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Affen oder Margarine?

Der Nahrungsmittelkonzern Unilever beteiligt sich an einer Palmölplantage im Tanoé-Sumpfwald an der Elfenbeinküste. Er ist Heimat dreier bedrohter Affenarten.

Ein Bulldozer bei der Zerstörung des Tanoé-Sumpfwalds.Ein Bulldozer bei der Zerstörung
des Tanoé-Sumpfwalds.

Zunächst die gute Nachricht: Der Miss Waldrons Roter Stummelaffe galt seit dem Jahr 2000 als ausgestorben. Diese Unterart des Stummelaffen war seit 1978 nicht mehr gesichtet worden. Doch der Forscher Inza Kone von der Universität in Cocody an der Elfenbeinküste hat im März 2008 im Tanoé-Sumpfwald deutlich den Ruf der Stummelaffen-Art vernehmen können. Es scheint, dass einige Exemplare des ersten, im 21. Jahrhundert von der Liste der lebenden Arten gestrichenen Affen, doch überlebt haben.

Die schlechte Nachricht ist, dass das einheimische Unternehmen PALMCI, an dem der Unilever-Konzern Anteile hält, kurz vorher damit begonnen hat, vor Ort Trockenlegungsarbeiten durchzuführen und Teile des Tanoé- Waldes zu roden, um dort Ölpalmen zu pflanzen. Mit der Abholzung des natürlichen Lebensraumes der Affen ist ihr Überleben nun erneut gefährdet. Die neuen Anbaugebiete seien notwendig geworden, rechtfertigt sich Unilever, da in bisherigen Anbauregionen in Südostasien kein Platz mehr sei und die Nachfrage nach Produkten, die aus Ölpalmen hergestellt werden, stetig steige.

Neben dem Miss Waldrons Roten Stummelaffen sind weitere Tierarten von den Abholzungen bedroht. In den Baumkronen würden die vom Aussterben bedrohten Geoffroy-Stummelaffen und die Diana- Meerkatzen leben, so Paul N`Goran vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Beide könnten ohne den tropischen Regenwald nicht überleben.

PALMCI hatte im Februar 2008 damit begonnen, täglich 20 Hektar Urwald mit schweren Bulldozern plattzumachen. Für die von PALMCI-Unilever geplanten 8.000 Hektar industrieller Ölpalm-Monokulturen soll der 6.000 Hektar große, zwischen Atlantikküste, dem Ehy-See und der Grenze zum Nachbarland Ghana gelegene Tanoé-Sumpfwald komplett vernichtet werden. In der Umgebung von Tanoé verfügt PALMCI-Unilever bereits über die 11.600 Hektar große Ehania-Ölpalmplantage und drei Palmölverarbeitungsanlagen.

„Sofortige Einstellung aller Arbeiten“ erzwungen

Die vollständige Rodung des Tanoé-Sumpfwaldes als letzten im Südosten der Elfenbeinküste verbliebenen Urwaldes zur Erweiterung der Ölpalm-Monokulturen hätte schwerwiegende Folgen für Mensch und Natur: Urwälder und Feuchtgebiete genießen als sehr wichtige und sensible Ökosysteme weltweit besonderen Schutz. Sie sichern den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung, sind der Lebensraum von Tieren und Pflanzen und speichern wertvolles Trinkwasser sowie große Mengen an in der Vegetation und im Boden gebundenen Kohlenstoffs. Die Rodung der Vegetation und Trockenlegung des Sumpfes setzt Kohlendioxid frei und heizt die globale Klimaerwärmung massiv an.

Die Diana-Meerkatze ist eine der drei bedrohten Arten.Die Diana-Meerkatze ist eine der
drei bedrohten Arten.

Lokale Umweltschützer und Wissenschaftler haben – nach zahlreichen erfolglosen Gesprächs- und Verhandlungsversuchen mit PALMCI- Unilever – daher Mitte Mai 2008 eine internationale Kampagne gestartet. In deren Rahmen wurde die Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Firma aufmerksam gemacht, die „sofortige Einstellung aller Arbeiten, die voraussichtlich die Integrität des Walds und seiner Bewohner beeinflusst, gefordert“ und in einem „Manifest für den Schutz des Tanoé- Sumpfwaldes“ um Unterstützung gebeten. Bisher haben allein diesen Aufruf mehr als 11.000 Menschen aus aller Welt unterzeichnet.

