Fragen und Antworten zu Straßen

Der Bau von Straßen ist eine zweischneidige Angelegenheit. Sie sind für die Bevölkerung nützlich und bringen wirtschaftliche Entwicklung, etwa indem sie Landwirten die Vermarktung ihrer Produkte ermöglichen und Zugang zu Schulen und Gesundheitsversorgung erleichtern. Sie zerstören aber auch die Umwelt und gefährden die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Wie stark wird das Straßennetz wachsen?

Der International Energy Agency (IEA) zufolge werden bis zum Jahr 2050 weitere 25 Millionen Kilometer asphaltierte Straßen gebaut. Das entspricht dem 600-fachen Erdumfang und bedeutet eine Steigerung um 60 Prozent im Vergleich zu 2010.

90 Prozent der neuen Straßen werden in China, Indien und weiteren Entwicklungsländern - inklusive Ländern mit artenreichen tropischen und subtropischen Wäldern - gebaut.

Für zusätzliche Straßen, Eisenbahnstrecken und Parkplätze werden nach Berechnungen der IEA bis 2050 zwischen 250.000 und 350.000 Quadratkilometer Land betoniert. Das entspricht der Fläche Großbritanniens beziehungsweise Deutschlands.

In Deutschland werden laut Umweltbundesamt täglich 62 Hektar Fläche zugebaut (Stand 2015). Zwischen den Jahren 1993 und 2010 beanspruchte der Verkehr zumeist zwischen 20 und 25 Hektar mehr pro Tag. Seitdem ist die Tendenz fallend, es werden aber weiterhin Flächen dem Straßenbau geopfert.

Warum werden so viele Straßen gebaut?

Dies sind Ursachen für die Ausweitung des Straßennetzes:

  • Straßen sind die Folge von wirtschaftlicher Entwicklung und wachsendem Konsum, zunehmender Nachfrage nach Ressourcen, grenzüberschreitendem und globalisiertem Handel.
  • Straßen werden als Grundlage für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung angesehen, u.a. verbessern sie Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung, Märkten. In China wurde Ende des vorigen Jahrhunderts der Slogan populär: „Straßen zu bauen ist der erste Schritt zu Reichtum.“ („Building roads is the first step to becoming rich“)
  • Straßen sind Bestandteil großer Infrastruktur- und Industrieprojekte wie Staudämme und Minen.
  • Das Bevölkerungswachstum führt zur Ausdehnung der Siedlungsfläche und des Straßennetzes.
  • Autos sind sowohl Grundlage als auch Folge der Zersiedelung großer Flächen durch Vorstädte (Suburbia und Urban sprawl). In Deutschland erzeugen Anreize wie die Kilometerpauschale zusätzlichen Straßenverkehr: Menschen bauen ein „Haus im Grünen“ und pendeln zur Arbeit in die Stadt.

Welche Folgen haben Straßen für die Umwelt?

Zitate:

The best thing you could do for the Amazon it to bomb all the roads“ (Eneas Salati)

Highways are the seed of tropical forest destruction.“ (Thomas E Lovejoy)

(Zitiert in der Studie Roads to Ruin)

Vor dem Bau einer Straße sind die Auswirkungen auf die Umwelt schwer abzuschätzen. Studien zur Umweltverträglichkeit verfolgen häufig das Ziel, Projekte zu ermöglichen, statt zu verhindern. Sie beschränken sich auf die direkten Schäden und blenden indirekte Aspekte wie verstärkten Holzeinschlag, Wilderei oder Fragmentierung von Naturräumen aus.

Welche Folgen hat die pure Existenz von Straßen?

  • Straßennetze betreffen weit größere Räume als die eigentlichen Trassen. Sie führen zur Zerschneidung, Fragmentierung und Degradierung von Naturräumen und damit zur Zerstörung des Habitats vieler Tier- und Pflanzenarten. Manche Tiere wie baumbewohnende Affen überqueren selbst zehn Meter schmale Straßen nicht. Für Herdentiere wie Karibus stellen Straßen ein kaum überwindbares Hindernis dar.
  • Der Bau von Straßen führt zu Bodenerosion und schädigt Gewässern. Bäche werden gestaut, die Wasserqualität leidet. Es kommt vermehrt zu Erdrutschen.
  • Durch den Bau von Straßen entstehen neue Waldränder, die trockener, heißer und sonniger sind. Das beeinflusst, welche Pflanzen dort gedeihen. Tiere, die dunkle, feuchte Wälder gewohnt sind, meiden Waldränder.
  • Für Baumaterialen wie Schotter, Sand, Beton und Asphalt wird die Umwelt stark belastet. (Siehe unser Themenschwerpunkt zu Sand und Beton)

Welche Folgen hat die Straßennutzung?

