Abheben auf Kosten der Ökologie: Lufthansa testet Agrosprit

15.431 Teilnehmer

Ende der Aktion: 22.05.2014

Um Treibstoffkosten zu sparen, setzt die Lufthansa jetzt versuchsweise auf Agrosprit. Nach einer zweijährigen Testphase soll dem Flugzeugtreibstoff Kerosin bis zu 10 Prozent Agrosprit beigemischt werden. Als „Hoffnungsträger“ gelten für die Lufthansa – leider völlig zu Unrecht – Algen und der angebliche Wunderstrauch Jatropha. Bitte helfen Sie mit, Lufthansa über diesen Irrtum aufzuklären.

Appell

Die Lufthansa ist einer der größten und profitabelsten Konzerne in der Zivilluftfahrtbranche weltweit. Diese Position will die Airline weiter ausbauen und setzt auf kräftiges Wachstum. Als eine der ersten Fluggesellschaften kündigte Lufthansa nun für die kommenden zwei Jahre Serientests mit Agrosprit an. Bis zum Jahr 2020 sollen dem fossilen Kerosin 5 bis 10 Prozent Agrosprit beigemischt werden. Lufthansa verbrauchte im vergangenen Jahr 7,7 Millionen Tonnen Flugtreibstoff. Daraus folgt ein Agrosprit-Einsatz von 385.000 bis 770.000 Tonnen pro Jahr.

Dahinter stehen wirtschaftliche Überlegungen: Der Treibstoffverbrauch stellt mit 15 Prozent einen der wesentlichen Kostenfaktoren für die Airline dar. Bei weiter steigenden Ölpreisen sieht der Konzern in Agrosprit eine kostengünstigere Alternative. Außerdem hofft Lufthansa nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Mayhuber, dadurch bei den Ausgaben für den Emissionshandel Vorteile zu haben. Ab 2012 bezieht die Europäische Union die Fluggesellschaften in den Handel mit Verschmutzungsrechten ein. Derzeit schlagen 24 Millionen Tonnen Kohlendioxid bei der Lufthansa zu Buche. Lufthansa schätzt die dadurch entstehenden Kosten auf 150 bis 350 Millionen Euro pro Jahr. Durch die Beimischung des Agrosprits würde die Lufthansa zumindest buchhalterisch ihre CO2-Bilanz verbessern und Ausgaben sparen.

Das globale Klima wird von diesem Zahlenspiel nicht profitieren - im Gegenteil. Als Voraussetzungen für den Einsatz von Agrosprit nennt Lufthansa, dass er sich für den Luftverkehr eignet und ausreichende Mengen zu einem akzeptablen Preis verfügbar seien. Weiter schreibt die Airline in ihrem aktuellen Nachhaltigkeitsbericht 2010: „Lufthansa legt auch großen Wert darauf, dass der alternative Kraftstoff nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht und ein nachgewiesener Nutzen für die Umwelt besteht.” Doch genau hier liegen die Probleme beim Agrosprit.

Lufthansa bleibt die Antwort darauf schuldig, wie die genannten Ziele erreicht werden können. Der Konzern nennt „als Hoffnungsträger Algen und sogenannte Energiegewächse wie Jatropha“. Doch Treibstoff aus Algen steht erst am Anfang der Entwicklung und „in den nächsten zehn Jahren sind keine nennenswerten Mengen an Kraftstoff aus diesem Rohstoff zu erwarten“, wie Lufthansa selbst vermerkt. Der tropische Wunderstrauch Jatropha bringt auf marginalen Böden in der Praxis nicht die versprochenen hohen Erträge. Nur auf fruchtbaren Böden und mit Bewässerung lassen sich rentable Erträge erzielen. Doch damit steht der Jatropha-Anbau in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion.

