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Afrikas Wälder rauchen

Ein deutscher Durchschnittsraucher vernichtet alle drei Monate einen Tropenbaum

Früher lebte Mzee Abdel Kagussahier aus dem tansanischen Ort Tabora von der Bienenzucht. Doch vor zwei Jahren versiegte die goldgelbe Quelle. Die Bienen, die den Nektar der Baumblüten rings herum sammelten, fanden keine Nahrung mehr. Die Bäume sind tot. Um das Dorf des Imkers ragen nur noch kniehohe Baumstümpfe aus dem trockenen, roten Savannenstaub. Dazwischen lagern verkohltes Holz und weiße Asche. Schuld an dem Desaster ist der Tabakanbau.

Der Imker ist der Onkel des Journalisten John Waluye, der seit über acht Jahren in den Wäldern und Naturschutzgebieten von Tansania die Umweltschäden recherchiert, welche durch die massive Zunahme des Tabakanbaus verursacht wurden. John Waluye arbeitet bei Tansanias größter Tageszeitung DAILY NEWS in der Hauptstadt Daressalam. Publizieren darf er die katastrophalen Ergebnisse seiner Recherchen aber nur im europäischen Ausland. Sein Verleger ist von dem seit Jahren zunehmenden Anzeigenaufkommen der Zigarettenkonzerne aus Südafrika, England, USA und Deutschland abhängig geworden.

Rauchen schafft Wüsten: In den Miombowälder beispielsweise, die sich von Angola im Westen bis Tansania im Osten von Afrika erstrecken. Mit 3,4 Millionen Quadratkilometern ist der Miombo noch das größte, zusammenhängende Trockenwaldgebiet der Erde, aber die Bedrohung wächst täglich.

Wegen der hohen Erträge und der günstigen Verkaufsbedingungen steigen immer mehr Bauern in Afrika auf den Anbau von Tabak um. „Die Bauern entwalden ein Gebiet, in dem nur zwei Ernteperioden lang Tabak angebaut werden kann“, empört sich der Forstwissenschaftler Aaron S. Mganim von der Universität in Morogoro, dem Zentrum des tansanischen Tabakhandels.

„Danach ist der Boden ausgelaugt, die Produktion geht zurück und die Bauern müssen sich nach neuer Anbaufläche umsehen. Der Entwaldung folgen Erosion und Verwüstung.“ Keine andere Pflanze entzieht dem Boden so viele Nährstoffe wie der Tabak. Ehemalige Tabakfelder sind auf Jahre hinaus nicht zu bewirtschaften. In den letzten 50 Jahren hat sich Tansanias Waldbestand halbiert. Folge auch der Rodung für neue Tabak-Anbauflächen und der Suche nach Feuerholz, mit dem die braunen Blätter getrocknet werden. Das Hartholz aus den Miombowäldern ist wegen seiner hohen Rauchentwicklung dafür besonders geeignet. 160 Kilo Holz müssen kokeln, um ein Kilogramm marktfähigen Tabak zu erzeugen. Der deutsche Durchschnittsraucher verpafft alle drei Monate einen Tropenbaum.

In Hamburg beim Rauchriesen Reemtsma rattert die Zigarettenmaschine. Eine Anlage presst Tabak in weiße Papierhülsen. Bis zum Hallendach stapeln sich West- und R1- Kartons. Ein Teil des hier verarbeiteten Zigarettentabaks kommt handverlesen aus Tansania. Reemtsma kauft den Tabak in Tansania nach eigenen Angaben ausschließlich über „internationale Großhändler wie Universal oder Dimon“, so die Antwort auf eine Anfrage von Rettet den Regenwald. Wo die Großhändler ihren Tabak beziehen, geht aus der Antwort nicht hervor.

Rauchen gefährdet immer weniger die Gesundheit der Ersten Welt. Rauchen gefährdet – nach der globalen Verlagerung von Anbau und Konsum – immer mehr die Gesundheit der so genannten Dritten Welt. Fortgesetzte Landnahme für den Tabakanbau in anfälligen Ökozonen und das Schlagen vieler Bäume für das Trocknen des Tabakblattes bewirken zusammen eine Umweltveränderung mit globalen Auswirkungen.

Erosion der Böden sind die sicheren Weggefährten der Camel-Karawanen. Dass der Tabak auch für die grünen Lungen der Welt schädlich ist, steht auf keiner Zigarettenpackung.

Reemtsma freilich sieht ohnehin keine ökologischen Probleme. „In Tansania werden zirka 0,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzungsfläche für den Anbau von Tabak genutzt“, heißt es in einer Stellungnahme. „In Folge dessen werden lediglich zirka 1,2 Prozent des gesamten Brennholzverbrauchs in Tansania für die Trocknung von Tabak verwendet.“ Darüber hinaus habe die Tabakindustrie in Tansania seit ihrer Privatisierung in der zweiten Hälfte der 90er Jahre große Anstrengungen zur Aufforstung von Wäldern unternommen.

