Heidelberg Materials beharrt auf Zement aus den Kendeng-Bergen

Demo vor der deutschen Botschaft Demonstration der indigenen Samin vor der Deutschen Botschaft in Jakarta (© JMPPK) eine Bäuerin auf einem Reisfeld am Fuß eines Berges Das Kendeng-Karstgebirge ist überlebenswichtig für die sanfte Landwirtschaft der „Freundlich Gesinnten" (© JMPPK) vier Füße in Beton, Aufschrift SAVE KENDENG Füße in Beton ist eine Protestform der „Freundlich Gesinnten" (© Marianne Klute/Rettet den Regenwald)

14.05.2024

Zur Aktionärsversammlung von Heidelberg Materials am 16. Mai 2024 protestieren Aktivist:innen vor der Konzernzentrale in Heidelberg. „Deutschlands Klimakiller No. 2" will auf der indonesischen Insel Java eine Zementfabrik errichten. Wir blicken auf den langen Widerstand gegen die Zerstörung der Kendeng-Berge in Indonesien.

Heidelberg Materials (bis 2023: HeidelbergCement) plant seit zehn Jahren den Bau einer Zementfabrik im Kendeng-Gebirge, Indonesien. Jahrelange Proteste, Gerichtsverfahren, unsere Petition HeidelbergCement raus aus den Kendeng-Bergen mit bislang 202.583 Unterschriften und Beschwerden haben den Baubeginn bisher ausgebremst.

Weil bei der Zementherstellung immense Mengen CO2 frei werden, gilt die Firma als „Deutschlands Klimakiller No. 2". Sie lässt sich aber offensichtlich nicht aufhalten, verstärkt ihre Präsenz in Südostasien, steigert die Zementproduktion und setzt auf Wachstum - ohne Rücksicht auf die Menschen am Fuß des Karstgebirges und aufs Klima. Die dreckige Produktion von Zement wird aus Deutschland ausgelagert.

Heidelberg Materials ist einer der weltgrößten Zementhersteller. Seit 2001 hält der Konzern, zu der Zeit unter dem Namen HeidelbergCement, 51 Prozent der Anteile von Indocement. Indocement Tunggal Prakarsa ist führender Hersteller von Zement, Beton und Zuschlagstoffen.

Von Anfang an wollen die Einwohner den Karst erhalten, denn er schenkt ihnen Wasser und sichert die Ernten. Sie wehren sich ohne Unterlass, bis heute. Eine tragende Rolle hat die Gemeinschaft der Samin, der Freundlich Gesinnten", insbesondere der Frauen. Die Samin leben von ökologischer Landwirtschaft im Einklang mit der Natur und verehren Mutter Erde.

Die internationale Solidariät unter dem Hashtag #SaveKendeng ist riesig, besonders in Deutschland. Rettet den Regenwald unterstützt die Kampagne gegen Umweltzerstörung für Zement und Beton seit langem. Es gab Erfolge, aber auch Rückschläge. Der Fall Kendeng zeigt auch, welch langen Atem Verteidiger:innen der Umwelt haben müssen und wieviel Zeit vergeht, bis eine Kampagne oder eine Petition Wirkung zeigt.

Aus Anlass der Aktionärsversammlung 2024 blicken wir zurück und ziehen Resümee: Der Abbau von Kalkgestein der Kendeng-Berge und die Zementfabrik zerstören wichtige Ökosysteme, verursachen enorme Emissionen und vernichten die Existenz der Bevölkerung. Ein Anstieg der Zementproduktion ist für den Regenwald vernichtend, denn der Ausbau der Infrastruktur eröffnet den Zugang zu den Ressourcen im Osten Indonesiens, zu Tropenholz, den Bodenschätzen, Land für Agrarindustrie - Zement und Beton auf Kosten des Regenwaldes.

Widerstand gegen den Abbau des Kendeng-Karstes für Zement und Beton

2008 gewinnen die Bürger:innen aus der Region Pati einen Prozess vor dem Höchsten Gerichtshof gegen den Bau einer Zementfabrik des Unternehmens PT Semen Gresik.

