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RegenwaldReport 01/2009

Der große Landraub in Asien – Agrospritkonzerne gegen Mensch und Natur

Teller, Trog oder Tank – so lautet der gnadenlose Konkurrenzkampf, den die „grüne Energie vom Acker“ weltweit ausgelöst hat. Befeuert von staatlichen Agrospritprogrammen und vergoldet mit milliardenschweren Subventionen und Steuererleichterungen, reißen sich Regierungsfunktionäre und Industriekonzerne in einem wahren Landrausch die für den Anbau der „Energiepflanzen“ benötigten Bodenflächen unter den Nagel. In den Tropenländern sind Regenwälder und Kleinbauern ihre Opfer.

 

Nur auf fruchtbaren Böden und mit Bewässerung bleibt der Wunderstrauch Jatropha grün.Nur auf fruchtbaren Böden und mit
Bewässerung bleibt der Wunder-
strauch Jatropha grün.

Etwa 80 % der in den sogenannten „Entwicklungsländern“ lebenden 2,5 Milliarden Kleinbauern verfügen über keine legalen Besitztitel für das Land, auf dem sie traditionell leben und das sie seit Generationen für ihren Lebensunterhalt bearbeiten. Offiziell gelten die Landflächen als besitzlos oder als in Staatsbesitz befindlich. Mit den riesigen weißen Flecken auf den Bodenkarten lässt sich vortrefflich am Reißbrett planen, doch vor Ort sieht die Lage ganz anders aus. Die Länder im tropischen Teil Asiens gehören zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde. Die statistisch pro Einwohner zur Verfügung stehende Landfläche liegt in Indien bei lediglich 0,3 Hektar, in China 0,75 Hektar und in den südostasiatischen Tigerstaaten bei 0,8 Hektar, während es beispielsweise in den USA 3 Hektar sind. Also eigentlich kein Platz für Agrosprit. Den Agrospritinvestoren bieten die fehlenden Besitztitel der Kleinbauern zusammen mit den vielfach herrschenden autoritären Strukturen den idealen Nährboden für Landraub und Naturzerstörung.

Indien

Bereits seit 2003 gilt in Indien eine „Biosprit“-Strategie mit einer 5-prozentigen und seit 2008 10-prozentigen Beimischungspflicht für Ethanol. Im September 2008 verabschiedete die Regierung die „Nationale Biosprit Politik“, die für 2017 das Ziel auf 20 Prozent Beimischung für Ethanol und „Biodiesel“ festsetzt.

Zwar liegt Indien bei der Ethanolproduktion weltweit an vierter Stelle, allerdings machen die 2007 aus Zuckerrohr produzierten 2 Milliarden Liter Ethanol nur 4 Prozent der globalen Ethanolmenge aus. Die Regierung setzt daher bei Ethanol parallel auf Importe, vor allem aus Brasilien. 2006 unterzeichneten die Präsidenten beider Länder eine gemeinsame Bioenergie-Vereinbarung, die es Indien erlaubt, in brasilianische Agrospritplantagen zu investieren und Landflächen zu kaufen.

Als Hauptquelle für Agrodiesel soll der Jatropha-Strauch dienen. Der zu Deutsch auch als Purgiernuss bekannte Busch wird von der Agrospritbranche als Wunderbaum gepriesen, der angeblich selbst Wüsten ergrünen lassen kann. Autobauer Daimler Benz, der 2004 sehr werbewirksam eine mit Jatropha betankte Mercedes-Nobellimousine quer durch den Subkontinent fahren ließ, löste in Indien eine wahre Jatropha-Euphorie aus. 13,5 Millionen Hektar sollen nach Willen der indischen Regierung bis 2012 mit Jatropha bepflanzt werden, langfristig sogar 39 Millionen Hektar.

Zusammen mit dem amerikanischen ADM- und deutschen Bayer-Konzern plant Daimler nun im großen Maßstab dessen Anbau in Indien. Die britische D1 Oil und Ölmulti BP haben über ihre gemeinsame indische Tochter D1 BP Fuel Crops bereits Nägel mit Köpfen gemacht und über 150.000 Hektar in mehreren indischen Bundesstaaten mit Jatropha bepflanzt. Bis 2010 will die Firma die Fläche verdoppeln und auch die ersten Ernten einfahren. Naturol Bioenergy Limited, ein amerikanischösterreichisches Joint Venture, erhielt 120.000 Hektar zum Jatropha-Anbau zugeteilt. Die erste Biodieselraffinerie der Firma mit einer Kapazität von 100.000 Tonnen nahm im Oktober 2007 in Kakinada im Bundesstaat Andhra Pradesh den Betrieb auf.

