Regenwald Report 01/2026 Landraub - mit Gift und Gewalt
Im Nordosten Brasiliens weitet die Agrarindustrie ihre Flächen immer weiter aus. Was das für die dort lebenden Menschen und die Natur bedeutet, haben wir gemeinsam mit der Pastoralen Landkommission erlebt und dokumentiert.
Der Regenwald Report ist kostenlos und erscheint vierteljährlich, er enthält aktuelle Berichte über Projekte und Aktionen. Eine Zustellung per Post ist nur innerhalb Deutschlands möglich.
„Die Bauernfamilien leben seit Jahrhunderten in diesen Gebieten, haben aber keine Besitztitel. Die Behörden verzögern und behindern die Anerkennung ihrer Landrechte, um die Agrarindustrie zu begünstigen“, sagt Antonia Calixto von der Pastoralen Landkommission (CPT).
Eine Woche hat unser Mitarbeiter Felipe Duran unsere Partner von der CPT in Maranhão begleitet. Das Projekt ist Teil einer langfristigen Zusammenarbeit zur Anerkennung der Landrechte. Im Nordosten Brasiliens leben viele Kleinbäuerinnen und -bauern auf traditionelle Weise mit der Natur: Sie betreiben Landwirtschaft für den Eigenverbrauch, nutzen die natürlichen Ressourcen wie die Barbassu-Palmen oder fangen Fische in den Flüssen.
In den Gemeindebezirken Mirador und Timbiras berichten die Menschen von systematischem Landraub. Großgrundbesitzer und Agrarfirmen eignen sich die Grundstücke der Gemeinden mit gefälschten Dokumenten an. Sie arbeiten mit Notaren, Politikern und Richtern zusammen, die den Landraub ermöglichen, vertuschen helfen oder sich selbst Grundstücke überschreiben.
Um Platz für Rinderweiden oder Soja-Monokulturen für den Export zu schaffen, werden die Wälder abgeholzt. Das Holz der Bäume wird verkauft, bevor Bulldozer und Feuer die verbliebene Vegetation beseitigen. „Die bewaffneten Holzfäller roden seit drei Wochen alles. Wir haben Anzeige bei der Umweltbehörde und Polizei erstattet. Die war kurz da, hat die beladenen Holzlaster und die Leute mit den Motorsägen gesehen, aber nichts unternommen“, erklärt eine Bäuerin, deren Namen wir nicht nennen sollen. Wegen erhaltener Drohungen ist sie in einem Schutzprogramm.
Viele Pestizide werden von europäischen Firmen hergestellt
Die Einwohner berichten, dass sie verfolgt und von ihrem Land gewaltsam vertrieben werden – durch Brandstiftung, Angriffe mit Schusswaffen bis hin zu Mord. Und immer wieder sprechen sie von Sprühflügen mit Pestiziden, von einem Chemiekrieg, der es ihnen unmöglich machen soll, in ihren angestammten Territorien zu leben. „Wir leiden sehr unter den Giften und haben fast die gesamte Gemüseernte verloren. Die Pestizide vernichten nicht nur die Pflanzen, auch wir und unsere Kinder werden krank“, sagt Maria das Graças Gama. Das Wasser wird verseucht, die Fische sterben und die Menschen berichten von chronischen Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot und Hautproblemen mit schmerz- haften Wunden, die nie verheilen. Viele der Produkte werden von europäischen Firmen hergestellt und sind bei uns wegen ihrer Gefährlichkeit verboten. Die brasilianische Regierung fördert seit Jahren die Ausweitung der Agrarindustrie in den vier Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia im Nordosten des Landes. Soja und Rindfleisch sind zusammen mit Erdöl und Eisenerzmengen- und wertmäßig die wichtigsten Exportprodukte Brasiliens. Die natürlichen Ökosysteme, die Savannen des Cerrado und Caatinga, werden dafür gerodet. Nach offiziellen Angaben wurden dort im Jahr 2024 insgesamt 8.300 km² entwaldet, mehr als doppelt so viel wie im wesentlich größeren Amazonasgebiet.
Die Gewalt und Abholzung hängen auch mit unserem Verbrauch zusammen. 2025 importierte die EU 25 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot, die Hälfte davon aus Brasilien.
Weiter Widerstand gegen EU-Mercosur-Abkommen
Das am 17. Januar 2026 von der EU-Kommission unterzeichnete Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay bleibt umstritten. Das EU-Parlament lässt es vom Europäischen Gerichtshof prüfen. Das Handelsabkommen könnte provisorisch gelten, sobald ein Mercosur-Land ratifiziert – doch auch in Südamerika ist die Zustimmung ungewiss. Zudem müssen alle 27 EU-Parlamente dem politischen Partnerschaftsabkommen mit Mercosur zustimmen, das Umwelt-, Klima- und Menschenrechtsschutz umfasst. Der EU-Industrie geht es um Importe von Agrar- und Bergbaurohstoffen sowie den Verkauf von Autos, Maschinen und Chemieprodukten. Die Mercosur-Staaten hoffen auf Absatz für verarbeitete Waren und europäische Investitionen. Mindestens 7.000 km2 Wald könnten zusätzlich abgeholzt werden. Europäische Bauern befürchten zudem unfairen Wettbewerb und Verbraucherschützer hohe Pestizidrückstände in Lebensmitteln.
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