Landraub und Mord für Biosprit und Margarine

Die Leiche eines schwerverletzten Manns liegt auf dem Boden. Sein Kopf ist verdeckt. An seinen Händen sind Handschellen. Tödlicher Protest: Söldner foltern Dorfvorsteher zu Tode (© Feri Irawan)
74.497 Teilnehmer

Ende der Aktion: 17.12.2015

Bei Protesten gegen eine Palmöl-Plantage in Indonesien ist ein Dorfvorsteher umgebracht worden. Unser Partner Feri Irawan hat das Verbrechen beobachtet und dokumentiert. Die Firma Asiatic Persada soll für die Tat verantwortlich sein. Protestieren Sie bei der Bundesregierung

Appell

An: Minister Sigmar Gabriel und EU-Amtskollegen

„Herr Gabriel, in Indonesien eskaliert die Gewalt. Ein Ureinwohner wurde zu Tode gefoltert. Die EU und die Bundesregierung müssen ihre Biodiesel-Politik beenden.“

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Puji, einer der führenden Köpfe im Dorf Bungku, wurde von Söldnern in die örtliche Ölmühle in der Provinz Jambi verschleppt und zu Tode gefoltert. An den Händen trug er Handschellen, seine Füße waren zusammengebunden, als er von der Palmöl-Firma Asiatic Persada in ein Krankenhaus gebracht wurde. Dort wurde er offenbar nicht entsprechend seiner Verletzungen behandelt und starb.

Feri Irawan sagt: „Es herrscht Krieg, ein Krieg, den niemand von uns wollte." Es wird geschossen, Menschen werden krankenhausreif geschlagen. 2000 Söldner und Sicherheitskräfte, die von Asiatic Persada bezahlt worden seien, stehen den Einheimischen gegenüber.

Feri Irawan hat die Leiche von Puji aus dem Krankenhaus geholt und den Mord bei der Polizei angezeigt. „Wir geben nicht auf“, betont er. „Morgen gehen wir wieder los, ohne Waffen. Viele von uns kommen zu Fuß, unserer Kinder sind barfuß. Wir sind über tausend Leute.“

Damit spitzt sich der jahrelange Kampf der Waldnomaden vom Volk der Suku Anak Dalam auf Sumatra dramatisch zu. Im Dezember vergangenen Jahres waren 500 Familien vor Soldaten geflohen und hatten vor dem Gouverneurspalast in der Provinzhauptstadt Zuflucht gesucht. Nachdem sie von dort vertrieben wurden, hinderte der Palmöl-Konzern Asiatic Persada sie daran, auf ihr Land zurückzukehren. Ende Februar kam es zur Konfrontation mit der Polizei.

Mehr aktuelle Informationen

Der Kampf um das Land der Waldnomaden steht im Zusammenhang mit der Biodiesel-Politik der EU und der Bundesregierung. Ein Großteil des Pflanzenöls, das dem Diesel beigemengt werden muss, stammt von den Palmöl-Plantagen Indonesiens.

Herr Minister Gabriel, beenden Sie angesichts der eskalierenden Gewalt endlich Ihre Biodiesel-Politik!

Hinter­gründe

News vom 6.3.2014:

Liebe Freunde, wir haben Angst. Die Palmölfirma Asiatic Persada hat Soldaten gekauft, die mit Gewehren auf wehrlose Menschen losgehen. Sie schießen um sich und schlagen die Leute zusammen. Es herrscht Krieg, ein Krieg, den niemand von uns wollte. Wir haben daran geglaubt, dass die Gesetze doch noch eingehalten werden. Doch jetzt gibt es einen Toten, er heißt Puji. Soldaten und Sicherheitskräfte von Asiatic Persada haben ihn zu Tode geprügelt. An Händen und Füßen gefesselt, haben sie ihn schließlich ins Krankenhaus gebracht. Er starb heute Abend um 23.03 Uhr.“ Diese Nachricht schickte uns Feri Irawan von unserer Partnerorganisation Perkumpulan Hijau.

Der Tod von Puji ist der schockierende Höhepunkt in der langen Tragödie der indigenen Waldnomaden vom Volk der Suku Anak Dalam auf Sumatra. Seit knapp drei Jahrzehnten bekämpft Asiatic Persada die Ureinwohner in der Provinz Jambi: 1986 hat die Firma damit begonnen, ihren Regenwald für Plantagen zu roden. Doch die Menschen ließen sich von dem Land ihrer Ahnen nicht vertreiben und versuchen seitdem, in einer Wüste aus Ölpalmen zu überleben. Immer wieder heuerte die Firma bezahlte Soldaten an, die gemeinsam mit dem Wachpersonal die Häuser der Familien zerstörten, sie bedrohten und oft schwer verletzten.

