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Für Kolibris auf die Barrikaden

Bonner Biologin kämpft um Naturparadies in Ecuador. Ihre Gegner: Ölkonzerne und die Westdeutsche Landesbank

„Mindo Lindo“ steht auf dem Holzschild am Rande der Landstraße etwa acht Kilometer von Mindo entfernt. „Schönes Mindo“. Ein mit Blumen umsäumter Fahrweg zweigt hier von der Landstraße ab. Vogelgezwitscher und mit Epiphyten überwucherte Bäume empfangen mich. Ich stehe am Rande des Bergregenwaldes. Mindo, keine drei Autobusstunden von Quito entfernt, ist das Zentrum des Widerstands gegen die geplante Pipeline quer durch Ecuador. Der kleine Ort lebt vom Naturtourismus. An der Dorfstraße gibt es winzige Restaurants und Gästehäuser. Eine Schmetterlingsfarm und ein Orchideen gartenwarten auf Besucher. Auf ausgedienten Lkw-Schläuchen kann man sich den Fluss hinuntertreiben lassen. Die eigentliche Attraktion aber sind die Bergwälder mit der höchsten Vogeldichte der Welt. Ich stehe vor dem Holzhaus von Heike Brieschke und ihrem ecuadorianischen Ehemann Pedro Peñafiel. Die beiden sitzen mit Nachbarn auf der Terrasse. Zwischen ihnen spielt die kleine Tochter Edith. Heike und Pedro sind die wichtigsten Organisatoren des Widerstands gegen die Pipeline in Mindo. Heike kam für ornithologische Studien nach Mindo und lernte Pedro kennen. 1995 haben die beiden geheiratet. Pedro hatte schon vor Jahren eine Naturschutzgruppe in Mindo gegründet, die maßgeblich daran beteiligt war, dass der Regenwald in Mindo zum Schutzgebiet erklärt wurde. Zusammen beziehen sie das Haus im Bergregenwald. In dem dazugehörigen Waldgebiet führt Heike ihre Studien der Vögel – insbesondere der Kolobris -– und Pflanzen fort. Gemeinsam mit ihrem Mann gründet sie den Verein Puntos Verdes und setzt sich insbesondere für den Erhalt des Regenwaldes und eine Wiederaufforstung der Weideflächen ein. Sie gründen eine Baumschule, betreuen die Bauern bei der Wiederaufforstung, kümmern sich um Jugendgruppen, um deren ökologisches Bewusstsein zu wecken. Pedro zeigt auf einen Bergzug in der Ferne. „Dort oben, direkt auf dem Grat, soll die Pipeline gebaut werden. Wenn die den Berg für die Pipeline planieren, werden sie unweigerlich Bergrutsche an den steilen Hängen verursachen”. Mein Blick geht vom Berghang auf den Waldrand vor der Terrasse hinunter. In den Büschen haben Heike und Pedro zahlreiche mit Zuckerwasser befüllte Trinkbehälter für Kolibris aufgehängt. Die werden ständig von Dutzenden von verschiedenen Kolibriarten umschwärmt. Die kleinsten kaum größer als eine Hummel. Mit unglaublicher Geschwindigkeit fliegen die Kolibris durch das Blattwerk. In Sekundenbruchteilen stoppen sie vor den Trinkbehältern und trinken schwirrend im Flug. „Stimmt es, dass die Bank aus dem Projekt ausgestiegen ist“, fragt mich Wilfriedo aus Mindo. Solche Gerüchte tauchen immer wieder auf. Desinformation scheint eine der Strategien des OCP-Konsortiums zu sein, das die Pipeline baut – und der WestLB, die für die Finanzierung sorgt. Im Juni haben die Firmen klammheimlich den Kreditvertrag über 900 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Doch erst Ende August bestätigte die Bank den Kredit. „Mit unhaltbaren Versprechungen und Geschenken kauft sich OCP die Zustimmung der Bürgermeister und wichtiger Personen“, empört sich Pedro. „Drei Millionen US-Dollar hat OCP dem Bürgermeister der Stadt Esmeraldas für die Erneuerung des Abwassersystems der Stadt versprochen. Der hat daraufhin den vor kurzem für Esmeraldas verhängten Baustopp für die Pipeline aufgehoben. Die Nonnen der Schule in Mindo sollen einen Computer von OCP erhalten haben. Nun schüchtern sie die Jugendlichen des Dorfes ein, um deren Teilnahme am Widerstand der Bevölkerung zu unterdrücken“. Doch den Kampf gegen die Pipeline geben Heike und Pedro nicht auf. Meine Nachrichten von den weltweiten Protestaktionen geben ihnen neue Impulse. „Es ist nicht leicht, die Bewohner zu Aktionen gegen die Pipeline zu bewegen. Die scheinen vor den politischen Verhältnissen