Ein erster Erfolg blieb nicht aus: Im Juni verkündete PALMCI-Unilever den Stopp der Baumfällungen im Tanoé-Sumpfwald, bis in einer noch zu erstellenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) die Pläne der Firma beurteilt werden. Doch ist PALMCI-Unilever bisher nicht von dem generellen Ziel abgerückt, den Tanoé-Sumpfwald vollständig für industrielle Ölpalm-Monokulturen zu roden. Es ist zu befürchten, dass die Versicherung von Unilever in einem Mitteilungsschreiben, „alles zu tun um sicherzustellen, dass die Biodiversität des Waldes nicht geschädigt wird und bedrohte Tierarten geschützt werden“, kaum mehr als ein Lippenbekenntnis darstellt.

Die Rodungen bedrohen zudem auch Tausende von Kleinbauern in der Umgebung von Tanoé, deren Existenz von traditionellen Nutzungen wie Fischfang, Jagd und dem Sammeln von Waldprodukten abhängt. Die lokale Bevölkerung ist am Erhalt des Tanoé-Sumpfwaldes sehr interessiert, nimmt an von Umweltschützern organisierten Aktivitäten wie Kontrollinspektionen durch lokale Waldranger und Informationsveranstaltungen aktiv teil und hat ihren Widerstand gegen die Zerstörung des Walds durch PALMCI-Unilever verkündet.

Unilever bemüht sich nun, den Imageschaden für das Unternehmen in Grenzen zu halten. Bereits im Mai hatte Unilever-Chef Patrick Cescau per Pressemitteilung mit dem Titel „Unilever setzt sich für Nachhaltigkeit beim Palmölanbau ein“ angekündigt, „den gesamten Bedarf an Palmöl ab 2015 von Lieferanten zu beziehen, die für nachhaltigen Anbau zertifiziert sind“. Weiter heißt es: „Nachhaltigkeit war und ist für Unilever zentrales Anliegen – nicht nur, um eine stabile Versorgung der Supply Chain, sondern auch, um ein verantwortungsvolles Handeln des Unternehmens zu sichern, das die wachsenden Bedenken von Kunden und Verbrauchern in aller Welt berücksichtigt.”

Rettet den Regenwald bleibt allerdings skeptisch, denn Unilever bezieht seit zwei Jahrzehnten wachsende Mengen an Palmöl aus Regenwaldgebieten – bisher, ohne auf deren nachhaltige Produktion zu achten. Dabei sollten dem Konzern die Prinzipien und Kriterien des „Runden Tisches zu nachhaltigem Palmölanbau“ (RSPO) gut bekannt sein, war der Konzern in 2004 doch Gründungsmitglied und stellt zudem mit Jan Kees Vis aktuell sogar den Präsidenten der Organisation.

Unilever ist weiterhin verantwortlich

Im Falle der Aktivitäten im Tanoé-Sumpfwald hat Unilever mindestens gegen zwei RSPO-Kriterien verstoßen, weshalb die dortige Plantage noch nicht einmal nach den selbst auferlegten Regeln zertifizierbar ist. Zum einen hat Unilever einen klaren Gesetzesverstoß begangen, da eine UVP nach der Gesetzgebung der Elfenbeinküste verbindlich vorgeschrieben ist, bevor ein Projekt durchgeführt werden darf, das wichtige Auswirkungen auf die Umwelt haben kann. Zum anderen wurde gegen die Vorgabe verstoßen, dass keine neuen Pflanzungen angelegt werden dürfen, die Primärwald oder „jedwede Fläche, die einen oder mehrere Besonders Geschützte Werte (High Conservation Values) enthalten“. Denn der Tanoé-Sumpfwald ist ein Primärrestwald und Lebensraum akut vom Aussterben bedrohter Primaten.

Zwar hat Unilever nun angekündigt, die PALMCI-Anteile an die Firmen SIFCA sowie Wilmar International Limited und Olam International Limited aus Singapur zu verkaufen. Doch Unilever wird weiter Endabnehmer des Palmöls von PALMCI-Plantagen bleiben und außerdem durch das Joint Venture-Unternehmen Newco eng mit SIFCA, einem der wichtigsten Aktionäre von PALMCI, verbunden bleiben.