Der vorletzte Gewaltakt mit 1.500 bewaffneten Männern fand im Dezember 2013 statt – damals flohen 500 Familien vor den Gouverneurspalast in der Provinzhauptstadt Jambi. Wochenlang kampierten sie dort, um ihr Land zurückzubekommen und für die zerstörten Häuser entschädigt zu werden. Mehr als 70.000 Menschen unterschrieben unsere Protestaktion, und Feri Irawan und seine Aktivisten organisierten große Demos für die Rechte der indigenen Bevölkerung.

Schließlich wurden die Familien auch aus Jambi vertrieben, doch bis heute können sie nicht auf ihr Land zurück – Asiatic Persada hat es längst verbarrikadiert. Seit Wochen harren sie in der Nähe in einem Flüchtlingslager bei dem Ort Bungku aus, haben kaum etwas zu essen und zu trinken.

In Bungku steht auch die Fabrik von Asiatic Persada, der Ort, wo die Gewalt am 5. März erneut eskalierte: Von der Firma angeheuerte Soldaten und Wachpersonal hatten den Berichten zufolge den Tagelöhner Titus aus seinem Haus entführt und auf dem Weg in die Fabrik brutal zusammengeschlagen und dort gefangen gehalten. Als Familienmitglieder, Bauern und Angehörige der Suku Anak Dalam vor der Ölfabrik erschienen, um nach Titus zu fragen, schossen die Soldaten in die Luft und auf den Boden, griffen die Menschen sofort an. Sechs Indigene wurden so brutal geschlagen, dass sie ins Krankenhaus mussten – einer von ihnen war Puji. Ihn hatten die Soldaten vom Motorrad gezerrt, an Händen und Füße gefesselt und so misshandelt, dass er später im Krankenhaus starb.

Feri Irawan hat Pujis Körper im Krankenhaus geborgen und den Mord bei der Polizei angezeigt. „Wir geben nicht auf“, schreibt er uns. „Morgen gehen wir wieder los, ohne Waffen. Viele von uns kommen zu Fuß, unserer Kinder sind barfuß. Wir sind über tausend Leute.“

Die Palmölfirma Asiatic Persada gehörte bis 2013 zu Wilmar International, dem größten Palmökonzern der Welt. Wilmar hat Asiatic Persada innerhalb der Familie verkauft – offenbar, um nicht mit dem Landraub und den Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht zu werden. Laut Feri Irawan verkauft Asiatic Persada sein Palmöl weiterhin an Wilmar. Zu Wilmars Kunden gehören auch Unilever und der finnische Biosprit-Konzern Neste Oil.

Fotos

Asiatic Persada hat Soldaten gekauft, die die Proteste der Bevölkerung gegen Landraub und Gewalt blutig niederschlagen. Zuvor hatte auch die Polizei versucht, den Indigenen die Rückkehr auf ihr Land zu verweigern. Sie haben sich aber zurückgezogen, weil sie rechtlich keine Handhabe hatten. Dann heuerte die Palmölfirma Soldaten und bewaffnetes Sicherheitspersonal an. Unten: 500 Familien haben zwischenzeitlich im Büro unserer Partnerorganisation Perkumpulan Hijau Asyl gefunden, weil sie nicht auf ihr Land zurückkönnen. Fotos: Feri Irawan

Chronologie der Gewalt

5.3.2014, 15.12 Uhr Ortszeit
Entführung des 26jährigen Bauern Titus durch Militärs. Titus sitzt mit seiner Familie vor seinem Haus in der Siedlung Mentilingan. Sechs Soldaten bringen Titus mit einem Polizeifahrzeug in Richtung der Fabrik von Asiatic Persada weg.
Die Entführung von Titus hängt damit zusammen, dass er Augenzeuge war, als Soldaten ein Schild von einem Landstück entfernten, um das ein Landrechtsstreit mit zwei Tochterunternehmen von Asiatic Persada schwelt. Das Schild hatte der Rechtsanwalt der Bauern von Mentilingan aufstellen lassen. Es wies das Land als Eigentum der Gemeinde aus.

15.15 Uhr
Bis zur Fabrik in Sungai Kandang sind es etwa drei Kilometer. Doch auf halbem Weg wird Titus aus dem Auto geholt. Soldaten foltern ihn: Sie schlagen und treten ihn, urinieren auf ihn.

