Regen­wald abholzen für meine Reise? Nein Danke!

Flugzeug vor Palmöl Plantage und Regenwald Flugzeug über zerstörtem Regenwald (Montage) (© Wo st 01 - CC BY-SA 3.0 DE - Montage S. Harmat RdR)

Mit Biosprit will die Luftfahrtbranche klimaneutral fliegen. Was für ein Irrsinn. Biokerosin bedeutet fast unausweichlich Palmöl, dessen Anbau die Regenwälder bedroht. Bitte protestieren Sie gegen die Pläne der Internationalen Luftfahrtbehörde ICAO.

Appell

An: ICAO

„Mit Biokerosin wollen Fluggesellschaften das Klima schonen. Doch der Anbau von Biosprit – insbesondere von Palmöl – zerstört die Umwelt. Bitte protestieren Sie.“

Ganzes Anschreiben lesen

Der weltweite Flugverkehr wächst rasant – und damit die von der Branche verursachten Umweltprobleme. Flugzeuge erzeugen schon jetzt etwa fünf Prozent der klimaschädigenden Emissionen. Bis 2050 soll sich der CO2-Ausstoß der Fluggesellschaften mehr als verfünffachen – auf 2,5 Milliarden Tonnen pro Jahr, prognostiziert die Internationale Luftfahrtagentur (ICAO), die den Vereinten Nationen (UN) angehört.

Die vermeintliche Lösung der UN-Behörde: Der Luftverkehr soll „klimaneutral“ wachsen. Möglich machen sollen das der Handel mit CO2-Zertifikaten, der Einsatz von Biokerosin und effizientere Flugzeuge.

Der Handel mit CO2-Zertifikaten bedeutet allerdings nicht, Emissionen einzusparen. Die Flugbranche kauft lediglich Verschmutzungsrechte in Form von CO2-Zertifikaten – das Geld fließt dann in Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt. Ob sich diese Praxis positiv auf die Umwelt auswirkt, wird von vielen Experten bezweifelt. Der Zertifikatehandel ist umstritten.

Für die Produktion von Biokerosin sind riesige Anbauflächen notwendig, um auch nur wenige Prozente der etwa 260 Mio. Tonnen Treibstoff zu ersetzen, den die Luftfahrt pro Jahr verbraucht.

Die ICAO führt neben Pflanzenölen auch Algen, Holz und Abfälle als mögliche Rohstoffe für Biokerosin auf. Doch die dafür benötigten Herstellungsverfahren und Mengen gibt es nicht. Anbauversuche der Branche mit Leindotter (Camelina) für Testflüge ergaben sehr niedrige Erträge.

Es ist zu befürchten, dass die Industrie hydriertes Palmöl einsetzt, das bereits kommerziell von Firmen wie Neste Oil, Eni und Repsol erzeugt wird. Um Platz für immer neue Ölpalm-Plantagen zu schaffen, werden die tropischen Regenwälder gerodet. Enorme Mengen Kohlenstoff entweichen dadurch in die Atmosphäre.

Bitte unterstützen Sie unsere Petition an die ICAO – und verzichten Sie auf unnötige Flüge.

Hinter­gründe

Der Treibstoffbedarf der Luftfahrtbranche ist gewaltig. In ihrem Umweltausblick 2010 geht die ICAO davon aus, dass der Verbrauch von 187 Millionen Tonnen im Jahr 2006 auf 461 bis 541 Millionen Tonnen im Jahr 2036 steigt. Für das Jahr 2016 geht die ICAO von 260 Millionen Tonnen aus. 2050 soll der Treibstoffverbrauch zwischen 700 bis 900 Millionen Tonnen liegen.

In ihrem Umweltausblick 2016 (Achtung, das Dokument ist 50 Megabyte groß!) untersucht die ICAO verschiedene Szenerien bezüglich des Energiebedarfs. Um diesen mit Biokerosin zu decken, müssten jedes Jahr 170 Bioraffinerien gebaut und pro Jahr bis zu 60 Milliarden Dollar investiert werden, so ICAO.

Wie schwierig es ist, bereits geringe Mengen Biokerosin für Probeflüge zu erzeugen, belegt ein Forschungsvorhaben der Branche, das Itaka-Projekt. Mit 10 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern der EU experimentiert die Luftfahrtindustrie mit dem Anbau von Leindotter (Camelina sativa) in Spanien und Rumänien. Um die Flächenkonkurrenz mit dem Nahrungsmittelanbau gering zu halten, wurden nach Projektangaben marginale Böden bepflanzt.

Der Ölertrag auf den Versuchsflächen in den Regionen Castilla La Mancha und Aragon lag zwischen 182,5 bis 292 Litern pro Hektar. Auf fruchtbaren Böden sollen nach Angaben der Projektbetreiber mehr als 730 l/ha Camelinaöl möglich sein. Bei einer Dichte von Camelinaöl von 0,92 kg/l errechnet sich im günstigsten Fall ein Ölertrag von 0,672 t/ha. Zum Vergleich: Der Ölertrag von Sonnenblumen liegt bei 0,86 t/ha und von Raps bei 1,33 t/ha.