2010 gibt die Regierung 5.000 Hektar des Karstes für die Zementindustrie frei. HeidelbergCements Tochter Indocement ist eines der Unternehmen.

2011: Die Einwohner verstärken ihren Widerstand und gründen die Initiative JM-PPK, das bedeutet „Menschen, denen das Kendeng-Gebirge am Herzen liegt“. Sie wehren sich bis heute gegen die Zementkonzerne mit spektakulären Aktionen wie dem Einbetonieren der Füße.

2015 zieht JM-PPK gegen Indocement vor Gericht und gewinnt. Einer der Klagepunkte: die Umweltgenehmigung berücksichtigt die Ökologie von Karsten nicht. Das Revisionsverfahren jedoch ging 2016 zuungunsten der Bürgerinnen und Bürger aus.

2016 startet Rettet den Regenwald auf Bitten der betroffenen indigenen Samin die Petition HeidelbergCement raus aus den Kendeng-Bergen. 202.583 Menschen aus aller Welt haben die Petition bereits unterschrieben (Stand: 2024)

> Bitte unterschreiben auch Sie, falls Sie es noch nicht getan haben <

2016 gibt Präsident Joko Widodo eine Umweltanalyse in Auftrag. Diese rät von Abbau der Kalkberge ab, da 35.000 Menschen vom Wasser aus dem Gebirge abhängen.

2017 reist die Bäuerin Gunarti als Vertreterin der indigenen Samin nach Deutschland und übergibt während der Aktionärsversammlung unsere Petition mit zu diesem Zeitpunkt mehr als 110.000 Unterschriften gegen Naturzerstörung auf Java an den damaligen Vorstandschef Bernd Scheifele. Dieser äußert selbst Zweifel an dem geplanten Vorhaben.

2017 berichten wir im Regenwald Report: Zement zerstört unser Leben

2018 erhalten die Samin den renommierten Yap-Thiam-Hien-Menschenrechtspreis, eine große Ehrung für Umweltschützer gegen die Betonierung der Erde.

2019 berichtet Deutschlandfunk Kultur über Zementabbau und den Widerstand der Dorfbewohner im Kendeng-Gebirge.

2020 reichen mehrere Gemeinden bei der Nationalen Kontaktstelle für die OECD-Leitsätze in Deutschland Beschwerde gegen HeidelbergCement ein.

Darin werfen sie dem Unternehmen vor, durch den geplanten Kalksteinabbau und das Zementwerk die Existenzgrundlage der Bevölkerung, die Wasserressourcen sowie die Ökosysteme zu gefährden. 

Die Beschwerdeführer fordern HeidelbergCement dazu auf:

- prüfen zu lassen, ob das Projekt mit den Umwelt und Menschenrechten verträglich ist und diese unabhängige Prüfung offenzulegen (Umwelt- und Menschenrechtsverträglichkeitsprüfung);

- die Menschenrechte aller betroffenen Gemeinden zu respektieren, einschließlich des Rechts auf freie, vorherige und informierte Zustimmung der indigenen Samin (Free, Prior and Informed Consent). Das Projekt muss abgebrochen werden, wenn keine gegenseitige Einigung erzielt wird;

- sicherzustellen, dass die betroffenen Gemeinden keinen Repressalien wegen der Einreichung dieser Beschwerde ausgesetzt werden.

PM: Beschwerde gegen HeidelbergCement bei der Bundesregierung eingereicht

Die Beschwerde wurde mitgetragen von: Inclusive Development International, Heinrich Böll Stiftung, FIAN, Misereor, Watch Indonesia!, Stiftung Asienhaus und Rettet den Regenwald e.V..

Bisher hat die Nationale Kontaktstelle über die Beschwerde nicht entschieden. Der Konzern kann rechtlich nicht aktiv werden, solange die Entscheidung aussteht.

