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Regenwald Report 01/2021

„Wir wollen leben!“

Goldkopfloewenaeffchen Goldkopflöwenäffchen leben nur im Süden des Bundesstaates Bahia. Alle vier Löwenäffchen-Arten sind stark gefährdet. (© Josh More, flickr/CC BY-NC-ND 2.0)

Der Atlantische Küstenwald im Osten Brasiliens ist besonders artenreich und gefährdet zugleich. Um seltenen endemischen Tieren wie den Löwenäffchen eine Chance zu geben, haben Partner von Rettet den Regenwald ein kleines Gebiet gekauft und zu einem Naturreservat gemacht.

Mit Beginn der Dämme-rung brechen die beiden Männer auf. Jetzt schlägt die Stunde der Jäger, die im dichten Dschungel ihre Schling- und Netzfallen kontrollieren oder Köder auslegen für die erhoffte Beute. Doch Rosinaldo Santos do Nascimento und sein Bruder Rosenildo sind keine Jäger, nicht mehr. Um ihre Familien zu ernähren, gingen sie früher selbst auf die Jagd, kennen alle lohnenden Orte, lesen Spuren von Wildkatzen und Ameisenbären, Nasen- und Wickelbären, Gürteltieren und Echsen. Und sie wissen, wo Pagageien und Singvögel ihre Nester bauen. 

Karte Mata Atlantica Brasilien Das kleine Naturreservat, das die Ranger nun schützen, liegt etwas außerhalb der Kleinstadt Nilo Peçanha, rund 130 Kilometer südlich der Küstenstadt Salvador (© Rettet den Regenwald e.V.)

Dieses Wissen macht Rosinaldo und Rosenildo nun zu perfekten Wildhütern und Naturschützern. Ihr Revier ist ein Urwaldgebiet in der Mata Atlântica, nur acht Hektar klein, aber von großer Bedeutung. Denn der Wald ist rar geworden im Atlantischen Küstenwald Brasiliens. Einst erstreckte er sich über  3.000 Kilometer entlang der brasilianischen Ostküste, zum Teil weit hinein ins Landesinnere: eine 1,3 Millionen Quadratkilometer umspannende Waldregion verschiedenster Ökosysteme – von den Tieflandregenwäldern im schmalen Gürtel der Küstenebene bis zu den einzigartigen Aukarienwäldern im südlichen Bergland.

Doch Abholzungen und Raubbau haben die Mata Atlântica zu einem Flickenteppich degradiert: Monokulturen aus Zuckerrohr, Kautschuk, Kakao, Soja und Eukalyptus für die Zellstoffindustrie, Rinderweiden und Städte breiten sich immer weiter aus. Nur noch 12,4 Prozent der ursprünglichen Waldfläche blieben erhalten. Die Hälfte davon steht unter Schutz – verteilt auf mehrere Hundert Naturparks und Reservate. 

Der verbliebene Atlantische Küstenwald ist einer der am stärksten bedrohten Tropenwälder der Erde – und gehört dennoch bis heute zu ihren Biodiversitäts-Hotspots. In diesen so vielfältigen Ökosystemen konnte sich der Reichtum an Tier- und Pflanzenarten erhalten, auch wenn ihre Lebensräume bedrohlich klein geworden sind. Das gilt vor allem für nur hier beheimatete Arten wie Kragenfaultier und Löwenäffchen. Oder auch für die Aukarie, die sogenannte Brasilkiefer. Sie steht wegen ihres begehrten Holzes inzwischen ganz oben auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. 

Kragenfaultier in Mata Atlantica Das Kragenfaultier gehört zu den am stärksten gefährdeten Säugetieren Südamerikas und lebt nur noch in kleinen Regionen der Mata Atlântica. (© Luciana Verissimo/Aruá Observação de Aves e Natureza)

Agrarkonzerne fressen sich in die Wälder

Rosinaldo und Rosenildo Santos do Nascimento leben mit ihren Familien in einer kleinen Siedlung bei Nilo Peçanha, ein Städtchen rund 130 Kilometer südlich von Salvador an Brasiliens Nordostküste. Die Brüder sind um die 40 Jahre alt und erleben, wie sich große Agrarkonzerne und die Parzellen der Kleinbauern immer weiter in die Wälder hineinfressen. Oft sind es Familien, die sich für einen eigenen Hektar Land verschulden. Um möglichst schnell Geld zu verdienen, roden sie den Wald und bauen Pflanzen für die Industrie an: Guanará, aus deren Samen Limona-den hergestellt werden, Kautschuk oder Kakao – alles in Monokultur. 

Collage - Vogelreichtum - report 1-21 Mit 859 Arten ist der Vogel-Reichtum in der Mata Atlântica besonders groß: Campo Pirol (links) und Purpurtangare (© Collage DianesGomes/CC BY-SA 3.0 & Julio Filipino/CC BY-SA 4.0)

„Nahrungsmittel haben die wenigsten von uns angepflanzt“, sagt Rosinaldo. „Alles, was wir brauchten, kauften wir in Nilo Peçanha.“ Das Geld dafür verdienten sie als Plantagen-Arbeiter und auch mit der Jagd, so wie viele Männer in der Gegend. Das Fleisch von Gürteltieren, Pacas, Agutis, Affen oder Rehen findet immer Käufer in der Stadt. Singvögel, Schildkröten und Tierbabys sind dort als Haustiere beliebt. 

