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Gabun: „Wirklich eine Schande"

In Europa ist die Glunz AG aus Hamm mit zwei Milliarden Mark Umsatz der größte Hersteller für Holzwerkstoffe. In Afrika besitzt sie mit ihrer Tochterfirma Isoroy/Leroy Gabon. 600 000 Hektar Konzessionen im Regenwald.

Nach Millionenverlusten in den letzten Jahren versucht die Glunz AG wieder auf den grünen Zweig zu kommen. Dabei wird alles über Bord geworfen, was kein Geld bringt. Unter anderem auch alle Rücksichten auf den Wald in Afrika. Was für die Firma in Europa ein Kampf um schwarze Zahlen ist, ist für den Wald und die Menschen in Gabun eine Überlebensfrage. Glunz hatte dem afrikanischen Land versprochen, die heimische Wirtschaft durch den Bau einer Fabrik zu unterstützen und den Wald entsprechend der so genannten Eurokoume Charter schonend zu nutzen. All das spielt jetzt keine Rolle mehr. Rettet den Regenwald sprach in Paris mit dem Vorsitzenden der Umweltorganisation Pro Natura, Guy Reinaud, und dem ehemaligen Chef von Leroy Gabon, Paul Smadja.

Interview mit Guy Reinaud, Präsident von Pro Natura

RdR: Was macht Pro Natura?
GR:
Wir nutzen die Wissenschaft, um Programme für nachhaltige Entwicklung zu verwirklichen. Wir arbeiten mit bekannten Wissenschaftlern, Prof. Halle, Prof. Prince, Prof. Pearce, Prof. Lovejoy zusammen.

RdR: Welches Ziel hatte die so genannte Charter Eurokoume der Firma Glunz/Isoroy, an der Pro Natura mitgearbeitet hat?
GR:
Das Ziel der Charter ist, Biodiversität zu erfassen und präzise den Einfluss des Holzeinschlags zu erfassen. Wir wissen heute, was wir nicht tun sollten, aber wir wissen nicht genau, was zu tun ist. Das ganze ist ein Lernprozess. Dazu gab es auf der Konzession von Isoroy die Forschungsstation Makande.

RdR: Was ist aus der Station geworden?
GR:
In Makande hatten wir ein gutes Team von Forschern, Wissenschaftler aus Belgien und Frankreich. Aber das ist jetzt alles aufgegeben worden, weil Isoroy seine Zustimmung entzogen hat.

RdR: Es sieht so aus, als hätte Isoroy die Idee der Zertifizierung aufgegeben?
GR:
Ja, völlig. Ich habe das erfahren, weil führende Manager von dem neuen Präsidenten gefeuert wurden. Nur aus dem Grund, weil dieser neue Präsident Mr. Sellier sich keinen Deut um den Wald und um Zertifizierung schert. Der Chef für Sperrholzproduktion und Afrika-Abteilung, Alain Audebert hat im September 1996 gekündigt, Paul Smadja, der die Arbeit der Firma in Afrika leitete wurde gekündigt und Herr Deshayes und all die Leute die an der Charter Eurokoume mitgearbeitet haben; sie sind alle entlassen worden.

RdR: Warum dieser Wechsel?
GR:
Der einzige Grund ist, dass Glunz/Isoroy die Öko-Zertifizierung stoppen wollen, was verrückt ist. Mein Eindruck ist, dass sie verrückte kurzatmige Entscheidungen fällen, um mehr Holz rauszuholen als die Charter ihnen erlaubt hätte. Und sie machen es auf eine skrupellose Art.

RdR: Sie haben lange Zeit als Manager in der Wirtschaft gearbeitet. Würden Sie sagen, dass dies auch eine wirtschaftlich unsinnige Entscheidung ist?
GR: Es ist eine komplett dumme Sache. Das Sperrholz wird zum grossen Teil auf Märkten in Nordeuropa verkauft. Dort wird man spätestens bis zum Ende des Jahrzehnts Ökokennzeichen brauchen um das Holz verkaufen zu können. Ihr ganzer Absatz wird zusammenbrechen, weil sie nicht nur vom Verkauf in Südeuropa und Frankreich leben können.

RdR: Haben Sie mit Herrn Glunz gesprochen?
GR:
Ich habe Herrn Glunz geschrieben, dass ihm in 2 oder 3 Jahren der Himmel auf den Kopf fallen wird. Er war in einer Gewinner-Situation, wo die Zertifizierung nicht nur gut für den Wald, sondern auch gut für sein Geschäft war. Es gab eine grosse Nachfrage nach zertifiziertem Holz. Ich war zum Teil an Treffen mit Kunden beteiligt, besonders in Holland spendete man Beifall für diese Massnahmen und war bereit, für zertifizierte Produkte mehr zu zahlen.