Allerdings sind die bisherigen Ergebnisse mit Jatropha in Indien mehr als ernüchternd. Eine Pleite erlebten etwa die öffentlich-privaten Partnerschaften im zentralindischen Chhattisgarh. Bis 2012 sollen dort eine Million Hektar „Ödland“ mit Jatropha ergrünen. Mit rund 100 Millionen der Ölpflanzen auf 40.000 Hektar Land in den vergangenen drei Jahren ist man weit vom Ziel entfernt, zumal nur die Hälfte der angeblich so widerstandsfähigen und genügsamen Pflanzen überlebte. Die für die Anpflanzungen zuständige Forstbehörde benutzte das Projekt zudem als Hebel, um die lokalen, indigenen Gemeinschaften, die bisher von diesem Land leben, von dort zu vertreiben. Deren Proteste stoppten das Projekt.

Indonesien und Malaysia

Über die Regenwaldrodung im Rekordtempo ist Indonesien innerhalb weniger Jahre zum global größten Palmölproduzenten und -exporteur aufgestiegen. Auf über 7 Millionen Hektar dehnen sich bereits die industriellen Monokulturen aus, doch das soll erst der Anfang sein. Beflügelt durch den Agrospritboom sollen bis 2025 weitere 20 Millionen Hektar dazukommen, so die Regierungspläne. Im Januar 2009 verkündete der Landwirtschaftsminister die Freigabe zur Rodung weiterer 2 Millionen Hektar für Palmölplantagen in Torfmoorgebieten.

Während in deutschen Blockheizkraftwerken schon seit Jahren massenhaft Palmöl verheizt wird, hinkt der Agrospritkonsum in Indonesien selbst etwas hinterher. Ab 2010 soll eine 10-prozentige Agrodieselquote gelten. Eher exportorientiert sind auch die Pläne zur Anlage großflächiger Zuckerrohr- und Jatropha-Plantagen für die Agrotreibstoffproduktion.

Der malaysische Sime Darby-Konzern ist nach eigenen Angaben mit einem Anteil von 6 Prozent am Weltmarkt der größte Palmölproduzent mit 450.000 Hektar Palmölplantagen. Die 1991 gegründete Wilmar-Gruppe aus Singapur, an der auch der amerikanische Getreidemulti ADM beteiligt ist, verfügt über 570.000 Hektar Land. Nach Firmenangaben sind davon gut 200.000 Hektar mit Ölpalmen bepflanzt. Die Sinar Mas-Gruppe, zu der auch der berüchtigte Papierkonzern Asian Pulp & Paper gehört, verfügt über ihre Tochter Smart PTK über 125.000 Hektar Palmölplantagen.

Osttimor

Das kleine und erst seit 2002 unabhängige Osttimor ist heute das ärmste Land Asiens. Gut 40 % der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, ein Fünftel der Bevölkerung leidet an Unterernährung und hängt am Tropf von Hilfslieferungen aus dem Ausland. Um so erstaunlicher die zahlreichen geplanten Agrosprit-Exportprojekte auf der kleinen Insel. Sie würden einen Großteil des fruchtbaren Landes bedecken.

In 2008 unterzeichnete die Regierung Verträge mit mehreren Firmen. Dazu gehört Enviroenergy Developments Australia Pty. Ltd. (EDA). Auf 40.000 Hektar soll Jatropha angebaut und das Pflanzenöl in einer geplanten Raffinerie mit einer Kapazität von 100.000 Kubikmetern im Baucau-Distrikt zu Agrodiesel verarbeitet werden. Die indonesische Firma GTLeste Biotech vereinbarte ein Agroethanol-Projekt.

Auf 100.000 Hektar sollen Zuckerrohrplantagen entstehen sowie eine Ethanolfabrik. Komor Enterprise Ltd. aus Südkorea plant, auf 100.000 Hektar Agrosprit aus Mais und Jatropha zu produzieren. Die norwegische Jacobsen Elektro AS plant dagegen eine Anlage zur Extraktion von Jatrophaöl und ein Kraftwerk für die lokale Energieversorgung.