Die Wilmar-Gruppe, einer der größten Palmölproduzenten und -händler weltweit, betreibt nach Untersuchungen der niederländischen NRO Milieudefensie zur Erweiterung ihrer Ölpalmplantagen in Indonesien illegale Brandrodung, die Umwandlung besonders schützenswerter Regenwälder, ist in Landkonflikte mit der lokalen Bevölkerung verwickelt und konnte für ihre Plantagen zum Teil keine genehmigten UVPs vorweisen.

Rettet den Regenwald hält Unilever daher weiter verantwortlich für das Schicksal des Tanoé-Sumpfwaldes in der Elfenbeinküste und fordert:

• Die sofortige Einstellung aller Aktivitäten zur Trockenlegung des Sumpfwaldes, Rodung der Vegetation und Anlage von Pisten im Gelände.
• Die Schließung der Entwässerungsgräben und Durchführung aller notwendigen Maßnahmen zur Reparatur bereits angerichteter Schäden einschließlich Renaturierung der Natur.
• Die Unterstützung aller notwendigen Maßnahmen zum effektiven Schutz des Tanoé-Sumpfwaldes und der darin vorkommenden Tier- und Pflanzenarten einschließlich Erlangung eines offiziellen Schutzstatus für das Gebiet.
• Die Übertragung der Landrechte an eine sofern möglich, lokale kommunale Organisation mit der Verpflichtung zum Schutz des Gebiets.

Wir fordern die Leser des Regenwald Reports darum, Unilever direkt anzuschreiben, um die Konzernleitung zu einem Umdenken zu bewegen:

Dr. Manfred Stach
Vorsitzender des Aufsichtsrates
Unilever Deutschland GmbH
Dammtorwall 15
20355 Hamburg
manfred.stach@unilever.com

Weitere Informationen:
Studie zum Thema Tanóe:
www.regenwald.org/pdf/tanoe.pdf

Unilever und seine Produkte:
www.unilever.de/ourbrands

 

Unilever und Palmöl
Unilever, ein global agierender Konzern, ist einer der weltweit größten Produzenten von Nahrungsmitteln. Zu den in Deutschland bekanntesten Unilever-Marken zählen unter anderem Rama, Lätta, Becel, Dove, Knorr und Langnese (eine Übersicht finden Sie unter: http://www.unilever.de/ourbrands). Für die Herstellung der Nahrungsmittel verwendet Unilever seit vielen Jahren Palmöl – jährlich kauft das Unternehmen etwa 1,6 Millionen Tonnen Palmöl und dessen Derivate. Das entspricht rund vier Prozent des weltweiten Angebots an Palmöl.

Dessen Produktion, die zu über 75 Prozent aus Malaysia und Indonesien stammt, wächst seit Jahren – zum einen durch die Verwendung von Palmöl für die Produktion der umstrittenen Biotreibstoffe, zum anderen aufgrund des wachsenden Bedarfs in Schwellenländern. Wegen der steigenden Nachfrage sind die Produzenten fieberhaft auf der Suche nach neuen Anbauflächen – so wie jetzt Unilever an der Elfenbeinküste (siehe Text). Dabei ist Palmöl zunehmend in Verruf geraten, weil viele der Plantagen durch Brandrodung von Regenwald geschaffen werden. Unilever hat auf die Kritik reagiert und im Mai erklärt, ab 2015 nur noch nachhaltig produziertes Palmöl zu verwenden. Doch die UNO befürchtet bereits für das Jahr 2012 die völlige Vernichtung der Wälder auf den indonesischen Inseln Sumatra und Borneo – vor allem durch die Ausweitung der Palmölplantagen. Daran wird auch die Unilever-Mitarbeit beim „Runden Tisch zu nachhaltigem Palmölanbau“ (RSPO) kaum etwas ändern. Denn die vom RSPO definierten Kriterien sind lediglich Mindeststandards und das von Plantagenbetreibern, Industriekonzernen und Banken dominierte RSPO-Siegel wird von Umweltorganisationen wie Rettet den Regenwald nicht anerkannt, weil monokulturelle Plantagen generell umwelt- und sozialschädlich sind – von „Nachhaltigkeit“ kann hier keine Rede sein. Der RSPO schließt weder generell die Rodung von Regenwäldern noch den Einsatz hochgiftiger Pflanzenschutzmittel auf den Palmölplantagen aus.