HeidelbergCement raus aus den Kendeng-Bergen!

Paini gegen Zement Mutige Regenwaldkämpfer stellen sich gegen die Naturzerstörung durch den Zementabbau. (© BanksPhotos/iStock - Collage: Rettet den Regenwald)

Der deutsche Konzern HeidelbergCement will das Kendeng-Karstgebirge auf der indonesischen Insel Java abbauen und dort eine Zementfabrik errichten. Doch Eingriffe in das sensible Karstgebirge sind eine ökologische und humanitäre Katastrophe. Die Bevölkerung wehrt sich mit aller Kraft.

Appell

An: Dr. Bernd Scheifele, Vorstandsvorsitzender, und Herr Andreas Schaller, Konzernsprecher

„Kein Abbau des Kendeng-Karstgebirges auf Java! Mensch und Natur vor Profit!“

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Ihre Beine in Zement einbetoniert, protestieren neun Frauen vor dem Präsidentenpalast. Die schwüle Hitze Jakartas und der Smog sind unerträglich. Ihre Füße bluten, doch sie harren tagelang aus. Frau Paini und die anderen Demonstrantinnen sind 700 Kilometer in die indonesische Hautstadt gereist, um ihre Heimat zu retten. „Herr Präsident, bewahren Sie das Kendeng-Gebirge! Keine Eingriffe in den Karst!“

Das Kendeng-Gebirge ist ein Karst mit Höhlen und unterirdischen Wasserläuften und versorgt Tausende von Menschen, Tieren und Pflanzen mit Wasser, Nahrung und sauberer Luft. Seine Wälder haben in dem besiedelten Gebiet hohe Bedeutung für Ökologie und Klima.

Die Frauen aus Java richten ihren Appell auch an Deutschland, denn es ist ein deutscher Konzern, der den Kendeng-Karst zu Zement verarbeiten will: HeidelbergCement, der drittgrößte Produzent der Welt. Sein indonesischer Arm Indocement, ein führendes Unternehmen der Branche in Indonesien und bekannt durch seine Marke „Tiga Roda“ (Drei Räder), plant eine neue Fabrik in Pati.

Für die Bevölkerung aber ist der Kendeng-Karst die Mutter Erde. „Handel mit Herz und Verstand, für die Erde, unsere Mutter!“ steht auf den Demo-Bannern. „Wir wollen keine menschliche und ökologische Katastrophe“. Am 16. Mai 2016 trugen die Frauen ihren Protest vor die Deutsche Botschaft in Jakarta: „Deutsche Investitionen sollen nicht nur auf Profit zielen, sie müssen auch Mensch und Natur berücksichtigen“, sagen die Frauen.

Der Widerstand gegen HeidelbergCement hat eine Vorgeschichte: 2008 beabsichtigte PT Semen Gresik, in Pati eine Zementfabrik zu bauen. Die BürgerInnen zogen vor den Höchsten Gerichtshof und gewannen. Sie gewannen 2015 auch gegen Indocement, doch die „Zementindustrie macht einfach weiter!“, klagt Paini.

Bitte unterschreiben Sie unseren Brief an HeidelbergCement.

Hinter­gründe

Zement und Umweltschäden

Zementproduktion greift immer massiv in die Umwelt ein. Der Tagebau verändert Landschaften, Wasserkreisläufe und Ökosysteme, die Produktion verbraucht enorm viel Energie, der Ausstoß von Treibhausgasen beim Sintern der Kalksteine macht 5% der globalen Emissionen aus.

Die Emissionen der weltweiten Zementindustrie sind viermal so hoch wie die des gesamten internationalen Flugverkehrs.

Grundstoffe für die Herstellung von Zement sind Kalkstein und Ton. Die Grundstoffe werden (mit Sand und Eisenerz) auf 1450 Grad Celsius erhitzt (gesintert) und dann mit weiteren Materialien (Sand, Kalkstein, Asche, Gips) zu Zement vermahlen. Zement ist als Bindemittel wichtiger Bestandteil von Beton.