im Land längst resigniert zu haben. Aber als wir vor zwei Wochen die Baumaschinen in Los Guarumos besetzten, kamen dann doch fast alle“. „Ob sie denn keine Angst hätte“, frage ich Heike, die ihr zweites Kind erwartet. „Schwangere Frauen greifen die nicht so leicht an. Und außerdem bin ich mindestens einen Kopf größer als die meisten Leute hier“, erklärt sie schmunzelnd. Am Abend kommt Ricardo Buitron zu Besuch. Er ist Präsident der Umweltorganisation Accion Ecologica in Quito. Mit ihm beschließen wir, in der nächsten Woche eine der Pipeline-Baustellen in der Nähe mit den Anwohnern zu besetzen. Am nächsten Morgen fahren wir zu der Baustelle. Riesige Baumaschinen wühlen sich durch den roten Tropenboden. Quer durch Felder und Weiden schieben sie eine Fahrpiste frei. Wir fragen einen Arbeiter nach dem Zweck der Bauarbeiten. „Wir bauen eine Zubringerstraße”, antwortet der knapp und nach einigem Zögern. Ein Wachmann mit einer Schrotflinte betrachtet uns finster. Wir parken das Auto und marschieren wenige Meter zu einer kleinen Anhöhe am Rande der Baustelle. Ein leitender Ingenieur kommt angelaufen. Ein schwer bewaffneter Wachmann folgt ihm. Sichtlich nervös faucht er uns an. „Dies ist eine Privatbaustelle. Sie haben keinen Zutritt“. Wir ziehen uns zurück, in der Gewissheit, in ein paar Tagen zurückzukommen. Die Stimmung in Ecuador ist schlecht. Vom wirtschaftlichen Bankrott 1999 hat sich das Land kaum erholt. Damals konnten die Zinsen für die Auslandskredite nicht mehr gezahlt werden. Die ecuadorianische Währung Sucre fiel ins Bodenlose und wurde abgeschafft, der US-Dollar als Währung eingeführt. Dollarisierung nennt man das. Die davon erhoffte wirtschaftliche Erholung ist ausgeblieben, das Bankensystem zusammengebrochen. Hunderttausende haben ihre Ersparnisse verloren. Tausende treibt es in die Emigration ins Ausland. Nun soll eine Pipeline und damit verbunden ein neuer Ölboom die Wende bringen. Der Run auf die Ölvorkommen unter den letzten unberührten Regenwäldern im Amazonasgebiet hat begonnen. Selbst Schutzgebiete wie der Yasuni-Nationalpark werden nicht verschont. OCP heißt das Zauberprojekt. Pipeline für schwere Rohöle bedeutet das Kürzel auf Spanisch. Die Bevölkerung läuft dagegen seit eineinhalb Jahren Sturm. Regierung und OCPKonsortium haben daraufhin in einer landesweiten Anzeigen- und Fernsehkampagne die Bevölkerung monatelang mit Propaganda zur OCP-Pipeline bombardiert. Vielen Menschen in Ecuador erscheint die Pipeline nun unausweichlich. Sie klammern sich an die versprochenen Arbeitsplätze und Millioneninvestitionen. Als vier Umwelt- und Sozialorganisationen einen Projektstopp erwirken, verliert der ecuadorianische Präsident Noboa die Fassung. „Die OCP wird gebaut, weil sie gebaut wird!“ brüllt er im Fernsehen. „Vier Verrückte werden das Land nicht verarschen. Ich werde ihnen Krieg machen!“ Die Öffentlichkeit ist über den Tonfall schockiert. Die Worte Noboas sind keine leere Drohung. Wer sich gegen OCP widersetzt, wird bedroht oder direkt angegriffen. Das mussten auch acht Umweltschützerinnen erfahren, die Ende August ein Protestschreiben im OCP-Büro übergeben wollten. Sie wurden vom Wachpersonal die Treppen in dem Bürohochhaus herunter gestoßen. Derweil wird OCP-Umweltchef Raymond Kohut per Haftbefehl landesweit gesucht. Ein Bauer hat die Firma angezeigt. Ohne seine Erlaubnis hatte OCP Schneisen in Feldern und einem Waldstück auf seinem Grundstück angelegt. Die polizeiliche Vorladung hat Kohut wochenlang ignoriert. Nun folgte der Haftbefehl. Der Wirtschaftsfachmann Alberto Acosta arbeitet für die Friedrich Ebert Stiftung in Quito. Er bespöttelt OCP als Unterhaltungsvorstellung für die ecuadorianische Gesellschaft. Die 52.000 versprochenen Arbeitsplätze verweist er in die Welt der Fiktion. Maximal 4.000 Menschen würden während der Bauzeit Arbeit finden und etwa 300 feste Arbeitsplätze geschaffen. Letztere überwiegend für ausländische Spezialisten. Die geschätzten Baukosten von 700 Millionen USDollar wurden von OCP künstlich