Grand Inga – ein „Weißer Elefant“ im Kongo

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Visionäre Schläue oder simpler Größenwahn? Das Preisschild für das Projekt ist jedenfalls beachtlich: 60 Milliarden Euro. Das Wasserkraftwerk Grand Inga am Kongo soll halb Afrika mit Strom beliefern. Mit seinen 40.000 Megawatt würde das Netz aus Megadämmen sogar Chinas Drei-Schluchten-Staudamm in den Schatten stellen. 320 Terawattstunden soll der Gigant erzeugen – 27 mal soviel wie das leistungsstärkste Atomkraftwerk der Welt – Isar 2.

Die Regierung der Demokratischen Republik Kongo verspricht, Grand Inga werde Licht in die Hütten des Landes bringen und die Wirtschaft erblühen lassen. Verlockend in einem Land, in dem über 90 Prozent der Bürger keinen Stromanschluss haben. Ab Oktober 2015 sollen die Bagger rollen. So weit die Theorie.

Das Versprechen: Strom für halb Afrika

In der Praxis ist zu befürchten, dass die Bevölkerung weiter im Dunkeln sitzt, dass Grand Inga die versprochene Leistung nie erbringt, ein großer Teil der 60 Milliarden Euro in dunklen Kanälen versickert und das Land in Schulden ertrinkt. Dafür wird der Fluss und mithin die Natur geopfert.

Bereits seit 1972 fließt der Kongo dort, wo das Megaprojekt entsteht, nicht mehr ungestört. Damals ging das Kraftwerk Inga 1 in Betrieb, ein Jahrzehnt später Inga 2. Beide gelten inzwischen als „Weiße Elefanten“ des damaligen Diktators Mobuto Sese Seko: prestigeträchtig, überteuert und unsinnig. Als Motoren der Entwicklung des Landes gefeiert, liefern sie heute allenfalls ein Drittel der angepeilten Energiemenge. Die Dämme wurden schlecht gewartet und verschlammten. Der Bürgerkrieg tat sein Übriges zum Mißerfolg.

Schlechte Erfahrungen mit Inga 1 und 2

Ab 2005 wurden die Veteranen unter anderem mit Geld der Weltbank instandgesetzt. Die kongolesische Bevölkerung hat im Gegensatz zur Industrie wenig davon. Eine Tochterfirma von Mag Industry aus Kanada hat einen Stromliefervertrag für seine Mine in Pointe-Noire geschlossen. Ein großer Teil des Stroms geht in die kupferreiche Provinz Katanga.

Nun wird Inga 3 errichtet, der als erster Baustein für Grand Inga gilt. 4.800 Megawatt Strom soll die Staustufe liefern. Bauzeit: sieben Jahre. Kostenpunkt: zehn Milliarden Euro. Das vormalige Zaire will davon drei Milliarden berappen, was der Hälfte des Jahreshaushaltes entspricht. Wenn's reicht. Atif Ansar, der im Auftrag der Universität Oxford eine globale Studie über Staudämme vorgelegt hat, warnt vor einer Kostenexplosion auf das Doppelte.

Im März 2014 hat die Weltbank einen Kredit über 53 Millionen Euro bewilligt, damit technische Studien angestellt und Vorarbeiten geleistet werden können. Noch ist nicht entschieden, wer den Damm bauen wird: Konsortien aus China, Korea und Spanien haben Angebote unterbreitet. Der Bergbaukonzern BHP Billiton wollte sich ursprünglich an dem Projekt beteiligen, zog sich jedoch Anfang 2012 zurück.

Weltbank gibt Kredit für Inga 3

Im Juli 2014 waren zentrale Fragen noch nicht geklärt: Der genaue Standort stand so wenig fest wie die Tiefe der Fundamente, das Baumaterial und der Zeitplan für den Bau der Überlandleitungen.

Vertraglich ist bereits vereinbart, dass große Mengen Strom nach Südafrika und zu Bergwerken in Katanga geleitet werden. 3800 Megawatt sie bereits verplant. Wie viel für die Bevölkerung übrig bleibt, ist ungewiss. Entlegene Ortschaften werden weiterhin ohne Stromanschluss bleiben. Der war offensichtlich nie geplant und wäre kostspielig. Allein für die Trasse Richtung Südafrika und Katanga müssen über fünf Milliarden Euro aufgebracht werden.

Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren Inga 3 und Grand Inga über die Warnungen vor Korruption und schlechter Regierungsführung hinaus scharf.

Die Einheimischen sind die Leidtragenden des Milliardenprojekts. Menschen, die ihre Häuser und Äcker verlieren, müssen nur zu den Altbauten Inga 1 und 2 schauen, um eine Vorahnung zu bekommen, was ihnen droht. Manche, die bereits in den neunzehnhundertsechzigern Jahren vertrieben wurden, warten noch heute auf Entschädigung.

Menschen und Natur leiden unter Grand Inga

Der Gigantismus richtet zudem in der Natur großen Schaden an. Wird der Kongo für Inga 1 bis 3 „lediglich“ durch Kanäle geführt, wird er für Grand Inga gänzlich umgeleitet und aufgestaut. Das Ökosystem des Flusses wird dadurch empfindlich gestört, die Biodiversität leidet. Sedimente, die der Kongo beispielsweise zu Sandbänken anhäuft, bleiben in den Staustufen hängen. Damit geht Lebensraum für speziallisierte Pflanzen und Tiere verloren.

Sorgen bereitet Wissenschaftlern, wie sich der Eingriff in den Kongo auf dessen Mündung auswirkt, wo der Fluss Sedimente und Nährstoffe bislang hunderte Kilometer weit in den Atlantik trägt. Auf dem Meeresgrund zieht sich der Kongocanyon sogar 900 Kilometer weit bis in hunderte Meter Tiefe hin.

Es ist abzusehen, dass Grand Inga den Klimawandel antreiben wird, weil aus dem nahezu stehenden Wasser der Stauseen große Mengen Methan entweichen. Das bildet sich, wenn in den Wasserflächen Pflanzen verrotten. Gefahr droht auch durch Mücken, die neue Brutgebiete finden. Malaria und andere Krankheiten könnten sich vermehrt ausbreiten. Für Überlandleitungen werden auf 3000 Kilometern Länge breite Schneisen durch Wälder geschlagen.

Viele kleine, dezentrale Wasserkraftwerke, Windräder und Solaranlagen bieten einen besseren Weg, die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo und den Nachbarländern mit Strom zu versorgen. Nicht allein, weil viele Umweltsünden unterlassen würden, sondern auch, weil es dafür nicht Milliarden und Jahrzehnte braucht.

http://www.internationalrivers.org/campaigns/grand-inga-dam-dr-congo

http://www.dw.de/inga-staudamm-tr%C3%BCgerische-hoffnung-f%C3%BCr-die-bev%C3%B6lkerung-des-kongo/a-17477886