Umweltschäden

  • Abbau der Kalkgesteine zerstört Ökosysteme, Wasserkreisläufe und Landschaften.
  • Hoher Energieverbrauch bei der Sinterung für Brennstoff und Strom.
  • Emissionen aus der Energieproduktion sowie Prozessemissionen bei der Sinterung (Klinkern): Aus Calciumcarbonat entstehen Calciumoxid und Kohlendioxid CO= 5% der weltweiten CO2 Emissionen stammen aus der Zementproduktion.
  • Staub, Abgase und Luftverschmutzung im Umfeld der Zementfabriken. Giftige Gase: Stickoxide, Schwefeldioxid u.a.

Zementindustrie Indonesiens

Die Zementproduktion in Indonesien hat hohe Wachstumsraten, zwischen 2009 und 2013 stieg die Produktion um rund 50%.

Gründe sind große Infrastrukturprojekte und allgemeine Bautätigkeit. Präsident Joko Widodos Vision,  Indonesien als maritime Kraft zu stärken und das Land zu einer „globalen maritimen Achse“ auszubauen, erfordert den strategischen Ausbau von Seehäfen. Dazu gehören 24 große (HUB) und 1.500 kleinere Hafenprojekte, speziell in Ostindonesien. Die Anbindung des Ostens bedeutet auch einfacheren Zugang zu dessen Ressourcen - und damit Bedrohung des Regenwaldes.

Ziel der Produktionssteigerung ist die Deckung des Eigenbedarfs. Dafür sind seit 2009 mehrere Zementfabriken gebaut worden bzw. in Planung. Manche Wirtschaftsanalysten geben an, Indonesien könne seinen Bedarf inzwischen selbst decken.

Asiatische Konzerne drängen nach Indonesien, doch noch beherrschen nur wenige Zementproduzenten den Markt: der staatliche Konzern Semen Indonesia und als größter internationaler Produzent HeidelbergCement mit seiner indonesischen Tochter Indocement.

  • Semen Indonesia mit Tochterfirmen Semen Gresik, Semen Padang und Semen Tonasa (2013: 25,5 Mio t = 45,5% Marktanteil)
  • Indocement (mehrheitlich HeidelbergCement) mit 12 Fabriken (2013: 17,4 Mio t = 31,1% Marktanteil; 2015: 20,5 Mio t )
  • Holcim Indonesia (2013: 7,8 Mio t = 13,8% Marktanteil )
  • weitere kleinere Zementproduzenten, darunter auch Lafarge Cement

HeidelbergCement AG / Indocement

hält seit 2001 über sein Tochterunternehmen Birchwood Omnia Ltd 51% Anteile von Indocement Tunggal Prakarsa (kurz: Indocement).

Indocement ist ein führender Hersteller von Zement, Beton und Trass in Indonesien. Zement wird in drei Werken produziert (Jahresleistung 20,5 Mio Tonnen). Dazu kommen 8 Zementterminals und 45 weitere (Zuschlagstoff- und Beton-)Werke. Der Ausbau der Ofenleistung soll Indocement 2016 zu einem Weltmarktführer machen.

heidelbergcement.indonesien

Das Unternehmen Sahabat Mulia Sakti (SMS), ein Tochterunternehmen von Indocement Tunggal Prakarsa, plant den Bau einer neuen Zementfabrik im Distrikt Pati auf Java. SMS hat bereits einen Prozess vor dem Zivilgericht Semarang verloren, den die Bürgerinitiative JMPPK angestrengt hatte. Das Gericht folgt damit der Anschuldigung der Klägerin, die ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekte des Karstsystems seien nur ungenügend berücksichtigt und die Umweltverträglichkeitsprüfung (AMDAL) nicht fachgerecht durchgeführt worden.

Für das Pati-Projekt müssen 2.025 Hektar Karstgestein abgebaut werden. Außerdem beansprucht SMS 663 Hektar Äcker für die Gewinnung von Ton plus 180 Hektar produktive landwirtschaftliche Fläche für den Bau der Zementfabrik.

