich ruft er: „Sieh´! Da! Ein Schimpanse!“ Etwas Dunkles rauscht durchs Geäst. War es wirklich ein Schimpanse?

Am nächsten Tag präsentiert Matthew Beweise. Er erspäht frische Nester, die sich die Tiere jeden Abend aus Ästen zurechtbiegen – und zwei Stellen, an denen Schimpansen Nüsse geknackt haben. „Den Stein benutzen sie wie einen Hammer und die Wurzel wie einen Amboss“, erklärt er. Frische Schalen belegen, dass die Primaten gestern Abend hier waren.Vor Kurzem übrigens auch Waldelefanten. Davon zeugt ein Haufen Dung.

Theateraufführung, Liberia Für die Dorfbewohner ist das Gastspiel der Theatergruppe ein Spektakel. Das lässt sich niemand entgehen. Fernsehunterhaltung ist ein Fremdwort – zumeist gibt es keinen elektrischen Strom (© Mathias Rittgerott)

Der Sapo Nationalpark ist zwar etabliert, doch in ständiger Gefahr. Goldsucher fallen immer wieder und in großer Zahl in das Schutzgebiet ein. Mehrere Tausend sollen es zeitweise sein. Viele stammen aus den umliegenden Ortschaften.

1.000 Aktivitäten für den Regenwald

Hier setzen die Community Watch Teams an, das Pendant zu den Eco-Guards im Grebo-Krahn Nationalpark. Die Initiative dafür ging von den Dorfbewohnern selbst aus. Als Einheimische bekommen sie es mit, wenn ihre Nachbarn oder Ortsfremde in den Wald gehen, Fleisch bedrohter Arten grillen oder verkaufen, mit einem Goldfund prahlen. Das Rückgrat ihrer Arbeit bilden mehrtägige Patrouillen in den Dschungel.

Weil die Arbeit ihnen viel abverlangt, freuen sie sich gemeinsam mit Rangern der Waldbehörde FDA über moralische Unterstützung. „Eure Arbeit ist wertvoll. Ihr schützt die fantastischsten Wälder der Erde“, sagt Dr. Annika Hillers, Landesdirektorin der WCF während eines Treffens aller 100 Community Watch Team-Mitglieder. Die deutsche Biologin versteht es, die Ranger zu motivieren, zugleich bewegt sie sich in der Hauptstadt auf politischem Parkett. Dort koordiniert sie ein Netzwerk gegen den illegalen Handel mit Wildtieren.

Fischzucht in Lieeria Mit der Zucht von Fischen wollen die Einwohner von Sayou etwas Geld verdienen. Ein Teil des Fangs ist für den Eigenbedarf (© Mathias Rittgerott)

In Jalays Town machen indes Schauspieler den Dorfplatz zu ihrer Bühne. Trommler haben die Einwohner zusammengerufen. In fünf Szenen erzählt die Truppe vom Leben auf dem Land. „So echt, so leben wir, solche Probleme haben wir“, werden einige nach der Aufführung sagen. Wildtiere zerstören die Ernte, Geschäftsleute versprechen viel Geld für das Land, Goldsucher behaupten, dass Quecksilber harmlos ist. Doch die Figuren des Spiels lassen sich nicht täuschen: Sie schützen ihr Land vor den Lügnern. Statt die Wildtiere auf ihren Feldern zu töten, verscheuchen sie sie.

„Schimpansen sind unsere Nachbarn!“, so die Botschaft der Schauspieler. Viele Dorfbewohner haben das längst verinnerlicht. Um die unbelehrbaren Wilderer und illegalen Goldsucher kümmern sich die Community Watch Teams auf ihren Patrouillen.

Spenden für WCF: Das machen sie 2019

Der Schutz von Westafrikas Regenwäldern ist eine dauerhafte Aufgabe. Die Wild Chimpanzee Foundation WCF arbeitet deshalb seit vielen Jahren in Liberia, Guinea und der Elfenbeinküste, seit 2016 unterstützt mit Spenden von Rettet den Regenwald. Ziel der WCF ist es, möglichst große Urwaldgebiete als Nationalparks zu sichern.

Derzeit markieren WCF-Mitarbeiter die Grenzen von Liberias neuem Grebo-Krahn Nationalpark, damit diese von jedermann beachtet werden. Außerdem erschließen sie mit der lokalen Bevölkerung Imkerei und Fischzucht als alternative Einkommensquellen. Patrouillen von einheimischen Freiwilligen und ein Netzwerk gegen illegalen Handel mit Wildtieren gehören ebenso zum Spektrum des WCF-Engagements.

Bitte unterstützen Sie den Regenwaldschutz in Liberia mit Ihrer Spende:

www.regenwald.org/spende