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Zertifizierte Regenwaldrodung: Betrug mit Industriesiegel RSPO für Palmöl

Umwelt- und Sozialorganisationen rund um den Globus prangern die fehlende Nachhaltigkeit der Palmölplantagen im Regenwald an und lehnen das RSPO-Siegel als Etikettenschwindel ab.

Aktuelle Umwandlung von Regenwald zu Palmölplantagen in IndonesienAktuelle Umwandlung von Regen-
wald zu Palmölplantagen in
Indonesien

Palmöl ist billig, vielseitig einsetzbar und steckt überall drin, etwa in Margarine, Speiseeis, Gebäck und Waschpulver. Auf den Verpackungen wird es meist als „pflanzliche Öle und Fette“ deklariert. Konzerne wie Unilever, Nestlé und Henkel gehören zu dessen größten Verbrauchern. Mit „Agrarsprit“ aus Palmöl fahren Millionen Dieselfahrzeuge in Deutschland, in Blockheizkraftwerken wird es für Strom und Wärme verbrannt. Im Hafen von Rotterdam liefern Tankschiffe jährlich Millionen Tonnen Palmöl für den europäischen Markt an. Mitte November wurden dort mit Reden und Werberummel 500 Tonnen gefeiert. „Die Ankunft der Ladung ist ein kleiner, aber bedeutender Schritt, um eines Tages alles Palmöl in der Welt nachhaltig zu produzieren“, erklärte Unilever-Manager Jan Kees Vis, der auch Präsident des Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl (RSPO) ist. Unilever ist mit jährlich 1,6 Millionen Tonnen der größte Palmölkonsument weltweit.

Roden bis zum letzten Baum

Im August hatte der malaysische Hersteller United Plantations unter dem RSPO-Siegel etwa 36.000 Hektar seiner Plantagen zertifizieren lassen. Ölpalmen wachsen nur unter tropischer Sonne, dort wo es ständig heiß und feucht ist. Für die Plantagen gehen deshalb die Regenwälder in Flammen auf, allein inIndonesien und Malaysia gut elf Millionen Hektar. Im Gelände zeigt sich das Ausmaß der Zerstörung. Über Stunden ist nichts anderes als endlose monotone Reihen von Ölpalmen sichtbar. Dazwischen Reste von Regenwald und immer wieder frische Rodungen, qualmende Torfmoore, verzweifelte Kleinbauern und Indigene, verhungernde Orang- Utans und andere Urwaldtiere. Es ist eine der größten menschengemachten Umweltkatastrophen. Seit Jahren laufen dagegen Proteststürme um die Welt, doch Regierungen und Industrie spielen auf Zeit und schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Bei dem gegenwärtigen Tempo der Regenwaldrodung auf Borneo und Sumatra, wird dort im Jahr 2012 der „letzte“ Baum im Tiefl andregenwald gefällt werden.

 

Von Nachhaltigkeit keine Spur

Der Sprecher des indonesischen Verbands der Palmölproduzenten, Daud Dharsono, lehnt einen Rodungsstopp ab: „Indonesien kann nicht dafür zuständig sein und kann es sich auch nicht leisten, weiter mit Urwäldern zu leben, die unproduktiv sind.“ Die europäische Industrie ist mit ihren Äußerungen etwas vorsichtiger. Sie fürchtet den Boykott ihrer Produkte, will aber immer mehr von dem billigen Palmöl. Unilever-Chef Patrick Cescau verkündete, ab 2015 nur noch nachhaltig produziertes Palmöl aus zertifizierten Plantagen verwenden zu wollen.

Der Vorsitzende von RSPO erhält einen AbholzerpreisDer Vorsitzende von RSPO erhält
einen Abholzerpreis

Sechs Jahre debattierte RSPO über die Standards zur Zertifi zierung. Was dabei rausgekommen ist, ist eine Farce. Regenwald kann auch weiter gerodet werden, nur sogenannte “besonders erhaltenswerte Wälder“ sind davon ausgenommen. Und wenn eine Holzfirma aus dem Primärwald Kleinholz macht und dann die Fläche an einen Plantagenbetreiber verkauft, kann auch das Siegel verliehen werden.

Völlige Industriedominanz

Die Umweltstiftung WWF ist neben Unilever einer der Hauptakteure bei RSPO und verpasst dem Industriesiegel einen Hauch von grünem Anstrich. Denn unter den 253 Mitgliedern von RSPO finden sich nur 20 Umwelt- und Sozialorganisationen, darunter gleich viermal der WWF. Der WWF sieht sich nach eigenen Angaben als „Partner der Wirtschaft“ und „arbeitet mit namhaften Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen erfolgreich zusammen“. Im Jahresbericht von 2007 weist der WWF aus, Finanzmittel von 152 Millionen Euro von Regierungen, 74 Millionen Euro von Firmen und 71 Millionen Euro von privaten Stiftungen erhalten zu haben. Während der WWF die Ankunft des RSPO-Palmöls als „wichtigen Meilenstein“ pries, kritisierte Greenpeace das Zertifikat als „Etikettenschwindel“ und forderte dessen Rücknahme. Greenpeace hatte bei Besichtigungen der Ölpalmplantagen von United Plantations in Indonesien festgestellt, dass die Firma weiter Regenwald rodet. Währenddessen schreitet die Palmölzertifi zierung rasch voran. Zwei weitere Firmen schmücken sich bereits mit dem Siegel. Die Umweltgruppe Biofuel Watch hat bei allen dreien massive Verstöße gegen die ohnehin völlig unzureichenden RSPO-Standards festgestellt, darunter den Einsatz in Europa verbotener Herbizide wie Paraquat. Mehr als 250 Umwelt- und Sozialorganisationen einschließlich Rettet den Regenwald haben im Oktober in einer gemeinsamen Erklärung RSPO als “Greenwashing“ abgelehnt. Die riesigen Monokulturen können niemals nachhaltig sein, so das vernichtende Fazit. Bundesregierung und EU arbeiten unterdessen an Nachhaltigkeitskriterien für Agrosprit. Für Palm- und Sojaöl für Energiezwecke sollen ab 2009 Nachweise zu deren nachhaltiger Produktion eingeführt werden. Dabei zeichnet sich ab, dass RSPO anerkannt werden soll. Doch die ständig beanspruchte Nachhaltigkeit gibt es in der Praxis nicht. Die gravierenden Probleme wie Regenwaldrodung, Landverbrauch und Menschenrechtsverletzungen bestehen weiter.