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Opfer des Palmölwahns

Im Zentrum von Sumatra spielt sich eine Tragödie ab. Vor sechs Jahren ließ der Papier- und Palmölkonzern Sinar Mas für den Biosprit- Hunger der Welt tausend Hektar Regenwald abholzen – ein Wald, von und mit dem 5000 Bauernfamilien lebten und der ihnen gehörte. Vergeblich kämpfen sie seitdem um ihr Land; an der Spitze ihr Bürgermeister Muhammad Rusdi. Um die Proteste endgültig zu ersticken, ließ ihn Indonesiens größter Palmölproduzent unter einem Vorwand festnehmen. Seit Januar sitzt er ohne offizielle Anklage im Gefängnis.

 

Der Bürgermeister Muhammad Rusdi hinter GitternDer Bürgermeister Muhammad Rusdi hinter Gittern

Als am frühen Morgen des 28. Januar Militärpolizisten sein Büro stürmen, ahnt der Bürgermeister: Diesmal geht es um seinen Kopf. Muhammad Rusdi ist sich zwar keiner Straftat bewusst, doch jahrelanger Kampf hat ihn gelehrt, dass seine Gegner vor nichts zurückschrecken. Es sind die Herren von Sinar Mas, dem größten Papier- und Palmölkonzern Indonesiens mit eigener Bank, die viele Tausend Bauernfamilien um ihre Lebensgrundlage bringen. Der Kampf zwischen David und Goliath erschüttert seit sechs Jahren das Dorf Karang Mendapo tief im Innern der Insel Sumatra. Jetzt will der Riese kurzen Prozess: Der Sprecher der mutigen Bauern, die sich gegen Sinar Mas auflehnen, muss mundtot gemacht werden. Betrug und Unterschlagung von umgerechnet 100 Euro wirft man dem Bürgermeister an jenem Januarmorgen vor – und bringt ihn hinter Gitter. Die Geschichte von dem kleinen indonesischen Regenwalddorf, das Widerstand leistet, beginnt vor unserer Haustür. Die Firma Sinar Mas wurde schon in den 90er- Jahren mit Krediten und Bürgschaften aus Deutschland versorgt, damals für drei grooße Zellstoff-Fabriken. In der Provinz Jambi, wo auch Karang Mendapo liegt, starben hektarweit jahrhundertealte Urwaldriesen für unseren Papierverbrauch. 2001 leistete der Konzern den Offenbarungseid und zahlte die Kredite nicht zurück, obwohl seine Fabriken weiter produzierten; die Gewinne flossen indes zur Geldwäsche auf die karibischen Kaimaninseln. Erneut halfen deutsche Steuergelder Sinar Mas auf die Beine und ermöglichten dem Konzern, ins Palmölgeschäft einzusteigen. Schon 1998 waren europäische Entwicklungsgelder in die Kassen von Sinar Mas geflossen für die groß angelegte Kultivierung ertragreicher Ölpalmen.

Abholzen auf Antrag der Grünen

Mit Beginn des dritten Jahrtausends wird für Sinar Mas das Palmöl zum neuen Gold. Die große Trendwende zu erneuerbaren Energien ist eingeläutet, denn die Industrienationen wollen und können sich nicht länger auf die endlichen Ressourcen unseres Planeten verlassen. Und natürlich sorgen sie sich auch um unser Klima. 2003 beschließt das Europaparlament auf Betreiben der Grünen, dass Pflanzenöle aus Mais, Raps, Soja oder Palmölnüssen zu Biotreibstoffen verarbeitet werden sollen. Biosprit und Biostrom schonen Klima und Ressourcen, so das Argument. Millionen EU-Euros fließen in die Erforschung und den Anbau geeigneter Pflanzen – weltweit. Denn Europa kann seinen Bedarf aus eigenem Anbau nicht decken. Indonesien wird zum größten Partner für den Bio-Handel. Bis heute fielen gut 60 Millionen Hektar Regenwald den Ölpalmen zum Opfer; ein Gebiet so groß wie Frankreich. Weitere 20 Millionen Hektar hat die indonesische Regierung als „degradiertes Land“ ausgewiesen. Ihr Argument: Dieser Wald sei so geschwächt, dass man nur noch Plantagen pflanzen könne. „Eine glatte Ausrede“, sagt die Hamburger Filmemacherin Inge Altemeier. „Auf einem derart geschädigten Boden würden nicht einmal Plantagen gedeihen, die ja immerhin Ertrag abwerfen sollen.“ Selbst wenn, so Altemeier, auf diesen Flächen kein intakter Regenwald mehr wachse, so ist er doch immer noch ein CO2-Speicher – und besser als jede Monokultur.

 