Auf Anfrage von Rettet den Regenwald behauptet HeidelbergCement, das Projekt in Pati sei mit allen Stakeholdern abgestimmt worden. Tatsächlich aber wurde die Bevölkerung bei der Planung übergangen und das Recht der indigenen Samin auf vorherige, freie und informierte Zustimmung nicht gewährt. Den Befürchtungen der Bewohner, Wassermangel und Dürren werden ihre Existenz vernichten, will HeidelbergCement mit Wasserkanistern begegnen. Auch nach dem Urteil des Gerichts Semarang treibt HeidelbergCements Tochter Indocement das Projekt voran.

Kendeng–Karstgebirge auf Java

Karst bezeichnet Gesteinsformationen, meist Kalksteine, die durch Regen und CO2 verwittern. So entstehen besondere Landschaften mit Höhlen, Dolinen und Türmen. Das Wasser versickert aus den trockenen Regionen in tiefe, Wasser gefüllte Schichten. Karste sind vitale Wasserquellen.

Karste sind wegen ihrer Kalk- oder Gipsgesteine interessant für die Zementindustrie.

Das Kendeng-Karstgebirge erstreckt sich im Norden der Insel Java über die Distrikte Blora, Rembang, Grobogan, Pati und Kudus (Zentraljava) und Tuban (Ostjava).

Der Kendeng-Karst schenkt Leben

Seine Unversehrtheit entscheidet über Leben und Tod der Bevölkerung. Mehr als 200.000 Menschen leben allein im Süden des Distrikts Pati vom Karst. 112 Quellen versorgen Tausende von Menschen in Grobogan und Pati mit Wasser zum Trinken und Bewässern der Reisfelder. Auf den fruchtbaren Böden im Karst werden Reis und Mais angebaut, Maniok und Chili. Auf den Wiesen weiden Rinder. Die Menschen halten auch Hühner, Ziegen, Enten, Wasserbüffel und leben von Fischfang.

„Der Kendeng-Karst schenkt Leben“, sagen die Menschen. Leben nicht nur für die Bauern, nicht nur für die Kinder, die in der Natur spielen können, Leben auch für Bäume und Vögel. „Der Kendeng-Karst ist die Mutter Erde.“

Der Wald im Kendeng-Karstgebirge hat in diesem recht dicht besiedelten Gebiet hohe Bedeutung. Er speichert das Wasser der Monsune, er nimmt die Treibhausgase auf und ist wichtige Kohlenstoffsenke.

Neben seinem wirtschaftlichen und ökologischen Wert hat der Karst auch kulturelle und spirituelle Bedeutung. Die Bevölkerung betrachtet das Kendeng-Gebirge als die „Mutter Erde“, die den Menschen fruchtbare Böden, Wasser, saubere Luft und Freude an der Schönheit der Natur schenkt.

Fledermäuse und Zugvögel im Kendeng-Karst

Zahlreiche Vogelarten, Schmetterlinge und Libellen tummeln sich im Gebirge. Der wunderschöne Grüne Pfau gehört zu den bedrohten Arten, die endemischen Fledermäuse sorgen für das biologische Gleichgewicht. Zugvögel aus Asiens Norden überwintern hier oder nutzen Kendeng als Korridor ihres Vogelzugs. Allein wegen der Bedeutung des Kendeng-Gebirges für die Routen der Zugvögel muss der Karst geschützt werden, sagt Karyadi Baskoro von der Universität Diponegoro.

Homo erectus

Karste und Höhlen sind prädestiniert für frühgeschichtliche Forschung, und so sind im Kendeng-Gebiet zahlreiche Fossilien zu verzeichnen, die für das Verständnis der Evolution des Menschen und der Wanderungsbewegungen der Frühmenschen von hoher Bedeutung sind. In östlicher Richtung entlang der Kendeng-Gebirgskette sind frühzeitliche hominine und vertebrate Fossilien gefunden worden. 1891 grub Dubois bei Trinil den Java-Menschen (Homo erectus trinilensis) aus, dessen Alter auf eine Million Jahre taxiert wird, und um 1934 stieß Königswald auf jüngere Fossilien von Homo erectus und auf pleistozäne Fauna. Dutzende Homo-Relikte wurden auf den Ngandong-Terrassen, in Kedung Brubus und bei Mojokerto in Ostjava ausgegraben.

