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„Wir kaufen den Wald“

Die Regierung, Weltbank und Minenkonzerne haben es auf die Bodenschätze des Intag abgesehen. Die Umweltgruppe Decoin macht die Bauern zu Waldschützern

Dumpf hallen die Machetenhiebe im Bergwald am Toisangebirge. Sechs Männer aus dem nahe gelegenen Dorf Junín schlagen mit ihren Buschmessern einen zwei Meter breiten Pfad im Unterholz der Bergwälder frei. Sie demarkieren ihren Gemeindewald. Alle 200 Meter befestigen sie Hinweisschilder an den Bäumen. „Den Wald zu schützen bedeutet das Leben zu bewahren. Gemeindewald von Junín“ steht darauf zu lesen. Mit Spendengeldern von Rettet den Regenwald hat die Umweltgruppe Decoin bereits mehr als 1.000 Hektar Bergwald gekauft. Der Wald wird nach dem Kauf an die Dörfer übertragen. Mit den Gemeindewäldern übernehmen die Bauern erstmals gemeinsam Verantwortung für den Schutz ihrer Wälder und nachhaltige Formen der Waldnutzung. Dazu verpflichten sich die an den Projekten beteiligten Dörfer vertraglich. Alle zwei Wochen organisieren die Dorfbewohner von Junín eine mehrtägige Kontrollpatrouille entlang der Gemeindewaldgrenzen. Das soll verhindern, dass jemand heimlich im Wald sägt. Den Bauern im Intag fehlen bisher Kenntnisse über nachhaltige Formen der Bodennutzung. Jedes Jahr roden sie ein Stück Wald. Dort pflanzen sie Bohnen und Mais für die tägliche Ernährung. Wenn der Boden nach einigen Jahren ausgelaugt ist, wandeln sie die Flächen in Weiden um. Im Tal ist schon fast aller Wald gerodet. Als Gegenmaßnahmen organisiert Decoin Kurse über ökologischen Landbau und hat die Kooperative für organischen Kaffee „Rio Intag“ sowie ein Naturtourismus- Projekt gegründet. Seitdem eröffnen sich den Bauern alternative Einkommensquellen. Die Bewohner von Junín haben mit Hilfe von Decoin eine eigene Tourismusgruppe organisiert. 34 Mitglieder zählt diese. Alirio Ramirez ist Leiter des Tourismusprojekts. Er verhandelt am Rande eines Bachs in einem Waldstück mit den Besitzern über den Kauf der Fläche. Der Wald soll die Wasserversorgung der Touristenunterkunft sicherstellen. Weiter unten am Berg verlegen die Männer gerade die Wasserleitung. „Der Wald erhält die Feuchtigkeit und filtert das Wasser. Auf den Weiden trocknen die Bäche aus und werden von den Tieren verschmutzt“, erklärt Alirio. „Die Unterkunft haben wir mithilfe von Decoin gebaut. Die Baumaterialien sowie Möbel, Matratzen, Geschirr und andere Ausrüstungsgegenstände wurden mit Spendengeldern gekauft“, berichtet er. Edmundo Lucero hat in den vergangenen sechs Monaten in der Stadt Cotacachi einen Kurs zum Tourismusführer absolviert. Der junge Mann war der einzige Teilnehmer vom Land. Alle anderen kamen aus der Stadt, erzählt er uns stolz. Die Einwohner von Santa Rosa haben sich in der Dorfschule versammelt. Carlos Zorrilla von Decoin schlägt ihnen den Kauf eines Gemeindewalds vor. Er regt an, dass die Einwohner das Vorhaben besprechen und sich auf eine geeignete Fläche einigen. Milton Arco ist begeistert. Er hält es für wichtig, dass auch sein Dorf ein eigenes geschütztes Waldstück besitzt. Milton arbeitet in einem Projekt, das ein Tal mit einheimischen Baumarten wieder bepflanzt. Das Aufforstungsprojekt und die angrenzende Forschungsstation für Brillenbären leitet der Biologe Armando Castellanos. Die einzige Bärenart Südamerikas ist vom Aussterben bedroht. „Es gibt vielleicht noch zehn oder zwölf Bären im Intag. Die Hauptbedrohung für die Bären sind illegale Jagd und der Verlust an geeignetem Lebensraum und Futterpflanzen“, erklärt Armando. „Die Brillenbären benötigen große Reviere und unternehmen auf der Suche nach Nahrung lange Wanderungen. Früchte im Wald und junge Bambussprossen stehen auf ihrem Speiseplan. In den von Holzfällern leer geräumten Wäldern finden sie nicht ausreichend Nahrung und fallen über die Maisfelder her. Die Brillenbären zeigen wie wichtig es ist, ausreichend große und naturbelassene Wälder unter Schutz zu stellen. Die Arbeit von Decoin geht mittlerweile weit über die Grenzen des Intag hinaus. Das bekam auch die Weltbank im fernen Washington zu spüren. Die Umweltschützer haben gegen ein Bergbauprojekt der Weltbank geklagt. Über Jahre wurden ohne Wissen und Einwilligung der Bevölkerung geochemische Proben im Westen Ecuadors gesammelt. Die Geologen des Projekts Prodeminca machten nicht einmal vor den sieben Schutzgebieten Halt. Die von der Weltbank gesammelten Daten werden an Bergbaukonzerne verkauft. Ein eigenes Inspektorenteam der Weltbank hat die Klage geprüft und Verstöße gegen die eigenen Leitlinien festgestellt. Doch am Ende erklärten sie das Projekt für konform mit den Regeln der Bank. Prompt sieht sich die Bevölkerung des Intag mit einem neuen Bergbauprojekt konfrontiert. Der britische Bergbaukonzern Rio Tinto Cinc (RTC) besaß bereits eine Konzession zum Abbau von Gold im Intag. RTC hat sich nach jahrelangen heftigen Protesten der Bevölkerung von dem Projekt zurückgezogen. Ehemalige Mitarbeiter des Projekts haben nun eine Firma gegründet und wollen das Edelmetall in Eigenregie abbauen. Mit den betroffenen Anwohnern organisiert Decoin den Widerstand. Die Erfolge von Decoin sind nicht zuletzt das Ergebnis eines glücklichen Zusammentreffens. Der indigene Bürgermeister Auki Tituaña leitet bereits in der zweiten Amtsperiode den Kanton Cotacachi, zu dem der Intag verwaltungsmäßig gehört. Der Wirtschaftsfachmann Tituaña führt in dem Kanton Reformen zu einer sozial gerechten und umweltverträglichen Politik ein. In jährlich in allen Gemeinden stattfindenden Volksversammlungen können die Bürger Vorschläge für Anträge und Projekte einbringen. So begann auch die Initiative von Decoin, im Kanton eine ökologische Gesetzgebung zu verwirklichen. Im Oktober vergangenen Jahres wurde Cotacachi zum ersten ökologischen Landkreis Lateinamerikas erklärt. Bericht: Guadalupe Rodríguez und Klaus Schenck