Auf einer Gesamtfläche von 10.500 Hektar wurden etwa 2.000 Tonnen Camelinaöl erzeugt, wie sich aus den Projektangaben errechnen lässt. Da die Menge für die angestrebten Testflüge nicht ausreichte, wurde in den USA Leindotteröl zugekauft. Außerdem wurde aus Gastronomieabfällen (Used Cooking Oils - UCO) Biokerosin hergestellt. Die Projektbetreiber schreiben dazu, dass die Abfälle nicht als primärer Rohstoff angesehen werden, weil die verfügbaren Mengen begrenzt seien und sie bereits von anderen Sektoren und für andere Verwendungen benutzt würden.

Die Öle wurden in den Ölraffinerien des Projektpartners Neste Oil in hydriertes Pflanzenöl (Hydrotreated Vegetable Oil - HVO) und hydrierte Ester und Fettsäuren (Hydroprocessed Esters and Fatty Acids – HEFA) umgewandelt. Die Hydrierung von Pflanzenölen ist das einzige kommerziell bereits im großen Stil angewandte Verfahren, um Biosprit zu erzeugen, der für den Einsatz in Flugzeugen geeignet ist. Hydrierte Pflanzenöle sind in ihren Eigenschaften fossilem Kerosin sehr ähnlich und können als Treibstoff genutzt werden. Biodiesel (Fatty Acid Methyl Ester - FAME) ist für den Einsatz in Flugzeugen nicht geeignet.

Die Verfahren können in bereits bestehenden Erdölraffinerien angewandt werden, als auch in eigens dafür errichteten Anlagen. Neste Oil betreibt bereits vier große HVO-Raffinerien: Zwei Anlagen mit einer Kapazität von jeweils 190.000 Tonnen in Finnland, sowie zwei weitere Anlagen mit einer Kapazität von jeweils 800.000 Tonnen in Rotterdam und Singapur. Die hauptsächlich verwendeten Rohstoffe sind 870.000 t Palmöl (CPO) und 1,93 Mio. t Abfälle (Tierfette und Palmfettsäurendestillat (Palm Fatty Acid Distillate – PFAD)) schreibt Neste Oil im Jahresbericht 2015.

Auch der italienische ENI-Konzern stellt aus Palmöl HVO her sowie die spanischen Ölfirmen Repsol und Cepsa. Der französische Total-Konzern baut eine HVO-Raffinerie im Hafen von Marseille. Palmöl ist das billigste Pflanzenöl auf dem Weltmarkt und in Millionen Tonnen verfügbar. Die Jahresproduktion von Palmöl liegt derzeit bei 65 Millionen Tonnen.

Weitere Informationen:

Artikel

Le Monde Diplomatique: Grüner Himmel. Die Illusion vom ökologischen Fliegen

Biofuelwatch: The high-flown fantasy of aviation biofuels

Studien

Fern, 27. Sept. 2016: International declaration denounces ICAO offset plan

FERN, 9. Sept. 2016: Cheating the climate: the problems with aviation industry plans to offset emissions

Oakland Institute: Eco-skies - the global rush for aviation biofuel

Friends of the Earth: Flying in the face of the facts - Greenwashing the aviation industry with biofuels

An­schreiben

An: ICAO

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist begrüßenswert, dass sich die Luftfahrtbranche Gedanken über den Umweltschutz macht. Die dazu vorgelegten Pläne – der Handel mit CO₂-Zertifikaten und der Einsatz von Biokerosin – tragen allerdings nicht dazu bei.

CO₂-Zertifikate und die Finanzierung von Kohlenstoff-Kompensationsprojekten vermindert die Emissionen der Flugzeuge nicht. Der CO₂-Handel bedeutet, gegen Bezahlung die Verantwortung für die verursachten Emissionen auf andere abzuschieben.

Für die Herstellung großer Mengen Biokerosin wird fast unausweichlich hydriertes Palmöl benötigt. Die Palmölindustrie rodet die Regenwälder und setzt dadurch gigantische Mengen Kohlenstoff frei.

Alle anderen von der ICAO in Betracht gezogenen Herstellungsverfahren und Rohstoffe für Biosprit gibt es nicht.

Die Pläne vom angeblich klimaneutralen Wachstum empfinden wir als eine Täuschung der Öffentlichkeit. Die einzige Lösung ist: Weniger fliegen.

Mit freundlichem Gruß

5-Minuten-Info zum Thema: Palmöl

Die Ausgangslage – Regenwald im Tank und auf dem Teller

Mit 66 Millionen Tonnen pro Jahr ist Palmöl das meist produzierte Pflanzenöl. Der niedrige Weltmarktpreis und die von der Industrie geschätzten Verarbeitungseigenschaften haben dazu geführt, dass es inzwischen in jedem zweiten Supermarktprodukt steckt. Neben Fertigpizza, Keksen und Margarine begegnet uns Palmöl auch in Körpercremes, Seifen, Schminke, Kerzen und Waschmitteln.