15.40 Uhr
Voller Wunden kommt Titus auf dem Fabrikgelände an. Dort schlagen zwei Soldaten mit Stöcken aus Rattan brutal von hinten auf ihn ein. Danach verlangen die Soldaten, dass er sein Blut vom Fußboden des Sicherheitspostens der Asiatic Persada aufleckt.

16.10 Uhr
Die Familie von Titus, andere Bauern sowie Angehörige der indigenen Suku Anak Dalam wollen auf dem Fabrikgelände fragen, wo Titus ist. Insgesamt sind es 20 Menschen. Soldaten blockieren den Weg und schießen in ihre Richtung auf den Boden und in die Luft.

16.30 Uhr
Die meisten sitzen noch auf ihren Motorrädern, als Soldaten und Securitymänner der Firma auf sie einschlagen. Besonders hart trifft es sechs Männer: Puji (34 Jahre),  Khori Kuris (71), Adi (24), Ismail (38), Yanto (31), Dadang (56). Pujiono leistet keinerlei Widerstand. Als die anderen ihm zu Hilfe eilen, hindern die Sicherheitskräfte sie mit Waffengewalt daran und treiben sie weg.

16.45 Uhr
Augenzeugen sehen, wie ein Ambulanzfahrzeug der Firma Asiatic Persada das Fabrikgelände verlässt. Titus beobachtet, dass Sicherheitsleute Pujiono schlagen und foltern, als er schon verletzt im Krankenwagen liegt.

19.30 Uhr
Ankunft der Ambulanz im Krankenhaus Bayangkara in der Stadt Jambi. Puji wird eingeliefert. Die ihn bringen, fahren sofort davon. Den Angaben des Krankenhauses zufolge ist er in einem kritischen Zustand, lebt aber noch. Augenzeugen sagen, dass er keinerlei medizinische Hilfe erhielt. Man reinigt lediglich seine Wunden.

20.00 Uhr
Die fünf anderen Opfer kommen ins Krankenhaus Raden Mataher, ebenfalls in der Stadt Jambi.  Für die 150 Kilometer lange Strecke von Bungku nach Jambi braucht man etwa drei Stunden.

23.03 Uhr
Puji Bin Tayat stirbt. Bei seinem Tod sind seine Hände in Handschellen und die Füße mit Seilen gefesselt. Sein Gesicht ist voller Prellungen und blutig, sagen Augenzeugen.


Feri Irawan, Perkumpulan Hijau, 7. März 2014

An­schreiben

An: Minister Sigmar Gabriel und EU-Amtskollegen

Bei Protesten gegen eine Palmöl-Plantage in Indonesien ist der Dorfvorsteher von Bungku umgebracht worden. Unser Partner Feri Irawan hat die Gewalttat dokumentiert. Die Firma Asiatic Persada soll für die Tat verantwortlich sein.

Damit spitzt sich der jahrelange Kampf der Waldnomaden auf Sumatra dramatisch zu.

Der Konflikt um das Land der Waldnomaden steht im Zusammenhang mit der Biodiesel-Politik der EU und der Bundesregierung.

Herr Minister Gabriel, beenden Sie angesichts der eskalierenden Gewalt endlich Ihre Biodiesel-Politik!

Mit besorgten Grüßen

5-Minuten-Info zum Thema: Palmöl

Die Ausgangslage – Regenwald im Tank und auf dem Teller

Mit 66 Millionen Tonnen pro Jahr ist Palmöl das meist produzierte Pflanzenöl. Der niedrige Weltmarktpreis und die von der Industrie geschätzten Verarbeitungseigenschaften haben dazu geführt, dass es inzwischen in jedem zweiten Supermarktprodukt steckt. Neben Fertigpizza, Keksen und Margarine begegnet uns Palmöl auch in Körpercremes, Seifen, Schminke, Kerzen und Waschmitteln.

2016 importierte die EU 6,43 Millionen Tonnen Palmöl aus Indonesien (4,37 Mio. t) und Malaysia (2,06 Mio. t). Auf Deutschland entfielen davon nach Angaben der Bundesregeirung 1,34 Millionen Tonnen (Durchschnitt der Jahre 2013-15). Was kaum einer weiß: In der EU fließt fast die Hälfte des importierten Palmöls in sogenannten Biosprit. Die 2009 beschlossene gesetzliche Beimischungspflicht von Agrosprit in Benzin und Diesel ist eine wichtige Ursache der Regenwaldabholzung.

Inzwischen dehnen sich die Palmölplantagen weltweit auf mehr als 27 Millionen Hektar aus. Auf einer Fläche so groß wie Neuseeland mussten Mensch und Tier bereits den „grünen Wüsten“ weichen.

