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Notruf aus dem Paradies

Als „Garten Eden“ bezeichnen Reisende den Tanjung Puting-Nationalpark im Süden von Borneo. Kein Wunder: Seine vielfältige Regenwaldnatur gehört zu den letzten Refugien der Orang-Utans, Nasenaffen und vieler anderer bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Dennoch zerstören ­Palmöl­konzerne illegal diesen geschützten Lebensraum. Umweltschützer bitten um Hilfe

Die Welt der Nasenaffen vom Sekonyer-Fluss gerät aus den Fugen. Ungestört hatten sie bisher ihre Nächte und Vormittage im dichten Blätterwerk der Urwaldbäume verbracht; mit der Dämmerung schwangen sie sich ans Ufer und sprangen sorglos in die Fluten. Nasenaffen können hervorragend schwimmen und tauchen – deshalb leben sie ganz nah am Wasser.

 Eines Tages brach Höllenlärm über die Affen-Gesellschaft herein; Männer mit Motorsägen, Baggern und Bulldozern verwüsteten ihr Revier. Wer konnte, rettete sich ans gegenüberliegende Ufer. Von dort müssen sie zuschauen, wie eine Ölpalme nach der anderen am Flusssaum emporsprießt und wie sich ihr Badewasser durch Dünger und Pestizide trübt.

Dies ist ein weiterer Sündenfall im Paradies: Der Sekonyer-Fluss begrenzt den Norden des Tanjung Puting-Nationalparks in der indonesischen Provinz Zentralkalimantan auf Borneo. Und Pufferzonen, die Schutzgebiete vor Schaden von außen bewahren sollen, sind nach indonesischem Gesetz für Wirtschaftskonzerne ebenso tabu wie die Schutzregionen selbst. Tanjung Puting ist nicht nur Nationalpark, sondern auch UNESCO-Biosphären-Reservat.

„Palmölfirmen scheren sich nicht um die Erde, Menschen und Wildtiere“

Das scheint weder die Lokalregierung noch Palmölfirmen zu interessieren - allen voran der Konzern Bumitama Gunajaya Agro (BGA). Seine Tochterfirma Andalan Sukses Makmur (ASM) rodet nicht nur in der Pufferzone am Sekonyer-Fluss Primär- und Torfregenwald, sondern auch innerhalb der Parkgrenzen den Küstenregenwald rund um das Dorf Teluk Pulai.


Artenvielfalt

Verschiedene Waldökosysteme prägen die Natur von Tanjung Puting – deshalb finden dort so viele Arten ihren Lebensraum: Zu den ­gefährdeten ­Tieren Borneos gehören Orang-Utan und ­Nasenaffe. Der Gelbbürzel-Mistelfresser ist eine von 250 ­Vogelarten im Park

(Credits: Christopher Conaghan, François-Olivier Dommergues, www.marklouisbenedict.com)




„Das zeigt, wie wenig sich Palmölfirmen um die Erde, die Menschen und Wildtiere scheren. Sie zerstören unsere letzten Urwälder und machen nicht einmal vor Nationalparks halt“, sagt Nordin, Gründer der Menschenrechts- und Umweltorganisation Save our Borneo (SOB). „Das ist so traurig.“

Nordin hat BGA in seiner Heimatprovinz Zentralkalimantan schon mehrfach illegale Rodungen nachgewiesen und angezeigt. Im März 2012 haben wir unsere Partner von SOB mit einer Protestaktion unterstützt: 7.000 Hektar Urwald hat eine BGA-Tochter für Ölpalmplantagen zerstört, obwohl die Genehmigung längst widerrufen war. Eintausend Menschen haben ihren Wald mit Kautschuk- und Obstbäumen verloren. Böden und Gewässer sind vergiftet. Und in diesem Frühjahr baten uns die Orang-Utan-Retter von International Animal Rescue Indonesia aus der Nachbarprovinz Westkalimantan um Unterstützung: In letzter Minute konnten sie vier hilflose Menschenaffen vor dem Tod retten – BGA hatte ihren Regenwald in eine Wüste verwandelt.

