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„Der Fluss ist unser Leben“

munduruku Die Mundurukú fordern: „Wir wollen einen freien Tapajós!“ Sie leisten Widerstand

Amazoniens Flüsse sollen für Staudämme gebändigt werden, um Strom für die Wirtschaft zu produzieren. Am Tapajós kämpfen Mundurukú-Indianer um ihr Land

Brasiliens Wirtschaft ist wie ein hungriges Tier. Sie verschlingt immense Mengen Energie. Sie verschlingt Regenwald. Riesige Staudämme überschwemmen zur Stromerzeugung Tausende Hektar Wald. Um die Wirtschaft anzuheizen, errichtet die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff Kraftwerk um Kraftwerk. Allein in Amazonien plant sie über 150 Staudämme. Am Fluss Tapajós soll bald der Bau einer ganzen Staffel beginnen.

Doch Indianer vom Volk der Mundurukú kämpfen gegen die Gier nach Wasserkraft. „Wir sind wie Ameisenbären“, sagen sie: „Die sind friedlich, solange man sie in Ruhe lässt. Reizt man sie, verteidigen sie sich mit ihren Klauen.“ Für die Indigenen geht es um nicht weniger als ihr Überleben. Die Flüsse Tapajós und Teles Pires sind ihre Heimat, die sie niemals aufgeben.

Brennpunkt des Konflikts ist der kleine Ort São Luiz do Tapajós, an der Urwaldpiste Transamazônica gelegen. Dort soll der erste Megadamm des Projekts mit 8.040 Megawatt Leistung entstehen. 73.000 Hektar Regenwald sollen allein für dieses Bauwerk geopfert werden – insgesamt sind es nahezu 200.000 Hektar. Schutzgebiete werden nicht verschont.

Der Stausee soll zweimal so lang werden wie der Bodensee

Dabei ist der Wald ein Schatzkästchen der Schöpfung. Wissenschaftler haben 600 Vogel- und mehr als 1.350 Pflanzenarten gezählt. Jaguare und Ameisenbären pirschen durch den Dschungel. „Sollten die Dämme verwirklicht werden, wäre das der Tod für den Fluss wie er heute existiert“, warnt Maria Lucia Carvalho, die Chefin des Nationalparks Amazônia.

Im November 2014 fuhren Hunderte Mundurukú 50 Kilometer von der Stadt Itaituba den Fluss hinauf bis São Luiz. Die „Karawane des Widerstandes“ vereinte drei katholische Bischöfe von Amazonas-Diözesen mit Indigenen in traditioneller Bemalung zum Protest. Sie forderten einen „freien Tapajós“, einen „lebendigen Tapajós“.

Ein Paradies für Tiere

Ein Paradies für Tiere

Amazoniens Artenvielfalt ist einzigartig. In den Strömen schwimmen Delfine – wenn die Flüsse frei fließen dürfen. Die Mundurukú vergleichen sich mit Ameisenbären: Diese sind friedlich, können sich jedoch mit ihren scharfen ­Krallen wehren

 

Doch die brasilianische Regierung verschärft die Lage, weil sie sich weigert, die Mundurukú in Beratungen einzubeziehen, obwohl die Verfassung und internationale Konventionen Mitbestimmungsrechte garantieren. Schlimmer noch: Politiker sind dabei, die Rechte zu beschneiden (Siehe Kasten Seite 6).

Die Anerkennung des Territoriums der Mundurukú durch die Indianerbehörde Funai wird verschleppt, offenbar auf Druck der in Korruptionsskandale verstrickten Baubranche. Seit September 2014 stecken die Indigenen ihr Land daher eigenständig ab. Obwohl das den Beamten bekannt ist, vergeben sie Rodungskonzessionen für Flächen, die im Stausee verschwinden sollen. Die Ausschreibung für den Bau wurde jedoch verschoben.

Die Mundurukú sind die Opfer von Brasiliens Staudamm-Politik. Bewaffnete Männer der Força Nacional eskortieren Wissenschaftler, während sie Studien für den Bau anstellen; tief fliegende Hubschrauber schüchtern die Indigenen ein. In der Stadt Jacareacanga griffen Hunderte Einwohner demonstrierende Mundurukú mit Steinen an. Die Städter verbinden mit den Staudämmen offenbar die Hoffnung auf ein besseres Leben, nicht zuletzt auf Jobs und billigen Strom.

„Der Fluss ist unser Leben“ Der Tapajós gehört zu den mächtigsten
Nebenflüssen des Amazonas

Weitere Staudämme werden die Dürreperioden noch verschärfen

Dabei ist der Strom aus Wasserkraft nur zum geringsten Teil für die Einheimischen gedacht. Das Gros wird in die Ferne geleitet – in Metropolen, Industriekomplexe und Bergbauprojekte. In Amazonien lagern gewaltige Mengen Bauxit nur wenige Meter unter der Erdoberfläche und wecken Begehrlichkeiten. Konzerne wie Norsk Hydro roden den Regenwald und bauen das Gestein ab, um Aluminium zu gewinnen (siehe Seite 7). Der Strombedarf der Werke ist größer als der mancher Großstadt. Die Industrie verlangt daher günstigen Strom, die Regierung verspricht ihn. Die Energie wird jedoch teuer zulasten der Mundurukú und der Natur erkauft.

Es scheint allerdings, als fange das Monster Wirtschaft an, seine Kinder zu fressen. Eine Jahrhundertdürre plagt Brasilien. São Paulo, wo das ökonomische Herz Südamerikas schlägt, liegt auf dem Trockenen, die Trinkwasserbecken sind leer, tageweise fließt kein Wasser aus den Leitungen. Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen dem Wassernotstand und der Vernichtung der Regenwälder Amazoniens, auch für Staudammprojekte wie am Tapajós.

Die Mundurukú sind sicher, dass die Pläne der Regierung scheitern. „Für euch ist ein Fluss nur ein Wirtschaftsgut, für uns bedeutet er Leben.“

„Der Tod des Waldes ist das Ende unseres Lebens“

Die brasilianischen Indianer am Amazonas kämpfen ums Überleben. Das Parlament plant eine Verfassungsänderung, damit die Wirtschaft boomt: Die ­Industrie fordert noch mehr Platz für Soja-Plantagen, ­Rinderweiden, Staudämme und Bergbau. Dafür sollen die Territorien der indigenen Bevölkerung und Regenwaldschutzgebiete geopfert werden. Dabei haben die Rodungen schon heute dramatische Ausmaße.
Den Protest der Indigenen unterstützen wir mit unserer Online-Petition: www.regenwald.org/rr/p992