RdR: Was hat Herr Glunz Ihnen geantwortet?
GR:
Er hat nur ganz allgemein geantwortet, dass man in Kontakt bleiben wolle und er sich wieder melden würde.

RdR: Gibt es weitere Probleme?
GR:
Der Abschnitt 32 ist ein ganz besonderer Fall. Es ist ein Fauna Reservat, ein Platz, wo die Tiere völlig geschützt sind. Es ist möglich, Holz zu fällen, aber das erfordert noch mehr Vorsicht als die üblichen Massnahmen der Charter. Man muss sicherstellen, dass die Auswirkungen von Strassen begrenzt werden, dass niemand auf den Strassen ins Reservat eindringt und dass die Arbeiter nicht jagen, was unter uns gesagt sehr schwer ist.

RdR: Glunz/Isoroy hat alle diese Verpflichtungen aufgegeben?
GR:
Ja, das ist die zweite Ebene des Skandals. Es ist wirklich eine Schande. Sie sind überhaupt nicht an Waldschutz interessiert. Sie haben völlig skrupellose Leute eingestellt. Man könnte nicht rücksichtsloser mit dem Wald umgehen als diese Leute.

RdR: Hat Herr Glunz gesagt, dass er etwas dagegen tun will, als sie ihn informiert haben?
GR:
Absolut nichts hat er dazu gesagt.

RdR: Das scheint alles ein richtiger Skandal zu sein, besonders wenn man bedenkt, dass die deutschen Firmen in Afrika vor zwei Jahren noch erklärt haben, dass sie alle Umweltzertifizierung wollen?
GR:
Ja, das ist ein Witz, absolut nicht ernstzunehmen.

RdR: Glunz hatte den Afrikanern auch versprochen, eine Fabrik zu bauen?
GR: Ja, aber er hat die Zusage nicht eingehalten. Die Regierung in Gabun hat seit Jahren versucht, etwas fürs Land rauszuholen und zusätzliche Wertschöpfung, Arbeitsplätze zu bekommen. Schon vor einiger Zeit hat Glunz/Isoroy das Versprechen gegeben, aber dann haben sie es nicht gehalten.

RdR: Es gibt also Skandale in verschiedenen Bereichen?
GR:
Ja, zuerst ist da der Skandal, dass sie sich von den Verpflichtungen, die sie mit der Eurokoume Charter selbst eingegangen sind, zurückziehen. Dann ist da zweitens der Skandal, dass sie sich gegenüber der Welt verpflichtet haben, nicht im Lot 32 in Lopé abzuholzen ohne besondere Vorsichtsmassnahmen für den Wald. Das haben sie völlig fallen gelassen. Drittens haben sie sich von der Zusage zu Investitionen in die lokale Wirtschaft zurückgezogen. Sie konnten sich eigentlich nicht schlimmer verhalten.

RdR: Meinen sie, dass sich die Firma eher wie Absahner als wie Förster verhält?
GR:
Ja, genau, sie sind Diebe.

Interview mit Paul Smadja, Ex-Präsident von Leroy-Gabon

RdR: Mr. Smadja, was war die Aufgabe, für die Isoroy Sie eingestellt hat ?
PS:
Ich war für die Division in Afrika zuständig. Ich habe die Firma geleitet und war dafür zuständig, die Umweltpolitik durchzusetzen. Die Firmen arbeiten im Wald wie in einer Mine, sie fällen die Bäume, ohne über die Konsequenz für den Wald nachzudenken. Das Hauptziel der Eurokoume Charter war eine Regeneration der Bäume zu ermöglichen und die Biodiversität zu erhalten, die Vielfalt der Tiere und Pflanzen, um die sich normalerweise niemand schert bei der traditionellen Holzfällerei. Wir stellten fest, dass wir einen Management Plan brauchten.

RdR: Wer sollte das bezahlen?
PS: Wir hatten mehrere Treffen mit der staatlichen französischen Entwicklungshilfeorganisation ,,Caisse Francaise" und es bestand für uns kein Zweifel, dass wir von Caisse Francaise einen günstigen Kredit für die Finanzierung des Management Planes erhalten würden, für die nächsten drei Jahre 20 Millionen Francs.