Zerstörung des Karsts

Der Abbau des Karstgesteins im Großmaßstab wird die Funktionen des Karst verändern: die Wasserquellen werden verschwinden, die Felder und Siedlungen der Menschen zerstört. Der Abbau des Karsts hätte nicht nur ökologische Konsequenzen, sondern kommt Landraub an den Indigenen und BäuerInnen gleich und zerstört ihre Existenz.

Im Distrikt Tuban ist der Karst bereits zerstört, und die Menschen müssen teuer dafür bezahlen: ausgeprägte Dürren, das Ende der bäuerlichen Landwirtschaft, weiträumige Verarmung als Folge der Naturzerstörung im Namen einer falsch verstandenen „Entwicklung“.

Widerstand gegen die Zementindustrie

Die Freundlichen - die Samin oder Sedulur Sikep

Zu Füßen der Kendeng-Berge leben die Samin oder die freundlich Gesinnten (Sedulur Sikep), wie sie sich selbst nennen. Sie sprechen ein eigenes javanisches Idiom und pflegen ihre Traditionen. Die Geschichte ihrer Gemeinschaft beginnt im 19. Jahrhundert als soziale Bewegung gegen die holländischen Kolonialherren, beruhend auf Prinzipien des gewaltlosen Widerstands, einer autarken Landwirtschaft und der Unabhängigkeit von staatlichen Dienstleistungen.

Bis heute zeichnet sich ihre Beziehung zur Natur durch ökologisches und gemeinschaftliches Denken und Handeln aus. Man kann die Samin als eine der letzten Öko-Gemeinschaften Javas betrachten; sie selbst verstehen sich als Indigene und werden als solche von AMAN, der Allianz der Indigenen Indonesiens, unterstützt.

Seit 2008 leben die Samin im Widerstand gegen Zementindustrie und Regierung, getragen von dem Bewusstsein, dass der Abbau des Kendeng-Gebirges das Ende ihres Lebensstils bedeuten würde. Frauen spielen eine tragende Rolle im Kampf um den Erhalt ihrer Selbstbescheidung und Einfachheit.

Bürgerinitiative Kendeng-Gebirge

Nyawijeke ati kanggo ibu bumi (jav.) - Handle mit Herz und Verstand für die Erde, unsere Mutter: unter diesem Motto kämpft die Bürgerinitiative Kendeng-Gebirge (Jaringan Masyarakat Peduli Pegunungan Kendeng, JMPPK) gegen die Zementindustrie. Das Motto drückt die enge Verbundenheit der Bürger, insbesondere der Frauen, zur Natur im Allgemeinen und zum Kendeng-Karst im Besonderen aus.

Mitglieder von JMPPK sind die indigenen Samin und zahlreiche BäuerInnen aus den Landkreisen Tambakromo und Kayen. JMPPK wird von Gunretno geleitet. Andere Frauen, die im Widerstand eine tragende Rolle spielen, sind Paini und Gunarti aus Pati, Sukinah aus Rembang, und Sutini, Giyem, Karsupi, Deni, Surani, Ambarwati, Murtini und Ngadinah, die sich im Mai 2016 vor dem Präsidentenpalast einbetoniert haben.

Ihre Forderungen sind: Schutz des Karsts, seiner Biodiversität und seiner Bevölkerung.

Der Widerstand gegen die Zementindustrie, die ein gieriges Auge auf die Kalksteine des Karsts geworfen hat, dauert schon seit Jahren. 2008 wollte Semen Gresik, Tochter des staatlichen Zementmarktführers Semen Indonesia, im Distrikt Pati eine Zementfabrik bauen. Die BürgerInnen zogen vor den Höchsten Gerichtshof und gewannen 2009 den Prozess.