Straßen spielen eine Schlüsselrolle bei Waldvernichtung:

  • Straßen öffnen zuvor unberührte Regionen für den Holzeinschlag, für die Anlage von Plantagen, Rinderweiden und kleinbäuerliche Landwirtschaft, für legalen und illegalen Bergbau. In den Tropen konzentrieren sich 95 Prozent der Rodungen höchstens fünf Kilometer von Straßen entfernt.
  • Über Straßen rücken Siedler vor, bauen Häuser und gründen Dörfer und Städte. Häufig geschieht das ungeplant. Der Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen bedroht die Lebensweise indigener Völker.
  • Über neue Straßen gelangen Jäger und Wilderer einfacher und tiefer in die Wälder. Sie versorgen die Siedler und Städte mit Fleisch.
  • Die Erschließung durch Straßen führt zur Zunahme illegal gelegter Feuer, etwa von Plantagenfirmen oder Kleinbauern, um Wald zu entfernen.
  • Im Straßenverkehr werden zahlreiche Tiere getötet.
  • Über Straßen können ortsfremde Tier- und Pflanzenarten und Krankheiten eingeschleppt werden.
  • An Rastplätzen, Tankstellen, Werkstätten und Schrottplätzen wird das Erdreich durch Müll und Öl belastet.
  • Straßenbau und Verkehr verursachen Lärm, Staub und Abgase.

Wer finanziert den Bau von Straßen?

Straßenbau ist eine staatliche Aufgabe. Der Staat kann Finanzierung, Bau und Unterhaltung am Firmen übertragen, die durch eine Maut Gewinn erwirtschaften wollen. Zudem gibt es illegal angelegte Straßen, für die beispielsweise Holzfirmen verantwortlich sind.

Große Straßenbauprojekte fordern hohe Investitionen. In Entwicklungsländern war in der Vergangenheit die Weltbank ein wichtiger Geldgeber. Während sie Umweltaspekte mittlerweile stärker berücksichtigt, sind auch weniger kritische Finanziers auf den Plan getreten. Dazu gehören die Asiatische Entwicklungsbank AIIB und die Chinese Import-Export Bank. Eine tragende Rolle spielt neuerdings Chinas „Belt and Road Initiative“ (BRI) (siehe unten).

Milliardenschwere Straßenbauprojekte bergen das Risiko, dass sich Staaten finanziell übernehmen und Kredite nur mit Mühe bedienen können. Die Kosten für den Unterhalt von Straßen werden unterschätzt. Wo große Geldsummen fließen, ist die Gefahr von Korruption groß.

Manch Straßenbauprojekt dient eher dem Ego des Regierungschefs als der Bevölkerung.

Was tun?

Der Bau von Straßen verändert Regionen grundlegend: Wälder werden gerodet, Landwirtschaft breitet sich aus, Siedlungen werden gegründet. Um dies zu verhindern, gilt der Grundsatz: Vermeidet den ersten Schnitt („Avoid the first cut“). Erstrebenswert ist es, Mensch und Natur getrennt zu halten, also möglichst große Räume frei von Straßen zu lassen.

Kritik an Straßenbauprojekten bedeutet nicht, gegen wirtschaftliche Entwicklung zu sein. Vielmehr geht es um verantwortungsvolle, durchdachte Entwicklung, die ökologische, gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche und finanzielle Aspekte berücksichtigt.

  • Straßen dürfen nur dort gebaut werden, wo sie den wenigsten Schaden anrichten, dafür aber den größten Nutzer bringen. In vielen unberührten Regenwaldgebieten ist Straßenbau daher tabu, während er in anderen Regionen gefördert werden kann.

Wo die natürliche Vegetation bereits zerstört ist und wo landwirtschaftliche Erträge bisher niedrig sind, kann Straßenbau oder Ausbau zur Förderung der Landwirtschaft und damit zur Verbesserung der Lebensbedingungen führen, ohne dass die Umwelt weiter Schaden nimmt. Personen siedeln sich entlang dieser Straßen an, statt in Wälder vorzudringen.

  • Großkraftwerke, Kohletagebaue, Ölpipelines, Staudämme etc. erfordern häufig ein umfangreiches Netz an Versorgungsstraßen. Bei einer dezentralen Energieversorgung mit Solar und Wind ist das anders. Die Nutzung von erneuerbarer Energie kann den Bau von Straßen überflüssig machen.
  • Für Bauprojekte oder Holzeinschlag angelegte Straßen müssen zurückgebaut werden, um eine Invasion durch Siedler, Jäger und Goldsucher zu verhindern.
  • Eisenbahn und Schifffahrt können Alternativen bieten, die geringere Schäden verursachen. Zwar zerschneiden Eisenbahntrassen Landschaften ebenfalls, Tiere können sie jedoch einfacher überqueren. Siedlungen wachsen rund um Bahnhöfe und nicht entlang der Strecke.
  • Verkehr zu vermeiden, betrifft vor allem westliche Länder, in denen viele Menschen aus wachsenden Vorstädten zur Arbeit ins Zentrum pendeln.