RdR: Mit diesem Management Plan hätte die Firma weniger Bäume gefällt und einige für die Zukunft gelassen?
PS:
Wir haben immer geglaubt, dass es keine Probleme mit der Regeneration der Okoumé Bäume gäbe. Sie kennen die Makande Forschungsstation. Die Wissenschaftler dort haben herausgefunden, dass die Regeneration der Okoumé ein grosses Problem ist. Wir mussten unsere Arbeit ändern und einige Okoume Bäume stehen lassen für die nachfolgende Generation.

RdR: Im April hat Isoroy Ihnen gekündigt und dem gesamten Management auch. Was war der Grund?
PS:
Wie Sie wissen, hat die Firmengruppe in Europa finanzielle Schwierigkeiten. Die Gruppe denkt jetzt ganz kurzfristig, nicht langfristig, und die Investition in den ManagementPlan, die wir machten, war langfristig. RdR: Was wollte Glunz/Isoroy von Ihnen?

PS: Im März erhielt ich einen Brief vom IsoroyPräsidenten Mr. Sellier. Er schrieb, dass die Politik der Firma sich geändert hat und wir alle Investitionen in die Eurokoumé Charter einstellen müssen, all die Investitionen in den Management Plan und die Zertifizierung und dass ich auch sofort in dem Schutzgebiet Lopé abholzen solle.

RdR: Die Firma wollte, dass Sie alle Rücksichten fallen lassen?
PS: Mehr als das, es ist noch brutaler. Es bedeutet, dass sie keinen Pfennig mehr investieren wollen in den Management Plan und die anderen Aktionen, die wir gestartet hatten um den Wald zu schonen. Mr. Sellier sagte, dass ihn das nicht interessiert. Das einzige was er in Afrika wolle ist Geld machen in ganz kurzer Zeit.

RdR: Sie sagten, dass die Firma ihre Exporte über eine Briefkastenfirma in Irland abwickelte? PS: Ja, jeder weiss dass: die Exporte gingen über die Firma Rawplast in Irland mit einem Bankkonto in der Schweiz.

RdR: Und die haben an die Firma in Gabun weniger bezahlt als das Holz auf dem Markt wert war?
PS:
Ja, das ist richtig.

RdR: Das heisst, dass das Land Gabun weniger Steuern und Einnahmen erhielt?
PS:
Ja, das ist wahr.

RdR: Heisst das, dass sie das Land entgegen den Gesetzen ausplündern?
PS:
Ja, das ist die Wahrheit, das können Sie sagen.

RdR: Sie sagen, dass das Geld von Rawplast genutzt wurde um den europäischen Angestellten eine doppeltes Gehalt zu zahlen?
PS:
Ja, das richtig. Sie benutzen das Geld, um den Angestellten ein Gehalt in Europa zu zahlen, zusätzlich zu dem in Afrika.

RdR: Was bedeutete das für die Sozialversicherung der Leute?
PS:
Es ist gegen das Gesetz in Afrika, daran gibt es keinen Zweifel. Die Steuerbehörde verlor Geld und die Sozialversicherung in Afrika auch. Das Land hat eine Menge Geld durch diese Situation verloren.

RdR: Also, die Firma hat Sie rausgeworfen, weil Sie mit der umweltfreundlichen Forstwirtschaft weitermachen wollten?
PS:
Ja, als Herr Sellier mich im März aufforderte, die Firmenpolitik zu ändern, weigerte ich mich. Ich ging in die Ferien und da bekam ich einen Anruf von meiner Sekretärin, dass Herr Sellier das Schloss zu meiner Bürotür ausgetauscht hatte und ich entlassen sei.

RdR: Herr Smadja, wir danken Ihnen für das Gespräch. Im September 1996 war die Glunz AG offenbar kurz vor der Pleite, der Börsenkurs fiel auf 20 Mark. Die Familie Glunz verkaufte einen Teil der Aktien und verliess den Aufsichtsrat der Firma. Wer die Aktien kaufte und wer die Firma jetzt kontrolliert, ist nicht festzustellen. Neue Herren übernahmen das Ruder. Im Aufsichtsrat sitzen Männer, die auch in anderen grossen Wirtschaftsunternehmen an leitender Stelle sitzen. Aufsichtsratsvorsitzender wurde Burkhard Wollschläger, der auch Vorsitzender der Klöckner Werke AG ist. Auch Herr Dr. Klaus Rauscher von der Bayerischen Landesbank und Dr. Helmut Burmester von Klöckner & Co sowie Udo Stark von der AGIV gehören dem Aufsichtsrat an. Sie alle müssen sich vor der Öffentlichkeit für den Raubbau in Afrika verantworten.
Glunz AG
Postfach 1527
59005 Hamm
Tel: 02381 9170
Fax: 02381 917900