Vor vier Jahren hat sich das Leben der Brüder und ihrer Familien verändert – sie bekamen neue Nachbarn: Hebert Silva Santos und Bianca Kühnert mit ihren Kindern. „Als wir Anfang 2017 Land gekauft haben, gab es dort neben Urwald auch Kakao-Plantagen und ehemalige Viehweiden“, erzählt Bianca Kühnert. Sie ist in Bamberg aufgewachsen, ihr Mann Hebert Silva Santos kommt aus der Stadt Salvador. Auch er musste zusehen, wie der Atlantische Küstenregenwald seiner Heimat immer mehr zerstückelt und zerstört wurde. Und er will diese Entwicklung umkehren. „Wir sind dabei, Wald wieder aufzuforsten“, so Hebert. Längst füllen selbst gezogene Setzlinge einheimischer Arten die Baumschule der Familie; unzählige Pflänzchen haben sie im nahen Wald bereits ausgewildert.

Bianca Kühnert und Hebert Silva Santos pflanzen Bäume Neue Bäume für den Regenwald – das haben sich Bianca Kühnert und Hebert Silva Santos zur Lebensaufgabe gemacht (© Fazenda Saúva)

Aufforstung schafft neue Möglichkeiten

Wo wieder Urwaldbäume wachsen, kommen die Tiere zurück – Vögel, Fledermäuse, Agutis und alle anderen, die wiederum Samen weiter verteilen. Und damit dieses Wissen nicht verloren geht, haben Hebert und Bianca eine Schule gegründet. Dort lernen etwa 30 Kinder und Jugendliche, welche Tiere sich von welchen Bäumen ernähren, darunter viele Fruchtbäume, die auch die Menschen nutzen. Allmählich macht Aufforstung auch in der Region von Nilo Peçanha Schule. Rosinaldo und Rosenildo Santos do Nascimento bauen inzwischen eigene Obstbäume und auch andere Nahrungsmittel an. Und die Jagd haben sie natürlich längst aufgegeben. Warum? „Wir haben ja schon in der Baumschule mitgearbeitet und gesehen, wie wichtig der Urwald für die Tiere, aber auch für uns Menschen ist,“ sagt Rosinaldo.

Im November 2020 hatten Bianca und Hebert die Möglichkeit, einen acht Hektar großen Primärwald ganz in der Nähe ihres Hauses, der Fazenda, zu kaufen und ihn als privates Naturreservat eintragen zu lassen. Nur drei Monate später durchstreifte ein Biologen-Team aus Salvador den Dschungel, dokumentierte Flora und Fauna, vermaß Bäume – und entdeckte in dem kleinen Urwaldgebiet allein 70 Vogelarten. „Um diesen Naturschatz vor Wilderei und Brandrodung zu schützen, brauchten wir Ranger, die ihn täglich überwachen. Rosinaldo und Rosenildo waren sofort dazu bereit“, so Bianca Kühnert.

Ranger im Küstenregenwald Hebert Silva Santos (Mitte) und die Ranger kontrollieren eine Wildtierkamera – und entdecken ein Termitennest (© Fazenda Saúva)

Auf ihren täglichen Rundgängen kontrollieren die Ranger-Brüder fünf Wildkameras, die nicht nur Ameisenbären oder Gürteltiere aufnehmen, sondern auch Jäger und Holzfäller. „Natürlich gibt es Leute, denen nicht gefällt, was wir machen. Aber bisher ist es uns gelungen, die Konflikte friedlich zu lösen. Denn jeder hier weiß, dass die Jagd auf Wildtiere in Brasilien verboten ist.“

Rettet den Regenwald unterstützt die Arbeit der Ranger. Denn sie trägt dazu bei, dass ein artenreicher Primärwald in der hochbedrohten Mata Atlântica bewahrt bleibt. „Das regelmäßige Ein-kommen hilft uns sehr“, sagt Rosinaldo. „Aber noch mehr gefällt uns unsere neue Aufgabe: Früher sind wir in den Wald gegangen, um zu zerstören. Heute gehen wir hinein, um zu erhalten.“ 

Vogelbestimmung in Mata Atlantica Der Biologe Ivan Assunção (rechts) von der Universität Salvador geht mit dem Wildhüter Rosenildo auf Entdeckungsreise in die Vogelwelt (© Ivan Márcio do Nascimento Dias Assunção)

Aktiv werden! Helfen Sie mit

Unsere Partner konnten ein Primärwaldgebiet in der Mata Atlântica kaufen. Zwei Ranger verhindern auf täglichen Streifzügen Wilderei und Brandrodung. Und sind nicht nur Vorbild für die Nachbarn, sondern Schützer einer besonders artenreichen Natur. Unterstützen Sie ihre Arbeit – jeder Ranger erhält monatlich 160 Euro. 

Spenden über unser Formular auf der Heft-Rückseite oder online:
www.regenwald.org/rr034