Philippinen

Als Billigarbeiter verdingen sich 9 Millionen Filipinos außerhalb des asiatischen Inselreichs, weil die heimische Scholle ihnen keine Überlebensmöglichkeiten bietet. Auch innerhalb des dicht bevölkerten Landes drängt es viele der armen Kleinbauern in die Elendsviertel der Städte.

Seit Februar 2009 gilt im Land ein Beimischungsziel von 5 Prozent Ethanol im Ottokraftstoff, das bis 2011 auf 10 Prozent steigen soll. Als Rohstoff dient hierfür vor allem Zuckerrohr, zu einem geringeren Anteil auch Mais, Kassave und Sorghum. Zwanzig Ethanolfabriken sollen dazu errichtet werden. Einer der Schwerpunkte liegt im Negros Occidental. Im Januar startete die Firma San Carlos BioEnergy ihre Ethanolfabrik mit einer Kapazität von 30 Millionen Litern pro Jahr. 400.000 Tonnen Zuckerrohr von 9.000 Hektar Anbaufläche werden dafür benötigt. Die Firma Basic Energy unterzeichnete mit der kanadischen Nexum Energy eine Vereinbarung zum Bau einer Fabrik mit einer Kapazität von etwa 40 Millionen Litern Ethanol aus Kassave jährlich. Die Roxol Energy Corporation baut an einer kleineren Anlage in La Carlota. Die Pläne von Alsons Consolidated Resources zum Bau einer Ethanolfabrik auf Basis von Kassave nahe Cagayan de Oro riefen bei der Bevölkerung Proteste hervor, darunter auch bei den indigenen Higaonon. Sie fürchten um ihre Umwelt und den hohen Wasserverbrauch bei der Ethanolherstellung

Thailand

In Thailand hat der Düsseldorfer Thyssen- Krupp-Konzern „Diesel unter Palmen“ ausgemacht. In dem in Deutschland vor allem als tropisches Urlaubsparadies bekannten Land hat dessen Tochterfirma Uhde zusammen mit dem thailändischen Petrochemiegiganten PTT Chemicals bereits Ende 2007 eine moderne Agrodieselraffinerie in den Regenwald gestellt. Mit patentierter Technologie aus Deutschland sollen dort jährlich 200.000 Tonnen Agrodiesel und 100.000 Tonnen Alkohol für die Chemieindustrie hergestellt werden. Der Grundstoff ist auch hier Palmöl.

Die thailändische Regierung hat ab 2012 eine 10-prozentige Beimischungspflicht für Agroethanol und -diesel festgelegt. An den Tankstellen im Land wird bereits Benzin mit 10- und 20-prozentiger Ethanolbeimischung verkauft, sowie Diesel mit 5-prozentigem Agrodieselzusatz. Dazu sollen die jetzige Palmölplantagenfläche von 600.000 Hektar etwa verdoppelt und zusätzlich im benachbarten Ausland Plantagen angelegt werden. In den trockneren Landesteilen soll außerdem Jatropha gepflanzt werden. Die Anfänge des staatlichen Ethanolprogramms reichen bis ins Jahr 2000 zurück. Dank steuerlicher Erleichterungen produzieren bereits 19 Ethanolfabriken, darunter auch Betriebe des PTT-Konzerns, etwa 3 Millionen Liter Ethanol pro Tag aus Zuckerrohr und Kassave, die bereits in großen Mengen angebaut werden. Weitere 34 Anlagen mit einem Ausstoß von 10 Millionen Litern pro Tag sind geplant.

Singapur

SingapurDer an einem der weltweit am stärksten befahrenen Schifffahrtswege gelegene Stadtstaat Singapur ist mit seinem Hafen Drehscheibe des globalen Handels und Güterumschlags. Erdölraffinerien und Tanklager konzentrieren sich dort bereits und auch ein Großteil des Palmöls aus Indonesien und Malaysia kommt hier an, bevor es per Tankschiff rund um die Erde geht. Aus diesem Grund fiel auch der Zuschlag des finnischen Agrodieselherstellers Neste Oil auf Singapur als Standort für die nach eigenen Angaben weltweit größte Agrodieselraffinerie. Der Grundstein für die 550 Millionen Euro teuere Anlage wurde im März 2009 feierlich gelegt. Ab 2010 will Neste Oil dort jährlich 800.000 Tonnen Agrodiesel aus den quasi vor der Tür gelegenen Palmölplantagen produzieren.

 

Klaus Schenck