Der BGA-Konzern missachtet diverse Gesetze. Jede einzelne seiner Palmen ist illegal

Der Palmölkonzern Bumitama Gunajaya Agro betreibt auf Borneo und Sumatra 46 Plantagen mit einer Gesamtfläche von mehr als 140.000 Hektar. 13.000 Hektar sollen jährlich hinzukommen; „aggressive Expansionsstrategie“ nennt BGA dieses Ziel auf seiner Webseite.

Bestehende Gesetze? Lassen sich umgehen. Zum Beispiel, indem man Fakten schafft, bevor alle Genehmigungen vorliegen – und durch Bestechung der lokalen Behörden; dieser Vorwurf steht zumindest im Raum.

Bei Teluk Pulai an der Westküste
des Nationalparks bereiten
Bulldozer den Boden für die
Plantagen. Die Ölpalm-Setzlinge
kommen per Schiff über die
Java-See

Bumitama hat gleich gegen mehrere Gesetze verstoßen. Aber es hätte schon eines genügt, das jede Einzelne von BGAs Ölpalmen illegal macht: das Abholzungs-Moratorium des indonesischen Präsidenten. Im Mai 2011 hat Susilo Bambang Yudhoyono verfügt, Primärregen- und Torfwälder zwei Jahre ungestört zu lassen; im Mai dieses Jahres hat er das Moratorium verlängert. Außerdem ist die Zerstörung von Lebensräumen stark gefährdeter Arten wie Orang-Utans, Nasenaffen oder der Hellroten Meranti-Urwaldriesen so­wieso illegal.

Tanjung Puting liegt in Borneos Süden zum Teil auf einer Halbinsel – ein mehr als 4000 Quadratkilometer großes Mosaik aus weltweit einmaligen Tropenwaldlandschaften. Dichte Mangrovenwälder bedecken die Küste und die Mündungen der Flüsse in die Java-See; an Land erheben sich einzigartige Sumpf- und Torfwälder mit ihrem 30 Meter hohen Kronendach. Hier und dort bahnen sich „Überständer“ einen Weg zum Licht – als Eisenholz, Mahagoni, Meranti und Ramin bringen ihre Stämme auf den Weltmärkten Vermögen ein. Illegale Rodungen gefährden das Überleben dieser Urwaldriesen-Arten.

Wir haben die Chance, diesen Naturschatz zu bewahren. Ergreifen wir sie!

Und mit ihnen das der Tiere. Tanjung Puting ist Schutzgebiet und einer der letzten Zufluchtsorte für 6.000 Orang-Utans, für Nebelparder, Zibetkatzen, Malayenbären, seltene Vögel und Reptilien – und Nasenaffen. Niemand weiß genau, wie viele dieser Primaten mit den kuriosen Birnennasen die Mangrovensümpfe und Tieflandregenwälder überhaupt noch bewohnen. Aber eines steht fest: Nasenaffen leben ausschließlich auf Borneo – und monotone Wüsten aus Ölpalmen sind gänzlich ohne Wert für diese hoch spezialisierten Tiere.

„Tanjung Puting ist mit seiner außergewöhnlichen Artenvielfalt bedeutend für die gesamte Welt. Selbst wenn nur ein kleiner Winkel für Plantagen geöffnet würde – es wäre ein Verhängnis für den gesamten Lebensraum.“ Das schreibt uns der Umweltschützer Robert Hii in seinem Notruf. Die Nachrichten und Fotos, die er uns aus dem Nationalpark schickt, sind alarmierend genug: Schiffe voller Ölpalmsetzlinge machen vor der Küste fest, der Lärm von Kettensägen und Bulldozern erschüttert den Dschungel.

Noch haben wir die Chance, den Naturschatz auf Borneo zu bewahren – wir müssen sie nutzen.

SO KÖNNEN SIE HELFEN

Bitten Sie den indonesischen Botschafter, sich bei Präsident Yudhoyono dafür einzusetzen, dass die Rodungen sofort gestoppt werden und Tanjung Puting wirksam geschützt wird: Indonesische Botschaft, Dr. Eddy Pratomo, Lehrter Str. 16 – 17, 10557 Berlin, Tel: 030-47807-200, info@indonesian-embassy.de

Sie können sich auch an unserer Online-Aktion beteiligen: www.regenwald.org/aktion/928