Doch der Druck der Zementindustrie auf den Karst ist enorm. Dank ihres intensiven Lobbying erwirkte Sahabat Mulia Sakti (SMS), Tochter von Indocement, die Genehmigung für den Abbau des Kalksteins. Laut JMPPK verlief die Umweltverträglichkeitsprüfung nicht fachgerecht und vernachlässigt die Ökologie des Karstgebirges Kendeng.

So urteilte auch das Zivilgericht Semarang am 17.11.2015, womit Indocement gegen die Bürgerinitiative verlor. Der Kampf um das Kendeng-Gebirge ist jedoch nicht beendet. SMS betreibt seine Pläne weiter, „unterstützt von der Provinzregierung, die nur Investitionen vor Augen hat, sich aber nicht für das Leben der Menschen und die Natur interessiert“, wie es in einer Presserklärung der Bürgerinitiative heißt.

SMS hat Revision eingelegt. Zum Auftakt des Revisionsprozesses (Juni 2016) veranstaltet JMPPK einen 20 km langen Marsch bis vor das Gericht.

Aus einer Presseerklärung von JMPPK

„Im Wissen um die vitalen Funktionen des Kendeng-Karsts wehren wir uns gegen den falsch verstandenen „Fortschritt“. Der „Fortschritt“ heißt Landraub, die Vernichtung unserer Existenz als Kleinbauern und unserer bäuerlichen Kultur, einen massiven Eingriff in die Wasserversorgung nicht nur der lokalen Bevölkerung, Flora und Fauna, sondern von ganz Java.

Der Karst im Distrikt Tuban ist bereits zerstört, und wir müssen teuer dafür bezahlen: ausgeprägte Dürren, eine Ende der bäuerlichen Landwirtschaft, weiträumige Verarmung als Folge der Naturzerstörung im Namen der „Entwicklung“. Wir wollen nicht, dass diese menschliche und ökologische Katastrophe sich ausweitet.

Entwicklung heißt für uns nicht: Investitionen um jeden Preis, ohne Rücksicht auf die Natur. Eine Zementfabrik im Karstgebirge kommt einem Auslöschen von allem Lebendigen gleich. Die Zerstörung des Karst-Ökosystems vernichtet aber nicht nur das Leben, sondern auch ein Gebiet, das Reiskammer genannt werden kann.

Die Menschheit sorgt sich um das Weiterleben auf unserer Erde, insbesondere um die Ernährungssicherheit, Gesundheit, den Schutz der Natur, Armut, Erziehung, Klimaerwärmung und Gender-Gerechtigkeit.

Indonesiens Rolle für den Erhalt der Natur und des Regenwaldes ist für die gesamte Menschheit sehr groß. Indonesien darf aber nicht allein gelassen werden. Das Land braucht dabei Unterstützung, auch von Deutschland, um das globale Problem des Schutzes der Natur anzugehen. Dazu braucht es Weisheit in der Politik, aber keine deutschen Investitionen in Industrien, die die Natur Indonesiens zerstören. Behandeln wir unserer Mutter Erde mit Herz und Verstand!“

An­schreiben

An: Dr. Bernd Scheifele, Vorstandsvorsitzender, und Herr Andreas Schaller, Konzernsprecher

Sehr geehrter Herr Scheifele, sehr geehrter Herr Schaller,

BürgerInnen aus den Kreisen Tambakromo und Kayen im Distrikt Pati, Java - Indonesien, wehren sich gegen die geplante Zementfabrik des Konzerns PT Indocement, an dem Sie mehrheitlich Anteile halten.

Für die Zementfabrik soll im ökologisch sensiblen, ökonomisch und kulturell bedeutenden Kendeng-Karstgebirge abgebaut werden. Tausende Menschen hängen von diesem Karst, seinen Wasser- und Kohlenstoffspeicherfunktionen und seiner Natur ab. HeidelbergCement weiß um die Schäden durch Abbau in Karsten. Trotzdem beharren Sie darauf.

Sie behaupten, das Projekt im Pati sei mit allen Stakeholdern abgestimmt worden. Tatsächlich aber wurde die Bevölkerung bei der Planung übergangen und das Recht der indigenen Samin auf vorherige, freie und informierte Zustimmung nicht gewährt. HeidelbergCement schreibt sich Naturschutz auf die Fahnen, doch dieser darf sich nicht auf Begrünung zerstörter Ökosysteme und auf Wasserkanister als Ersatz für die Vernichtung von Existenzen beschränken.