2022 senden deutsche Umweltverteidiger:innen Solidarity Messages an die Gemeinden des Kendeng-Karstes und die Bewegung #SaveKendeng.

2022 stellt die Organisation Kritische Aktionäre 44 Fragen an HeidelbergCement: Warum beraubt HeidelbergCement die Bevölkerung am Kendeng-Gebirge ihrer Lebensgrundlage. Sie wirft HeidelbergCement neokoloniale Geschäftstätigkeiten vor und zweitgrößter Klimakiller unter den DAX-Unternehmen zu sein.

2022 HeidelbergCement benennt sich um: Aus HeidelbergCement wird Heidelberg Materials

2023 Die Schlichtung über die Nationale Kontaktstelle scheint gescheitert. Heidelberg Materials bekräftigt den Willen, die Fabrik zu bauen. Der Oberste Gerichtshof Indonesiens habe die Rechtmäßigkeit der Umweltgenehmigung bestätigt. Die Untersuchung, die der Genehmigung zugrundeliegt, ist allerdings unter Verschluss.

2023: Heidelberg Materials stärkt seine Präsenz in Indonesien und erwirbt über seine Tochtergesellschaft Indocement 100 Prozent der Anteile am Zementwerk von PT Semen Grobogan. Auf der Webseite von Heidelberg Materials heißt es, der Konzern erwarte weiteres Marktwachstum, „angetrieben durch den wachsenden Einzelhandelsmarkt, sich entwickelnde Industriegebiete und große Infrastrukturprojekte“.

Mit anderen Worten: Heidelberg Materials ist Verursacher und Profiteur von Umweltzerstörung zugleich. Neue Häfen im Osten Indonesiens öffnen der Ausbeutung der Bodenschätze und der Abholzung der Regenwälder Tür und Tor. Der Bau Dutzender Hochöfen und Schmelzen erfordert wachsende Mengen Zement, aber auch wachsende  Mengen an Erzen für kritische Rohstoffe wie Nickel, Kupfer, Mangan. Die aus dem Urwaldboden Borneos gestampfte neue Hauptstadt Nusantara wird eine Betonstadt mit grünem Anstrich sein.

2023 reichen die Gemeinden eine Umweltklage ein. Es geht um die Diskrepanz zwischen den Daten, die der Umweltverträglichkeitsprüfung zugrunde liegen und Daten von vor Ort. In der Umweltverträglichkeitsprüfung werden 19 Höhlen, 29 Quellen und 3 Ponore erwähnt. Die Untersuchungen des geologischen Vereins ASC dagegen ergeben 30 Höhlen, 110 Quellen und 9 Ponore.

Von November bis Juli erlebt die Region Pati auf Java Überschwemmungen. Die Temperaturen steigen auf 38 Grad Celsius und mehr. Der Grund: die Zerstörung des Karst-Ökosystems des Kendeng-Gebirges, sagt Dewi Candraningrum in einem Interview mit dem iz3w über den Zusammenhang zwischen Gesundheit, Klima und die Pläne von Heidelberg Materials.

2024 Grüner wirds nicht resümiert die Kontext Wochenzeitung über das „mangelnde Engagement des Weltkonzerns in Sachen Klima“. Darin heißt es: „Heidelberg Materials kann heute etwa 30 Prozent mehr Zement herstellen als noch vor zehn Jahren. Dafür müssen zunehmend die Rohstoffvorkommen anderer Länder herhalten.“

Zum Weiterlesen

2023: Südostasien: Kendeng schützen heißt Klima schützen Artikel mit schönen Fotos aus dem Leben der Samin

2016: Le Mode Diplomatique: DRECKIGER ZEMENT Der Fall Indonesien, von Anett Keller und Marianne Klute. https://monde-diplomatique.de/artikel/!5337730


  1. PonorePonore sind Öffnungen im Gelände, durch die Bäche und Seen abfließen und unterirdisch weiterlaufen.

  2. Dewi Candraningrumindonesische Künstlerin, Mit-Initiatorin unserer Petition

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