Zudem fallen nach wissenschaftlichen Studien für einen Liter Biodiesel aus Jatropha 20.000 Liter Wasser während des Anbaus an. Die Universität Twente in den Niederlanden hat nachgewiesen, dass Jatropha fünf Mal so viel Wasser benötigt wie Zuckerrohr oder Mais. Für die Anlage der Jatropha-Plantagen werden direkt und indirekt natürliche Ökosysteme gerodet, vor allem sehr arten- und kohlenstoffreiche Savannengebiete. Die Umwandlung dieser Ökosysteme in Monokulturen vernichtet die Biodiversität und heizt durch die massive Freisetzung des in Vegetation und Böden gebundenen Kohlenstoffs den globalen Treibhauseffekt an.

Wer Treibstoffverbrauch und Kohlenstoffemissionen ernstfaft reduzieren möchte, der muss auch über Lösungen nachdenken, die zu weniger Flugbewegungen führen. Die Wahl des Verkehrsmittels beim Transport von Menschen und Gütern muss stärker nach ökologischen Gesichtspunkten erfolgen. Bitte Unterstützen Sie unsere Aktion zum Stopp der Agrospritpläne der Lufthansa. Eine Auswahl von Artikeln und Studien zu den Problemen mit Agrosprit aus Jatropha und Holz finden Sie nachfolgend:

Jatropha Reality Check - A field assessment of the agronomic and economic viability of Jatropha and other oilseed crops in Kenya. Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), 12-2009.

http://www.worldagroforestry.org/downloads/publications/PDFS/B16599.PDF

Der große Durst der Jatropha. Heise, Technology Review, 11.06.2009.

http://www.heise.de/tr/artikel/140142/0/203

The water footprint of bioenergy: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 20.4.2009.

http://www.pnas.org/content/early/2009/06/03/0812619106

Hailed as a miracle biofuel, jatropha falls short of hype. Guardian, 5.5.2009.

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/may/05/jatropha-biofuels-food-crops

Jatropha erfüllt nicht die hohen Erwartungen. Schattenblick, 06.05.2009.

http://www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/afka1824.html

Jatropha! A socio-economic pitfall for Mozambique. Friends of the Earth, 8.2009.

http://www.swissaid.ch/global/PDF/entwicklungspolitik/agrotreibstoffe/Report_Jatropha_JA_and_UNAC.pdf

Losing the plot: the threats to community land and the rural poor through the spread of the biofuel jatropha in India. Friends of the Earth, 12.2009.

http://www.foeeurope.org/agrofuels/jatropha_in_india.pdf

Wood-based bioenergy: the green lie. Global Forest Coalition, May 2010

http://www.globalforestcoalition.org/img/userpics/File/briefing%20paper%20bioenergy_final_1.pdf

Hinter­gründe

Nachfolgend eine Auswahl von Artikeln und Studien zu Agrosprit aus Jatropha und Holz:

Jatropha Reality Check - A field assessment of the agronomic and economic viability of Jatropha and other oilseed crops in Kenya. Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), 12-2009.

http://www.worldagroforestry.org/downloads/publications/PDFS/B16599.PDF Der große Durst der Jatropha. Heise, Technology Review, 11.06.2009.

http://www.heise.de/tr/artikel/140142/0/203 The water footprint of bioenergy: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 20.4.2009.

http://www.pnas.org/content/early/2009/06/03/0812619106 Hailed as a miracle biofuel, jatropha falls short of hype. Guardian, 5.5.2009.

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/may/05/jatropha-biofuels-food-crops Jatropha erfüllt nicht die hohen Erwartungen. Schattenblick, 06.05.2009.

http://www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/afka1824.html Jatropha! A socio-economic pitfall for Mozambique. Friends of the Earth, 8.2009.

http://www.swissaid.ch/global/PDF/entwicklungspolitik/agrotreibstoffe/Report_Jatropha_JA_and_UNAC.pdf Losing the plot: the threats to community land and the rural poor through the spread of the biofuel jatropha in India. Friends of the Earth, 12.2009.

http://www.foeeurope.org/agrofuels/jatropha_in_india.pdf Wood-based bioenergy: the green lie. Global Forest Coalition, May 2010

http://www.globalforestcoalition.org/img/userpics/File/briefing%20paper%20bioenergy_final_1.pdf

An­schreiben

Deutsche Lufthansa AG
Wolfgang Mayrhuber, Vorstandsvorsitzender
Fax: +49 69 / 696 – 95428, E-mail wolfgang.mayrhuber@dlh.de

Sehr geehrter Herr Mayrhuber,

ich begrüße die Anstrengungen der Lufthansa zur Reduzierung des Kerosinverbrauchs und der Treibhausgas-Emissionen, über die Sie in Ihrem aktuellen Nachhaltigkeitsbericht informieren. Wenn Sie hierfür allerdings auf den Einsatz von Agrosprit setzen, befinden Sie sich meiner Meinung nach auf einem Irrweg.

