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Orang-Utans sterben für nachwachsende Rohstoffe

Agrarenergie aus Palmöl vertreibt Kleinbauern, vernichtet Regenwälder und rottet unsere nächsten Verwandten aus. Dank eines deutschen Gesetzes erhalten die Palmöl-Verheizer bei uns trotzdem satte Zuschüsse.

Seit März 2007 kann Birgit Busigel nicht mehr ruhig schlafen. In der benachbarten Gärtnerei brummt pausenlos ein dicker Dieselmotor. „Manchmal riecht es ranzig wie nach altem Fett“, erzählt die Frau. Welche Luftschadstoffe ausgestoßen werden, weiß Birgit Busigel nicht. Auch der Gemeinderat im fränkischen Albertshofen und die Kreiszeitung beschäftigen sich immer wieder mit der Maschine in der Gärtnerei.

Was die Stimmung in dem Dorf mit 2.500 Einwohnern anheizt, ist kein gewöhnliches Kraftwerk. Hier wird die Zukunft verbrannt und die soll grün sein. So grün wie der Schriftzug auf dem Tanklastwagen der „Tiroler Natur-Energie“, der alle zehn Tage in Albertshofen vorfährt und 30.000 Liter Öl in das Kraftwerk der Gärtnerei pumpt – Palmöl.

Auf 330 Kilowatt Leistung bringt es das Blockheizkraftwerk (BHKW). Die erzeugte Wärme temperiert die Gewächshäuser der Gärtnerei, in denen überwiegend Tomaten und Gurken gezogen werden. Der überschüssige Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Dafür kassiert der Kraftwerksbetreiber saftige Zuschüsse nach dem „Erneuerbare Energien Gesetz“ (EEG), denn Palmöl ist ein nachwachsender Rohstoff (siehe Artikel EEG).

Geliefert wurde das BHKW von „Jowimat GmbH Energiesysteme“ aus Österreich. Die Firma wirbt gezielt bei Gärtnern, die Gewächshäuser unterhalten, für ihre kleinen BHKWs mit einer Leistung deutlich unter einem Megawatt. Für Anlagen dieser Größenordnung ist es relativ einfach, eine Betriebsgenehmigung zu erhalten. Allein im Landkreis Kitzingen, zu dem auch Albertshofen gehört, wurden bisher zehn solcher Anlagen genehmigt.

Kleine und große BHKWs, die mit Palmöl befeuert werden, schießen derzeit in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Wurden 2003 nur rund 130 Pflanzenöl-Kraftwerke bei uns betrieben, waren es 2006 bereits weit über 700. Die deutschen Importe von Palmöl haben sich seit 2000 auf gut 800.000 Tonnen jährlich mehr als verdoppelt. Das Leipziger Institut für Energie und Umwelt hat berechnet, dass bundesweit dieses Jahr etwa 1,3 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Palmöl erzeugt werden. Dafür erhalten die Kraftwerksbetreiber rund 200 Millionen Euro Zuwendungen über das EEG, die auf die Stromrechnung aller Haushalte umgelegt werden.

Bundeskanzlerin Merkel hat als EU-Ratsvorsitzende im ersten Halbjahr 2007 den rasanten Ausbau von so genannten Erneuerbaren Energien in der EU durchgesetzt, wozu auch der massenhafte Verbrauch von Palmöl für Stromerzeugung und Autodiesel zählt. Bis 2020 soll Agrarsprit bis zu zehn Prozent aller Transportreibstoffe in der EU ausmachen. Erst durch die Nachfrage aus dem Ausland wird es für Länder wie Indonesien wirtschaftlich interessant, die Palmöl-Plantagen auszuweiten. Mit ihrer Politik für so genannte „nachwachsende Rohstoffe“ hat Merkel den Run auf Agrarenergie weiter angeheizt.

Die wachsende Beliebtheit von Palmöl hat vor allem wirtschaftliche Gründe: Es ist um etwa 120 Euro pro Tonne billiger als Rapsöl – bei einem nur minimal geringeren Heizwert. Da die staatliche Förderung von der Art des eingesetzten Pflanzenöls unabhängig ist, lassen sich so wesentlich höhere Gewinne als mit dem Öl aus Raps erzielen, denn die Umweltschäden im Herkunftsland fließen nicht in den Preis ein. Tatsächlich sind Strom und Wärme aus Palmöl reine Kahlschlagenergie, an der menschliches Leid und Regenwaldzerstörung kleben.