auf 1,1 Milliarden US-Dollar aufgebläht. Die Differenz ist für Korruption und die Kassen der Firmen des Konsortiums. Internationale Umweltgruppen erklärten den 24. Oktober zum weltweiten Aktionstag gegen die Pipeline. Protestaktionen fanden in Hamburg, Münster, München, Warschau, Prag, Mailand, Barcelona, London, Dublin, Los Angeles, San Franzisco und Sydney statt. Und in Quito. Dort steht die deutsche Heike Brieschke in der ersten Reihe. Heike ist im sechsten Monat schwanger. Trotzdem klettert sie auf Baumaschinen, hängt Transparente auf, hakt sich bei ecuadorianischen Bauern unter. „Keine Pipeline!“ Die Bevölkerung entlang der geplanten Öltrasse hat erbitterten Widerstand angekündigt. Früh morgens versammeln wir uns vor der deutschen Botschaft in Quito. Wir haben einen Termin mit dem Botschafter. Nach einiger Wartezeit empfängt uns Günter Rauer. Er ist ständiger Vertreter des Botschafters, wie wir auf seiner Visitenkarte lesen. „Der Botschafter musste leider zu einem anderen dringenden Termin“, entschuldigt er. Zu unserer Überraschung ist Rauer bestens über das OCP-Projekt informiert. „Ein Ausschreibungsverfahren hat es nie gegeben“, erklärt er. „Das OCP-Konsortium stand von Anfang an fest“. Wir tragen ihm unser Anliegen vor: „Die WestLB wie auch die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen haben sämtliche Briefe und Petitionen von betroffenen Anwohnern, besorgten Bürgern und Umwelt- und Sozialorganisationen aus aller Welt ignoriert.“ Wir möchten daher um die Unterstützung der Bundesregierung bitten und überreichen ihm vier Mappen mit umfangreichen Dokumentationen zu den Betrügereien beim OCP-Projekt. „Die Botschaft ist für die Finanzentscheidungen der Landesbank eines Bundeslands nicht zuständig“, erklärt Rauer. Er sagt aber zu, dass die Botschaft die zuständigen Stellen in Deutschland informieren und die Dokumente auf diplomatischem Wege weiterleiten werde. „Nach der ersten Unterredung mit Umweltschützern im Juli hat die Botschaft an die WestLB geschrieben und um Information zum OCPProjekt gebeten“, informiert er uns. „Als wir keine Antwort erhielten, hat der Botschafter persönlich einen zweiten Brief an die WestLB geschrieben. Auch dieser blieb bis heute unbeantwortet“. Zum Abschluss wollen wir ein Foto von unserem Treffen machen. „Nein, Fotos sind in der Botschaft verboten“ erklärt Rauer. „Sie können ja Fotos unten auf der Strasse machen“, so sein Ratschlag. Draußen vor der Botschaft empfangen uns Sprechchöre von Umweltschützern und Bürgern aus Mindo. Auf zweisprachigen Protestplakaten – in Spanisch und Deutsch - fordern sie den Ausstieg der WestLB und Hilfe von ihren deutschen Freunden. Von den bedrohlichen Schrotgewehren der Wachleute und zähnefletschenden Rottweilern lassen wir uns nicht einschüchtern. Vor den Augen der grimmig blickenden Wachleute unterbrechen die Demonstranten zeitweilig den Verkehr auf der „Allee der Vereinten Nationen“ vor der Botschaft. Ein Filmteam von Amazon News Service aus den USA filmt die Aktion und nimmt Interviews auf. Am nächsten Tag sind die Bilder im Nachrichtensender n-tv in Deutschland zu sehen. Wir fahren ins Büro von Accion Ecologica. Dort erwarten uns Bauern aus dem Cuyabeno- Schutzgebiet. Die Leute erzählen eine Geschichte wie aus 1000 und einer Nacht. Mitarbeiter der kanadischen Ölfirma Alberta Energy sollen mit einer Droge ihr ganzes Dorf gefügig gemacht haben. Alberta gehört zum OCP-Konsortium. Im Drogenrausch mussten die Bewohner einen Vertrag unterschreiben, mit dem sie ihr Gebiet ohne jede Gegenleistung an die Ölfirma abtraten. Ich kann es kaum fassen. Doch die Zeugen klingen glaubhaft und zeigen den Fall bei der staatlichen Antikorruptionskommission an. Später gibt man mir Kopien von Kaufverträgen, mit denen Ölfirmen von den Indianern ganze Landstriche gegen einen Fußball und eine Trillerpfeife kaufen. Auch das gehört zur Realität beim Bau der „WestLB-Pipeline“. Klaus Schenck ist Diplom-Holzwirt und Rettet den Regenwald-Mitarbeiter. Er lebt momentan in Südamerika.