Die Auswirkungen – Waldverlust, Artentod, Vertreibung, Erderwärmung

In den feucht-warmen Tropen rund um den Äquator findet die Ölpalme optimale Wachstumsbedingungen. In Südostasien, Lateinamerika und Afrika werden Tag um Tag riesige Regenwaldflächen gerodet und abgebrannt, um Platz für die Plantagen zu schaffen. Dabei gelangen große Mengen klimaschädlicher Gase in die Atmosphäre. Indonesien, Hauptproduktionsland von Palmöl, war 2015 zeitweise für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die USA. CO2- und Methanemissionen sorgen dafür, dass der aus Palmöl produzierte Biosprit drei mal so klimaschädlich ist wie Treibstoff aus Erdöl.

Doch nicht nur das Klima leidet: Mit den Bäumen verschwinden seltene Tierarten wie Orang-Utan, Borneo-Zwergelefant und Sumatra-Tiger. Kleinbauern und Indigene, die den Wald über Generationen bewohnen und beschützen, werden oft brutal von ihrem Land vertrieben. In Indonesien stehen mehr als 700 Landkonflikte in Zusammenhang mit der Palmölindustrie. Auch auf sogenannten „nachhaltig bewirtschafteten“ oder „Bio“-Plantagen kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen.

Wir Verbraucher bekommen von all dem wenig mit. Unser täglicher Palmölkonsum hat jedoch auch für uns persönlich direkte negative Auswirkungen: In raffiniertem Palmöl sind große Mengen gesundheitsschädlicher Fettsäureester enthalten, die das Erbgut schädigen und Krebs verursachen können.

Die Lösung – Tank-und-Teller-Revolution

Nur noch 70.000 Orang-Utans streifen durch die Wälder Südostasiens. Die EU-Biospritpolitik bringt die Menschenaffen immer weiter an den Rand des Aussterbens. Um unseren baumbewohnenden Verwandten zu helfen, müssen wir den Druck auf die Politik erhöhen. Doch auch im Alltag lässt sich viel bewegen.

Diese einfachen Tipps helfen, Palmöl zu erkennen, zu meiden und zu bekämpfen:

  1. Selbst kochen, selbst entscheiden: Mandel-Kokos-Birnen-Kekse? Kartoffel-Rosmarin-Pizza? Frische Zutaten, gemixt mit ein bisschen Fantasie, stellen jedes (palmölhaltige) Fertigprodukt in den Schatten. Zum Kochen und Backen eignen sich europäische Öle aus Sonnenblumen, Oliven, Raps oder Leinsamen.
  2. Kleingedrucktes lesen: Auf Lebensmittelpackungen muss seit Dezember 2014 angegeben werden, wenn ein Produkt Palmöl enthält. In Kosmetik-, Putz- und Waschmitteln versteckt sich der Regenwaldfresser hingegen hinter einer Vielzahl chemischer Fachbegriffe. Per Internetrecherche lassen sich leicht palmölfreie Alternativen finden.
  3. Der Kunde ist König: Welche palmölfreien Produkte bieten Sie an? Wieso verwenden Sie keine heimischen Öle? Nachfragen beim Verkaufspersonal und Briefe an die Produkthersteller lassen Firmen um die Akzeptanz ihrer Produkte bangen. Der öffentliche Druck und das gestiegene Problembewusstsein haben schon einige Produzenten zum Verzicht auf Palmöl bewegt.
  4. Petitionen und Politikerbefragungen: Online-Protestaktionen üben Druck auf die Politiker aus, die für Biosprit und Palmölimporte verantwortlich sind. Haben Sie bereits alle Petitionen von Rettet den Regenwald unterschrieben? Auf abgeordnetenwatch.de kann jeder die Bundestagsabgeordneten mit den Folgen der Biospritpolitik konfrontieren.
  5. Laut werden: Demonstrationen und kreative Straßenaktionen machen den Protest für Menschen und Medien sichtbar. Dadurch wird der Druck auf die politischen Entscheidungsträger noch größer.
  6. Öffentlich statt Auto: Wenn möglich zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
  7. Wissen und Wissen weitergeben: Wirtschaft, Handel und Politik wollen uns glauben machen, Biosprit sei klimafreundlich und Palmölplantagen könnten nachhaltig sein. Regenwald.org informiert über die Folgen des Palmölanbaus. Der kostenlose Regenwald Report kann an Freunde weitergegeben oder in Schulen, Arztpraxen und Bioläden ausgelegt werden.