Landraub für volle Autotanks

Ortswechsel: Barto, Oberhaupt der Dayak-Gemeinde Kanayan, steht vor seinem Haus im Herzen von Borneo und starrt auf große Flächen frisch angepflanzter Ölpalmen. „Das war seit Menschengedenken das Land unserer Vorfahren, aber jetzt haben wir es für immer verloren“, sagt er mit trauriger Stimme. Bartos Dorf liegt im indonesischen Kalimantan, direkt an der Grenze zu Malaysia, mitten im tropischen Regenwald. Die Regierung in Jakarta hat in der Region den Anbau von Palmöl-Plantagen im großen Stil geplant, um die weltweit boomende Nachfrage zu befriedigen. Deswegen ist Kanayan nur eines von vielen Dörfern in der Gegend, wo traditionelle indigene Rechte von Palmöl-Konzernen mit Füßen getreten werden.

Bartos Cousin, der 35-jährige Alexander,hat bereits vergangenes Jahr seinen Besitz verloren. „Eines Morgens ging ich zu meinen Feldern und alles war gerodet. Meine Gummibäume, alle meine Pflanzen“, erzählt er unter Tränen. Das verantwortliche Unternehmen, eine Tochter der indonesischen Duta Palma-Gruppe, hat ihm nur eine miese Entschädigung angeboten. „Jetzt muss ich als Bauarbeiter in Malaysia arbeiten, damit meine Frau und unsere drei Kinder nicht verhungern.“ 25 vergleichbare Fälle, in denen Landbesitzern gegen ihren Willen ihre Grundstücke genommen wurden, habe es allein in ihrem Dorf gegeben, berichten die Bewohner.

„Die Zahl an Landkonflikten hat dramatisch zugenommen, seit die Nachfrage nach Palmöl in die Höhe geschossen ist“, sagt Feri Irawan von Walhi, der größten unabhängigen indonesischen Umwelt- und Menschenrechtsgruppe. „Seit 2005 sind allein in Westkalimantan 50 Dörfer betroffen, im ganzen Land sind es mindestens 400.“ In den 90er-Jahren gab es in Westkalimantan rund 500.000 Hektar Palmöl-Plantagen, inzwischen sind Konzessionen für 3,2 Millionen Hektar vergeben.

„Der weltweite Palmöl-Boom ist einer der größten Flüche für die Regenwälder und ihre Bewohner. Waldzerstörung, Vergiftung von Böden, Wasser und Luft durch Agrargifte sowie Landkonflikte und Verarmung der betroffenen Menschen sind die Folgen“, urteilt Feri Irawan. Etwa 100 Millionen Menschen sind in Indonesien auf Wälder und ihre natürlichen Ressourcen zum Überleben angewiesen, darunter rund 40 Millionen Indigene. Sie brauchen die Wälder für den täglichen Bedarf, aber auch für das Überleben ihrer Kultur und Traditionen. Doch die riesigen grünen Wüsten aus Palmöl-Monokulturen fressen sich in dem südostasiatischen Land immer tiefer in die Regenwälder: Seit 1999 wurde die Plantagenfläche von drei auf rund sechs Millionen Hektar ausgedehnt.

Die Lizenzen werden meist zum Nachteil der lokalen Bevölkerung vergeben. Die Plantagen werden häufig mithilfe von paramilitärischen Gruppen gewaltsam realisiert, die sich für die Interessen der Konzerne einsetzen. „Seit 1998 haben wir über 500 Fälle von Gewalt dokumentiert im Zusammenhang mit Palmöl-Plantagen. Opfer waren jeweils Leute, die lokale Rechte verteidigt haben. Im selben Zeitraum wurden als Folge von Landkonflikten Dutzende Menschen ermordet“, berichtet die Umweltgruppe „Sawit Watch“ („Palmöl-Wächter), die sich vor allem auf Borneo um Palmöl- Opfer kümmert.