Meiner Information nach haben Sie die ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekte des Karstsystems ungenügend berücksichtigt und die Umweltverträglichkeitsprüfung (AMDAL) nicht fachgerecht durchgeführt. Dieser Auffassung der Bevölkerung ist auch das Verwaltungsgericht Semarang gefolgt.

Völlig vernachlässigt wurde die überaus fragile Umweltsituation der Insel Java, denn von den ökologischen Diensten des Kendeng-Karst hängen weitaus mehr Menschen ab. Biologen und andere Wissenschaftler warnen vor den Folgen für die Biodiversität, den Vogelzug, die Forschung und das lokale und regionale Klima.

Im Nachbardistrikt Tuban, dessen Karst bereits degradiert ist, sehen Sie die ökologischen und sozialen Schäden mit eigenen Augen.

Deutsche Unternehmen dürfen keine voraussehbaren Umweltkatastrophen verursachen: Daher muss HeidelbergCement auf die Zementfabrik in Pati und den Abbau des Kendeng-Karstes verzichten.

Mit freundlichen Grüßen,

5-Minuten-Info zum Thema: Zement & Beton

Die Ausgangslage – Naturzerstörung für Zement

Zement ist als Bindemittel ein wichtiger Bestandteil von Beton. Er wird aus den Grundstoffen Kalkstein, Lehm, Sand und Eisenerz gebrannt. In einem energieintensiven und aufwändigen Prozess werden diese Grundstoffe auf 1.450°C erhitzt (gesintert) gekühlt und anschließend zermahlen.

Weltweit wird heute jährlich dreimal so viel Zement hergestellt wie im Jahr 2001. Gründe sind große Infrastrukturprojekte und allgemeine Bautätigkeit. Besonders stark ist die Nachfrage nach Baumaterialien in China, wo 51 Prozent der global produzierten Zementmenge verbraucht werden. Der Bauboom und die damit einhergehende Nachfragesteigerung führen dazu, dass sich Großkonzerne weltweit Karstgebiete als Rohstoffquelle für Kalk- oder Gipsgesteine sichern.

Karstgebiete sind allerdings für das Gleichgewicht des Ökosystems wesentlich. Durch Verwitterungsprozesse (Regen und CO₂) entstehen besondere Landschaftsformen wie Höhlen, Senken und Türme. Da sich das Regenwasser in tiefliegenden Erdschichten sammelt, sind Karste vitale Wasserspeicher. Ihre Rolle kommt besonders in Trockenzeiten zur Geltung, wenn sie Menschen und Tiere mit Wasser zum Trinken und zum Bewässern der Felder versorgen. Außerdem speichern Karstgebirge insgesamt 0,11 Milliarden Tonnen CO₂ im Jahr und tragen somit bedeutsam zur Verringerung der Treibhausgasemissionen bei. Neben seinem wirtschaftlichen und ökologischen Wert hat der Karst durch die besonderen Gesteinsformationen auch kulturelle und spirituelle Bedeutung für die Bevölkerung.

Die Auswirkungen – Grauer Klimakiller

An die Stelle des Kalksteinabbaus mit der Hand ist eine wachsende High-Tech-Industrie getreten. Von den zahlreichen Auswirkungen auf die Umwelt und die Bevölkerung hört man wenig. Zementwerke haben einen extrem hohen Energieverbrauch. Pro Tonne Zement werden ca. 110 kWh Strom benötigt, so viel wie ein 3-Personen-Haushalt etwa innerhalb von zwei Wochen verbraucht. Zudem ist der Zement-Industriezweig ein Klimakiller: Sechs bis neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf Zementwerke zurück. Das ist viermal so viel wie der gesamte internationale Flugverkehr ausstößt! Neben CO₂ werden auch Staub und giftige Gase wie Stickstoffoxide und Schwefeldioxide im unmittelbaren Umfeld der Zementfabriken in die Luft geblasen.