Test the Rest

Die Expansion der Tabakmultis in Tansania ist typisch für die gegenwärtige Entwicklung auf dem Weltmarkt. Wurde vom 16. Jahrhundert bis in die siebziger Jahre unserer Zeit die Welt hauptsächlich von Nordamerika aus mit Tabak versorgt, stammen heute Dreiviertel der Welttabakernte aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Der enorme Produktionsschub in diesen Ländern ist das Ergebnis der Tabakanbauförderung durch die Zigarettenindustrie.

Eine globale Auslagerung von Tabakanbau und Zigarettenverkauf tut Not. Für BAT, Reynolds oder Reemtsma geht es langfristig ums nackte Überleben. Der Zeitgeist in der westlichen Welt arbeitet gegen sie. Auch in Deutschland ist die Luft für die Anbieter der Glimmstängel immer dünner geworden.

Griffen beispielsweise 1950 noch 88 Prozent der Männer in Deutschland regelmäßig zur Zigarette, sind es heute nur noch 39 Prozent. Ähnliche Einbußen verzeichnen auch andere Industrienationen. 206 Milliarden Dollar müssen die US-Tabakkonzerne in den nächsten Jahren an ihre Opfer zahlen.

„Test the Rest.“ sagt sich die Tabakindustrie. Der Umsatzzuwachs der Zukunft wird ihrer Einschätzung nach in der so genannten Dritten Welt erfolgen. Dort beträgt der Tabakkonsum noch weniger als ein Kilogramm pro Kopf und Jahr. Tendenz steigerbar. „Wir wurden uns schon früh bewusst, dass unser Geschäft weltumspannend ist, und wir bauten auf der ganzen Erdball Märkte auf. Unsere Zukunft liegt vor allem in Ländern, die auf dem Weg zur Entwicklung sind und wo Einkommen und Bevölkerung wachsen“, sagt der Direktionsvorsitzender der Philip Morris Incorporated.

Im globalen Rauchsalon werden die Karten neu gemischt. Hier sitzen aber die amerikanischen Cowboys nicht mehr allein. Deutschland ist Nummer zwei unter den Zigarettenexport- Nationen. Reemtsma will Europas umsatzstärkster Glimmstengelfabrikant werden. In Tansania ist der Name Reemtsma sogar kleinen Tabakbauern bekannt.

Tansania ist kein Einzelfall. Überdimensionierte Kredite der Weltbank in Washington verleiteten Malawi in den sechziger Jahren dazu, im großen Stil in Tabakmonokulturen zu investieren. Um den Tabaken einen exquisiteren Geschmack zu verleihen, werden auch dort die Blätter über dem Feuer getrocknet. Wo einst Wälder wuchsen, dehnt sich verödete Steppe aus. Bis vor 30 Jahren standen in dem ostafrikanischen Land noch riesige Savannenwälder.

Für Uganda belegen die Untersuchungen des Journalisten Ogen Kevin Aliro, dass Tabakanbau keinen Wohlstand bringt, sondern das Land arm macht. Der Autor weist nach, dass die Tabakindustrie für riesige Kahlschläge verantwortlich ist. Die Einkünfte der 10.000 Tabakfarmer im westlichen Nilgebiet sinken dagegen seit Jahren. Absurderweise wird ihr Verdienst auch dadurch immer schmaler, dass sie inzwischen oft Feuerholz zum Trocknen des Tabaks kaufen müssen, da die Wälder in ihrer Umgebung nahezu abgefackelt sind.

Die meisten Raucher ahnen nicht, wie sie Arm in Arm mit der Tabakindustrie die Natur der Subtropen zerstören. Jedes Jahr fallen dort etwa 1,2 Millionen Hektar Waldland dem Tabakanbau zum Opfer, hat die Weltgesundheitsorganisation errechnet.

Kurzportait Reemtsma

Reemtsma-Zigaretten – im Jahr 2000 waren es 130 Milliarden Stück – werden in mehr als zehn Ländern produziert und in über 100 Ländern vertrieben. Reemtsma gehört zum viertgrößten Zigarettenunternehmen der Welt: Im Mai 2002 erwarb die Imperial Tobacco Group PLC 90,01 Prozent der Reemtsma Anteile.

Der Umsatz der Reemtsma Zigarettenfabriken GmbH belief sich im Jahr 2001 auf 1,432 Milliarden Dollar. Rund 75 Prozent setzt Reemtsma außerhalb Deutschlands ab, insbesondere in Westeuropa, Zentral- und Osteuropa sowie Asien. In Deutschland steigerte Reemtsma im Jahr 2000 seinen Marktanteil für Fabrikzigaretten auf 23,4 Prozent.

Quelle: Reemtsma Deutschland