Die ölhaltigen Pflanzen wachsen in Monokulturen, eine Folge ist die Verarmung der Böden, was die Nährstoffe betrifft. Der großflächige Einsatz von Kunstdünger und Agrargiften schadet der Umwelt, er verseucht Wasser und Böden. Durch den enormen Wasserverbrauch der Plantagen werden die Trink- und Nutzwasserressourcen der Lokalbevölkerung zerstört. Außerdem sind die Sumpf- und Torfwälder von Borneo wichtige CO2-Senken. Werden sie durch Brandrodung zerstört, wird CO2 frei. Das führt die angeblich neutrale Klimabilanz von Treibstoffen aus Palmöl ad absurdum.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Produktion von einer Tonne Palmöl-Diesel auf Moorflächen in Südostasien zwei bis acht Mal mehr CO2 freisetzt als das Verbrennen von einer Tonne fossilem Diesel. „Wir konnten nachweisen, dass durch das Anlegen von Plantagen, durch das Abbrennen der Regenwälder und der Torfgebiete ein Vieltausendfaches an CO2 freigesetzt wird, als wir bei uns durch die Verbrennung von Palmöl zur Energiegewinnung einsparen können. Damit ist die Klimabilanz desaströs“, so der Klimaforscher Florian Siegert von der Universität München.

Ausrottung für Ökostrom und Biodiesel

Während bei uns dank Palmöl Schwimmbäder beheizt werden, Stadtwerke wie in Schwäbisch Hall vermeintlichen „Ökostrom“ produzieren und unsere Spritschlucker „umweltfreundlich“ über die Autobahnen rasen, stirbt am anderen Ende der Welt ein einzigartiges Ökosystem. Ölpalmen wachsen nur in tropischen Regionen und fast immer auf Kosten von Regenwäldern. Akut bedroht sind dadurch neben den Waldbewohnern auch Millionen von Pflanzen- und Tierarten, darunter unsere nächsten Verwandten.

Die Videobilder, die Ende Juli 2007 in Jakarta der Presse vorgestellt wurden, zeigen schockierende Aufnahmen: Tote Orang-Utans mit Einschusslöchern in den Köpfen und schwer verletzte Tiere, die von Mitarbeitern vom indonesischen „Zentrum für Orang-Utan-Schutz“ (COP) gerettet werden konnten. „Mindestens 1.500 Orang-Utans wurden 2006 auf Borneo und Sumatra getötet“, sagt COP-Direktor Hardi Baktiantoro. „Fast immer als Folge neuer Palmöl-Plantagen auf Kosten der Regenwälder.“

Die Menschenaffen suchen zwangsläufig Nahrung in den Plantagen, weil ihr natürlicher Lebensraum, die Wälder, zerstört wurde. Landarbeiter töten die Orang-Utans, um Ernteausfälle zu vermeiden. Vor allem in Kalimantan auf Borneo breiten sich die Palmöl-Plantagen derzeit rasend schnell aus. „Wenn die Waldzerstörung so weitergeht, werden die Orang-Utans schon bald für immer ausgerottet sein“, warnt Hardi Baktiantoro. Auf der Nachbarinsel Sumatra, die heute stellenweise einer einzigen, riesigen Palmöl-Plantage gleicht, ist die Zahl der Menschenaffen seit 1990 um 91 Prozent zurückgegangen. Obwohl der Abschuss der streng geschützten Menschenaffen ein klarer Verstoß gegen indonesisches Gesetz ist, „wurde bisher niemand für die Verbrechen verantwortlich gemacht“, beklagt Baktiantoro.

Subventionen für Kahlschlag-Strom

Die wahren Täter sitzen ohnehin in den Industriestaaten, unter anderem in den deutschen Metropolen. Angelockt durch die Zuschüsse des EEG, steigen immer mehr deutsche Unternehmen in den Bau und Betrieb von Palmöl-Kraftwerken ein. Damit wird der Großangriff auf die verbliebenen Regenwälder verschärft. Sämtlichen Tieflandregenwäldern Borneos, Heimat von Orang-Utans, Waldelefanten und Millionen teils endemischer Tier- und Pflanzenarten, droht binnen kurzer Zeit die Vernichtung.