Die Agrosprit-Produktion steht seit Jahren wegen ihren katastrophalen Auswirkungen auf Mensch, Umwelt und Klima massiv in der Kritik. Diese Problematik scheint Ihnen bewusst zu sein, wenn Sie schreiben: „Lufthansa legt auch großen Wert darauf, dass der alternative Kraftstoff nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht und ein nachgewiesener Nutzen für die Umwelt besteht.”

Die Antwort auf die Frage, wie Sie diese Ziele erreichen möchten, bleiben Sie allerdings schuldig. Im Nachhaltigkeitsbericht nennt Lufthansa die „Hoffnungsträger Algen und sogenannte Energiegewächse wie Jatropha“. Algen bezeichnet Lufthansa selbst als langfristigen Ansatz. Bleibt die Jatropha-Pflanze, die für die fortschreitende Zerstörung tropischer Ökosysteme mit verantwortlich ist. Der tropische Jatropha-Strauch wird großflächig in Afrika (Kenia, Tansania, Mosambik, Swasiland) und Indien angebaut – mit katastrophalen Folgen. Die ansässige Bevölkerung wird für die Schaffung der Plantagenflächen vertrieben oder muss für die neuen Landbesitzer zu Minimallöhnen auf den Anpflanzungen arbeiten.

Jatropha verspricht hohe Ernteerträge auf marginalen Böden. Doch in der Praxis hat sich dies nicht bewahrheitet. Nur auf fruchtbaren Böden und mit Bewässerung lassen sich die ansonsten geringen Ernteerträge der Jatropha-Pflanze steigern. Doch damit steht Jatropha in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion, was Sie eigentlich verhindern wollten. Auch der Bewässerungsbedarf für Jatropha ist enorm. Nach wissenschaftlichen Studien fallen für einen Liter Biodiesel aus Jatropha 20.000 Liter Wasser während des Anbaus an.

Weiterhin ist es nicht korrekt, dass Treibstoffe aus pflanzlichen Rohstoffen bei der Verbrennung mengenmässig nur die CO2-Emissionen verursachen, die die Pflanzen zuvor für ihr Wachstum nutzten. Anbau, Düngung, Bewässerung, Ernte, Transport, Lagerung und Weiterverarbeitung von Agrosprit erfordern einen erheblichen Energieeinsatz, der zur Kohlenstoffbilanz hinzugerechnet werden muss.

Für die Anlage von Agrosprit-Plantagen werden außerdem direkt oder indirekt natürliche Ökosysteme gerodet. Im Falle von Jatropha sind dies vor allem sehr arten- und kohlenstoffreiche Savannengebiete. Die Umwandlung dieser Ökosysteme in Agrosprit-Plantagen vernichtet die Biodiversität und heizt durch die massive Freisetzung des in Vegetation und Böden gebundenen Kohlenstoffs den globalen Treibhauseffekt an. Werden diese CO2-Katastrophen vollständig in die Berechnungen einbezogen, dann ist die CO2-Bilanz von Agrotreibstoff verheerend.

Der Einsatz von Agrosprit entspricht deshalb nicht einer verantwortungsvollen Unternehmens- und Umweltstrategie. Wer Treibstoffverbrauch und Kohlenstoffemissionen ernsthaft reduzieren möchte, der muss auch über Lösungen nachdenken, die zu weniger Flugbewegungen führen.

Ich bitte Sie daher, den zweijährigen Serienversuch und die Lufthansa-Pläne zur Beimischung von bis zu 10 Prozent Agrosprit abzubrechen.

Mit freundlichen Grüßen