Direkte Auswirkungen hat der Kalksteinabbau auf die Karstgebiete. Die Wasserspeicherfunktion geht verloren und die Felder und Siedlungen der Bevölkerung werden zerstört. Der Abbau des Karsts hat nicht nur ökologische Konsequenzen, sondern zerstört auch die Lebensgrundlagen der Indigenen und Bauern. Gesetzliche Regelungen zum Erhalt der Biodiversität und zum Mitspracherecht der Indigenen stehen oft nur auf dem Papier, da die Zementlobby einen starken Einfluss auf lokale Politiker hat. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir uns unserer Handlungsmöglichkeiten bewusst werden.

Die Lösung – Zement vermeiden: Gewusst wie!

Die scheinbar unaufhörliche Ausweitung grauer Zementwüsten ist noch nicht in Beton gegossen. Wir alle können dazu beitragen, dass bei uns weniger Oberflächen versiegelt und in Indonesien keine weiteren Landschaften für die Zementherstellung zerstört werden. Zahlreiche Projekte und Initiativen machen vor, wie's geht:

    1. Eigentum verpflichtet: Nutzen oder vermieten Sie Ihre Wohnungen, schützen Sie sie dadurch von Abriss und vermeiden Sie einen Neubau. Die Leipziger „Wächterhäuser“, die von Zwischenmietern bewohnt werden, gehen mit gutem Beispiel voran.
    2. Leerstand füllen: Überzogene Mieten wegen Wohnungsmangel in Großstädten? Unsinn! Was angeblich an Wohnraum fehlt, ist eigentlich schon da. In Frankfurt am Main zum Beispiel stehen 1,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Mit geschickten Architekten, fähigen Technikern und cleveren Finanzexperten könnten daraus schicke Wohnungen entstehen.
    3. Mut zur Nähe: Immer mehr Menschen wohnen allein: 40 Prozent der Haushalte in Deutschland sind Single-Wohnungen. Wenn dieser Trend weitergeht, wird es auch negative Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Wir brauchen eine Kultur der Gemeinschaft. Eine geteilte Küche ist ein guter Start, und gemeinsam zu kochen macht Spaß.
    4. Nein zum Abriss: Berliner Historiker und Architekten gehen mit ihrem Protest zum Abriss der Kant-Garagen, einem industriell wirkenden Parkhaus aus den 1930ern, mit gutem Beispiel voran. Obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht, plante der Besitzer es wegen hohen Sanierungskosten abzureißen. Nicht nur Geschichte würde dadurch verloren gehen, der Neubau hätte auch erhebliche Mengen an Zement verschlungen.
    5. Wissen und Wissen weitergeben: Wirtschaft und Handel sind auf Unternehmensgewinne aus und vernachlässigen die drastischen Auswirkungen auf Klima, Flora und Fauna. Politiker genehmigen Mega-Tagebauprojekte und verkaufen sie als wirtschaftlichen Fortschritt. Regenwald.org informiert über die ökologischen und sozialen Folgen der Zementproduktion und nimmt über Petitionen Einfluss auf die Entscheidungsträger. Der kostenlose Regenwald Report kann an Freunde weitergegeben oder in Schulen, Arztpraxen und Bioläden ausgelegt werden.
    6. Petitionen unterschreiben: Online-Protestaktionen üben Druck auf die europäischen Unternehmen aus, die mehrheitliche Anteile an Tagebauen halten.
    7. Auf Missstände aufmerksam machen: In den vergangenen Jahren hat sich die Bevölkerung Deutschlands nur wenig verändert. Trotzdem werden jährlich neue Wohnungen und Eigenheime gebaut. Das rührt daher, dass sich Investitionen in Immobilien finanziell auszahlen. Banken heizen den Bausektor zusätzlich durch schnelle, einfache Kredite an. Demonstrationen und kreative Straßenaktionen machen auf diesen Missstand aufmerksam. Dadurch wird der Druck auf politische Entscheidungsträger und Banken noch größer.
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