„Es ist absurd“, sagt Achim Steiner, Generaldirektor beim UNEP, dem Umweltprogramm der UN. „In seinem Wunsch, das Klima zu schützen, fördert Deutschland die Zerstörung von Ökosystemen und die Emissionen von großen Mengen an Kohlendioxid durch die Brandrodung von Regenwäldern.“ Ein Palmöl-Kraftwerk ist bei uns auf rund 20 Jahre Laufzeit angelegt. Das wissen auch die Investoren in Indonesien.

Das Land erlebt, angefacht durch den Run auf Agrarenergie, einen beispiellosen Palmöl-Boom. Indonesien, das Mitte der 1980er-Jahre nur auf rund einer halben Million Hektar Ölpalmen angebaut hat, plant die Plantagen auf über 20 Millionen Hektar in den nächsten zwanzig Jahren auszuweiten. „Palmöl ist jetzt wie grünes Gold“, sagt der indonesische Millionär Sukanto Tanoto, Besitzer des Energie-, Holz- und Palmöl-Konzerns Corporation RGM International.

Millionen für Agrarsprit-Wahnsinn

In Malaysia und Singapur, Heimat von einigen der weltweit größten Palmöl-Produzenten, befinden sich die Agrardieselinvestitionen auf einem an Wahnsinn grenzenden Niveau. Firmen entstehen, kaufen andere auf und kreieren alle möglichen Formen von Allianzen, um die Vorteile des neuen Marktes zu nutzen. Anfang 2007 kaufte Südostasiens reichster Einwohner, Robert Kuok, verschiedene Palmöl-Segmente für sein Empire unter einem einzigen Namen: Wilmar International. Die Kuok- Firmengruppe ist zwar ein wichtiger, aber weitgehend unbekannter Spieler im Agrartreibstoff-Business, sowohl im Diesel- wie im Ethanolbereich. Wilmar International besitzt rund 435.000 Hektar Palmöl-Plantagen und 25 Raffinerien in Indonesien, Malaysia und Singapur.

Im Juli 2007 stellte „Friends of the Earth Niederlande“ einen 100 Seiten Bericht vor, in dem Wilmar International Ltd. vorgeworfen wird für die illegale Brandrodung indonesischer Wälder verantwortlich zu sein, um Platz für Palmöl-Plantagen zu schaffen. Durch die Brände hätten viele Kleinbauern und Indigene hätten ihre Lebensgrundlage für immer verloren. In dem Bericht wird Unilever, ein Großkunde von Wilmar, aufgefordert, die Geschäftsbeziehungen mit dem Konzern zu beenden.

Zertifikate für Raubbau

In Berlin rühmt sich derweil die Bundesregierung, sie habe „mit der Einführung einer Biokraftstoffquote ihre Präferenz gesetzt und die wichtige Voraussetzung geschaffen, einen steigenden Absatz von Biokraftstoffen sicherzustellen.“ Inzwischen bastelt die Bundesregierung an einem Ablasshandel für Agrardiesel auch aus Palmöl. Das Landwirtschaftsministerium hat vermeintliche Experten mit der Erarbeitung eines Zertifizierungssystems beauftragt, das eine nachhaltige Produktion des importierten Öls garantieren soll. Dem Team gehören Vertreter des Agrobusiness, der Auto-, Agrarsprit- und Mineralölindustrie aus Europa, Malaysia, Indonesien und Brasilien an. Daneben sitzen der Deutsche Bauernverband, das Ökoinstitut sowie der WWF mit am Tisch. Vertreter der betroffenen Palmöl- Opfer sucht man vergeblich.

Der kürzlich bekannt gewordene Vorschlag für ein deutsches Zertifizierungssystem ist ein schlechter Scherz. Danach könnten Agrartreibstoffe ein Nachhaltigkeitssiegel erhalten, selbst wenn bei ihrer Herstellung Gentechnik und hochgiftige Pestizide eingesetzt und die Gewerkschaftsrechte verletzt werden. Zertifiziert werden könnten auch Ölpalmen, Zuckerrohr oder Soja sogar dann, wenn sie aus Regionen stammen, in denen noch vor wenigen Jahren Menschen lebten oder Urwälder standen. Völlig ausgeklammert bleiben Kriterien wie Wasser- und Luftverschmutzung, Bodenversauerung, Landnutzungskonflikte, Vertreibungen oder Nahrungsmittelkonkurrenz.

Berlin ist dabei, den Raubbau zu besiegeln.