Was kaum einer weiß: In der EU fließt fast die Hälfte des importierten Palmöls in sogenannten Biosprit. Die 2009 beschlossene gesetzliche Beimischungspflicht von Agrosprit in Benzin und Diesel ist eine wichtige Ursache der Regenwaldabholzung.

Inzwischen dehnen sich die Palmölplantagen weltweit auf mehr als 27 Millionen Hektar aus. Auf einer Fläche so groß wie Neuseeland mussten Mensch und Tier bereits den „grünen Wüsten“ weichen.

Die Auswirkungen – Waldverlust, Artentod, Vertreibung, Erderwärmung

In den feucht-warmen Tropen rund um den Äquator findet die Ölpalme optimale Wachstumsbedingungen. In Südostasien, Lateinamerika und Afrika werden Tag um Tag riesige Regenwaldflächen gerodet und abgebrannt, um Platz für die Plantagen zu schaffen. Dabei gelangen große Mengen klimaschädlicher Gase in die Atmosphäre. Indonesien, Hauptproduktionsland von Palmöl, war 2015 zeitweise für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die USA. CO2- und Methanemissionen sorgen dafür, dass der aus Palmöl produzierte Biosprit drei mal so klimaschädlich ist wie Treibstoff aus Erdöl.

Doch nicht nur das Klima leidet: Mit den Bäumen verschwinden seltene Tierarten wie Orang-Utan, Borneo-Zwergelefant und Sumatra-Tiger. Kleinbauern und Indigene, die den Wald über Generationen bewohnen und beschützen, werden oft brutal von ihrem Land vertrieben. In Indonesien stehen mehr als 700 Landkonflikte in Zusammenhang mit der Palmölindustrie. Auch auf sogenannten „nachhaltig bewirtschafteten“ oder „Bio“-Plantagen kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen.

Wir Verbraucher bekommen von all dem wenig mit. Unser täglicher Palmölkonsum hat jedoch auch für uns persönlich direkte negative Auswirkungen: In raffiniertem Palmöl sind große Mengen gesundheitsschädlicher Fettsäureester enthalten, die das Erbgut schädigen und Krebs verursachen können.

Die Lösung – Tank-und-Teller-Revolution

Nur noch 70.000 Orang-Utans streifen durch die Wälder Südostasiens. Die EU-Biospritpolitik bringt die Menschenaffen immer weiter an den Rand des Aussterbens. Um unseren baumbewohnenden Verwandten zu helfen, müssen wir den Druck auf die Politik erhöhen. Doch auch im Alltag lässt sich viel bewegen.

Diese einfachen Tipps helfen, Palmöl zu erkennen, zu meiden und zu bekämpfen:

  1. Selbst kochen, selbst entscheiden: Mandel-Kokos-Birnen-Kekse? Kartoffel-Rosmarin-Pizza? Frische Zutaten, gemixt mit ein bisschen Fantasie, stellen jedes (palmölhaltige) Fertigprodukt in den Schatten. Zum Kochen und Backen eignen sich europäische Öle aus Sonnenblumen, Oliven, Raps oder Leinsamen.
  2. Kleingedrucktes lesen: Auf Lebensmittelpackungen muss seit Dezember 2014 angegeben werden, wenn ein Produkt Palmöl enthält. In Kosmetik-, Putz- und Waschmitteln versteckt sich der Regenwaldfresser hingegen hinter einer Vielzahl chemischer Fachbegriffe. Per Internetrecherche lassen sich leicht palmölfreie Alternativen finden.
  3. Der Kunde ist König: Welche palmölfreien Produkte bieten Sie an? Wieso verwenden Sie keine heimischen Öle? Nachfragen beim Verkaufspersonal und Briefe an die Produkthersteller lassen Firmen um die Akzeptanz ihrer Produkte bangen. Der öffentliche Druck und das gestiegene Problembewusstsein haben schon einige Produzenten zum Verzicht auf Palmöl bewegt.
  4. Petitionen und Politikerbefragungen: Online-Protestaktionen üben Druck auf die Politiker aus, die für Biosprit und Palmölimporte verantwortlich sind. Haben Sie bereits alle Petitionen von Rettet den Regenwald unterschrieben? Auf abgeordnetenwatch.de kann jeder die Bundestagsabgeordneten mit den Folgen der Biospritpolitik konfrontieren.
  5. Laut werden: Demonstrationen und kreative Straßenaktionen machen den Protest für Menschen und Medien sichtbar. Dadurch wird der Druck auf die politischen Entscheidungsträger noch größer.
  6. Öffentlich statt Auto: Wenn möglich zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
  7. Wissen und Wissen weitergeben: Wirtschaft, Handel und Politik wollen uns glauben machen, Biosprit sei klimafreundlich und Palmölplantagen könnten nachhaltig sein. Regenwald.org informiert über die Folgen des Palmölanbaus. Der kostenlose Regenwald Report kann an Freunde weitergegeben oder in Schulen, Arztpraxen und Bioläden ausgelegt werden.
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