Moorschutz ist Klimaschutz

Und damit sind wir bei der Widersinnigkeit hiesiger Klima- und Ressourcenschutz- Politik: Um Platz zu schaffen für die Palmöl-Kulturen, wird nicht nur Urwald gerodet oder niedergebrannt; auch die Torfmoore müssen trockengelegt werden – dabei entweichen zusätzlich gewaltige Mengen Kohlendioxid. „Allein durch Brandrodung zur Landgewinnung“, sagt Inge Altemeier, „macht sich Indonesien zum drittgrößten Treibhaus-Erzeuger weltweit.“ Und mit im Boot sitzen die Klimaschützer von der Nordhalbkugel. Auf den Äckern der ärmeren Weltbevölkerung ist der Kampf zwischen Energiepflanzen und Nahrungsmitteln längst ausgebrochen. Doch alarmiert äußern sich in erster Linie Experten für Ernährung, soziale Sicherheit und Ethik. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, sieht in der Biotreibstoff-Fabrikation ein „Verbrechen gegen die Menschheit“. „Das Biodiesel-Programm, subventioniert und finanziert mit Europas Steuergeldern, hat den Hunger nach Indonesien gebracht.“ Das hat auch Inge Altemeier immer wieder beobachtet. Die mehrfach ausgezeichnete TV-Autorin dokumentiert seit fast einem Jahrzehnt das Drama um Bewohner und Geschäftemacher der Tropenwälder Indonesiens. „Die Biosprit-Lüge“ heißt ihre jüngste filmische Anklage. Die Dokumentation läuft am 7. April im Rahmen des arte-Themenabends „Euer Hunger – unser Profit. Der unfaire Handel mit der Dritten Welt“.

 

In nur 24 Stunden plattgemacht

Vor dem Gefängnis von Karang Mendapo halten 500 Menschen Mahnwache – Tag und Nacht. So lange, bis Muhammad Rusdi, ihr Bürgermeister und Sprecher, frei ist. Viele Frauen beten, Männer halten Plakate hoch. „Das ist unser Land!“, steht dort blau auf weiß. Alle Rechte den Bauern! Die Verbrecher sind die Konzerne! Die Bauern von Karang Mendapo haben keine Angst. Nicht vor der Polizei, nicht vor den Kettenhunden von Sinar Mas, nicht vor der Regierung. Denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Die Tragödie begann im November 2003. Die Waldarbeiter von Sinar Mas kamen an Ramadan, und sie kamen mit schwerem Gerät. Der Wald war nicht bewacht, denn zur Fastenzeit blieben die Bauern im Dorf. In weniger als 24 Stunden hatten die Holzfäller tausend Hektar Wald plattgemacht. Wald, der dem Konzern nicht gehörte. Dichter, wundervoller Regenwald, der das Dorf Karang Mendapo mit seinen alten Stelzenhäusern umrahmte und den 5000 Bewohnern das Überleben sicherte. Er gehört ihnen, das beweisen ihre Besitzurkunden aus der Sultan-Zeit. Seit Hunderten von Jahren lebten sie hier von und mit dem Wald. Sie ernteten seine Früchte, sammelten Heilpflanzen und wilden Kautschuk. Schon seit den 90er-Jahren rückten die subventionierten Ölpalm-Plantagen von Sinar Mas immer näher; die Kleinbauern sollten beteiligt werden, das war eine Auflage der EU. Doch die Leute von Karang Mendapo erkannten schon damals, dass der Palmölwahn ihre Existenz eher bedrohen als sichern würde. Nach dem Kahlschlag vom Ramadan 2003 hielten die Bauern dreieinhalb Jahre still. Sie hatten gehofft, am Gewinn beteiligt zu werden, doch sie durften ihr eigenes Land nicht betreten. 2007 machten sie Muhammad Rusdi zu ihrem Sprecher. Er hatte als Jugendlicher sein Dorf verlassen, um zu studieren. Jetzt war er zurück – ein intellektueller Rebell mit Laptop. Im Mai führte Rusdi eine Abordnung zum Rathaus der Provinzhauptstadt – ihre Demonstration wurde von Inge Altemeier gefilmt. „Durch uns“, sagt die Filmemacherin, „haben sie wohl die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienten.“ Der Landrat hörte die Bauern an – und gab ihnen offiziell das gestohlene Land zurück. Doch Sinar Mas ersann neue Tricks – und forderte drei Millionen Euro von den Bauern zurück, die in die Plantage investiert wurden. Muhammad Rusdi und seine Bauern gaben nicht auf. 32 Stunden Busfahrt zur Demo in die Hauptstadt Jakarta nahmen sie auf sich, selbst auf dem Weltklimagipfel in Bali Ende 2007 verschafften sie sich Gehör. Im Sommer 2008 wählten sie Muhammad Rusdi mit 90 Prozent aller Stimmen zum Bürgermeister von Karang Mendapo. Und längst ist sein streitbares Dorf Vorbild für die ganze Region. „Rusdis Verhaftung ist der Versuch von Sinar Mas, den Protest der Bauern zum Schweigen zu bringen“, vermutet Inge Altemeier. Man hatte dem Bürgermeister 100 Euro geschickt, die er als Entschädigung für den Walddiebstahl verteilen sollte. „Wir haben diese lächerliche Summe nie angerührt“, empört sich der streitbare Bauer Somat. „Sie sollten das Geld wieder abholen. Stattdessen schickten sie die Militärpolizei und behaupteten, Rusdi hätte das Geld unterschlagen, statt es an uns zu verteilen.“ Kein Geld der Welt kann Menschen, die von und mit dem Wald leben, ihr Land ersetzen. Er ist auch ein Teil ihrer Kultur.

 

Christiane Zander

 

 

12000 Unterschriften

Mehr als 12 000 Protest-Unterschriften hat der Verein Rettet den Regenwald gesammelt und dem indonesischen Botschafter in Berlin übergeben. Die indonesische Umweltorganisation Whali wurde daraufhin ins Ministerium eingeladen, um Stellung zu nehmen. Muhammad Rusdi sitzt immer noch ohne richterliche Anklage im Gefängnis von Karang Mendapo. Auf der Seite www.regenwald.org finden sich aktuelle Informationen zu diesem Thema. Die Filme von Inge Altemeier kann man auf der Seite www. globalfilm.de bestellen.